[<zurück] [weiter>] [Letzter>>] 242 Artikel in dieser Kategorie

Achmatowa, Anna: Unserer Nichtbegegnung denkend

ISBN:
978-3-86660-149-9
Lieferbar:
sofort lieferbar sofort lieferbar
24,95 EUR
-> in Deutschland kostenfreier Versand

Gedichte. Aus dem Russischen von Erich Ahrndt

Vor der Revolution schließt sich Anna Achmatowa den Akmeisten an, die einen klaren Blick auf das Leben fordern. Von 1912 bis 1922 tritt sie mit fünf Gedichtbänden hervor. Modigliani malt sie. Alexander Blok, Ossip Mandelstam, Marina Zwetajewa widmen ihr Gedichte. Ein Kritiker nennt sie „den besten russischen Dichter“. In der Sowjetzeit jedoch wird sie verfolgt: 1921 wird ihr geschiedener Mann von der Tscheka hingerichtet. 1925 wird sie durch einen Parteibeschluß bis 1939 kaltgestellt und geheimdienstlich überwacht. Sie schreibe unzeitgemäß, sei zu spät geboren oder verstehe nicht, rechtzeitig zu sterben. 1935 schlägt das Regime zu: ihr dritter Mann und ihr Sohn werden gleichzeitig verhaftet. Es gelingt ihr, Stalin mit einem Brief zu beider Freilassung zu bewegen. Sie besucht Ossip Mandelstam an seinem Verbannungsort Woronesch. Aus Rache wird ihr Sohn abermals verhaftet. Monatelang steht sie in den Warteschlangen vor dem Gefängnis, um Nahrung und Kleidung für ihn abzugeben. Im Krieg aus dem belagerten Leningrad ausgeflogen, lebt Achmatowa bis 1944 in Taschkent. 1945 wird sie der Spionage verdächtigt. Um sie besonders zu treffen, läßt Stalin ihren Sohn zu zehn Jahren Lager verurteilen. Verzweifelt verbrennt sie ihr Leningrader Archiv. Die Angst wird die Dichterin bis zum Ende ihres Lebens nicht mehr los. Erst nach Stalins Tod findet sie wieder Anerkennung im literarischen und gesellschaftlichen Leben. Das Requiem erscheint 1963 in München, ihre große Geschichtsdichtung Poem ohne Held wird in New York gedruckt. Sie wird für den Nobelpreis vorgeschlagen. Anna Achmatowa verhielt sich bescheiden zu den Mitmenschen. Jeder Sinn für Besitz ging ihr ab. Ihre Dichtung lebt vom Gefühl des Nichthabens, der Trennung, des Verlustes, der hoffnungslosen Liebe.

Unsrer Nichtbegegnung denkend: Erich Ahrndt übersetzt auch Anna Achmatowa
Rezension von Ralf Julke, L-IZ
⇒ 
www.l-iz.de/Bildung/Bücher/2012/12/Unsrer-Nichtbegegnung-denkend-Erich-Ahrndt-45294.html

Anna Achmatowa (1889-1966): als Tochter eines Marineoffiziers in Odessa geboren, verbrachte Kindheit und frühe Jugend in Zarskoje Selo bei Petersburg, heiratete 1910 den Dichter Nikolai Gumiljow, nach 1917 Bibliothekarin im Landwirtschaftlichen Institut, Repressalien unter Stalin, Schreibverbot bis 1950, Rehabilitation, übersetzte Victor Hugo, Rabindranath Tagore & Giacomo Leopardi.

Erich Ahrndt: geb. 1932 in Arnswalde (jetzt Choszczno, Polen), lebt in Leipzig, Übersetzer seit 1977, u.a. Werke von Iwan Bunin, Walentin Rasputin, Daniil Granin, Übersetzerprämie des Verlags Volk und Welt 1981, zuletzt: Gedichte von Sergej Jessenin, Marina Zwetajewa und Anna Achmatowa.

Leseprobe:

Oт странной лирики, где каждый шаг – секрет,

Где пропасти налево и направо,

Где под ногой, как лист увядший, слава,

По-видимому, мне спасенья нет. 

 

Осень 1944

 

Von rätselhafter Lyrik, kaum zu fassen,

Wo links und rechts sich Abgründe auftun,

Wo unterm Fuß wie Vorjahrslaub welkt Ruhm,

Kann ich mein Lebtag, wie es scheint, nicht lassen.

 

Herbst 1944


Я пришла сюда, бездельница,

Все равно мне, где скучать!

На пригорке дремлет мельница,

Годы можно здесь скучать.

 

Над засохшей повиликою

Мягко плавает пчела;

У пруда русалку кликаю,

А русалка умерла.

 

Затянулся ржавой тиною

Пруд широкий, обмелел,

Над трепещущей осиною

Легкий месяц заблестел.

