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Llansol, Maria Gabriela: Lissabonleipzig 2

ISBN:
978-3-86660-141-3
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Bd. 2: Die Musikprobe. Aus dem Portugiesischen von Markus Sahr

In Lissabonleipzig wird die Poesie von Künstlern, Komponisten, Dichtern und Philosophen zum Strahlen gebracht, deren geistiger Stammbaum in die Vorgeschichte der europäischen Idee der Gewissensfreiheit hineinreicht. Llansol erkennt, daß die Gewis­sensfreiheit ohne poetische Wurzeln zu einer fatalen Rückwärtsentwicklung des Menschen führt, die in Fundamentalismen des Glaubens oder der Vernunft mündet: Die Poesie, die den Dingen innewohnt, ist wichtiger als die Meinung, die wir von ihnen haben.

Die Musikprobe ist ein Ausloten der Grenzen, die sich aus der Tatsache ergeben, daß sich die Gewissensfreiheit gegen die staatliche Macht und gegen die religiösen Dogmen herausgebildet hat, statt ihren Halt in der Poesie und der Ästhetik zu verankern. Was die europäische Geschichte ausgespart hat, soll dieser Text symbolisch bewirken. Damit die Gewissensfreiheit nicht zu sozialen Katastrophen beiträgt, sondern zum Glück.

"Im Text regnet es in Strömen. Auf freiem Feld rinnen augenblicklich reißende Bäche. Sie überqueren die Straße und setzen sie unter Wasser und reißen sie fort zur Elster, die Leipzig durchfließt und rasch zur Elbe hin strömt ... Wenn die Achse des Flusses sich heimlich auseinanderzieht oder bricht, wird Leipzig von der Landkarte verschwinden und zum Meer weggerissen."

Maria Gabriela Llansol (1931-2008): geb. in Lissabon, studierte Rechts- und Erziehungswissenschaften, ging 1965 mit ihrem Mann ins Exil nach Belgien, wandte sich der Literatur, Philosophie, Geschichte und der mittelalterlichen Mystik zu, unterrichtete benachteiligte Kinder, kehrte zehn Jahre nach der Nelkenrevolution nach Portugal zurück, veröffentlichte über 30 Bücher, übersetzte Baudelaire, Apollinaire und Rimbaud u.a. ins Portugiesische, zahlreiche Preise, darunter den renommierten APE-Preis für den besten Roman 1990 und 2007; als sie starb, hinterließ sie eine Katze und Hunderte handgeschriebener Notizhefte, die heute im Espaço Llansol in Sintra aufgearbeitet und erforscht werden.

"Intense and sublime!" José Manuel Barroso

Lissabonleipzig: Ein paar durchaus experimentelle Begegnungen mit Bach, Pessoa und dem Leben im belgischen Exil - Ralf Julke, L-IZ
⇒ www.l-iz.de/Bildung/Bücher/2012/03/Lissabonleipzig-Begegnungen-mit-Bach-Pessoa-40714.html


Leseprobe:

Vorwort

Es hat mich nie gestört, daß man mich fragte, wovon ich in meinen Texten eigentlich erzähle, auch wenn es eine jener Fragen ist, die den Autor am meisten begrenzen ___________ in wenigen Worten sagen zu müssen, was er nur in so vielen anderen zu sagen vermag.

Aber ich werde versuchen, es  zu sagen:

ich erzähle von dem tiefen Unbehagen der menschlichen, der tierischen und der pflanzlichen Wesen, ich bin auf der Suche nach einem glücklichen Ausgang. Ich schaue, ob der Glanz, der manchmal den Dingen innewohnt, ein besserer Führer ist als die Meinungen, die wir von ihnen haben, oder als die Gedanken, die uns zu ihnen einfallen.

Mit Lissabonleipzig 1 – Die unerwartete Begegnung des Verschiedenartigen – gab ich den Auftakt zu einer Arbeit in mehreren Büchern, in denen ich ver­suche, die Abstammungslinie von Autoren zum „Glänzen zu bringen“ (seien es menschliche Personen, solche von Tieren oder von Pflanzen), die immer wieder in meinen Texten erscheinen.

Mehrere Geschlechter haben, wie dieses, für die Gewissensfreiheit ge­kämpft, die inmitten aller Katastrophen, die Europa erlebte und zu an­deren Völ­kern und Kontinenten trug, das Geschenk ist, das es ihnen gleichfalls machte.

Im Gegensatz zu diesen anderen Geschlechtern jedoch hat jene Linie, in die meine Texte sich einschreiben, allmählich verstanden, daß die Ge­wis­sens­­freiheit ohne poetische Gabe nicht über eine fatal regressive Be­wegung in der Geschichte des Menschen hinausgehen würde; eine Be­we­gung, die angesichts aller Fundamentalismen des Glaubens oder der Ver­nunft, wie man sieht, immer mehr zu einer defensiven Position verurteilt ist.

