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Heße, Sascha: Bewegungen des Zweifels

ISBN:
3-86660-004-6
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Philosophische Fragmente und Aphorismen

Daß all unser Erkennen nur Stückwerk ist - die hier unternommenen Denkversuche bestätigen es vollauf, sowohl durch ihre Form als auch durch ihren Inhalt. Der Titel deutet darauf hin, daß den Leser viele Widersprüche erwarten. Dem Buch liegt keine bereits im Vorfeld für richtig befundene Ansicht, Lehre oder Weltanschauung zugrunde. Es geht in ihm nicht darum, Vorurteile zu verteidigen, sondern darum, sich vorurteilsfrei - und daher jedem Zweifel offenstehend - auf den Weg zur Wahrheit zu begeben.

Sascha Heße: geboren 1976 in Magdeburg, umfangreiche musikalische Ausbildung, Studium der Komposition in Weimar, 1997 Wechsel nach Leipzig zum Studium der Philosophie, Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft sowie der Kulturwissenschaften. Buchpublikationen seit 2004. Lebt und arbeitet in Leipzig.

Leseprobe:

Die Furcht vor dem Tod ist der höchste Ausdruck der Sorge um das Leben, deren Wesen ganz ebenso – nur an Intensität geringer – in der Bangigkeit darum zum Ausdruck kommt, was man essen und trinken, was anziehen soll. Sind Letzteres „Bekümmernisse der Heiden“ – wie Kierkegaard sagt –, so ist die Furcht vor dem Tod erst recht ein solches Bekümmernis. Jesus sagt in der Bergpredigt: „Sorget nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung?“ In Bezug auf die Todesfurcht könnte er vielleicht hinzusetzen: „Sorget ebenso nicht um euren Tod. Ist nicht das Leben mehr, als was in ihm zugrundegeht?“

Im Menschen – mehr oder weniger tief und mehr oder weniger bewußt – lebt die Sehnsucht, von den heidnischen Bekümmernissen frei zu werden, den Bann zerschlagen zu bekommen, der ihn der Sorge um sein Leben verfallen sein läßt – zuletzt der Sorge wegen des Sterbenmüssens, zuerst jedoch wegen all der Probleme, die sich aussprechen lassen in Fragen wie: „Womit soll ich künftig meinen Lebensunterhalt verdienen? Welcher Sache soll ich mich widmen, welchen Beruf ergreifen? Wozu reichen meine Fähigkeiten? Was vermag ich überhaupt? Wie kann ich mir in den Augen der Andern Geltung und Ansehen verschaffen?“ – bis hinab zu den Fragen, die den heutigen Tag und die nächste Zeit betreffen: „Was soll ich heute essen und trinken, was anziehen? Womit muß ich mich heute beschäftigen, um meinen Pflichten nachzukommen?“

Die Antwort Schopenhauers auf jene Sehnsucht ist „die Verneinung des Willens zum Leben“, die Askese – und zwar aufgrund des Gedankens, daß demjenigen die Sorge um das Leben ersterben muß, der das Leben von sich weist. Der Asket versucht, die Sorgen der Heiden dadurch zu überwinden, daß er die Bedürfnisse nach dem, worauf die Sorgen jeweils sich richten, in sich ausrodet. Abgesehen von der Frage, ob eine solche Lebensverneinung praktisch überhaupt möglich sei, steht fest, daß dies nicht der christliche Weg ist. Jesus predigt nicht die Negation des Lebens, um von dessen Sorgen frei zu werden, sondern die Erhabenheit darüber. Er sagt nicht: „Tötet alle Bedürftigkeit in euch ab!“, sondern: „Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr des alles bedürfet.“ Das heißt doch: Ihr habt eure Bedürfnisse und sollt sie weiterhin haben. Nur sollt ihr nicht in ihnen befangen sein, sondern mit dem Innersten eures Daseins über ihnen stehen – in dem Bewußtsein, daß es etwas Größeres gibt, dessen ihr würdig seid und daran ihr teilhaben könnt.
Das Schwere freilich ist, diesen Aufschwung, der gefordert ist, wirklich zu vollziehen. Denn wovon er geschehen soll, ist ja das unmittelbar Erfahrbare, wohin aber, ein bloß Gedachtes. Der Mensch kann sich subjektiv nur insofern erheben, als er das Gegebensein eines Objektiven annimmt, daran er in seiner Erhabenheit Halt zu finden vermag. So wenig er die Landschaft von oben betrachten kann, ohne zu fliegen oder auf einem hohen Gebäude oder Berg zu stehen, das heißt ohne ein von ihm Verschiedenes, Objektives in Anspruch zu nehmen, so wenig kann er über die Sorge um das Leben, in allen ihren Erscheinungen, erhaben sein, ohne zu glauben, daß ein Höheres, worauf er sich stellen könne, objektiv da sei. Dieses Höhere aber ist das absolute Sein, das Ewige, Gott.

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