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Gehrisch, Peter: Hans-Theodors Karneval oder Das Federnorakel

ISBN:
3-86660-006-2
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Roman

Gehrischs Dresden-Roman setzt ein mit der Flucht aus dem Bombeninferno - gesehen mit den Augen eines Kleinkindes, dem das Geschehen wie ein mörderischer Karneval erscheint. Absurditäten der Nachkriegsjahre, Schule und Junglehrerdasein in der DejDejEr formen das Bühnenbild für ein erzählerisches Varieté, das gesellschaftlichen und politischen Ereignissen in travestierender Weise Gestalt verleiht - nach der Art barocker Romane.

Peter Gehrisch: geb. 1942 in Dresden, Mitherausgeber der Zeitschrift für Literatur und Kunst OSTRAGEHEGE, lebt in Dresden und Lwówek Śląski

"Peter Gehrisch hat einen närrischen, wunderbaren und poetischen Roman über das Dresden der Kriegs- und Nachkriegszeit geschrieben. Selten wurde die Bombardierung Dresdens so sprachmächtig in einem Bilderrausch beschrieben. Peter Gehrisch konfrontiert die schuldhaften Verstrickungen, die in die Zerstörung mündeten, mit der Unschuld eines unwissenden Kindes, das davon erzählt." (Uta Beiküfner, Berliner Zeitung)

 "Ganz wunderbar ist der genüssliche Sarkasmus von Gehrischs altfränkischem Stil. Der pädagogische Frischling profiliert sich als eifriger Homme à femmes, entdeckt an der Pionierleiterin 'schöne Brustkegel' und testet an ihr 'die Verrenkungsfähigkeit parteieigener Körperteile'. Das vergnügliche Kapitel aus Gehrischs Roman weckt mächtig Lust auf das gesamte satirische Schelmenstück." (Stuttgarter Zeitung)

 "Dieser Roman ist als sprachlich unglaublich opulentes, kluges, komisches, ernsthaftes, wagemutiges Stück Literatur ein würdiges Geschenk an die Stadt Dresden zu ihrem Jubiläum." (Undine Materni, Sächsische Zeitung)

 "Gehrischs Roman zu lesen und dabei einen Kauz durch sein wundersames Leben zu begleiten, ist ein literarisches Vergnügen - zumal in der sprachlichen Eleganz, die dem Autor zur Verfügung steht:" (Michael Hametner, mdr figaro)


Leseprobe:

Hans-Theodor wird durch brennende Straßen getragen, wo er des aberwitzigsten Karnevals ansichtig wird, den man sich vorstellen kann. Dem Inferno entkommt er auf einem Narrenschiff

Eines Nachts – schwere Traumphantasien beherrschten das Kind – reißt es das Schicksal in den Rachen einer unbeschreiblichen Feuersbrunst. Im Nachtkleid, so blau wie der Karnevalshimmel, flüchtig von einer Decke umhüllt, wird es Teil heilloser Hast. In der Obhut von Vater- und Muttertier stürzt es, während die Mauern von Bombenschlägen erbeben, Hals über Kopf von oben über alle Etagen hinunter ins Kellerloch. Der Putz bricht vom Deckengewölbe. Die Glühbirnen flackern, verlöschen. Das, was alle Tage Sicherheit bot, der Raum, das festgefügte Gemäuer, gerät alarmierend ins Wanken. Draußen, über dem Fluchtort, tobt eine unbegreifliche Macht auf Dächern und in den Straßen, brüllt jähes Verderben, rüttelt, rumort, rüttelt, rumort, erschüttert den Schutzort, das Fundament – und jenes noch unter dem Fundament. Ein Crescendo, gewaltig und so elementar, daß die Menschen zu einem klumpigen Etwas verschmelzen, in dem erstickende Herztöne ticken. Klammes Warten, gefolgt von einem Sich-Verkriechen in innerste tiefste Bereiche des Seins, Lähmung, atemlose Ohnmacht wie bei einem Feldtier, über dem der Greifvogel kreist.

