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Grüneberger, Ralph: Politessenblut

ISBN:
3-934015-77-8
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13,95 EUR
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Männergeschichten. Nachwort von Manfred Jendryschik
Mit Holzschnitten von Karl Georg Hirsch

Dieses Buch kann auch in limitierter Sonderausgabe mit Originaldrucken von Hirsch bestellt werden.

Nun, mehr als zwei Jahrzehnte nach den ersten bedeutenden Lyrik­beispielen, legt Grüneberger die versammelte Prosa des letzten De­zen­niums vor und überrascht erneut durch die Vielfalt der struk­turel­len, sprachlichen und stilistischen Möglich­keiten, die einen Erzählband lebendig halten - das ist von höchster Güte, ist beste deutsche Prosa. Bei Grüneberger verschwimmen die Grenzen von krimineller Situ­ation und Nicht-Justiziablem ununterbrochen, und das macht die Texte zur wesentlichen Ortung gegenwärtiger Befindlichkeit, zur exemplarischen Zeitbeschrei­bung, die aber nicht von außen urteilt, der vielmehr das Komplexe und Komplizierte des Erdbewohners, in diesen Jahren, ziemlich vertraut ist. Die Bilder von Karl-Georg Hirsch sind kongruent-intensive Blätter, darstellend den schmalen Grat, auf dem Grünebergers Gestalten wandeln. Kurzum: ein wichtiges Buch, das gar nicht genug Adressaten in dieser Um-und-Um-bruchzeit erreichen kann. (Manfred Jendryschik)

Ralph Grüneberger: geb. 1951 in Leipzig, Arbeiter und Angestellter, Studium am Institut für Literatur in Leipzig, seit 1978 zahlreiche Veröffentlichungen von Lyrik, Kurzprosa, Literaturkritik, Publizistik sowie Realisierung vielfältiger Literaturprojekte (Veranstaltungsmanagement, Herausgaben, Jurytätigkeit). Teilnahme an internationalen Poesiefestivals. Mehrere Preise und Stipendien; Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland, Erster Vorsitzender der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik

Karl-Georg Hirsch: 1938 in Breslau geboren. Von 1960 bis 1965 studierte er an der Hochschule für Grafik. Der Künstler, seit 1976 Dozent und von 1989 - 2003 Professor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst war, lebt und arbeitet in Leipzig.

"Ein Genuss für Freunde guter Geschichten. Karl-Georg Hirsch hat fünf Blätter beigesteuert, die ebenso großartig skurril sind, wie die Storys selbst ... ein Genuss für Freunde guter Geschichten." (Jens-F. Dwars, Palmbaum) 

"Grüneberger ist ein nüchterner Beobachter, ein Zeitgenosse, der sich einen harten, kruden Realismus bewahrt hat. Im Park sieht er die 'von überfütterten Erpeln totgevögelten Enten’ - beim Blick auf eine Straße im Leipziger Osten erinnert er, dass ‚aus Häusern Immobilien geworden sind’ – Da findet sich an Brecht und Braun geschulte Genauigkeit. Die trägt ihm Entdeckungen, neue Formulierungen ein. Er muss nicht das Bereits-Gesagte variieren." (Michael Hametner, MDR FIGARO)

"Politessenblut ist Titel. Es sind Männergeschichten. Geschichten von Männern, die im Hier und Jetzt ihren Platz erst suchen, dann behaupten müssen. Sie tun sich schwer. Vergangenheit, Wünsche und andere Realitäten stehen dazwischen. Die Mutter mit dem Sorgerecht. Die Akten aus dem Stasi-Archiv. Ein leeres Bett. Wieder einmal kann uns die Edition Erata Leipzigs mit Buch und Qualität überzeugen." (Henner Kotte, Blitz!)

