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Rosch, Jens: Jokhang-Kreisel

ISBN:
3-934015-51-4
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Gedichte und kurze Prosa. Mit Zeichnungen von Anna A. Frauendorf

Eine verrückte Mischung aus Burroughs und östlicher Prägung, ein Feuerwerk an Gedankenblitzen! Es sind gerade die Einzelheiten, die hervorstechen, insbesondere, daß die Tibet-Texte im Buch enthalten sind.

Jens Rosch: geb. 1967, studierte Russistik, Mathematik und Erziehungswissenschaften, Lehrauftrag an der Universität Frankfurt a. M., lebt in Berlin und Frankfurt a. M.

"Bestechender Text. Niemals plakativ, eher scheu. Hervorragende Stücke, die in ganz klaren Momentaufnahmen Situationen und Gefühle in einer Art übersensibler Wahrnehmung charakterisieren." (Beate Baum, Dresdner Neueste Nachrichten)

Leseprobe:

Abschied 

 

Das Gold von den Dächern der Tempel wird

         eingerollt & in den Tresoren der Erinnerung

verstaut, um ewig dort im Dunkeln zu lagern.

 

Das Lächeln über den Gesichtern der Hotelfrauen

         nimmt immer wehmütigere Züge an, bald

wird es sich wieder ganz in Arbeit aufgelöst haben.

 

Das Klingeln der Rikschas & Fahrräder fliegt

         besonders schrill durch die Großhirnrinde

dieses sich in immensem Tempo aufbrauchenden Tages.

 

Die Sonne dreht sich so schnell übern Himmel,

         als habe ihr heute Morgen jemand aus

lauter Schmerz einen Fußtritt verpaßt – oje!

 

Die Hitze zwischen allen Reizen des wütend

         fortschreitenden Tages hat ein Niveau erreicht,

daß es die Geduld mit Quecksilber zu überfluten droht.

 

Weiße Wolkenberge türmen sich auf den

         unter ihnen verschwindenden Bergen, so

viel Weiß hat die Welt schon lange nicht mehr gesehen.

 

Die Fliesen des Steinfußbodens jammern ein

         geometrisches Muster in die sonst ach so

gleichgültige, zufällige Ordnung – Bodensatz der Möglichkeiten.

 

Aus den Möbeln des Hotelzimmers treten die

         eingefalteten Träume früherer Bewohner hervor,

es ist die letzte Chance, von hier wegzukommen.

 

Die überflüssigen Gegenstände haben ihr Schicksal

         allmählich erkannt – wer in drei Gottes Namen

will schon Überflüssiges mit sich herumschleppen?

 

Die Telefonleitungen über den geschwungenen Dachfirsten

         der kochenden Stadt zittern vor Erregung, sie

wollen sich von Fremden nichts nachsagen lassen.

 

Das Gold in den Augen der Buddhas wird nun

zu ganz gewöhnlichem Weiß, der Kern aller Bilder

gerinnt in den Unterschied – das Wesen der Metapher.
  


Gedicht für Amsterdam


Wir kamen über die gewundene Autobahn –

         Kaugummi zwischen den stumpfen Zähnen – wir suchten

nach einem Parkplatz im Armenviertel.

 

Wir stolperten über deine Straßenknie,

         die uns den Weg in den Abend zeigten,

an deinen gewundenen Linien glitten wir lautlos dahin.

 

Weit aufgerissene Augen im Zwielicht fremder Gesichter,

         plötzlich waren wir zu Gast in Afrika –

plötzlich dampften auf der samtenen Haut dieser Nacht

 

grelle Farben der Zukunft:  eisig & klirrend

         wehte der Wind durch deine Grachten,

an jenem Abend habe ich freiwillig den Winter geküßt.

 

Eins-zwei-drei, so kam es über mich, diese Augen

         quollen glibbernd aus ihren Höhlen

in der hintersten Ecke des Coffee-shops.

 

Nach dem zweiten Bier dann stimmte der Rhythmus wieder,

         nach dem zweiten Bier war alles wieder gut,

wir zahlten und gingen hinaus in die Nacht.