Diese Vereinigung wird durch Veränderung im Trieb- oder Gefühlsleben zustande kommen, die den Menschen abbringt vom Zwang, wählen zu müs­sen zwischen Annahme und Zurückweisung der Welt. Den Vorgang dieser Vereinigung und ihr Auftauchen in dieser Abstammungslinie von Autoren nenne ich ein zum-Glänzen-bringen, denn der Rohstoff des Textes ist die Kon­frontation/Angleichung der Affekte und der Sprache auf dem Grund eines Ortes, der stets ein Körper und eine Landschaft ist, die miteinander sprechen.

In Die unerwartete Begegnung des Verschiedenartigen, in technischer Hin­sicht die Übertragung eines Tagebuchs in Erzählung, suchte ich bei den Be­gi­nen die Vorgeschichte dieser Abstammungslinie, die im Verlauf des Textes auf einen Ort hin konvergiert, der das Haus des Ehepaars Bach ist. Das Zentrum des Buches ist ein Weihnachtsessen, bei dem es zwischen Bach, Aossê, Infausta und einer Erzählerin zu beständigen und undeut­lichen Spannun­gen kommt, und zwar in dem Augenblick, in dem sie sich darüber bewußt werden, daß sie, über ihr Menschsein hinaus, geheimnis­volle und äußerst schöne Figuren sind.

Die Musikprobe, das zweite Buch von Lissabonleipzig, eröffnet mit einem Pro­log, in dem diese Szene/dieses Mahl wieder aufgenommen wird. Indem er den Ursachen der Spannung, zu der es dabei gekommen war,  Ausdruck verleiht, wird der Text dazu gebracht, die Geschichte dieser explosiven Knoten zu entwerfen. Sie alle kreisen um die Vereinigung, die die Figuren zu verwirklichen suchen zwischen Gabe und Gewissen, und haben ihren nächsten Ursprung in der Zwie-Menschlichkeit von Aossê, dieser wahren ex­plosiven Gestalt der westlichen Galaxie. Emotionale und kognitive Ex­plo­sion, die sich in der Konfrontation mit J. S. Bach und mit Baruch Spinoza er­eignen wird. Damit ist Die Musikprobe in technischer Hinsicht eine Be­fra­gung der Gewissensfreiheit, der Grenzen, die sich aus der Tatsache ergeben, daß sie sich gegen die Macht der Fürsten und gegen die religiösen Dogmen herausgebildet hat, statt sich, in positiver und affirmativer Weise, in der Ästhetik zu begründen. Was bis jetzt nicht geschah, soll der Text bewirken, damit die Gewissensfreiheit, wenn sie „zum Glänzen gebracht wird“, nicht, in­dem sie ihr eigenes Risiko auf sich nimmt, zu einer Gefühls- und Gei­stes­katastrophe wird.

 


Die Präambel

 

ist eine riskante und vortreffliche Berührung. Ich stoße auf eine noch härtere Materie als es die meines eigenen Zeugnisses ist. Ich habe dieses Abend­essen[i]bereits geschrieben, doch es ergab sich dem Text nicht. Doch nur ich könnte von menschlichen Punkten ausgehen oder es wagen, in die Natur einzudringen. Wer schreibt, darf die Katastrophen nicht fürchten.


Damit spreche ich es aus

und weiß, daß ich das Feuer stets verfehlen kann;

ich trat in das Eßzimmer,

das noch auf die Stühle und auf den Tisch wartete.

 

Wer gesehen hätte, daß Aossê derselbe war, indem er ein anderer war, wäre in keiner Weise klüger;

denn

Aossê

war

der-

selbe, die Hände in den Taschen, und sah auf die grüne Wiese,

und war

eine

andere, mit Haaren, die kaskadenförmig herabfielen, und dem Aussehen einer noch jungen Frau mit Kraft, Rhythmus und Geduld.

 

Ich sah diesen menschlichen Punkt, betrachtete diese von der Natur ver­fertigte Frucht; es war mit Sicherheit kein unfertiger Mann und eben­sowenig eine Frau, die durch Kastration zustande gekommen war.

Es war ein lebendiger Charakter, der Licht verströmte, und er hatte eine ungerade Anzahl an Worten, die er mir sagen wollte,

und sofort sagte er:

– Der verliebte Satz der ersten Begegnung.

Und die direkte Frage: – Wann ziehen Sie hier ein?

