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Kalinke, Viktor: Indianer im karierten Hemd

ISBN:
3-934015-05-0
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Gedichte. Mit Zeichnungen von Marion Quitz

Doppelbödige Texte zwischen Ironie und Endzeitstimmung, artistisch-schalkhafte Improvisationen, Spagat zwischen existentialistischer Gedankenlyrik und lautakrobatischen Übungen.

Viktor Kalinke: geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Mitbegründer der Edition + Galerie Erata, Promotion, Professur, lebt in Leipzig.

"Originelle Stoffe, selten abgegriffene Metaphern. Mir gefällt der ungestockte Atem der Sprache des Autors. Man merkt auch, daß er sich im fortwährenden Schreibfluß bewegt." Grit Dias de Arce

"So stellt man fest, daß bei der jüngsten Generation das größte Maß an Epigonalität anzutreffen ist, denn hier tönt der Grünbein-Stil und guckt die Kling-Worttechnik fast hinter jedem Vers hervor. Positiv hebt sich davon aber das flotte und witzige Frankfurt-Porträt von Viktor Kalinke ab." Jürgen Egyptien, literaturkritik.de

"In Kalinkes poetischen Diskurs jagt eine unverhoffte Wendung das andere überraschende Bild, stets kommt es anders, als erwartet, sehr erfrischend und eindringlich." Franz Hodjak


Leseprobe:

Gras

 

Wir verdanken dem Gras mehr

als ein Fußballfeld / Gras

wird oft übersehen / flüssiger

Stein füllt die Erde / Gras

wächst unter dem Vorsprung

den erkaltende Lava hinterläßt / leicht

läßt es sich tragen vom Wind

ans Ufer des vergessensten Eilandes

ein Regenguß richtet es auf / es wächst

zu unseren Füßen / kaum daß wir

es achten / jeder Fußballer rechnet

mit seiner Dichte / jeder Bauer weiß

seine Kraft zu schätzen / es kitzelt

den Nacken / während die Füße

in Gladiolen liegen / Tiere kauen es

Stunde für Stunde / Kinder rauchen es

am Lagerfeuer / Erwachsene schneiden es

mit Mühe kurz / damit es sich emporreckt

 


Die Krähen

 

Am steinigen Ufer hockend

sehnen sie sich zurück

in ferne Nester / niemand

hat sie darin besucht

 

Im modrigen Schlamm wühlend

picken sie spärliche Früchte

heraus / die Bauern im Frühling

fluchen auf sie

 

Welch ein Triumph wohnt

in ihrem schwarzen Kleid

welch eine Zauberkraft / wenn sie

der Medizinmann in die Suppe wirft!

 

Das Feuer glimmt nicht mehr

erschreckend vor den Menschen

hüpfen sie / fliegen davon

so wachsen sie mir ins Herz

 

Fliehend vor den Kanonen

der Blicke und Begierden

den Pfeilen der Straße

können sie sich retten

Wie hebt sie der Flug

über die Stadt / sie landen

auf Dächern / wo Ruß sich

mit ihnen verwandt fühlen darf

 

Sie kehren zurück auf Äste / düster

herrscht der dunkle Vogel / kreischend

trösten sie den Wind / bringen

zum Lachen die traurigen Flüsse


Rauschen

 

Sie fahren in Motorbooten

bewegungslos und stumm

über die Seen

 

Sie fahren in Motorbooten

ohne Willen und Träume

über die Himmel

 

Sie fahren ohne Ziel

kalt und weiß

wie das schnelle Vergessen

 

Blitzend als graue Delphine

springen sie über die Seen

springen sie über die Himmel


Einmal werden

 

Wir Indianer

im karierten Hemd

hüsteln an den Schleusen

zu anderen Räumen

wo die Gräser verstummen

und die Düsenjäger

wenn wir eintreten

in die Erinnerung an den Tod

 

Täppisch trampeln wir

auf taufrischen Pfaden

stampfend besteigen wir

schweigende Hügel

 

Einmal werden wir wünschen

wieder Indianer zu sein

das karierte Hemd flattert

als Skalp an den Gerippen

der Bäume und der Raketen

an den Schleusen werden wir

wiedertreffen den Tod

die ausgerotteten Brüder

Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Homepage zu diesem Autor.
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