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Kalinke, Viktor: Vogel Sing und Das Heidelbeerbuch

ISBN:
978-3-86660-250-2
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Bücher für Klein und Groß

Mit Aquarellen von Oliver Dietrich

Mitten in der Grauvogelwelt erblickt ein Küken mit farbigem Gefieder das Tageslicht – und es lernt singen. Die Grauvögel stoßen es aus. Nach einer abenteuerlichen Odyssee lernen beide Seiten, miteinander auszukommen. – Dieses Buch ist die Entdeckung des Jahres 2019. Geschrieben wurde es 33 Jahre zuvor, im Verborgenen. Gut versteckt vor Lehrern und Erziehern einer Internatsschule, wanderte es von Hand zu Hand, begeisterte Mitschüler und Eltern und fand einen kongenialen Illustrator, bevor es in einem Koffer verschwand, der ein halbes Leben verschlossen blieb. Und doch immer mit­geschleppt wurde. Über den Mauerfall hinweg geriet es in Vergessenheit. Die Geschichte war ein Versuch, mit den Be­schränkungen der Vorwendezeit umzugehen. Das verlorene pandemische Jahr 2020 verlieh ihm überraschend Aktualität: Der Gehorsam, mit dem wir das Allheilmittel für alle gesellschaftlichen Krankheiten in Form eines Impfstoffs erwarten, ist plötzlich zurückgekehrt...

Viktor Kalinke: geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, lebt in Leipzig.


Leseprobe:

Kennt ihr das Gebirge Xuwu in China? Nicht? Man erzählt sich eine eigen­­artige Ge­schichte, die sich dort zuge­tragen hat:

Die Grauvogelfamilie

Zwischen zwei Felsspalten nistete eine Vogelfamilie: unauffällige graue Vögel, die sich wenig voneinander unterschieden. Im Frühling, als die Mut­ter ihre Eier legte, war eines bunt gefärbt. Das fällt doch auf, wenn die anderen Eier grau sind! Die Mutter freute sich; sie war gespannt, was aus dem bunten Ei schlüpfen würde.

Kaum hatten sich die Küken freigepickt, kroch Angst unter das Ge­fie­der der Mutter: Die an­deren lern­ten schnell fressen, schluckten ge­schickt die Würmer und Fliegen, die die Eltern her­bei­schlepp­ten – nur der Vogel aus dem bunten Ei öffnete seinen Schnabel nicht. Den an­deren wuchs ein grauer Flaum, da hockte der Mickerling noch nackt im Nest.

Die andern wurden dick und für das Nest zu groß. Der Mickerling blieb ohne Federn und dürr wie am ersten Tag, so daß seine Geschwister be­gan­nen, ihn zu verachten und zu verspot­ten. Bei den Grau­vogel­eltern trat Sorge an die Stelle der Freude, bald hatten sie jede Hoffnung ver­loren.

Ausgeschlossen

Als der Platz nicht mehr reichte, beschlossen die Eltern, den Mickerling auszustoßen. Eines Nachts gab der Vater ihm einen Schubs, so daß der kleine Vogel aus dem Nest pur­zelte. Wäh­rend er fiel, schoß ihm durch den Kopf: Ich fliege, ich kann fliegen! Niemand hätte mich ver­spotten sol­len!

Der Mickerling wäre wohl rettungslos verloren gewesen, und seine Ge­schichte hätte ein En­de, wenn nicht ein dichter Wald seine Arme aus­ge­brei­tet hätte. Auf einem Birkenblatt blieb der Vogel, betäubt vom Sturz, liegen.

Eine Träne rollte über den Schnabel des Mickerlings, er schluckte und fing an zu piepsen. Je lauter er es versuchte, desto weniger mußte er weinen. Das Piepsen erleichter­te ihn, es klan­g anders als bei seinen Ge­schwistern, die krächzten. Seine Stimme war farbig und an­genehm. Er schrie nicht hei­ser, er flötete. Doch der Mickerling wollte schrei­en, wollte kräch­zen, lauter noch als seine Geschwister. Je mehr er sich anstrengte, desto lieb­licher wurde sein Lied.



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