Endlich, ehe das Fragen von einem zum anderen fliegt, zieht bedrückende Stille, und in die Stille eine schwache Erlösung in das Verharre-Loch. Die Sirene schickt einen langgezogenen Dehnlaut: Bis auf weiteres ist ein Angriff nicht zu erwarten. Banges Fragen erhebt sich: Ist die Wohnung noch heil? Steht denn das Haus noch über dem Fluchtort? Die übrig gebliebene Welt, wie sieht sie nun aus? – Das Familienhaupt an der Spitze der kleinen Equipe erklimmt die Stufen zum Obergeschoß, durch die von Geisterstille erfüllten Etagen, entlang an tatsächlich noch existierenden Wänden, Staffage, keiner Trugwelt entsprungen, vorgegaukelt von einem Gott, der seine Lust daran hatte, die Toten zu äffen. Der Führer des Ausflugs nach oben, von Fragen genarrt, erklimmt die heil gebliebenen Stufen: Ist das, was ich sehe, kein Traum geendigter Wirklichkeit? Existiert es oder ist an seine Stelle ein Truglicht getreten, der Spott eines Gottes, demjenigen als Gruß zugedacht, der die Eingangspforte ins Land der Toten passiert? Vielleicht spielte dieser Gott mit ihm wie mit Puppen. Vielleicht spielte er überhaupt immer nur Karneval, und dieses Spiel hier war eine Klimax seines Prinzips, jenes carne vale, von dem man Fleisch, lebe wohl sagt. Waren die Menschenvögel nicht genügend mit unterhaltsamem Beiwerk versorgt, und träufelte er nicht fortgesetzt Adrenalin in die Adernstraßen, um ihre Reaktion zu studieren, ihren Krampf, ihr Erstarren? Sicher: Gegen Ende des höllischen Karnevals hatte sich die Absicht zu einer höheren Dosis zu finden, die das Herz galoppieren ließ bis dicht heran an die Grenze zum Großen Tod. Er war der Herr über Fleisch, Leib und Leben, um es ihnen, die lebten – vale! –, wieder zu nehmen. Unleugbar: Die Angst war eine achtbare Schöpfertat.

Eine beflügelnde Neugier treibt den Mosch hinauf, zur Wohnungstür, oben, im letzten Stockwerksgeschoß, gleich unter dem Dach. An seinem Körper das Kind, mit dem Blick durch den Vorsaal hindurch auf den gegen­­überliegenden Schrank, das Gestell mit Papieren und Nippgegenständen. Das Ticken der Wanduhr über dem Sofa scheint überdeutlich im Zimmer zu liegen. Die Möbel, noch unberührt vom Umsichgreifen der Flammen, die vertraute Alltagskulisse, Regale, Gerätschaft, Glas, Porzellan, alles steht herausfordernd da: Ergreift uns, tragt uns hinfort! – Hinter dem Loch, das der Phosphor in den Zimmerboden gefressen hat, entdeckt das Kind den zappelnden Hampelmann, den Kasper, den Teddybären, einen Riesen mit schielenden Augen. Es sieht die Figuren nach oben steigen und bedächtig, sacht, zeitlupensanft, mit dem Feuer Ringelreihn tanzen, das ihre Gesichter ergreift und die Kleiderschöße mit lustigen Leuchtzipfeln schmückt. Daunenleicht treiben die Tänzer gegen die Decke, die, von den Flammenspitzen beleckt, ein bräunliches Blasengebirge entwickelt. Das Kind streckt den Zeigefinger nach vorn in der törichten Absicht, seine Gefährten an sich zu bringen. Aber Feuerrasen und Qualm nehmen ihm wie seinem Lasttier den Atem. Es hustet, bäumt sich, streckt die Hände zum Körper des Muttertieres, das, verzweifelt und starr wie ein Holz, vor dem Luft und Leben verzehrenden Hindernis steht. Die kleine Gesellschaft taumelt zurück, steigt die Stufen hinab, betäubt und ohne die geringste Habseligkeit.





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