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Rachowski, Utz: Beide Sommer

ISBN:
978-3-86660-121-5
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Zwei Erzählungen und drei Essays

Beide Sommer: 13. August 1961 und 21. August 1968.

In zwei Erzählungen, die lange vergriffen waren und hier in einem Band vorliegen, schildert Utz Rachowski den Tag des Baus der Berliner Mauer aus der Sicht eines siebenjährigen Jungen, der weitab vom Geschehen in der Provinz lebt und dessen Familie an diesem Ereignis zerbricht. Sieben Jahre später funkt noch einmal und endgültig die Weltgeschichte in die Idylle dieser Kindheit: Panzer zerschlagen den "Prager Frühling".

In drei Essays beschäftigt sich der Autor mit der Verführbarkeit von Intellektuellen durch totalitäre Herrschaft sowie mit Verfolgung und Solidarität in den Zeiten von Diktatur. Er hinterfragt das Zusammenspiel der Begriffe von Heimat und Exil anhand der eigenen Biografie.

Utz Rachowski: geb. 1954 in Plauen/Vogtland. Er wurde aus der "Freien Deutschen Jugend"ausgeschlossen und machte danach eine Elektrikerlehre und leistete den Grundwehrdienst. 1977 machte er sein Abitur und studierte zwei Semester Medizin in Leipzig. Danach arbeitete er ein Jahr als Heizer. Er wurde wegen "staatsfeindlicher Hetze" (Vervielfältigung und Verbreitung eigener Texte sowie von Texten von Jürgen Fuchs, Wolf Biermann und Reiner Kunze) verhaftet und zu 27 Monaten Gefängnis verurteilt. 1980 wurde er dann schließlich ausgebürgert und studierte daraufhin Kunstgeschichte und Philisophie in West-Berlin und Göttingen. Heute lebt er in Berlin und im Vogtland. Er erhielt u.a. neben einem Alfred-Döblin-Stipendium den Andreas-Gryphius- und den Eduard-Mörike-Förderpreis. Seit März 2006 setzt er die Mitgliedschaft im re-aktivierten P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland (Centre of German-speaking Writers Abroad) fort.

"Rachowskis Essays, Reden und Gespräche lassen in ihrer Klarheit und couragierten Kompromißlosigkeit keine billige Geschichtsvergessenheit zu." Hans Joachim Schädlich

Leseprobe:

Der Heidelbeerwald

Jetzt ist der Kaffee fertig, und Mutter, morgen Geburtstagskind, hat schon das gute Service aus dem Wohnzimmerschrank genommen, und es schien mir, als wäre sie dabei leiser aufgetreten, als sie Tassen, Teller und Kanne durch das Zimmer trug. Als sie unseren Tisch erreichte, schien sie zu schweben.

Ich nehme eine der federleichten Tassen, drehe sie um, sie schwebt in meinen Händen wie der leise Schritt meiner Mutter über dem Boden, die Unterseite nach oben, aber noch während ich das Bild der hellblauen, ge­kreuzten Schwerter unter der Königskrone zu enträtseln suche, schreit der ganze Tisch auf, wie mit einer Stimme, ich solle sofort die Tas­se hinstellen. In diesem Moment unter diesem einzigen, Schrei, bei­nahe, hätte ich sie wirklich fallen lassen.

Lasst den Jungen in Ruhe, er hat Ferien, sagt meine Großmutter, die gerade das Wohnzimmer betritt. Vor sich her trägt sie eine schwere Steingutplatte, auf der Heidelbeerkuchen liegt, aufgeschichtet zu einer Pyramide.

Na klar, du wieder musst ihn in Schutz nehmen.

Sagt mein Vater.

Die letzten in diesem Jahr, sagt meine Großmutter und ignoriert den Einwurf meines Vaters, gestern haben wir den ganzen Tag gebraucht, um so viele für euch zu pflücken. Aber wir haben ja unseren Heidelbeerwald, dort finden wir immer noch welche, sagt sie und blin­zelt mir zu.

Ich muss noch schweigen und sitzen bleiben. Wenn die Erwachsenen reden, darf ich Kakao trinken aus einer der leichten Tassen aber vor­sichtig und vom Heidelbeerkuchen essen, soviel ich will: Und darf träumen, soviel ich will.

Mein Vater sagt: Mit Salz und Brot haben sie uns begrüßt. Und Blumen haben sie auf unsere Panzer geworfen, in der Ukraine.

