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Colic, Velibor: Bei Alberto

ISBN:
978-3-86660-068-3
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Roman. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer

Colics Wurzeln in seiner Heimat Bosnien sind genauso spürbar wie ein französisches Weltbürgertum. In Albertos Kneipe treffen sich Verlierer und großherzige Clochards, auf dem Bahnhof Poe in der fiktiven Stadt Narseille, irgendwo zwischen Sarajevo, Dubrovnik und Marseille.

Krieg und Tod werden gleich zu Beginn als etwas angekündigt, das sich später ereignen wird, als Katastrophe, die auf brutale und tragische Weise auch das Schicksal der "Kinder vom Bahnhof Poe" kennzeichnet. Sie hängen zwischen den Wänden der Kneipe herum, in der man Jazz und Rock hört, Majakowski, Baudelaire und Bukowski zitiert, im Viertel der Ausländer, Einsamen und Verrückten, eine groteske Gesellschaft von Trinkern, Junkies, Kranken, Betrügern und Huren verschiedenster Hautfarbe und Nation. Manchmal klingen sie wie Tom Waits, gelegentlich strippen sie zu "White Rabbit", ihre Schicksale sind oft bizarr bis an die Grenze des Unwahrscheinlichen, doch ihre "Dämmerzone" ist eine letzte Zuflucht vor dem, was der Krieg dieser Stadt gebracht hat.

Velibor Colic fragt sich durch die Oberfläche bis zu den grundlegenden Werten von Gut und Böse hindurch, seine obskure Narseiller Bahnhofskneipe ist Erkennungsmelodie genug, um die - wie es an einer Stelle heißt - "Apostel des für immer verlorenen westlichen Paradieses" anzurufen.

Velibor Čolić: geb. 1964 in Bosnien, desertierte 1992 aus der Kroatisch-Bosnischen Armee und floh ins politische Exil nach Frankreich, lebt heute als Journalist in der Bretagne.

"Allein das Erscheinen der deutschen Fassung ist ein kleines Ereignis: Bei Alberto ist das erste kroatischsprachige Buch, dessen Übersetzung ins Deutsche durch das neu entstandene literarische Netzwerk Traduki gefördert wurde." Friederike Jacob

 "Ein Buch voller Ankünfte – hingeschmettert, als sei es ein Gesang von Walt Whitman, eine trunkene Hommage an die Weltliteratur." Ralf Julke (L-IZ)


Leseprobe:

Epilog

Es erinnerte anfangs an eine zornige und verrückt gewordene Wespe, die summt, in den Bauch eindringt, das zarte Gewebe des Darms durchbohrt und am Rücken wieder austritt. Es ähnelte einem wütenden Peitschenhieb, ein scharfes und brüskes Geräusch, als würde man altes, trockenes Papier zerreißen. Es schien, als würden zehn Tonnen schweren Bleis seinen Atem zum Stillstand bringen, als wären die Berge aus der Umgebung herab gestiegen und hätten sich auf seine Brust gelegt. Im Augenblick des Todes spürte Ekrem Boxer, wie ihm die Makkaroni von gestern Abend auf die Knie fielen, bleich wie Würmer, schon fast zersetzt von der Magensäure. Der Schmerz kam erst später. Einen Moment, eine Zehntel Sekunde später, doch dem Soldaten kann noch der Gedanke kommen, dass gar nichts passiert ist, dass diese verrückte, scharfe und unangenehme Wespe, die sein Fleisch durchschneidet, nicht der Tod ist. Es hätte auch ein Film in Zeitlupe sein können, fast schon eine Fotografie – völlig unbedeutend für uns, nur einige Augenblicke, aber für den Sterbenden bedeutete es alles.

Der letzte Atem, während die durchschossene Lunge pfeift und das schwarze innere Blut sprudelt und sich dabei in eine Fontaine verwandelt, die zähflüssig und stinkig ist wie ranzige Butter.

Als er danach auf seine Knie fiel, schwer wie tote Dinge zu fallen pflegen und mit dem Gesicht zur Erde, dachte der Soldat an Zigaretten, er dachte an die heiligen Sternennächte, an die merkwürdige Freude des Säufers, wenn er sich das erste Glas Bier in seine trockene Kehle gießt. Der Soldat des französischen Verteidigungsrates kam, während er stürzte, beinahe fröhlich auf den Gedanken, dass der Tod nicht weh tut, dass der Tod eigentlich eine Rose sei, die sich zur Ewigkeit hin öffnet, zum Purpur, zur roten Farbe. Das letzte, was er spürte, waren Spucke und Staub, der sehr unangenehm war, wie eine Ameise, die einem ins Nasenloch krabbelt. Dann eine merkwürdige, zittrige und glitschige Entleerung der Hoden, ein lauwarmer Orgasmus, der ihn leicht und zärtlich an die Hand nahm, die Tür des Dunkels öffnete und ihn in das kalte und heisere Walhalla entführte. „Woher, zum Teufel, diese Frauen?“, fragt sich verwundert der Soldat, der schon tot und lauwarm ist, „Ist es nicht so, dass die Seelen der Toten von Engeln in den Himmel begleitet werden? Wieso, verflucht noch mal, diese Frauen?“

Und wirklich – eine Horde schrecklicher, in Schwarz verhüllter Frauen beginnt, den Soldaten zu zerteilen, ein blutiges Fest, sie zerfleischen ihn mit ihren Zähnen und aufgerissenen Mäulern, und sie tragen seine Hände, seine blasse Hüfte, seine Ohren, seinen Kopf empor in schwindelnde Höhen, dorthin, wohin nur die Seelen gefallener Krieger und jene zart rosafarbenen, wilden Flamingos gelangen. Schwarz und laut setzen sich die verwunschenen Witwen wie kreischende Krähen zu einem Kreis und warten auf die nächste Kanonensalve von den Bergen. Die Soldaten in den Schützengräben hören das Lied, aber sie können die Frauen nicht sehen, denn das ist den Lebenden nicht gegeben. Sie hören das Klagen der Witwen, monoton und schwer, das wie die Erleichterung nach der Geburt Gottes über der ganzen Front liegt; wie das eintönige Hecheln eines Menschen im Fieber. Die schwarzen Frauen sangen, die Soldaten hörten es, trübe und undeutlich, aber lebendig, so wie der wahre physische Schmerz besungen wird. Wütend und unwiderstehlich, in allen Sprachen, mit einem weißen Tuch vor dem Mund schlugen sie mit ihren bloßen Händen auf die Erde, als wollten sie diese zwingen, die Wahrheit über sich selbst preiszugeben. Die Frauen hatten lange gesungen, schwer und lange, und sie blickten dabei in eine unerklärliche Ferne, in ein Morgengrauen, das nicht kommen wird, in alle vier Himmelsrichtungen. Als wollten sie mit ihrem Lied eine Schlange an ihren trockenen Brüsten voller Unruhe und Angst stillen. Die Soldaten sehen nicht, aber sie ahnen. Die schwarzen Frauen zünden Feuer an, und überall um sie herum wird ein schwaches, zitterndes, kaum wahrnehmbares Licht erkennbar. Einige von ihnen sind – wie wir schon sagten – Witwen, andere aber waren jung und unverheiratet. Einige von ihnen stehen, andere sitzen, singen und starren in die Feuer. Sie sind unsichtbar und einsam, und seltsam gefasst erwarten sie die Kanonenkugeln vom Berg.


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