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Nösner, Uwe - Reise ans Ende des Traums

ISBN:
978-3-86660-039-3
Bearbeitung:
ca. 1-2 Tage ca. 1-2 Tage
10,95 EUR
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Prosastücke mit drei Graphiken von Hermann Naumann

Uwe Nösner ist ein sprachmagischer Weltenwanderer, der Landschaft und Ding so zu sagen weiß, daß sie wahr werden. Die poetische Wirklichkeit dieser Texte durchstreift traumwandlerisch eine imaginäre Landkarte, die bis in den Himmel des Menschen und bis tief in seine eigene Hölle reicht: Gerechtigkeit, Krieg, Liebe und Ent-Täuschung sind seine Themen. Mit diesem Band gelingt es ihm, gesättigte Erfahrung in eine klare Sprache zu münzen, hinter der vermeintlichen Einfalt der Dinge die Vielfalt zu entdecken. Und darin begegnet sich Nösners Prosa mit Hermann Naumanns graphischer Kunst.

Uwe Nösner: geb. 1960 in Dresden. 1977-1980 Bauarbeiter, Krankenpfleger, Totengräber. 1981-1990 Redakteur der Tageszeitung „DIE UNION“, Betreuung des lyrischen Feuilletons und Erstveröffentlichung der Tagebücher Victor Klemperers aus der Zeit des Nationalsozialismus. Lebt als Redakteur in Dresden.

Leseprobe:

Ja, ich habe als ein Schatten ge­lebt und bin auf dem Wege, ein Mensch zu werden. Mein Ich war stumm geworden wie ein Schatten und ging neben mir her viele Nächte und Tage…

Bitte, lesen Sie weiter.

Wozu? Es ist eine Geschichte ohne Ende. Es gibt immer nur Anfänge.

Aber lesen Sie doch. Und wenn Sie nicht mögen, dann erzählen Sie die Geschichte dieser Anfänge.

Aber das wäre eine völlig andere Ge­schichte. Ich müßte die Geschichte dieser Geschichte erzählen. Und es wäre die Geschichte allen Anfangs, allen Grundes und aller Rechtfertigung jeglichen Scheiterns. Der Weltinhalt ist ein Auseinanderfallen. Was da­rüber zu sagen wäre, bliebe immer Frag­ment und ebenso voller Fragwürdigkeit wie die vergeblichen Versuche des Träu­men­den, das Ende des Traums erreichen zu wollen, um in einer heilvolleren Wirklichkeit Erlösung zu finden. Es wird immer nur den Augenblick des Erwachens geben, der alles von Neuem zerreißt. Irgendwann beginnst du zu zwei­feln und schließlich zu schweigen. Ich bin kein Artist.

Aber sind nicht alle Künstler mehr oder weniger Artisten?

Nicht alle. Ich will das einfach sagen: Nehmen Sie zwei Häuser und verbinden Sie diese zwei Häuser mit einem Seil. So haben Sie diese zwei Häuser verbunden und sagen sich: Zwischen diesen zwei Häusern befindet sich ein Seil. Und vergessen Sie dabei, was sich über dieses Seil hinaus und zwischen diesen zwei Häusern befindet, dann denken Sie als geborener Artist. Ihre Intuition führt Sie über das von Ihnen gespannte Seil schließ­lich von Haus zu Haus und über die gesamte erreichbare Schöp­fung hinweg, ignoriert alle deren Bewohner und vergißt die tödliche Tiefe, die alles Lebendige trennt und verbindet. Dort, in der tödlichen Tiefe zwischen Nichts und Allem, sind jene Dilettanten zu Hause, die ewig anfangen und niemals enden können.


Jene Länder: wir haben sie nie be­fah­ren. Wir sind stehen geblieben im Bild. Wir haben den Mund aufgetan und getötet. Wir haben jedes Geheimnis enthüllt. Wir sind fertig geworden. Wenn wir beisammen waren, haben wir uns zerstreut. Und in der Einsamkeit waren wir versammelt wie Sche­men, die gemeinsam nach Hades wandern. So haben wir dieses Land nie erreicht: Das Land unserer Kindheiten und Zukünfte. In jeder Forderung, doch endlich aufzubrechen, rechneten wir uns die Verluste vor und sind neben uns stehen geblieben. Alle Länder haben alte Geschichten. Und wir sollen alt werden in einer Geschichte, die der Zufall diesem Jahrhundert spielte. Wollen wir dennoch reisen, müssen wir zuerst die Zeit aufgeben. Und uns dem Meer zuwenden. Wir müssen, der Ruderer ungeachtet, vom Wind wissen, daß er nichts besagt und wir vielleicht niemals ankommen werden. Wir können uns sehnen, wie sich das Leben sehnt, wenn wir es als Muschel an unser Ohr halten in unserer Kindheit. Wir dürfen die Hoffnung wegwerfen wie ein Kind die winzige Perle, wenn es sich anschickt, den Nußbaum zu besteigen. Die einzig sichere Gewißheit auf aller Fahrt: Wir kommen nicht an, sind auch noch dann unterwegs, wenn uns der Schoß einer Frau freigibt oder Erde uns zurücknimmt wie uneingelöste Versprechen. Wirft man dir Blumen und Sand hinterher, dann hat die Reise erst wirklich begonnen. Dann steht uns erst alles bevor.

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