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Kalinke, Viktor: Wie ich Amerika entdeckte

ISBN:
3-934015-56-5
Bearbeitung:
ca. 1-2 Tage ca. 1-2 Tage
19,95 EUR
-> in Deutschland kostenfreier Versand

Gedichte und Kurzprosa. Mit Zeichnungen von Marion Quitz

Festeinband mit Etikett

Die Mexiko-Texte von Viktor Kalinke schärfen historisches Bewußtsein und magische Vorstellung. Sie schlagen eine Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart, ihre Eindringlichkeit holt die vergessenen Seiten der Konquista ans Licht. Die einfühlsame Schilderung strahlt auf Passagen aus, die von den Tatsachen abhebend eine zweite Ebene schaffen. Ergänzt um Zeichnungen von Marion Quitz, die in ihrer Surrealität die geistige Welt der Maya beschwören, entsteht faszinierendes Künstlerbuch.

 Viktor Kalinke: geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Mitbegründer der Edition + Galerie Erata, lebt in Leipzig.

"Erstaunlich, wie tief Kalinke in die Geschichte Mexikos eingetaucht ist und diese in eine poetische Sprache verwandelt hat, wortstark, metaphorisch, manchmal auch bewußt lapidar, um die Sache etwas aufzulockern ... Ich lese gerade das Buch zum zweiten Mal, weil ich weiß, daß mir bestimmt viel durch die Lappen gegangen ist beim ersten Lesen. Jetzt lese ich alles um so intensiver und denke natürlich auch dabei: Wie mag es bei Nerudas Gesang gewesen sein? Finnländischer Bahnhof, Karibik haben mich besonders beeindruckt. Die vierfache Heimkehr des Christoph C. habe ich wieder aufgeschlagen und wußte manche Sachen gar nicht, obgleich ich dachte, alles über C. zu wissen. So kann Lyrik auch sein - ohne erst einen Historienschinken zu bemühen... Da weiß ich Bescheid über das Credo des V. Kalinke: Unaufdringlich - und doch sozial engagiert." Reinhard Bernhof

Leseprobe:

Gonzalo Guerrero

 

Angeheuert : mit Skorbut über den großen

Teich getrieben : Blasphemie wäre es

anzukommen in Indien : die Würmer

im Zwieback auf dem Schiff : besser

als der löchrige Mehlsack daheim

in Spanien : als Juan de Valdivia

zur Expedition aufrief : gegen den katholischen

Glauben den katholischen Glauben

in wärmeren Ländern zu verbreiten : 1510

als in Europa alles nach Pestbeulen

roch : die Stadtbürger im Kot

versanken beim Überqueren

der Straße : Gerüchte

von der Neuen Welt : Wärme & Gold

lockten aus Mutters Schoß hinaus

ins fernfiebrige Abenteuer : wer

hätte geahnt : daß der Ausflug

übern Atlantik mit Schiffbruch

endete : den nur dreizehn Matrosen

überlebten : dank der nahen

Küste Yucatans : der göttlichen

Offenheit der Maya : die Gestrandeten

aufzunehmen : strohgedeckte

Lehmhütten in der Savanne : besser

als im Salzwasser zu ersaufen : Gonzalo

Guerrero : Jerónimo de Aguilar : sie lernten

sprechen : bis Cortés kam : der lächelnde

Würger : acht Jahre später betrat er

Amerika : die anderen hatten

nicht überlebt : Jerónimo verdingte sich

ihm als Dolmetscher : bei der freundlichen

Ausrottung indígener Hochkulturen

diplomatisch mitzuwirken : auch Hitler

schloß bekanntlich mit Eifer

Nichtangriffs- & Friedensverträge

bevor er den Krieg begann : eine List

die Gonzalo kannte : er kannte die Spanier

gut : ihren Hunger nach Macht : ihr

inquisitorisches Hochpeitschen der Moral

im Namen des Herrn zu sündigen

Reichtümer anzuhäufen nach Absolution

durch bettelnde Franziskanermönche

Gonzalo kannte ihre Besessenheit : er blieb

seinem Nachwuchs treu : auf Yucatan

mit einer Maya gezeugt : fiel bei einer Stecherei

mit Cortés’ Leuten : um

als Vorbild für Tarzan

in kindlichen Hirnen weiterzuleben

 

 

Finnländischer Bahnhof

 

