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Heinau, Katrin: Evakuierung

ISBN:
3-86660-010-0
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Roman

In Dresden überlagern sich die Schichten von Vergangenheit und Gegenwart, von Krieg und Bombardement bis Winnetou, Elbhangfest und brennenden Kinderwagen in den Hausfluren der Neustadt. Mit dem Blick der Berlinerin in Sachsen registriert die Autorin Sonderbares und Kurioses der städtischen Kunstszene, in der reale Personen wie Helden von einem anderen Planeten erscheinen.

Katrin Heinau: geb. 1965 in Berlin, Studium Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik an der Freien Universität Berlin, während des Studiums und danach langjährige Arbeit im Buchantiquariat, Schauspielausbildung, Dramaturgin und Schauspielerin in Freien Gruppen in Berlin, Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache, 2004 Geburt der Tochter Amanda, schreibt Erzählungen und Theaterstücke (bisher in Nordhausen, Magdeburg, Berlin, Köln und Hamburg aufgeführt), lebt in Berlin

"Witzige Situationen und zugleich kluge Sprachreflexionen." Susann Hannemann, Kunststoff 

“Der beherrschte, amüsante Stil entfaltet auch wegen des weitgehenden Verzichts auf Kommata von Beginn an einen enormen Sog. Beinahe unbemerkt wird der Leser in die locker hingestreuten, häufig und schnell wechselnden Erzählinseln geworfen.” Jan Wenke, Ostragehege

Leseprobe:

Jan und Alex stritten sich oft darum von wem es sich lohnte beeinflusst zu werden. Als ich sie kannte waren sie noch jung jung genug um sich gründlich beeinflussen zu lassen also mussten sie vorsichtig sein. Wahrscheinlich waren sie sehr stark voneinander und von den anderen befreundeten Malern in ihrem Atelier außerdem von Alex Schewski und Anne Neukamp beeinflusst obwohl ich glaube dass öfter Männer Männer und Frauen Frauen beeinflussen direkt oder indirekt. Jan und Alex waren nicht beeinflusst von den Männern die gerade das Publikum beeinflussten wie Neo Rauch Meese Havekost Scheibitz Tim Eitel. Alex schien weitgehend immun gegen alles was aus der Gegenwart kam und Jan bäumte sich auf gegen alles und alle die nicht hundertprozentig waren seien es Politik und Politiker Katholizismus und Katholiken oder seien es Künstler denn wenn die Kunst sie dazu brachte dass sie Erfolg hatten waren sie nicht mehr was sie einmal gewesen sind. Wenn sie aber versuchten hundertprozentig zu sein wurden sie konsequent konsequent cool wie ein Havekost. Da Jan niemanden fand in der Gegenwart der zugleich hundertprozentig und nicht konsequent bis zur Unmenschlichkeit war war er von der Gegenwartskunst überhaupt nicht beeinflusst er guckte sich alles an was da hing aber wenn es Erfolg hatte interessierte es ihn nicht es hieß dann da hängt ein Neo Rauch ein Scheibitz ein Tim Eitel aber Jan hätte nie gesagt da hängt ein Alexander Höfs oder ein Martin Mannig oder ein Andreas Hildebrandt das sagten sie nur im Spaß und man kann sagen wenn statt der Person des Malers sein Werk mit seinem Namen belegt werden konnte war der Zeitpunkt gekommen wo dieses Verschwinden der Person Jan moralisch empörte.
Ich finde diese Einstellung zur Gegenwart sehr natürlich und für einen der jetzt lebt ist die Gegenwartskunst uninteressant viel interessanter ist für ihn die Zukunftskunst.
Die Spanne der Künstler die Jan beeinflussten war sehr groß. Er war beeinflusst von Matisse und Max Beckmann von Philip Guston von David Hockney von Giotto von den Naiven von Henri Rousseau von namenlosen Heiligenmalern des Mittelalters und von Graffitisprayern des vergangenen Jahrhunderts. De Chirico beeinflusste ihn Picasso beeinflusste ihn nicht höchstens dass Picasso immer wieder etwas anderes machte beeinflusste ihn. Obgleich es sehr merkwürdig ist von den Einflüssen Picassos und De Chiricos zu reden. Ich glaube er war beeinflusst von Neo Rauch Meese Havekost Scheibitz wie von allen anderen auch aber wenn er hätte sagen müssen von wem er beeinflusst war hätte er gesagt von diesen nicht er hätte nur die Toten genannt die Toten waren ihm sympathischer das ist geblieben vom vergangenen Jahrhundert die Toten ein auffälliger Zug.
Ich weiß wie es ist mit den Einflüssen ich stellte fest dass ich von allem beeinflusst war was ich las und so las ich später möglichst wenig. Anfangs aber las ich sehr viel und ob ich wollte oder nicht ein Plan war es nicht man hätte einen daraus machen können war ich beeinflusst von Djuna Barnes Jane Bowles Brigitte Kronauer Elfriede Jelinek Marlene Streeruwitz Marguerite Duras und die letzten beiden hätte man nicht hintereinander stellen dürfen weil Streeruwitz Duras kitschig findet. Mich beeinflussten Goethe Heiner Müller Beckett Pasolini genauso wie Botho Strauß Jean Genet F. K. Waechter und Hugo von Hofmannsthal. Aber es ist merkwürdig zu sagen Goethe habe einen beeinflusst das klingt wie eine Ausrede. Jede Arbeit ist von einer Vorarbeit beeinflusst die jemand gemacht hat der nicht ich ist so jedenfalls ist es bei mir.
Als ich anfing zu schreiben und von Djuna Barnes beeinflusst war ließ ich mir eine Frisur machen wie Djuna Barnes und sofort hatte ich Schwierigkeiten. Mein damaliger Freund nannte mich nekrophil sprach nicht mit mir und pflegte ausschließlich den sexuellen Kontakt was kompliziert war denn wir waren auf Reisen. Natürlich hatte ich einen Fehler gemacht. Er schrieb Gedichte und ich hatte seine Gedichte mit angespitztem Bleistift korrigiert man korrigiert keine Gedichte die einem jemand gibt und als ich dann noch besser Schlagzeug spielen konnte als er ich konnte es auch nicht aber ich spiele Klavier und kann die rechte und die linke Hand bewegen da schickte er mich in die Wüste fuhr mich am klirrend kalten Neujahrstag zur Bahn und setzte mich wortlos hinein.
Es war meine Schuld jedenfalls ganz sicher war es nicht Djuna Barnes’ Schuld. Ich weinte zwei Stunden im Zug vor Wut und dann war es vorbei und ich war Djuna Barnes dankbar denn irgend jemandem musste ich dankbar sein.
Ich bin von allen Schriftstellern beeinflusst von denen ich jemals eine Zeile gelesen habe. Selbst von denen von denen ich nie etwas las bin ich randvoll.
Alex kam gestern völlig fertig von einem Messie-Umzug. Wir haben eine Messie-Frau umgezogen, sagte er und ich sah gleich dass ihn das beeinflussen würde. Es ist nämlich so dass nicht nur die Schriftsteller und die Maler einen beeinflussen. Wenn nur etwas geschieht was stark genug ist beeinflusst es uns. Wenn es stark genug ist und wenn es nicht stark genug ist beeinflusst es uns auch. Wenn es schwach ist beeinflusst es uns und wenn es nicht schwach ist ist es stark und beeinflusst uns. Ich glaube dass Max Beckmann mich beeinflusst wenn Jan ein Bild von ihm betrachtet. Wenn meine Nachbarin Harry Potter liest beeinflusst mich das durch zwei geschlossene Haustüren hindurch. Wenn alle Bewohner der Frühlingstraße Zeitung lesen weiß ich Bescheid und wenn sie keine Zeitung lesen weiß ich auch Bescheid. Alex erzählte wie die Frau die sie umzogen wie die Umzugsprofis das nennen jemanden umziehen wie diese Frau zwischen jahrealten Zeitungen jahrzehntealten Konserven Würmern losen Holzbrettern Schrauben Nägeln verlumpten Kleidungsstücken hauste und stapelte von den Wänden nach innen und sie musste in eine Einzimmer-Wohnung ziehen weil das Haus saniert wurde. Eine große Wohnungsbaugesellschaft sie hatte Glück, sagte Alex warum, fragte ich kein Vermieter hat je ihre Wohnung gesehen, sagte Alex oder die Höhle den schwach erleuchteten Gang der im Wohnungsinneren noch übrig war. Er und seine Kollegen mussten Kisten voll verschimmelter Lebensmittel umziehen und Knäckebrotscheiben fielen zu Boden wurden zusammengefegt und wieder eingepackt und ein Rotkohlglas fiel hin und da es 40 Jahre alt war stank es stank und stank ganz erbärmlich, sagte Alex aber die Frau sagte, Sie sind ja schnell mit dem Wegschmeißen. Und da in der Ecke die bemalten Pappen die brauche ich noch, sagte sie die ziehe ich jedes Jahr einmal zum Fasching an die Pappen das ist mein Ofenkostüm. Und sie nahmen vorsichtig die Pappen und kehrten den Knäckebrotdreck in eine Tüte und zogen die Tüte mit um und das Ofenkostüm und dann lachten sie nicht mehr saßen auf den Treppenstufen hatten dreihundert Kisten geschleppt manche rotgesprenkelt hatten die dreihundert Kisten in zwei Lkw gepackt und während sie überlegten überlegten wie sie morgen die dreihundert Kisten in einem einzigen Zimmer unterbringen sollten wurden sie immer trauriger.
Das erzählte Alex am Abend des ersten Tages.
Am zweiten dem Ausladetag sah ich ihn nicht mehr.

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