 

Замечаю все как новое.

Влажно пахнут тополя.

Я молчу. Молчу, готовая

Снова стать тобой, земля. 

 

23 февраля 1911

Царское Село



Ich kam her allein zum Müßigsein,

Wo ich Trübsal blas, egal!

Dort der Mühle schlief der Flügel ein.

Jahre schweigen hier einmal…

 

Über trockne Ackerwinde dann

Eine Biene schwebte müd;

Bei dem Teich ruf ich die Nymphe an,

Doch die Nymphe längst verschied.

 

Weit von rostig rotem Schlamm geschwemmt

Und versandet, liegt der Teich.

Überm  Espenzittern, mir nicht fremd,

Blinkt ein schmaler Mond schon bleich.

 

Alles ist wie neu – ich blicke weit

Um mich. Pappeldunst weht her.

Und ich schweige. Schweige lang, bereit,

Neu zu dir zu werden, Erd.

 

23. Februar 1911

Zarskoje Selo


Рыбак

 

Руки голы выше локтя,

А глаза синей, чем лед.

Едкий, душный запах дегтя,

Как загар, тебе идет.

 

И всегда, всегда распахнут

Ворот куртки голубой,

И рыбачки только ахнут,

Закрасневшись пред тобой.

 

Даже девочка, что ходит

В город продавать камсу,

Как потерянная бродит

Вечерами на мысу.

 

Щеки бледны, руки слабы,

Истомленный взор глубок,

Ноги ей щекочут крабы,

Выползая на песок.

 

Но она уже не ловит

Их протянутой рукой.

Все сильней биенье крови

В теле, раненном тоской.

 

23 апреля 1911


Der Fischer

 

Sehnig nackte Arme, schwere,

Und wie Eis die Augen blaun.

Scharfer Brandgeruch vom Teere

Steht dir, wie das Sonnenbraun.

 

Stets den Jackenkragen offen

Trägst du, und die Haare wehn.

Fischerfraun ins Herz getroffen

Und errötend vor dir stehn.

 

Selbst die blondbezopfte Kleine,

Die den Fisch trägt zum Verkauf,

Läuft am Abend noch alleine

Ganz verwirrt strandab, strandauf.

 

Schlappe Arme, Wangenblässe,

Starrt gequält sie vor sich hin.

Krabben kitzeln ihr die Fesseln,

Die an Land gekrochen sind.

 

Doch sie streckt, um sie zu fangen,

Nicht den Arm aus, wie sie’s tut

Für gewöhnlich. Das Verlangen

Pulst zu stark im heißen Blut.

 

 

23. April 1911


Песня последней встречи

 

Так беспомощно грудь холодела,

Но шаги мои были легки.

Я на правую руку надела

Перчатку с левой руки.

 

Показалось, что много ступеней,

А я знала – их только три!

Между кленов шёпот осенний

Попросил: «Со мною умри!

 

Я обманут моей унылой,

Переменчивой, злой судьбой».

Я ответила: «Милый, милый!

И я тоже. Умру с тобой…»

 

Это песня последней встречи.

Я взглянула на темный дом.

Только в спальне горели свечи

Равнодушно-желтым огнем.

 

 

29 сентября 1911

Царское Село


Lied der letzten Begegnung

 

Ach, so hilflos und kalt, am Zerbrechen

War mir die Brust, doch mein Gang war noch leicht.

Zog aus Versehn mir den Handschuh, den rechten

Da auf die linke Hand gleich.

 

Wie’s mir schien, warn es sehr viele Stufen,

Daß es drei nur warn, wußt ich genau!

Aus dem Ahorn hört’ leise ich’s rufen

Und herbstlich flüstern: „Stirb mit mir! Schau,

 

Bin betrogen vom garstigen, üblen

Wechselnden Schicksal, dem launischen, ach!“

Ich gab zur Antwort: „Ich auch, mein Lieber!

Kann dich verstehen. Ich folge dir nach…“

 

Das ist das Lied von der letzten Begegnung.

Ich sah hinüber zum dunklen Haus.

Gleichmütig gingen und ganz ohne Regung

Gelb die Lichter im Schlafzimmer aus.

 

 

29. September 1911
Zarskoje Selo

Kunden, welche diesen Artikel bestellten, haben auch folgende Artikel gekauft:

Achmadulina, Bella: Viele Hunde und der Hund

Achmadulina, Bella: Viele Hunde und der Hund

24,95 EUR
Zwetajewa, Marina: Mit diesem Unmaß im Maß der Welt

Zwetajewa, Marina: Mit diesem Unmaß im Maß der Welt

19,95 EUR
Trickovic, Verica: Als rettete mich das Wort

Trickovic, Verica: Als rettete mich das Wort

16,95 EUR
Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Homepage zu diesem Autor.
Webshop by Gambio.de © 2012