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Heße, Sascha: Auf eigenen Händen

ISBN:
978-3-86660-090-4
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Aphorismen - Fragmente - Essays

Nach "Bewegungen des Zweifels" und "Den Anker in die Luft werfen" legt Sascha Heße den dritten Teil seines essayistischen Werkes vor. "Auf eigenen Händen" schließt sowohl auf formaler als auch auf inhaltlicher Ebene an die beiden vorangegangenen Bände an, indem grundlegende Themen wie Vergänglichkeit, Kunst, Liebe, Religion - um nur einige zu nennen - in prägnanten Passagen behandelt werden. Der Zweifel, die Entzweiung, das gleichzeitige Ja und Nein zu ein und derselben Sache, infolge davon das Fehlen eines eindeutigen Standpunkts, einer unmissverständlichen Anschauung, zieht sich dabei wie ein roter Faden durch alle drei Bücher.

Sascha Heße: geboren 1976 in Magdeburg, umfangreiche musikalische Ausbildung, Studium der Komposition in Weimar, 1997 Wechsel nach Leipzig zum Studium der Philosophie, Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft sowie der Kulturwissenschaften. Buchpublikationen seit 2004. Lebt und arbeitet in Leipzig.

Leseprobe:

Der Vorhaltung, durch vieles Denken würde vieles zerstört, ist nicht damit zu begegnen, dass man sagt, was durch Denken zerstört werden könne, sei der Erhaltung gar nicht wert. Denn mit gleichem Recht ließe sich behaupten, wer sich durch einen Revolverschuss töten lasse, sei nicht lebenswert. Letztlich liefe das darauf hinaus, das Unempfindlichste als das Höchste zu deklarieren. Vielmehr ist also zu antworten, dass Denken nicht nur auf der einen Seite zerstöre, sondern auf der anderen auch hervorbringe, und dass nicht ausgemacht sei, ob Zerstörtes oder neu Hervorgebrachtes höher rangiere.

Die Anstrengung entschieden auf sich zu nehmen, die das Denken erfordert, ist in der Regel motiviert durch etwas, das auf die emotionale Basis und den Leib des Menschen, denen sein Wille entspringt, stark einwirkt. Solches ist zumeist die Begegnung mit einem anderen Menschen, der durch seine Besonderheit in hohem Grade erschüttert. Man denke an Christus, infolge dessen Erscheinung ein verzweifeltes theologisches Denken sich mühte, begrifflich fassbar zu machen, wie Gott zugleich Mensch sein könne – was ohne das Auftreten Jesu gewiss als müßige, ja blasphemische Spekulation betrachtet und unterlassen worden wäre. Völlig derselbe Sachverhalt kommt auch darin zum Ausdruck, dass eine Lehre, religiös oder philosophisch, ihre Überzeugungskraft weniger aus ihrer immanenten Stimmigkeit, aus den Gründen, auf die sie sich stützt, gewinnt, als vielmehr aus der Außergewöhnlichkeit der praktischen Lebensgebarung desjenigen Menschen, der sie vertritt und verkündet.

Wir wissen, dass unser menschliches Denken leer sein kann, indem es sich spekulierend zu Gegenständen verfliegt, denen in der Realität außerhalb des Denkens keine Existenz zukommt. Daher werden wir durch die Idee des Überweltlichen, die wir durch die Negation der Idee der Welt denkend in uns zu bilden vermögen, keineswegs von der Existenz des Überweltlichen außer uns überzeugt. Anders hingegen verhält es sich mit dem Gefühl des Überweltlichen.[1] Dessen Beweiskraft können wir uns – sofern wir es haben – nur dadurch entziehen, dass wir es – wiederum denkend – leugnen, indem wir sagen, es sei nicht das, wofür wir es halten, es sei in Wahrheit das Gefühl eines Weltlichen, das wir als solches verkennen.

Denken ist uns als Menschen so natürlich und selbstverständlich wie Atmen, Essen oder Schlafen. Kaum vorstellbar, es könnte nicht stattfinden. Zudem ist tief in uns der Glaube verankert, Denken sei das einzige Instrument, das uns zur Verfügung steht, um unsere Probleme zu lösen. Nicht nachzudenken über die Probleme scheint uns gleichbedeutend damit, sie ungelöst stehenzulassen und bei nächster Gelegenheit unverändert wieder anzutreffen. Was wir aber nicht merken, ist, dass erstens viele unserer Probleme überhaupt erst durch Denken entstehen, und dass wir ihnen zweitens, indem wir sie denkend zu lösen versuchen, Dauer verleihen, sie aufrechterhalten statt sie zu lösen. Aber gibt es denn eine Alternative? Durchaus – nämlich den Versuch, durch Nicht-Denken einerseits keine Probleme zu schaffen, andererseits schon bestehenden Problemen keine weitere Nahrung zuzuführen.



[1] Vgl. Rudolf Otto: „Das Heilige“

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