Einst von staatlich bezahlten Barden besungen : ein Imbiß

verstellt nun den Blick auf den Genossen Lenin : seine Hand

wegweisend zum Horizont erhoben : oder zum Gruß

als er ankam : hier : im heißen November

nach neuer Zeit : war die Schlacht schon geschlagen

Trotzki kommandierte die Arbeiterschaft : Lenin

kannte nicht einmal den Weg : durch die Barrikaden

er brauchte einen Führer zum Smolny : bevor er

zum Führer sich deklarierte : dieses Spiel

hatte er oft geübt : auf den Parteitagen

im Londoner Exil : wo sich die Zelle

von zwölf sozialdemokratischen Jüngern im Lagerhaus

traf : einer stillgelegten Fabrik

eine glorreiche Mehrheit von sieben begründete die Bolschewiki

so einfach war es für den Lehrersohn : in die Geschichte

einzugehen : er ließ niemanden außer sich selbst

zu Wort kommen oder niemandes Wort

neben sich gelten : schon gar keine Umsicht

duldete er : der besessene Theoretiker

im Schweizer Refugium träumt es sich leicht

von Weltumsturz : weg mit dem raffinierten

Trotzki : viel zu geschickt

hat er den Aufstand gegen Kerenski

eingefädelt : zu wenig Blut ist geflossen

eine ernste Gefahr : dieser konvertierte

Vertreter des Bürgertums : wie Marx & Engels übrigens

damit ließ er sich packen : ihm fehlte

die proletarische Herkunft : dann hätte es richtig

viel Blut gegeben : im heißen Oktober

& Kerenski hätte gewonnen : hätte der Lackaffe

Stalin oder der Träumer in seiner finnischen Hütte

ohne Kenntnis der Lage die Truppen geführt : Trotzki

war wirklich gefährlich : mit ihm

hätte die Weltrevolution in Brest-Litowsk

nicht aufgehört : nicht an der Berliner

Mauer & nicht im mexikanischen Exil : die Imbißbude

würde trotzdem am Finnischen Bahnhof

stehen : ohne Lenin als Mosaik dahinter


Besuch im „Blauen Haus“

für Frieda Kahlo & Diego Rivera 

Mexikanischer Mikrokosmos, beschattet von Palmen, Ge­burtsort des surrealen Realismus, der nach dem Ende des Weltkrieges als Vision vom mensch­li­chen Staat er­schie­n: in Gestalt des welt­um­span­nen­den Kom­munismus. Frieda Kahlo starb zu früh, um die Kor­ruption des Ideals durch die Bauernsöhne Mao und Stalin zu er­le­ben. Die Schwierigkeit ist nicht, die pas­sende Ge­legenheit zum Umsturz zu nut­zen und eine Re­volte anzuzetteln. Die permanent ungelöste Frage der Revolution lautet: Was folgt nach ihr, damit das neue System einen qualitativen Sprung gegen­über dem vorangegangenen darstellt, statt lediglich die Anführer der einen durch die Anfüh­rer einer anderen Cli­que zu ersetzen? Dieser Frage läßt sich nur mit einer Ana­lyse der Funktionalität ge­­sellschaftlicher In­stitu­tio­nen beikommen: Sind Hie­­rar­chien entscheidungs­not­wen­dig oder Produkt der Machtanmaßung einer Min­der­heit? Wie lassen sich Existenzräume für demo­kra­tische Partizipation schüt­zen, zur Ge­wäh­rung von Autonomie für Subkul­turen, zur Ein­schränkung von Machtakkumula­­tion, sei sie politisch oder ökonomisch fixiert?

Sur­real ist die Nutzung der Kunst zur Irritation der Ge­sellschaft, damit diese ihren letzten Sinn in der Ermöglichung von Kul­tur wiederentdeckt. Die Surrealisten betrieben zu­meist nur einen geringen technischen Aufwand, um Wir­kung zu erlangen, verglichen mit Mo­nu­men­tal­künst­lern wie Bellini oder Michelangelo. Ihre Werk­stätten sind klein und ins Exil transportierbar. Im Mit­telpunkt steht die Idee, das Immaterielle, die ma­gische Konstruktion, der Traum. Nun sehen wir, wie diese fluiden Formen des Bewußtseins die Boulevards der ka­pi­talen Städte erobern

.

 

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