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Heinze, Tanja: Donna Juana

ISBN:
3-934015-84-0
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Roman

Heinze gibt dem Don Juan ein neues Geschlecht. Eine betrogene Ehefrau (Maria) begegnet im Zug einer Frau, die sich nur mit gebundenen Männern einläßt. Donna Juana arbeitet in der Hölle (Altenpflege). Die Ärzte sind Gutachter, vor denen jeder sich fürchtet. Bei einer "Fortbildung" in der Hölle preisen Herr Gab Riel und Herr Rap Hael ihre Produkte an, die fast alle Wunden heilen und nur wenig kosten. Pflaster drauf und fertig! Beim Eintritt in den Himmel diktiert Pet Rus die Preise ... Heinze verknüpft die Diskussion über Ehebruch mit Gesellschaftssatire.

Tanja Heinze: geb. 1975, Krankenschwester, Studium der Philosophie und Germanistik, Verlegerin, lebt in Wuppertal.

"Hier geht es nicht um Erotik, sondern um Macht." (Tanja Heil)

"In der Schliderung kleiner Bewegungen, inerer Zerissenheiten, fragiler Seelenzustände sowie der dazu gehörenden Mienenspiele zeigt sich, dass Tanja Heinze sehr wohl sehr gut beobachten und schreiben kann." (Stefan Seitz)

"Tanja Heinze fädelt trickreich ein Spiel möglicher Verbindungen ein. Im Vergleich zu ihrem ersten Roman 'Der Schnee des letzten Sommers' gesellt sich deutlicher die Erzählerin zur studierten Philosophin, die den Raum zwischen Lüge und Wahrheit auszufüllen sucht." (Wolfgang Mahlow, Nordkurier)

"Wie im ersten Buch zieht die Autorin den Leser mit wenigen Sätzen in einen Strudel, der verwirrt, abstößt und zugleich zwingt, weiterzulesen." (Manfred Bube, Wuppertaler Rundschau)


Leseprobe:

Ich weiß nichts von ihr.


Obwohl ich sie einmal kennenlernte.

Wir trafen uns zu einem dieser Gespräche, die Menschen gelegentlich führen, um sich die lange Zeit einer Reise zu erleichtern. 

Als ich ihr damals begegnete, wußte ich nicht, daß ich sie persönlich nehmen würde. 

Ich nehme sie persönlich wie das Leben, lasse sie teilhaben an meiner Erinnerung und frage, ob sie verstehen wird, warum ich sie niemals mögen kann.

Die tiefen Töne des vergangenen Tages lasse ich in der Gegenwart erklingen.

Seelenlos und körperlos.

Sie ist meine Erinnerung an die Zukunft, die Frau in der Mitte meines Tages. 

Ich grüße sie mit kargen Worten, die Maria, die mir im Zug erschien.

Mittag:

Die Frau befand sich bereits im Speisewagen, als ich in den Zug einstieg. Mein Weg hatte mich nicht in das gewöhnliche Abteil geführt, im Waggon Dreiundzwanzig lockten größere Fenster. Sie war in ein Buch vertieft, das ich gut kannte. Ich hatte Menschen gesehen, die in ihm lasen. Zu einer völlig anderen Zeit zwar, aber an einem ähnlichen Ort. Dort hatte es den Wahnsinn zum Frühstück gegeben. Zu der lesenden Frau schritt ich, weil mich die farblosen Anderen in den Anzügen anwiderten, die steif an ihren Gläsern festhielten.

Ich lächelte flüchtig, während ich meinen Koffer unter dem Tisch abstellte. Obwohl mein rosa Gepäckstück klein war, gestaltete sich dieses Unterfangen schwierig. Die Gastronomieabteile der Bahn waren nicht dafür gemacht, den Reisenden für die gesamte Fahrt als Quartier zu dienen. In den Abteilen der ersten und zweiten Klasse warteten die Gepäckablagen auf ihre Lasten.

Die Frau schloß das Buch und schaute auf, als ich meine Jacke auszog. Es war eine kurze Jacke, die ich aus zweiter Hand erworben hatte. Die grüne Schicht durchzogen Risse, das Leder wirkte abgenutzt.

Die Tür schlug zu, die Pfeife tönte, wir verließen die Stadt und ich reiste von Osten nach Westen.

Zunächst wünschte ich mir kein Gespräch, weil ich nichts zu sagen hatte. Es war ein langer vergangener Abend gewesen und ein kurzer müder Morgen. Ich hoffte auf den geruhsamen Mittag im Zug. Zum stummen Ziel der Reise war die Heimat geworden.

Schwerer als mein Reisegepäck wogen meine Erinnerungen. Sie waren nicht rosa. Waren sie jemals rosa gewesen?

