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Merwin, William S.: Der Schatten des Sirius

ISBN:
978-3-86660-226-7
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Gedichte, zweisprachig

Aus dem amerikanischen Englisch von Helmbrecht Breinig und Susanne Opfermann

Der Schatten des Sirius, etwas, das niemand gesehen hat, ist, wie Merwin in einem Inter­view sagte, „reine Metapher, reine Imagination“. Wir selbst sind dieser Schatten, hinter der sichtbaren Welt liegt das, was nicht sichtbar, nicht zu wissen ist. Das Unbekannte ist es, das unser Leben lenkt, und es ist die Aufgabe der Dichtung, sich diesem Unbekannten anzunä­hern, ohne es je zu erreichen, „zu sagen, was unsagbar ist – Liebe, Kum­­­mer, Zorn auszu­drücken – diese Gefühle, die un­aus­drück­bar sind“. 

William Stanley Merwin (der für seine Buchpublikationen die Form W.S. Merwin vorzieht) gilt als einer der bedeutendsten amerikanischen Dichter unserer Epoche. Als einziger ame­rikani­scher Dichter erhielt er zweimal den Pulitzer-Preis für Lyrik – den ersten hatte er 1971 wegen des amerikanischen Vorgehens im Vietnamkrieg abgelehnt – eines von vielen Beispielen für sein Engagement in politischen und ökologi­schen Fragen. Einer breiten Leser­schaft in und außerhalb der USA ist er durch die zahlreichen Gedichte be­kannt geworden, die das Magazin The New Yorker vor­ab­gedruckt hat. Im Jahr 2010 wurde Merwin zum Poeta Laureatus der Vereinigten Staaten gewählt.

The Shadow of Sirius ist ein Alterswerk, nicht mehr vorder­grün­dig geprägt von Merwins politischem Engagement und seinen ökologischen Anliegen, obwohl diese noch in einzel­nen Texten zur Sprache kommen. Der lyrische Sprecher ist vom realen Dichter nicht zu trennen, und so stehen im Mittelpunkt Remi­nis­zenzen an Kindheit und Familie, zumal an den stets distan­zierten Vater und die warmherzige Mutter, von der er das Gärtnern lernte, eine lebenslange Lieblingstätigkeit, aber auch Erinnerungen an seine Hunde und an Land­schaften und Men­schen, die er kannte, an Jahreszeiten und die Tiere und Pflan­zen seiner Umgebung. Dennoch haben seine Themen uni­ver­sale Gültigkeit, gestaltet er das Persönli­che zum Re­präsen­ta­ti­ven. Viele Texte sind poetologisch, legen Rechen­schaft ab von seinem Leben als Wortkünstler. 


W. S. Merwin (geb. 1927): ist einer der bedeutendsten amerikanischen Dichter der Gegenwart. Sein vielfach preisgekröntes Werk umfasst Lyrik, eine Verserzählung, Dramen, Prosaerzählungen und Übersetzungen aus mehreren Sprachen, die seine herausragende Sprachsensibilität ebenso belegen wie seine Dichtungen. Sein politisches Engagement hat ihn zu einer Leitfigur der Friedens- und Umweltbewegungen werden lassen.

Helmbrecht Breinig: Professor für Amerikastudien i.R. an der Universität Erlangen-Nürnberg, Gründungsdirektor der Bayerischen Amerika-Akademie, München. Studium an den Universitäten Heidelberg, LMU München, Liverpool, Freiburg, UC San Diego. Lehrtätigkeit an den Universitäten Freiburg, UC San Diego, Mannheim, Bamberg, Erlangen-Nürnberg, UC Berkeley, Frankfurt /M. Forschungsschwerpunkte: amerikanische Erzählliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts; amerikanische Lyrik und Poetik des 20. Jahrhunderts; nordamerikanische Indianerliteratur; Interamerikanistik; Kulturtheorie, Interkulturalität; Animal Studies.

Susanne Opfermann: Professorin für Amerikanistik an der Goethe-Universität Frankfurt. Lehr- und Forschungstätigkeit an den Universitäten Erlangen-Nürnberg, Harvard, Smith College, Northampton, UC Berkeley, University of British Columbia, Vancouver. Forschungsschwerpunkte: amerikanische Literatur des 19. Und 20. Jahrhunderts, Literatur von Frauen im 19. und 20. Jahrhundert, Feminist Theory, Gender Studies, Jewish Americans, Asian Americans, Animal Studies.

