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Große, Jürgen: Aus Langeweile

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3-934015-67-0
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Aphorismen, Essays, Fragmente

Jürgen Großes neuer Aphorismen- und Essayband zielt auf die weithin beklagte Sättigung unserer Gesellschaft. Er bringt Erscheinungsbild und innere Spannungen einer zerbröckelnden Lebensform aus Arbeitsethos, Leistungswillen, Glücksverfolg auf den poetischen Begriff. Der Weg dorthin ist die aphoristische Überspitzung aus stets mitfühlender Distanz. Eine Prosa voller Bosheit und Trauer!

Jürgen Große: geb. 1963 in Berlin; Ausbildung zum Setzer und Korrektor, Wehrdienst; später Volontär und Lektor in verschiedenen Verlagen. 1986 – 1992 Studium der Geschichte und der Philosophie, 1996 Promotion, 2005 Habilitation, Lehraufträge für Literatur- und Geistesgeschichte, akademische Gastaufenthalte im Ausland, seit 1998 freier Autor.

"I was impressed by your writing, particularly by the classical concision of your language." (J. M. Coetzee)

"Große zielt diesmal auf das Groteske oder Burleske seines Themas, wenn er Langeweile als den gegenwärtig schon zugänglichen Ertrag der Utopien - der sozialistischen, liberalen, technokratischen - der indutriellen Wachstumsgesellschaft ansetzt. Das alles ist amüsant zu lesen." (Raoul Molina, Philosophisches Jahrbuch)

"Ein gescheites, gut geschriebenes Buch, das sowohl notorische Pessimisten beste Argumente liefert als auch aufgeklärten Hedonisten (wie dem Rezensenten) als Gegengift zum kurzweilig-engstirnigen Spaßterror unserer Zeit Vergnügen bereiten kann." (Michael Schmidt-Salomon, der blaue reiter)

Leseprobe:

Die Natur der arbeitenden Klasse

 Angesichts dessen, was gegen die Langeweile aufgeboten wird, kann es nur eine Langeweile geben, das ist die Zeit, in der alle Aufgebote Platz haben. Als man noch nichts gegen diese Zeit aufbieten mußte, konnte sie Geschichte heißen, doch auch dieser Titel besagt wenig, weil es nurmehr eine Geschichte gibt, die moderne. Was dort geschieht, Modernisierung, zielt aber eigentlich auf die Wiederherstellung des Naturzustandes und kommt aus diesem als eine Art reger Erinnerung, so daß sich sagen läßt: in der Zeit der Geschichte zeigt sich die Natur der Langeweile bzw. die Langeweile der Natur selbst. So wie hier alles einerlei ist, gibt es auch nur eine Klasse und eine Revolution, die den Naturzustand erneuern und erhalten kann: das ist die bürgerliche Revolution, die bürgerliche Klasse, eigentlich: der Mittelstand. Dessen Naturverbundenheit drückt das doppelte Wesen der Revolution aus, sich in der eigenen Zeit zu drehen und dennoch unvorhersehbaren Effekt zu machen; nur der bürgerliche Mittelstand ist naturwüchsig genug, um dieserart zu revolutionieren. Er tut es unaufhörlich, Selbsterhalt und Fremdeffekt sind seine tiefste Natur, es ist eine Bewegung aus der Mitte der Natur über sie hinaus; wegen dieser Revolution in Permanenz ist es gerechtfertigt, ebenso wie bei Geschichte, Zeit, Langeweile, Natur, von der Revolution zu sprechen, alle andern so genannten sind nur ihre Abbilder. Das revolutionäre Um- und Umwälzen durch die bürgerliche Klasse bewährt sich in ihrem geschichtlichen Mittelstand zwischen allem, was von Rente lebt: zwischen den Müßiggängern und dem Lumpenvolk, den Ungeschäftigen wie den Beschäftigungslosen. Beide sind Ergebnis bürgerlicher Arbeit, beide kosten das Wesen der Langeweile, indem sie es von der Mittelklasse fernhalten. Diese läßt die Langeweile unverkostet, gleicht somit der lieben Natur selbst und darf sich auch so fühlen. Außer der Natur ist nichts, also auch nichts Langweiliges, sie besitzt allerdings etwas wie die Fähigkeit, sich selbst zu langweilen und dadurch Existenzen zu erschaffen, die sich von ihr gelangweilt fühlen. Schon dem Großbourgeois, erst recht dem Lumpenproletarier ist der Mittelstand der Natur das wahre und ewige Ebenbild der Langeweile. Der Überdruß, den sie an der bürgerlichen Arbeit empfinden, ist nämlich nichts anderes als die Langeweile am Anblick der unverstellten Natur. Unverstelltheit, Natürlichkeit ist aber das Wesen dessen, der nichts als Arbeit kennt. Er trifft allerdings auf Existenzen, die anderes kennen, und er schafft auch noch solche durch eben diese Arbeit. Das liegt in seinem revolutionären Wesen, daß er sich fremd gegen die Mißachtung wie gegen die Effekte seiner Arbeit – den Adel und den Abschaum, die vorrevolutionäre und die posthistorische Langeweile – stellen muß. (Zum Ende hin werden diese fast ununterscheidbar.) Seine Arbeit, die Modernisierung von Geschichte, Zeit, Natur, wird hier nicht anerkannt, spürt er, um so mehr, als man von ihr lebt. Tatsächlich erwecken die entblößten Lebensbedingungen, wo einer sie fortlaufend erhält und verbessert – eben modernisiert – stets ja die Langeweile, so wie ihr Verlust einen Kummer bringt, dem kein Glück entsprechen konnte. Und weil der Verlust der Natur, der immerschaffenden Bedingung alles Gelangweilten, diesem unendlichen Kummer bringen wird, empfindet alles Gelangweilte bereits jetzt, beim Anblick der bürgerlichen, der revolutionären, der modernen Klasse, unendliche Wehmut.



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