Die Frau musterte mich aufmerksam, und unwillkürlich fragte ich mich, was sie sehe.

Sie lächelte mich freundlich an, doch ich blickte abweisend aus dem Fenster. Höflich widmete sie sich wieder ihrer Lektüre. Vor meinen Augen verschwamm die Außenwelt, zu bemüht war ich, mich im Fenster spiegeln zu sehen. Weil die Aussicht trüb war, resignierte ich und griff seufzend in meine Jackentasche. Ich entnahm ihr ein schmales Bändchen, das ich zu lesen begann. Der Text jedoch langweilte mich schnell, unmöglich schien es mir, mich auf die Worte zu konzentrieren. Behutsam sah ich mich um, sorgfältig darauf achtend, den suchenden Augen meines Gegenübers zu entgehen. Es gelang mir nicht.

„Sind Sie Studentin?“ fragte die Frau und lächelte erneut.

Ich dachte spontan, das sei ein guter Versuch, ein Gespräch zu beginnen. Erschöpft fragte ich mich, wer um diese Jahreszeit an einem Werktag zur Mittagsstunde im Zug sitze, und betrachtete die Geschäftsreisenden und die Menschen, die scheinbar über ihre Zeit verfügten. Müde und kopfschüttelnd antwortete ich: „Nein, sehe ich so aus?“

Sie nickte zustimmend. „Ja.“

„Interessant“, sagte ich kühl und berührte das Lesezeichen in meinem Buch.

„Warum waren Sie zu dieser Zeit im Osten?“ fragte die Frau neugierig, ohne sich an meiner Kurzangebundenheit zu stören. „Sie sind doch eine Westdeutsche?“

„Stimmt“, erwiderte ich knapp.

Kurz überlegte ich, ihr zu sagen, daß ich nicht an einem Gespräch interessiert sei. Ich war in meinem Leben oft unhöflich gewesen. Daß ich in diesem Moment darauf verzichtete, sie abzuweisen, lag nicht an einer spontan erwachten Menschenfreundlichkeit. Ich hatte plötzlich einen dieser Schläge im Inneren verspürt, die mich auch heute noch treffen. Das war der ausschlaggebende Grund für meinen Gesinnungswandel.

„Ich besuchte in Dämmerheim eine Ausstellung“, sagte ich freundlicher und rang um ein Lächeln.

„Zu dieser Jahreszeit?“ fragte sie ungläubig.

Zu dieser Jahreszeit, wiederholte ich in Gedanken und blickte erneut aus dem Fenster. Buntgefärbte Blätter flogen durch die Luft, nur wenige schmückten noch die Äste der Bäume, die der Blick nicht festzuhalten vermochte.

„Wäre schade, wenn der Künstler seine Werke nur zu gewissen Zeiten ausstellen dürfte“, antwortete ich ironischer als beabsichtigt.

„Machen Sie was mit Kunst?“ erkundigte sie sich hastig und etwas verlegen.

Ich sann darüber nach, was ich mit der Kunst machen könne. Sollte ich sie packen und wegstecken?

„Ich glaube nicht, daß ein Mensch etwas mit Kunst anfangen kann, und wenn Sie wissen möchten, ob ich eine Künstlerin bin, muß ich mit Nein antworten.“

Mir war bewußt, daß ich überheblich wirkte. Um die Frau nicht zu verschrecken, verzog ich mein Gesicht, suchte ich in mir nach der Wärme, die ich ausstrahlen wollte.

„Ich bin kein besonders talentierter Mensch“, sagte ich schließlich.

„Sie sehen so bunt aus“, erklärte sie. „Studentinnen sind oft bunt. Und Künstlerinnen. Kreativ eben.“

Wahrscheinlich erschien ich ihr in diesem Augenblick so: künstlerisch oder künstlich.

Ich hatte natürlich nicht die Absicht, von mir zu erzählen. Doch über mich sprechen mußte ich, das war ich der Gestalt in meinem Inneren schuldig. Es würde ihr Freude bereiten, der Frau Worte anzubieten, dachte ich.

„Augenblicklich mache ich nichts Wichtiges“, sagte ich deshalb. „In meinem Beruf arbeite ich nicht. Ich lebe einfach in den Tag hinein. Ziemlich langweilig.“

„Manchmal hat man solche Phasen im Leben, die gehen auch wieder vorbei.“ Sie nickte mitfühlend.

Warum hätte ich mir damals wünschen sollen, daß meine untätige Phase vorbei gehe? Ich war einfach zufrieden, daß es mich noch gab. Ich fühlte mich nicht einsam zwischen den Menschen, immer wieder fand ich jemanden, der mir Leben zuatmete.

„Und was ist mit Ihnen?“ erkundigte ich mich.

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