Leseprobe:


The Nomad Flute

 

 You that sang to me once sing to me now

let me hear your long lifted note

survive with me

the star is fading

I can think farther than that but I forget

do you hear me

 

do you still hear me

does your air

remember you

o breath of morning

night song morning song

I have with me

all that I do not know

I have lost none of it

 

but I know better now

than to ask you

where you learned that music

where any of it came from

once there were lions in China

 

I will listen until the flute stops

and the light is old again

  


Nomadenflöte

 

Du die du mir einst sangest singe mir jetzt

lass mich deinen langen Hochton hören

überlebe mit mir

der Stern verblasst

ich kann weiter denken als das aber ich vergesse

hörst du mich

 

hörst du mich immer noch

trägt deine Melodie

Erinnerung an dich

oh Atem des Morgens

Abendlied Morgenlied

ich habe bei mir

alles was ich nicht weiß

nichts davon habe ich verloren

 

doch ich hüte mich nun

dich zu fragen

wo du diese Musik gelernt hast

woher ihre Elemente stammen

früher gab es Löwen in China

 

ich werde lauschen bis die Flöte verstummt

und das Licht wieder alt ist

 

 

Blueberries After Dark

 

 So this is the way the night tastes

one at a time

not early or late

 

my mother told me

that I was not afraid of the dark

and when I looked it was true

 

how did she know

so long ago

 

with her father dead

almost before she could remember

and her mother following him

not long after

and then her grandmother

who had brought her up

and a little later

her only brother

and then her firstborn

gone as soon

as he was born

she knew

 

 

Blaubeeren bei Dunkelheit

  

So also schmeckt die Nacht

jede für sich

nicht zu früh oder zu spät

 

meine Mutter sagte mir

ich hätte keine Angst vor der Dunkelheit

und als ich nachsah war es wahr

 

wie konnte sie's wissen

vor so langer Zeit

 

ihr Vater gestorben

fast bevor sie sich erinnern konnte

und ihre Mutter die ihm folgte

nicht lange danach

und dann ihre Großmutter

die sie großgezogen hatte

und wenig später

ihr einziger Bruder

und dann ihr Erstgeborener

verloren sobald

er geboren war

sie wusste es


Still Morning

 

It appears now that there is only one

age and it knows

nothing of age as the flying birds know

nothing of the air they are flying through

or of the day that bears them up

through themselves

and I am a child before there are words

arms are holding me up in a shadow

voices murmur in a shadow

as I watch one patch of sunlight moving

across the green carpet

in a building

gone long ago and all the voices

silent and each word they said in that time

silent now

while I go on seeing that patch of sunlight

  

 

Noch stiller Morgen

 

Es scheint jetzt als gäbe es nur ein

Alter und es weiß

nichts vom Alter wie die Vögel im Flug

nichts von der Luft wissen die sie durchfliegen

oder von dem Tag der sie durch

sie selbst trägt

und ich bin ein Kind bevor da Worte sind

Arme heben mich hoch in einem Schatten

Stimmen murmeln in einem Schatten

und ich beobachte einen Flecken Sonnenlicht der sich

über den grünen Teppich bewegt

in einem Gebäude

das lange verschwunden ist und all die Stimmen

verstummt und jedes Wort das sie damals sprachen

nun verstummt

während ich noch immer den Flecken Sonnenlicht sehe

 


By the Avenue

 

Through the trees and across the river

with its surface the color of steel

on a rainy morning late in spring

the splintered skyline of the city

glitters in a silence we all know

but cannot touch or reach for with words

and I am the only one who can

remember now over there among

the young leaves brighter than the daylight

another light through the tall windows

a sunbeam sloping like a staircase

and from beyond it my father's voice

telling about a mote in an eye

that was like a mote in a sunbeam


Remember how the naked soul

comes to language and at once knows

loss and distance and believing

 

then for a time it will not run

with its old freedom

like a light innocent of measure

but will hearken to how

one story becomes another

and will try to tell where

they have emerged from

and where they are heading

as though they were its own legend

running before the words and beyond them

naked and never looking back

 

through the noise of questions


 

An der Allee

                                                                                     

Durch die Bäume und über den Fluss

mit seiner stahlglänzenden Oberfläche

an einem regnerischen Morgen im späten Frühling

glitzert die zersplitterte Silhouette der Stadt

in einer Stille die wir alle kennen

aber nicht berühren können oder mit Worten greifen

und ich bin der einzige der sich nun

erinnern kann dort drüben zwischen

den jungen Blättern heller als das Tageslicht

an ein anderes Licht durch die hohen Fenster

einen Sonnenstrahl der sich wie eine Treppe herabschrägte

und dahinter meines Vaters Stimme

die von einem Staubkorn in einem Auge sprach

das wie ein Staubkorn in einem Sonnenstrahl war

 

Denk daran wie die nackte Seele

zur Sprache kommt und augenblicklich

Verlust kennt und Entfernung und Glauben

 

dann wird sie eine Weile nicht

mit ihrer früheren Freiheit rennen

wie ein Licht das kein Maß kennt

sondern sie wird lauschen wie

aus einer Geschichte eine andere wird

und wird zu sagen versuchen woher

sie aufgetaucht sind

und wohin sie zielen

als wären sie ihre eigene Legende

die vor den Wörtern her rennt und über sie hinaus

nackt und niemals zurückblickt

 

durch den Lärm der Fragen


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