 

         eines seltsam vertrauten Alltags

warteten wir schweigend auf das Ende der Nachtschicht.

 

Die auf vier Stockwerke verteilte Freude

         einer geistig veredelten Kargheit

sprach zu uns in fremder Sprache:

 

„Hier wurde der Frieden in Mauern gezwungen,

         hier öffnete sich der Marktplatz in die Welt,

hier haben die Epochen nur einen Namen: Amsterdam.“

 

In jener Nacht sollte ich traumlos schlafen

         mit einer gleißenden Harmonie zwischen müden Knochen,

in jener Nacht wurde mein Augenkörper weich wie Wasser.


Der himmelblaue Bagger

 

Es war auf einer dieser Wanderungen, im Sumpfland

         einer üppig erblühenden Natur hörte ich

ein Geräusch wie das Knirschen aneinander reibender

         Himmel: obwohl es Februar war und die Knospen

noch in sich ruhten wie Statuen im gemaserten Stein

         krachte die Landschaft an allen Ecken & Enden

so daß ich Angst bekam, der geformte Eisblock

         meiner Augen könnte schmelzen & davonfließen

ins Gehörlose – war es nicht Nacht inmitten einer

         gleißenden Landschaft, die mit etwas Phantasie

noch die Reste von Sternen auf dem Wasser zucken ließ

         während Mückenlarven schnell abtauchten in

die geschützten Regionen? Hier war das Sein eine Pfütze

         feucht & geduldig mit der Wiese verwoben

deren Weitläufigkeit den Atem an die Tiefe eines

         Raumes ohne Sauerstoff erinnerte, wo der Puls

kreisender Flüssigkeiten auf die chemischen Hilfsmittel

         der Katalyse angewiesen ist. Dichter in dürftiger

Zeit, so dachte es in mir mit der Stimme eines

         Mondes in Plastikketten, fast hätte ich sie für

den Synthesizer gehalten, der des Abends mein Gedächtnis

         zum Sprechen bringt auf der Langwelle heran-

drängenden Schlafs. Nichtsdestotrotz siedete ein

         Gedanke in der Ritze zwischen meinen Sinnen

und fragte den Mond nach der Herkunft seines Lichts!

         Da keine Antwort die Idylle der Bilder

störte, setzte die Frage sich fest im metaphysischen

         Rahmen des Frühlings, der gut & gerne auch

ein Herbst ohne Geruch & Geschmack hätte sein

         können. In jenem Augenblick schlug ich die

Augen auf, welche die ganze Zeit über in ledernen

         Hautkapseln gegen Wind & Wetter gesteckt hatten

und sah einen himmelblauen Bagger in der strahlenden

         Landschaft vibrieren, mit seiner eisernen Schaufelhand

glich er dem Geist von Captain Flint, dem Bewacher

         des Schatzes der einarmigen Banditen in den

Kneipen des mechanisierten Jahrhunderts. Ich dachte –

         was gräbt der sich hier ins Schilf ein, so

sinnlos & selbstmörderisch, immer noch auf der Suche

         nach dem Nibelungenschatz, der doch lang schon

aufgeteilt ist unter die Geldströme? Da sah ich

         plötzlich eine Blaskapelle spielen, mitten auf der

Wiese im Wasser – ein Schwanenpaar wiegte die Hälse

         in der Art zahnloser Königskobras, eine Kirmes

der motorisierten Gespenster brodelte im Naturreservat

         des technisch hochgerüsteten Geistes. Mit dieser

Maschine also beackern sie die Träume der Menschheit

         wo das Erdreich in Schichten übereinander liegt

und beschwören den Kosmos mit all seinen totgeborenen

         Kometen: so knirschte es in mir an jenem Mittag

im Sumpfland einer noch nicht ganz erblühten Landschaft

         mit Schwärmen von Mücken im Bauch eines Planeten

der von den verschiedensten Gesellen durchwandert wird.

Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Homepage zu diesem Autor.
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