Johann trat ein, und Aossê verließ, da das Abendessen sich hinzog, den Raum. Von der Energie des Willens abgesehen spürte ich in Johann einen von weither kommenden Willen, der sich näherte. Der sich rasch näherte und mich fragte: – Wann werden Sie bei uns wohnen? – Ich befand mich noch in Lissabon und kümmerte mich um einen Umzug, ich versuchte, ein Haus zu schließen, Témia jeden Tag bei der Hand zu nehmen und sie zu führen _____________________________ und wußte nicht, was ich darauf antworten sollte, ich wollte nicht antworten, und das Eß­zimmer leerte sich.

Da das Eßzimmer leer war,

ging ich ins Arbeitszimmer, wo Aossê und Infausta zwei Schreibtische aus Brasilholz stehen hatten, Seite an Seite; es war eindrucksvoll zu sehen, wie sie von den Papieren aufschauten, denn sie entwarfen einander ergänzende Gespräche gleicher Natur. Sie ergänzten, „unübersetzbar in der Zeit, da noch am Anfang, stieg heute die frische Liebe herab über dem, was man Trockenheit nennen könnte“.

 

Die Anziehung der einen durch die anderen, die Suche nach dem Raum, wo die Liebe ist, der schwankende Satz der ersten Begegnung, die geistige Grenze, ab der es keine Liebe mehr gibt,

wurden spürbar,

während wir

in beständiger Nachtwache

zu Abend aßen.

 

Jetzt aber war es erst sechs. Es war die imaginäre Stunde der Hunde. Alle bellten aus unterschiedlichen Richtungen, auf ihren Bauernhöfen, und ga­ben vor, gegen die jeweils anderen in Begleitung zu sein. Dieser miß­tönende Pakt in der Luft, Bach dabei allein inmitten der vier Frauen, unter denen eine von seinem eigenen Geschlecht war, brachte mich dazu, diesen Abend mit einem anderen zu vergleichen, der nie wieder existieren würde, es sei denn, die Zeit kehrte zu mir zurück.

Wir fünf paßten gerade in den Raum, und der Rhythmus war nun der einer sich allmählich auflösenden Trimurti[ii], denn es kam die Stunde, die niemand will, niemand weiß, wann das Böse begann, denn wir sind alle Kinder desselben Vaters (denkt Johann), wir sind niemandes Kinder (denkt Aossê); wie können wir uns noch als Kinder sehen (fragte ich mich). Aossê und Infausta waren verschiedener Meinung, während sie präzise Über­le­gun­gen anstellten. Aossê liebte Infausta willentlich; doch liebte er sie darum nicht weniger, als wenn er sie gefühlsmäßig geliebt hätte; sie besaß das gierige Schnäuzchen eines Nagetiers, als spähte sie immerzu durch eine Öffnung, was sie wirklich tat, da sie das Wort Indiskretion nicht kannte. Aossê gab ihr den Namen Avícola (Vogelzüchter), zubereitet mit Veilchen­blüten und unterschiedlichen Vogelgrößen. Zwischen Infausta und Anna Magdalena gab es ein Geheimnis:

 

Es wird Nacht. Ehe die Schläge der Uhr zum Abendessen riefen, vertraute Aossê Anna Magdalena an:

– „Heute verspüre ich Trost nur im Akt des Schreibens,

der Faden

aus Licht, an dem ich

den über mir

gekreuzten Zeilen

entwische.“ Anna hört ihm zu, da sie ihn liebt und er sie an den Dichter Hölderlin erinnert, und bittet ihn, die Terrine mit der Suppe an den Tisch zu bringen. Aossê erkennt, daß Wahrheit in dieser Bitte liegt, die zu dem Besten gehörte, was er an diesem Tag geschrieben hatte, und war sich sicher, daß die Terrine unbeschädigt an ihren Platz auf der Mitte des Tisches finden würde.

 

Noch immer wird es Nacht. Bach gab ein Zeichen, und eine seiner Töchter – Elisabeth Juliana Friederike – zündete die Kerze an; einer seiner Söhne – Johann Christian – wendete für ihn die Seite um,

die Einsamkeit, vom kalten Wind herbeigetragen, über große Entfernungen manchmal, könnte sich über ihnen häufen

als Anna Magdalena zum Abendessen rief und die Stimme dabei mehr als üblich hob. Aossê schien es ein Ausruf, der von draußen kam, doch nichts stürzte ein, eher riß er ihn aus einer äußerst trockenen und tiefen Region. Der Akzent, der dem Ohr gefiel, weckte ihn

dies habe ich mit den Augen verstanden, nie mit dem Denken[iii]

da er sich weit und grenzenlos erstreckt hatte.