Mein Vater ist auf dem Vormarsch. Onkel Rudi sagt nichts und spielt mit seinem großen, goldenen Ring an der rechten Hand. Er ist Friseur, hat ein eigenes Geschäft in Leipzig, er ist reich und spielt den Über­legenen mit seinem Ring.

Irgendwie und irgendwoher verdankt er seinen Reichtum mehreren Säcken mit „europäischem Menschenhaar“, einer Beute, die er aus dem Krieg mit nach Hause brachte. Seine Perücken, die er selbst knüpft und dann verkauft und die besten Stücke zur Faschingszeit verleiht, sie haben ihn reich und überlegen gemacht.

Irgendwie und irgendwoher.

Im Krieg war er Fahrer eines „Sankra“ und nicht Feldwebel, wie mein Vater. „Sankra“ heißt „Sanitätskraftwagen“ – erklärte er mir, als ich vor einem Jahr in die Schule kam.

Während Vater spricht und Onkel Rudi an seinem goldenen Ring dreht, sieht Onkel Herbert unter den Tisch. Er hat keine Feld­webel­uniform getragen und kein Menschenhaar erbeutet, er hat ein kurzes und ein langes Bein, und alle sagen zu ihm: Na du, du warst ja aus­gemustert. Das ist alles, denn er durfte nicht teilnehmen am Krieg wie Vater und Onkel; sein Blick trifft sich unter dem Tisch mit dem von Tante Hilde, seiner Frau, die einen kleinen Buckel bekommt, wenn sie so ge­krümmt auf ihrem Stuhl sitzt und unter den Tisch schaut, an dem es für sie nichts zu erzählen gibt.

Aber ich muss sitzen bleiben und darf essen und trinken, soviel ich will.

Und träumen.

Großmutter schenkt mir noch eine Tasse Kakao ein, ungefragt, aus der großen, zerbrechlichen Kanne, und ich nehme mir noch ein Stück vom Heidelbeerkuchen.

Meine Tasse ist jetzt leer, und meine Großmutter schaut nicht herüber zu mir, aber meinem Vater mitten ins Gesicht. Da trinke ich lieber nichts mehr und bin auch satt vom Kuchen und träume jetzt lieber.

Zuerst träume ich immer, was ich weiß, später kommen die richtigen Träume. Ich weiß, dass, während Onkel Rudi, der Friseur, und Vater, der Feldwebel, in ihrem Krieg waren, die Frauen, die Schwestern, Mutter, Tante Hilde und Tante Margarete, ihre kranke Mutter aus Plauen gerettet haben. Aus dem zerbombten, brennenden Plauen. Mit einem Handwagen über die zerstörte Autobahn. Bis nach Reichenbach, wo die Heidelbeerwälder stehen und Großmutter auf sie wartete. Das habe ich abgelauscht bei früheren Familienfeiern, aber nicht viel mehr, nichts Genaues, und so träume ich jetzt lieber etwas anderes, vom Sommer draußen etwa, dem Garten meiner Großmutter, der die ganze Zeit, während ich im Zimmer bleiben und schweigen muss, seine Geräusche wie einen sanften Ruf durch das weitgeöffnete Fenster des Wohn­zimmers schickt.

Oder ich träume von dem riesigen blauen Nachtfalter, der gestern früh, als wir ganz zeitig aufstanden, um die Heidelbeeren zu suchen, zwischen den Speichen des Fahrrades meines Bruders saß. Und den ich gefangen und in eine mit Laub und Gras gefüllte Kiste getan habe, die jetzt draußen im Garten an einem schattigen Platz steht. Mit einer Glasplatte abgedeckt, die Spalten der Holzkiste mit Kitt verklebt.

Aber Großmutter sagte, ein Nachtfalter brauche keinen Schatten, sondern die Nacht und kein Laub und kein Gras.

Geh ruhig hinaus, sagt meine Mutter, jetzt, in den Garten, wenn du willst, aber lauf nicht zu weit fort.

Ich höre beim Aufstehen und Hinausgehen noch, wie meine Großmutter sagt: Da hätte sich dein Großvater im Grab umgedreht. Aufs Gymnasium wolltest du nicht, weil sie da so komische Mützen tragen, aber zur SS bist du gegangen, weil du ein Deutscher sein wolltest. Das hat dir ja nicht gereicht: ein Staatenloser, der aus Polen kommt. Ein Polacke. Dann hast du das Land überfallen, in dem du geboren wurdest, und später noch ein paar andere. Dein Großvater hätte dir eine runtergehauen, der wusste immer, wo er hingehörte.

