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Chabias, Nina: Guttapercha des gänsehäutigen Gehänges

ISBN:
978-3-86660-042-3
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Gedichte. Aus dem Russischen von Henrike Schmidt. MIt Zeichnungen von Djamal Djumabaeva

Die Legende kürte Nina Chabias zur Dichterin der Moskauer Kutscher, die ihre Verse angeblich hinter heruntergelassenem Verdeck lasen. Mit brutaler Offenherzigkeit schildert sie körperliche Liebe aus weiblicher Perspektive: die Lust an der Unterdrückung, an der halluzinatorischen Droge Sex. Diese Entschleierung schreckt vor einer Entlarvung des Sexuellen in den weltanschaulichen Systemen - des Christentums wie des Kommunismus - nicht zurück. Der religiöse Charakter der Sexualität und das sexuelle Erregungsmoment des Religiösen werden aufeinander projiziert in Versen erduldeter Gewalt und Ekstase. Chabias operiert mit einer durch die politischen Katastrophen verstümmelten, zerrissenen Sprache, die das Universale, "Transrationale" anstrebt. Mitunter den Verfechtern einer gegenstandslosen Kunst, den Bespredmetniki, zugeordnet, bewegen sich die Gedichte der Chabias doch um den einen, unausweichlichen Gegenstand: den menschlichen Körper.

Nina Chabias (Komarowa-Obolenskaja): geb. 1892, Mitglied im Allrussischen Dichterverband SOPO, 1922 Beschlagnahmung ihres in wenigen Exemplaren veröffentlichten Gedichtbandes “Stichetty“ (Versette), in den 30er Jahren mehrmals verhaftet und verbannt, starb Anfang der 40er Jahre an unbekanntem Ort

"Selbst Kennern der russischen Lyrik sind Name und Werk der Dichterin Nina Chabias (1892–1943) wenig vertraut. In Russland erschien erst 1997 eine repräsentative Sammlung ihrer Gedichte.17 Als Nina Komarova in einer Moskauer Adelsfamilie geboren, absolvierte sie das Smol’nyj-Institut, eine höhere Bildungseinrichtung für adlige Töchter, war während der Bürgerkriegsjahre 1918/19 in Sibirien und tauchte 1920 wieder in Moskau auf, wo sie als Nina Chabias in literarischen Kreisen auftrat. Mit ihren vor Erotik knisternden Versen handelte sie sich den Spitznamen „Gräfin Pochabias“ (Schamlos) ein. Sie heiratete mehrere Male und lebte mit dem Imaginisten Ivan Gruzinov in wilder Ehe. Er veröffentlichte ohne Genehmigung der Zensur 1922 im Selbstverlag ihre Versette. Beide kamen für zwei Monate ins Gefängnis, weil ihre Verse als obszön und pornografisch galten. 1924 und 1928 erneut kurzfristig inhaftiert, wurde Nina Chabias 1937 wegen „antisowjetischer Agitation“ in ein Arbeitslager gesteckt. Die radikalen Futuristen David Burljuk und Aleksej Kručёnych waren die Lehrer der Dichterin, die Verfahren der Futuristen und Imaginisten aufgreift, einerseits die innovative, häufig transrationale Wortschöpfung durch Zusammenfügen, Auseinanderreißen und Verschieben, andererseits das Aneinanderreihen von Bildern unter Verletzung der syntaktischen Norm. Viele Gedichte des Bandes Guttapercha des gänsehäutigen Gehänges zeigen, dass die Chabias Profanes und Religiöses, Körperliches und Geistiges ohne jede Hemmschwelle verbindet. Sie entdeckt die sexuellen Erregungsmomente der Religion und den religiösen Charakter der Sexualität. Sie bietet ihren Körper mit allen Formen und Falten dar – Rücken und Schultern, Haut und Haar, die Knie, die Finger, die Brüste, die Hüften, den Mund und die Scham." (Karlheinz Kasper)