 

 

Die Gegenwart Aossês nahm Johann Sebastian Bach so sehr in Beschlag, daß er dem hinter ihm stehenden Sohn befahl, sie alleine zu lassen; beider Blicke kreuzten sich; die Quellen, aus denen ihre Wege hervorkamen; die abgekarteten Spiele der kleineren Kinder in den Ecken. Aossê hatte für Augenblicke die intime Kenntnis davon, was er zu tun hatte.

– Spielen ist die letzte Hoffnung – erriet Bach. Beide lächelten, doch Bach bezog sich auf die Berührung der Finger mit den Tasten, nicht auf ihre Wirkungen. Die Kinder hatten begonnen, in der Küche im Chor zu singen, andere, im Wohnzimmer nebenan zu rennen.

Aossê murmelte: – Dann wollen wir einmal im Chor rennen. – Und er schwieg, da er an sein Land dachte                 , das dort und hier war.

 

Während es draußen wieder kühler wurde, erzählte ich ihnen, wie meine Katze Reseda hier gestorben war, bei derselben Gelegenheit wie der unschuldige Lote, im Rachen eines schwarzen Hundes, der sich von seinem Bauernhof verlaufen hatte. Alles kam an die Oberfläche, als durchbräche der Ozean die Bergseite; und Aossê sagte, indem er die Hände an den Kopf legte, die Hände im Glas von Infaustas Schoß:

– Ich fühle mich in einer so seltsamen Situation Euch gegenüber und derart senkrecht hier.

 

Dies war der Satz.

Der Text nahm ihn vom ersten Mal nicht zurück. Wörtlich, und dann wirklich, hatte er ihn nicht gehört:

ich hatte mich nicht zu ihnen an den Tisch gesetzt, sondern mich an den Rand gestellt, wo ich mir Notizen machte. Nun habe ich die jungfräulichen Partituren beiseite gelegt und werde mich zwischen sie setzen und dasselbe Mahl einnehmen,

dorthin, wo der Satz gesprochen wurde

und keine Antwort erhielt.

 

Man würde sagen, wir hätten uns darauf beschränkt, zuzuhören, und niemand hätte sich gefragt, wohin der Satz, der ohne Antwort geblieben war, entschwunden wäre.

Nur hören ist kein Synonym von ohne Antwort, und der auf jungfräuliche Partituren geschriebene Text hatte nicht unterstrichen, daß ohne Antwort nicht erlaubt zu hören.

 

Ich kehre an jenen Ort zurück. Um zu hören: Bach verteilt die Teller und sagt, möge uns Gott noch oft zusammenführen, nachdem er das Brot gesegnet hatte. Jemand muß von Trockenheit gesprochen haben, denn ich erinnere mich daran, daß Aossê gesagt hatte ich habe keine Vibration mehr, um die Realität zu durchqueren, womit Infausta spielte  

 

die frische Liebe, die Liebe erfrischt, entwischt durch die Ritze, ist Fest. Während er es sagt _______ wechseln Aossê und sie einen Blick mit­einander. Und in diesem Austausch von Blicken liegt Nähe und Spannung.

 

Der Text hatte in der Tat erwogen, es müsse eine gewisse Qualität an Spannung gegeben haben, die sich leicht zwischen den Silben davon­gemacht hatte. Das Abendessen hatte von seinem wahren Verlauf nicht abgelassen; es hatte ihn mit Tatsachen genährt (jedoch nicht mit allen), mit Gesprächen (ohne die vorenthaltenen Gedanken, die fließenden Ideen, die vorüberziehenden Bilder zu hören), mit Einzelheiten (welche Bedeutung könnte, um Gottes willen, die venezianische Umrandung haben, die kristalline Tugend der Weißweine?),

und es hatte den unsichtbaren Teller des Unbehagens verborgen, der auf dem

Tisch

stand und ohne Antwort blieb.


[i] Abendessen vom 24. auf den 25. Dezember in Leipzig: s. Seite 57 ff. von Lissabon­leipzig 1 - Die unerwartete Begegnung des Verschiedenartigen .

[ii] Trimurti: ein Begriff des Hinduismus („drei Formen”, aus dem Sanskrit) für die Vereinigung der drei kosmischen Funktionen der Erschaffung (Brahma), der Erhaltung (Vishnu) und der Zerstörung (Shiva).

[iii] Dies habe ich mit den Augen verstanden,… In: F. Pessoa/Alberto Caeiro, Poemas Inconjuntos / Verstreute Gedichte, aus dem Gedicht „Se, depois de eu morrer, quiserem escrever a minha biografia…” Zitiert nach: Fernando Pessoa / Alberto Caeiro, Poesia / Poesie. Aus dem Portugiesischen von Inés Koebel und Georg Rudolf Lind. Ffm. 2008. S. 117.



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