Vielleicht hat mich Mutter hinausgeschickt, weil sie weiß, was kommen wird, wenn Großmutter vorher so schweigt.

Im Garten herrscht der August mit seinen Blumen, den leergefegten Beerensträuchern und den Vogelstimmen darüber, den reifenden Luisen und Klapslieblings. Die Auguster aber sind noch nicht reif, manchmal liegt schon einer im Gras, aber den nehme ich nicht, den hat der Wurm vom Baum geholt, würde Großmutter sagen.

Jetzt muss ich nicht mehr still sitzen und schweigen, sondern darf laufen und springen und könnte, gäbe es jemanden, der mir zuhören würde, reden, soviel ich will. Aber mein Bruder ist schon groß und an die Ostsee verreist, in ein Ferienlager, und meine Freunde sind heute ins Freibad gegangen, nur ich muss daheim bleiben, weil die Tanten und Onkel gekommen sind und Mutter morgen Geburtstag hat.

Morgen ist Sonntag, und morgen gibt es einen Ausflug zum Waldsee. Vorigen Sommer sah ich, wie eine Ringelnatter dort mitten am Tag über das Wasser schwamm. Wir werden zu essen mitnehmen und am Ge­burts­tag meiner Mutter ein großes Picknick machen, wie in jedem Jahr. Und fahren werden wir in dem neuen, weißen Sportcoupé von Onkel Rudi und Tante Margarete, einem Auto, wie es sich in unserer Stadt niemand leisten kann, nur jemand aus Leipzig, der im Krieg Beute machte. Und wenn ich richtig gerechnet habe und weil Onkel Rudi sowieso zweimal fahren muss, weil wir acht Personen sind, kann ich ihn vielleicht überreden, dass er mich zweimal mitnimmt. Dann wäre ich entschädigt für dieses Kaffeetrinken heute Nachmittag.

Aber weil es jetzt doch keinen gibt, mit dem man darüber reden könnte, über „Brot und Salz“ zum Beispiel oder „europäisches Men­schenhaar“ oder wie Plauen ausgesehen haben mag, als es brannte, gehe ich hinüber zu der Holzkiste, in die ich gestern den Nachtfalter gesetzt habe.

Ich nehme die Glasscheibe herunter und stochere mit einem Zweig zwischen Gras und Laub herum. Der Falter war blau, mit silbernen Pünktchen auf den Flügeln, breiter als meine Hand, die Schönheit selbst, wie meine Mutter ausrief, als ich ihn ihr zeigte, wie er da in den Speichen des Rades schlief.

Und die Freiheit selbst, sagte meine Großmutter, die uns dabei über­raschte. Der muss frei sein.

Nein, sagte ich, den will ich haben.

Aber jetzt, wo ich endlich Zeit habe, finde ich ihn nicht, er scheint verschwunden zu sein. Ich schütte die Kiste um, verteile vorsichtig das Gras auf der Wiese, streiche das Laub auseinander, untersuche genau die Ritzen der Kiste, aber die sind dicht, die Bretter fest miteinander verzahnt, die Fugen mit Kitt verschmiert. Wie er herausgekommen sein soll, weiß ich nicht. Er bleibt verschwunden.

Was für ein Tag, sage ich laut und laufe zurück ins Haus, um von dem Unglück zu berichten.

Als ich ins Zimmer komme, ist Onkel Rudi schon auf dem Rückzug.

Ich gebe Vollgas, sagt er gerade, und mit dem „Sankra“, gib ihm, aufs freie Feld, wo die beiden liegen, eine Kugel zerhaut mir die Frontscheibe und ein Splitter das linke Zwillingsrad. Ich raus, die beiden, gib ihnen, hintendrauf, und mit Vollgas zurück. Haben überlebt, die beiden.

Jetzt sagt keiner was, und ich stehe allein mit meiner Nachricht. Was ist denn, zischt mein Vater, da sage ich nichts, auch Großmutter und Mutter nichts und laufe zurück in den Garten. Ich klettere auf einen der Birnbäume, und, wäre jetzt jemand hier, mit dem man reden könnte, oder einer wäre mir aus dem Zimmer nachgelaufen, würde ich es nicht anders tun als jetzt: stumm sitzen zu bleiben, zwischen den Ästen, einen Fuß frei, in der Luft baumelnd, den anderen in der obersten Baumgabel abgestützt. Bis in die beginnende Dunkelheit hinein, bis Großmutter oder Mutter sich meiner erinnern, wenn es längst zu spät ist, und nur weil das Abendbrot auf dem Tisch steht.

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