"Der Erzähler pointiert seine an sich nicht überraschenden Pointen, so daß sie immer wieder überraschen." (Bernd Heimberger)

"Grünebergers Geschichten sind poetische Momentaufnahmen, verweisen auf Tatbestände und zeigen damit auch, wo solches Geschehen seine Wurzeln hat." (Klaus Walter, Freie Presse)

"Grünebergers moralische Schaustücke sind ebenso schwarz und kantig wie die ergänzenden Holzschnitte von Karl-Georg Hirsch." (Peter Krutsch)

"Eine Kurzgeschichte gab es gestern in einer Straßenbahn der Linie 16 statt der üblichen Haltestellenansagen zu hören. Der Autor Ralph Grüneberger las anläßlich der Buchmesse aus seinem Band 'Politessenblut' ... Die Kurzgeschichte 'Über das Ziel hinaus' erzählt von einem ausländerfeindlichen Übergriff in einer Straßenbahn, den ein junger Mann durch sein beherztes Eingreifen gerade noch abwenden kann. Inspirieren ließ sich Grüneberger von der Vorstellung, wie er selbst in dieser Situation reagieren würde ..." (Ines Christ, LVZ)

"Es sind Geschichten von Leuten, deren gute Zeit weit zurückliegt und die sich mit den Widrigkeiten einer durchgehend brutalen Wirklichkeit herumschlagen müssen.... Die Fabel ist gut, die Personen sind ausreichend beleuchtet, der Konflikt ist gut angeschnitten ..." (Norbert Büttner, Tarantel)



Leseprobe:

Niemandslicht

Hagenuck saß klein und schmächtig auf der Parkbank. Mit dem Kopf hatte er sich in die Jacke zurückgezogen. Er fror und heizte seinem Körper schluckweise aus einer Taschenflasche ein.

Die Männer, die nach der Arbeit ihre Hunde durch die Parkanlage führten, hielten in Höhe von Hagenuck die Leinen kurz, was die Hunde aufjaulen ließ. Hagenuck verspürte große Lust zurückzujau­len, als könne er sich durch Hundelaute mitteilen. Kein Wort hatte er an diesem Tag und bis zu dieser Stunde mit einem Menschen ge­wechselt. Warum also nicht ein wenig mit den Hunden hecheln oder bellen aus voller Brust? Aber kaum hatte er diesen Satz gedacht, verspürte er ein Stechen im Brustkorb, und ein Husten­anfall über­kam ihn.

In großem Bogen spuckte Hagenuck den vom Husten gelösten Schleim aus. Ein Mann, der einen Schoß­hund wie ein Spielzeug hinter sich her zog, wich zurück. Die Blicke der Männer begegneten sich, und Hagenuck sah, daß in den Augen des Mannes kein Schim­­mer Gnade war. Mit geübtem Griff zog er die Flasche hervor und goß sich den lauwarmen Fusel in den Hals. Für einen Moment war ihm heiß, und übermütig rieb er mit dem Flaschenboden den dünnen Stoff seiner Jacke, als wollte er das restliche Schnapsluft­gemisch in der Flasche zum Leuchten bringen.

Doch die Flasche taugte nicht zur Illuminierung des späten Nachmittags, und Hagenuck war nahe daran, sie ins Gebüsch zu werfen. Doch er zögerte, als könne er sich nicht von der Flasche trennen.

Die Sonne hatte sich längst verabschiedet, ohne daß der Mond bereits an ihre Stelle getreten war. So herrschte an Helligkeit in diesem Moment kein Überfluß. Es war eher ein Niemandslicht, das den Menschen ihren Weg oder Unweg wies.

Hagenuck stand unvermittelt auf. Wie üblich schloß er mit der Rechten den mittleren Knopf seines Jacketts. Die Linke steckte die geleerte Flasche in die Brusttasche zurück. Er faßte sich ans Kinn, das unrasiert war. Für einen Augen­blick sah er sich vorm Spiegel der Rathaus­toi­lette stehen und mit der Rasierklin­ge die aufgerichteten Haarspitzen von der Gesichtshaut kratzen.

Doch sofort meldete sich Hagenucks Magen mit einem leichten Ziehen, als käme ihm von allein nicht genug Aufmerksamkeit zu. Noch heute, vor Einbruch der Dunkelheit, beruhigte sich Hagenuck, könne er wieder am Essenausgabeschalter der Bahnhofsmission stehen.

In geübter Manier schob er den Ärmel der Linken zurück, obwohl die Stelle, an der früher seine gute Schweizer Uhr prangte, längst verwaist war.

Hagenuck blickte zum Himmel, ohne dort einen Anhaltspunkt für sich zu finden, und lief los. Er hatte kein Ziel. Er wußte nur, daß er die Straße zum Park von oben gekommen war. Also würde er seine Schritte nach unten setzen.

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