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Oehme (Hg.), Anja: Oxymora

ISBN:
3-934015-13-1
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Salongespräche: Zeitpunkte und Augenblicke

Sind es nicht gerade jene seltenen Erscheinungen, denen das Leben uns aussetzt, um sie zu einer Reihe unvergessener Augenblicke zusammenfügen und bloße Zeitpunkte der eigenen Erinnerungsfähigkeit abhanden kommen lassen? Zahlen und Namen mögen in Vergessenheit geraten. Die Anordnung der Details wird unwichtig. Die Adjektive aber, jene Augenblicke zu umreißen, überdauern. Die folgenden Texte entstanden, um zum ersten Sommersalon der Zschopauer Akademie am Wochenende des 20. zum 22. August 1999 vorgetragen zu werden. Was auch tatsächlich geschah. Nach anfänglichem Zögern hatte sich ein kleiner Kreis zusammengefunden, um zu erzählen oder kritisch zuzuhören. Was bewegt uns nun, die Salongespräche zu veröffentlichen und gar noch unter dem Titel "Oxymora" zusammenzuheften? Ist es der eitle Versuch, mit traurigfrohem Auge die Zeit auf Punkt und Komma zu bringen? Im Helldunkel der gesellschaftlichen Pluralität bittersüße Erinnerungen zu konservieren? Wollen wir laute Geheimnisse beschwören? Welcher stumme Ruf hat uns ereilt? Geschieht es, der Vergänglichkeit, unserer süßsauren Haßliebe, Ausdruck zu verleihen? Auch wenn der heilige Zorn der Leser uns entgegenschlagen sollte: Hüllen wir uns in beredtes Schweigen und eilen mit Weile dem nächsten Salon entgegen! – Mit brennender Geduld, versteht sich!

Der Band enthält folgende Beiträge:

Stefan Neumeier · Zwölftonmusik für Anfänger
Viktor Kalinke · "Denn was kann uns leiten durch dieses zweydeutige Leben und Sterben" - Eine kurze Persönlichkeitspsychologie Friedrich Hölderlins anhand seiner Gedichte
Tobias Walke · Das geliebte Auge am Metronom
Robby Oehme · Neuseeland: Leben und Landwirtschaft am Ende der Welt - Ein Reisebericht

Anja Oehme (Hg.): geb. 1971 in Zschopau, Studium der Erziehungswissenschaften an der Universität Tübingen, Studium des Lehramtes an Förderschulen an der Universität Leipzig, 1998-2002 Begleitforschungen für das Modellprojekt „Take Off - Jugendwerkstatt für Schulverweigerer“ der Zukunftswerkstatt e. V. Leipzig unter Leitung von Herrn Prof. Mutzeck, lebt in Dresden

Leseprobe:

Viktor Kalinke

Denn was kann uns leiten durch dieses zweydeutige Leben und Sterben*

Eine kurze Persönlichkeitspsychologie Friedrich Hölderlins anhand seiner Gedichte 

Auffällige Persönlichkeitszüge sind jedem Menschen in einem gewissen Maße eigen, durch sie zeichnet sich sein Charakter aus, sie evozieren jenen Eindruck, über eine Iden­tität, ein ab­grenz­bares Besonderes innerhalb der sozial geteilten Le­bens­welt, zu verfügen. Ob­wohl ideosynkratische Mi­schun­gen und Ver­kantungen der Eigenschaften die Ent­faltung von Ori­gi­na­li­tät fördern mögen, besteht nicht unbedingt eine Kor­res­pon­denz zwi­schen dem Werk und dem Charakter seines Schöp­fers – in Kontrast zum Volksmund, der das Gegenteil behauptet: Anhand des Werkes lasse sich auf den Schöp­­fer schließen und umgekehrt. Die pedantischen Manie­ris­men Immanuel Kants bei­spielsweise wer­den in Be­zie­hung gesetzt zur akribischen Systematik seiner Schriften; die Freiheit des abstrakten Denkens in ihnen gerät dabei unter den Tisch. Norbert von Hellingrath, Herausgeber der kritischen Werkausgabe von 1913–23, der im Umkreis Stefan Georges Hölderlin wiederentedeckte und die Renaissance seiner Rezep­tion einleitete, brachte das Verhältnis von Leben und Werk in Analogie zur Stimme und Gebärde eines Redenden:

„Bald scheinen uns die Worte, bald die Gebär­de mehr zu sagen, das Leben ist ganz erfüllt und aufgesogen vom Werk, und das Werk ist das Leben.“

Denkbar wäre es, die Eigenwilligkeit Hölderlins aus Erleb­nis­sen während seiner Kindheit abzuleiten: Im Jahre 1770 geboren, verlor er im Alter von zwei Jahren seinen Vater, der als Verwalter eines Klosters gearbeitet hatte. Zwei Jahre später heiratete die Mutter erneut, den Bürgermeister Nürtingens, Kammerrat Gock, der bereits 1779 starb. Von den Halb­geschwistern Hölderlins erreichte Karl Christian Friedrich Gock das Erwachsenenalter. „Er hatte einen kleinen Po­sten auf dem Lande, der seinem Geist nicht angemessen war. Ihm gegenüber hat sich Hölderlin immer als Mentor, als er­ziehender Geleiter, gefühlt, aber er hat ihn auch zum Vertrau­ten genommen.“ schreibt Rudolf Leonhard in seiner Höl­der­lin-Einführung. Aus heutiger Sicht ist anzunehmen, daß Hölderlin in frühem Alter parentifiziert wurde: In den bitteren, von einer hohen Sterblichkeit gekennzeichneten Umständen stand er der zweifach verwitweten Mutter als Unterstützer zur Sei­te, aber auch als Hoffnungsträger, den sie – idealisiert –  liebte und für Höheres bestimmte. Ab 1784 schickte sie ihn in theo­­logische Seminare, zunächst nach Denkendorf, später nach Maul­bronn und Tübingen. Ein parentifiziertes Kind, das früh­zei­tig die Härte des Alltags zu spüren bekommt, ist als Erwach­sener in besonderem Maße der Gefahr ausgesetzt, in einer ernsten, von überhöhten Erwartungen getragenen Liebe sein Heil zu suchen, ohne daß Albernheit und Spiel den zahlreichen realen Enttäuschungen ihre Schärfe nehmen, sie statt­des­sen mit Charme ausstatten können. Doch folgt daraus, daß eine solche „Mitgift“ zwangsläufig in den Wahnsinn führt? Würde sie nicht vielmehr Resignation nach sich ziehen? Oder das verspätete Erlernen von Humor, der dem all­ge­gen­wärtigen Lebensernst fortlaufend als Herausforderung gegenübertritt?

Stefan Zweig erklärt das Verrücktwerden Friedrich Höl­der­lins durch das Wirken eines Dämons, oder besser, des Dä­mo­nischen, womit er die nach Transzendenz schreiende Un­ru­he meint, die jedem Menschen eingeboren sei. „Je schwä­cher die Kraft in ihm wird, sich zusammenzuhalten, um so stär­ker springt aus den Nerven der zuckende Dämon. All­mäh­lich wird Hölderlins Sensibilität krankhaft... Und dieser dä­mo­nische Brand beruhigt sich nicht eher, bis das ganze Innere Hölderlins ausgebrannt ist und nichts mehr bleibt als das geschwärzte Gerüst seines Körpers, in dem der Dämon nur jenes Göttlich-Fremde nicht zu zerstören vermag, die Musik, den Urrhythmus, der von seinen unbewußten Lippen noch weiterflutet... Aber immer wütiger bricht der Dämon aus dem Kranken: das Absterben der Vernunft ist mit tobsüchtigen Anfällen begleitet, die Flamme, ehe sie ganz erlischt, schlägt noch gefährlich auf.“ (S. 109 ff.)

Im folgenden möchte ich versuchen, die innere Logik der Lebensgeschichte Höl­derlins zu rekonstruieren, ohne mich auf einen Dämon zu beziehen. Die Ge­dich­te, vor al­lem die frühen, in denen er seine Form aus­pro­bierte und ge­wann, und wohl auch der Hyperion und Empedokles, er­lau­ben augen­­schein­lich einen Rückschluß auf ihren Verfasser, ver­­eint er in seiner Dichtung doch Her­zens­bildung und Idealis­mus; er ist nicht fähig zu schreiben, was er nicht auch im Innersten empfunden hat. Hölderlins Sprechen klingt der­art rhythmisch klar, daß er darin auch Win­kel­züge der eigenen Person preisgibt...



* Susette Gontard an Hölderlin, Anfang März 1799




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