"Dass hier nicht die literarischen Ergüsse eines die Avantgardeszene der 20er Jahre heimsuchenden Vamps, sondern ernstzunehmende Dichtung präsentiert wird, betont der wissenschaftliche Apparat, in den die Gedichte eingebettet sind. Die voyeuristische Vorfreude des auf den „rätselhaftesten und zugleich anstößigsten“ Namen der russischen Literatur gespannten Lesers dämpft vor allem das Nachwort der Übersetzerin Henrike Schmidt, einer bekannten, derzeit an der Freien Universität Berlin tätigen Slavistin ... Die Chabias schreibt von Körpern und der Liebe der Körper - doch schreibt sie weniger von der Lust, als von der Qual der Liebe. Und sie schreibt von der Lust der Qual: Der weibliche Körper, den die Chabias „in all seinen Formen und Falten“ nachzeichnet, durchläuft in den Gedichten des Bandes Stichetty einen erotischen Kreuzweg, an dessen Stationen Schmerz, Tod und Lust, Körperliches und Geistiges, sexuelle und religiöse Ekstase ineinander verschmelzen." Anne Krier (novinki)

 "Durch die erotisierte Körpersprache inszeniert sie sich als eine Frau, in der sich sexuelle Lust und Gottesliebe, Sündhaftigkeit und Reinheit der Seele verbinden, die ihre Jugend genießt und vor dem Altern nicht zurückschreckt. Henrike Schmidt, Herausgeberin und Übersetzerin der ersten deutschsprachigen Chabias-Ausgabe, hat es verstanden, die verschobene und agrammatikalische Syntax sowie die klangliche Gestaltung durch Alliterationen und Assonanzen, die für diese Lyrik maßgeblich sind, stimmig wiederzugeben." Karlheinz Kasper (Zeitschrift Osteuropa)


Leseprobe:

И ты Господи стал военкомом
Прислал мне пшеничный мундштук
Ты один мной неодеванный
Генеральный штаб сюртучок
Ты едва политруком не хлюсил
Улюлатя тючку слюны
Господи прийми бесплатно
Вытяжку семенных желез.

1921.


Auch du oh Herr wurdest Kriegskommissar
Schicktest mir ein weizenes Mundstück
Du allein bist von mir ungetragen
Generalstab Gehröckchen
Hättest dich fast zum Politruk gespeichelt
Speiend eine Spucke Spur
Oh Herr, nimm geschenkt
Das Extrakt der Samendrüsen.

Anmerkungen:

1) Kriegskommissar: Im russischen Original „Wojenkom“. Woenkom meinte nicht nur die Militärkomitees, sondern auch die „(Kriegs)Kommissare“ der oberen Armeeeinheiten (Regimenter, Divisionen, Stäbe), die als Vertreter von Partei und Staat für die politische Kontrolle der Offiziere (zunächst meist noch ehemalige Angehörige der Kaiserlichen Armee, die als sog. „Militärspezialisten“ in die Rote Armee eingetreten waren und als „unzuverlässig“ galten) zuständig waren. Die Politruki waren in ähnlicher Funktion den militärischen Führern der unteren Armeeeinheiten (Kompanien, Batterien) zugeordnet (Dank an Nikolaus Katzer für diese Information). Chabias benutzt hier, vermischt mit religiösen Nuancen, den „nowojaz“ – die neue Sprache der sowjetischen Ideologie.

2) Das russische Original „mundschtuk“ kann sowohl „Mundstück“ im Sinne einer Zigarettenspitze als auch „Kandare“ bedeuten. Angesichts der vielfältigen Bezüge in den Gedichten zur Welt des Kreatürlichen und der Selbstbezeichnung der Dichterin als „Stute“ ist hier eine Überlagerung der beiden Bedeutungsebenen zu vermuten, die in der Übersetzung nicht wiedergegeben werden kann.


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