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Centeno, Yvette K.: Im Garten der Nußbäume

ISBN:
3-934015-61-1
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Roman. Aus dem Portugiesischen von Markus Sahr. Mit Fotogrammen von Anna H. Frauendorf

Ein Roman über die Liebe, die Leidenschaft, auch ein Roman über Portugal nach der Revolution, lärmend, einem Luxus verfallen, Dreck ist, eine Geschichte der Verfolgungen, der Intoleranz zwischen Christentum und Islam. Das Buch skizziert das Innenleben der Figuren, ihren latenten Wahnsinn und ihr geheimes Verlangen. Markus Sahr bringt Centenos faszinierende Prosa meisterhaft ins Deutsche.

"Eva sagte zu José: Wenn es den Körper nicht gäbe, gäbe es auch keine Untreue. Daß eine Seele mit einer anderen verschmilzt, stört niemanden. Nur der Körper erregt Anstoß. Nur den Körper trifft der Vorwurf. Es ist etwas Geheimnisvolles um den Körper, daß dem so ist, sagte José. Ich glaube, daß es keine Seele gibt, nur den Körper. Doch es gibt die Verstoßung, sagte Eva. Früher war der größte Teil unserer Zeit durch das Begehren bestimmt. Nun ist sie es durch die Verweigerung. Tausend hinterhältige Arten, nein zu sagen, tausend noch hinterhältigere Arten, nicht ja zu sagen. Zwischen den einen und den anderen geht das Leben dahin. Die letzten zwanzig Jahre müßten mit der Begeisterung und mit der Einfalt der ersten zwanzig gelebt werden. Oder mit mehr noch, denn am Ende des Lebens hat man außer dem schon verlorenen Leben nichts mehr zu verlieren." (Y. C.)

"Es ist ein wunderbares Stück Prosa, das nun, über 20 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung in Portugal, in eine hervorragende deutsche Fassung übersetzt wurde." (Michael Kegler, novacultura)

Leseprobe:

Asger war aus Cuba angekommen. Gella machte ihm einen Tee, den sie langsam tranken, während sie sich unterhielten. Er war die große Liebe ihres Lebens gewesen. Seinetwegen hatte sie ihren ersten Mann verlassen, einen friedfertigen jüdischen Architekten, ihren Freund aus der Kindheit. Mit Asger hatte sie das zweifache Abenteuer von Liebe und schöpferischer Kraft gelebt, Malerei, Bildhauerei, Musik, Poesie, was ihm gerade einfiel. Gella, als Stier, jedoch hielt der Unruhe nicht lange stand. Mit Asger war alles tosende Begeisterung gewesen, doch es war auch die Verlassenheit, die Gleichgültigkeit, die beständige Unsicherheit. Nach einer Weile hatten sie sich getrennt und waren gute Freunde geblieben. Immer, wenn sie sich trafen, war es, als ob sie ihre Jugend wiedergewänne. Die Begeisterung für das Leben, die man nur einmal besitzt, wenn man jung ist und aufs Spiel setzt. Ist der Geschmack am Risiko einmal verloren, verwelkt das Leben. Gella hatte oft aufs Spiel gesetzt. Sie sagte: Die Männer sind alle gleich, sie lassen sich einteilen in Ehemänner und in Geliebte. Je nachdem, zu welcher Kategorie sie gehören, verhalten sie sich: die Ehemänner bleiben in der Ordnung, die Liebhaber folgen der Phantasie. Die Ehemänner sind, aus einer Notwendigkeit, mäßiger, vernünftiger, die Liebhaber, gleichfalls aus einer Notwendigkeit, erfinderisch. Die Ehemänner sind verantwortlich (öde?), die Liebhaber unverantwortlich (unterhaltsam?), im Grunde braucht die Frau für ihr Gleichgewicht beide. Der Liebhaber ist ein idealer Mensch, rein erdacht, dem wir alle Gaben zugestehen, die dem Ehemann fehlen, einem normalen Menschen, ohne Geheimnis, sagte sie. Da er nicht mit uns lebt, wird der Geliebte für vollkommener erachtet. Er kennt nicht unsere Fehler, unsere kleinen täglichen Miseren, und da er sie nicht kennt, muss er sie auch nicht ertragen. Wenn das normale Zusammenleben den Ehemann kleiner macht, so lässt das Fehlen des Zusammenlebens den Geliebten größer werden, deshalb sage ich, dass der Geliebte rein erdacht ist. Wir verlieben uns nicht in den Menschen, sondern in die Idee von ihm. Wenn der Geliebte den täglichen Prüfungen eines Ehemanns unterworfen wäre, hielte er gleichfalls nicht stand. Und vielleicht fiele er noch schneller, da von weit höher. Welcher Geliebte erträgt den Mundgeruch, das wirre Haar am Morgen, die verwischte Schminke? Welcher Geliebte erträgt das Fehlen der Begeisterung, das jede Geste vermittelt, wenn die Frau auf dem Bett sitzt, sich ganz langsam auszieht und versucht, unbemerkt zu bleiben, um nicht die Begierde zu erwecken, denn sie hat keine Lust, sie ist müde, das Geschlecht sagt ihr nichts? Daher sage ich, dass der Geliebte rein erdacht ist, er darf nicht aufhören, es zu sein. Er ist nur die Projektion dessen, was wir begehren, und es gibt ihn nicht, außer als reinen Gedanken, reines Bild der Leidenschaft, die sich verausgabt und nichts weiter verlangt. Beziehungen, die sich hinschleppen, sind schlimmer als das Gefängnis des Ehemanns, wenn der Ehemann das Gefängnis ist. Diese Philosophie Gellas erregte großen Anstoß bei der Tochter. Geneviève war mit ihrem ersten Mann nicht glücklich gewesen, sie war nicht glücklich mit den Liebhabern, die in immer kürzerem Abstand aufeinander folgten und sie verließen, ohne dass sie es noch war, die das Spiel bestimmte. Alles, wonach sie verlangte, war ein zweiter Ehemann, irgendeiner, vorausgesetzt, dass er reich war. Sie sah ihren Slip an, unentschieden, ob sie ihn waschen oder noch einmal anziehen sollte. Er war nicht schmutzig, da war nur jener mehlige, weiße Fleck. Ihre Mutter war derart sonderbar mit der Reinlichkeit. Von klein auf hatte sie sie erzogen, sich morgens und abends sorgfältig zu waschen. Sie sagte: Denk an den Mann, den du an deiner Seite haben wirst. Der Körper muss immer rein sein, immer bereit für ihn. Wasch deine Wäsche jeden Tag, gib, was intim ist, an niemanden weg. Flecke, Gerüche, diese Dinge unserer Intimität gehen niemanden etwas an. Mit den geschnittenen Nägeln und dem Haar war es das Gleiche. Alles, was uns gehört, sammelt man auf, sagte Gella, und man verwahrt es entweder oder wirft es sorgfältig weg. Als ob aus den Spuren des Körpers dem Körper irgendeine Gefahr erstehen könnte. Sie roch an dem Slip. Es ist weiß, ist eine Säure, man riecht nichts, dachte Geneviève. Sie entschied sich, den Slip noch einmal anzuziehen. Reinlichkeit. Die Männer bemerken es nicht. Schnell oder langsam suchen sie starke Gefühle, die Feinheit einer sorgfältig gewaschenen Haut nehmen sie nicht wahr.

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