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Schulz, Marianne F. & Stieding, Harald: Evastöchter am Rubikon

ISBN:
978-3-86660-169-7
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Charaktere in Versuchung

Als Cäsar am 10. Januar den Rubikon, das Grenzflüßchen zwischen Italien und einer seiner Kolonien, überschritt, soll er gesagt haben: Alea iacta est. — Die Würfel sind gefallen. Er hatte sie, die Würfel, es, das Folgende, nicht mehr in der Hand. Jetzt stehen dreizehn Frauen am Rubikon, dreizehn Leben haben sich auf einen Moment, eine Entscheidung zugespitzt. Alles liegt noch in ihrer Hand, sie können zurücktreten, einfach von ihrem Podest aufstehen, einen anderen Weg wählen oder den Schritt, den Sturz über die kalte Kante vorziehen. Wie sie sich auch entscheiden, es wird ihr Leben, ihr Selbstwertgefühl unwiderruflich prägen. Ist es ihr freier Wille? Sind diese Frauen Herr ihrer Entscheidung?

Manche Kunstwerke berühren den Betrachter im Innersten, sie geben Herz und Sinne nicht mehr frei, bis aus der Begegnung etwas Neues entstanden ist, bis der Betrachter mit eigenen Mitteln eine künstlerische Antwort gefunden hat. Als Marianne F. Schulz im Atelier des Bildhauers und Grafikers Harald Stieding die Skulpturengruppe EvasTöchter am Rubikon sah, hielt sie die Beschäftigung mit den 13 Frauentorsi über Monate gefangen, bis sie ihnen ihre Geschichten abgelauscht und ihre Beziehungen zueinander aufgespürt hatte. Geschichten und Reflexionen in diesem Buch gewähren Einblicke in die Seelen und Lebenssituationen der Frauen im Moment einer unwiderruflichen Entscheidung. Auch wenn die Texte in die antike Sagenwelt oder die christliche Mythologie entführen, finden sich doch die Charaktere der Frauen und ihr daraus resultierender Gestus im Heute wieder. Immer wiederkehrend stellen sie die Frage: Wie soll man mit sich und seiner Zeit zurechtkommen?

Marianne F. Schulz: geb. 1950, Studium der Germanistik und Slawistik an der Universität Halle und am Puschkin-Institut in Moskau, 2012 Prosaband Die Chance, ungebrochen davonzukommen.

Harald Stieding: geb. 1940 in Ufhoven, 1955 Lehre und Arbeit als Steinmetz, 1960 Studium an der Fachschule für Angewandte Kunst Leipzig, seit 1969 freischaffend in Bad Langensalza; Teilnahme an nationalen und internationalen Bildhauersymposien, Ausstellungen im In-und Ausland.

"Sehr unterschiedliche biographische Geschichten mit großem Atem." Prof. Peter Arlt

Evastöchter am Rubikon: 13 Frauenrollen und erstaunlich weit reichende Gedanken über einen Goldenen Apfel 
Ralf Julke, L-IZ
⇒ 
www.l-iz.de/Bildung/Bücher/2013/12/Marianne-Schulz-Evastoechter-am-Rubikon-52860.html


Leseprobe:

Prolog
Auf erstaunlich zartem Gestell schwebt quasi in der Luft ein Metallkonstrukt, das dem Betrachter die polierte Edelstahlseite
präsentiert. Kaum mit dem breiten Stahlstreifen verbunden paradiert die Bronzeskulptur eines reifen Apfels, so hochpoliert,
dass er golden scheint.
Auf das Stahlgerüst hat der Künstler 13 weibliche Torsi gezwungen. Hart treffen die Metalle aufeinander, die Edelstahlbasis
und die unpolierte Bronze der Sockel. Die Frauenfiguren darauf hat der Bildhauer aus der vollen Bewegung eingefangen,
den Bruchteil kleinster Zeiteinheit, bevor eine Entscheidung fällt, hat er in Bronze gegossen und dem Betrachter damit etwas
Kostbares geschenkt: Zeit.

Evastöchter
13 Frauen stehen vor einem Abgrund. Nicht alle wissen, was da vor ihnen gähnt, sie sehen in den Himmel, in die Gegend,
zurück. Nur wenige wagen den Blick in die Tiefe. Vor und unter ihnen glänzt es golden: ein Apfel, rund und schön, Blüte und Stiel,
Unschuld und Fruchtbarkeit demonstrierend; aber mit dem zweiten Blick gewahrt man Schuld und Begehren.
Ein Apfel hat Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben. Und natürlich war es Eva, die den Anstoß zur Veränderung gab,
Veränderung, die immer auch Liebgewonnenes zurück- und hinter sich lässt. Wenn es gut geht, vermisst man auch nichts;
aber wehe! es geht nicht gut oder hat nur den Anschein, es könnte nicht gut ausgehen, dann trifft aller Vorwurf den Initiator
der Veränderung, alle Unzufriedenheit ist vergessen, das Zurückgelassene, vielleicht inzwischen Verfallene oder im Weggehen
mutwillig Zerstörte erhebt sich in den Rang einer Ikone, Veränderungswille wird zur Schändung, der Schänder ist die Frau,
die mit Worten und Gesten, mit Versprechen und Liebesentzug den Täter, den Mann, so weit gebracht hatte.
Sie steht am Pranger, sie steht am Abgrund. — Das ist das Erbe an ihre Töchter.
Auf den dritten Blick aber wird der runde, schöne, goldene Apfel zum Symbol des Erwähltseins. Eris, die Göttin der Zwietracht,
warf einen goldenen Apfel „Der Schönsten“ unter die Göttinnen, die auch nichts Besseres zu tun hatten, als den Köder zu
schnappen. Eitelkeit, die zäheste aller Untugenden, hält die Augen zu, sodass nur ein kleiner Sehschlitz ein verzerrtes Bild
durchlässt, das den Betrachter auf kränkende, krankmachende Weise von der Wirklichkeit entfernt. Und so war den
Göttinnen nichts mehr wichtig, nicht Liebe, nicht Kunstfertigkeit, nicht Ehe, nicht einmal der Himmel konnte so viel Macht
über die Frauen haben wie der Wunsch, rein äußerlich als Schönste zu gelten. Welch armes, armseliges Streben.
Und welche Dummheit, einen wenig erfahrenen Jungmann zum Richter zu ernennen, der bei aller Unerfahrenheit doch
das Lukrative am Richtersein beherrschte, die Käuflichkeit.

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