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Ristic, Sonia: Gewitter

ISBN:
978-3-86660-162-8
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Roman. Aus dem Französischen von Mandana Mansouri

Nach dem Tod ihrer Mutter geht Tamara aus dem zerstörten Belgrad nach Paris. Elf Jahre später kehrt sie zurück. Hier stolpert sie über Erinnerungen, trifft ihre Jugendliebe Alexander wieder und verstrickt sich in dessen kriminellen Machenschaften. Aus einem kurzen Aufenthalt werden Monate. Die vom Krieg gebeutelte Stadt holt Tamara zurück in die Vergangenheit: Sie erinnert sich an die krebskranke Mutter, an die Magersucht, an den Vater, der die Familie verließ. Leichtigkeit paart sich mit Verzweiflung. Politische Geschichte und persönliches Schicksal greifen ineinander. Der Roman zieht den Leser von der ersten bis zur letzten Zeile in den Bann...

Sonia Ristic: geb. 1972 in Belgrad als Kind eines serbischen Vaters und einer kroatischen Mutter, lebt als Theaterautorin in Paris. 2008 erschien der Roman Orages bei Actes Sud.

Mandana Mansouri: geb. 1985 in Aachen, wuchs bilingual deutsch-französisch auf. Schauspielstudium in Stuttgart und Paris. Arbeitet für Theater, Film und Funk. Ihre Übersetzungen erschienen im Theaterverlag Hofmann-Paul und im Theater der Zeit Verlag.

Gewitter: Der preisgekrönte Roman einer Amour fou im vom Krieg gebrannten Belgrad
 Ralf Julke, L-IZ
⇒ www.l-iz.de/Bildung/Bücher/2014/01/Gewitter-Sonia-Ristic-53056.html

Leseprobe

I

Der Februar war trüb, wie immer.

Kalt, verregnet, deprimierend.

Ich hatte meine Klausuren wahrscheinlich in den Sand gesetzt, ich hatte kein wirkliches Zuhause und zur Krönung des Ganzen musste ich jetzt auch noch zurück nach Belgrad fahren wegen irgendeiner armseligen Erbschaftsangelegenheit. Eine sinnlose Unterschrift unter eine Reihe Unterlagen setzen, die mich zur Besitzerin einiger Hektar Wald im tiefsten Serbien machen würden. In diesen Zeiten war das bestimmt kaum mehr wert als ein Bissen altes Brot. Und außerdem hatte ich kaum genug Geld für die Reise.  

Das Leben war hart und die Zeiten waren hässlich.

Die Belagerung von Sarajevo dauerte schon fast drei Jahre an und dem Rest der Welt war es scheißegal. Im vergangenen Jahr waren achthunderttausend Tutsi mit Macheten in Scheibchen geschnitten worden und dem Rest der Welt war es scheißegal. In Algerien wurden Frauen wegen einer herausstehenden Haarsträhne abgestochen und dem Rest der Welt war es scheißegal. Als ob mir meine Noten etwas bedeuten würden, oder der Februarregen oder das Testament eines Großonkels, den ich nur ein- oder zweimal in meinem Leben gesehen hatte.

Ich hatte keine Lust, dorthin zurückzukehren, weder nach Belgrad noch sonst wohin in dieses verdammte Land. Meine alte Heimat war so böse geworden. Ich hatte kein Zuhause in Paris, aber einen Wald in der alten Heimat.

Ich wollte diesen Wald nicht. Durch den Umgang mit diesen Leuten waren wahrscheinlich auch die Bäume böse geworden. Böse Bäume in einem bösen Land, tief verwurzelt in diesen bösen neunziger Jahren.  

Tereza wartete neben dem Metro-Eingang auf mich.

Sie hatte mich darauf gebracht, dass ich mit dem Bus bis nach Budapest fahren könnte. Ich musste nämlich über Budapest fahren. Belgrad existierte zu dieser Zeit nicht. Die böse Hauptstadt eines bösen kleinen Landes, das von einem bösen kleinen Diktator regiert wurde. Ein gutes großes Embargo und dann wird nicht mehr darüber gesprochen. Keine Flugzeuge, keine Züge, keine Busse nach Belgrad. Also landete man, wenn man versuchte, so nah wie möglich ranzukommen, in Budapest. Allerdings war Budapest in den neunziger Jahren gerade dabei, unheimlich angesagt zu werden. Sehr hip. Flugzeuge und Züge verdammt teuer.

Tereza. Ich hatte sie an der Uni kennengelernt. Ungarin bis ins kleinste Klischee. Rothaarig, ein riesiges Lächeln und herzlich. Es musste doch auch irgendwo introvertierte und schlechtgelaunte Ungarinnen geben. Ich konnte noch so sehr meine Herkunft verleugnen, bei der erstbesten Gelegenheit verfiel ich auf die schlimmsten Vorurteile, die ich zu Hause gelernt hatte. Denn für die Jugos waren alle Ungarinnen zwangsläufig fröhlich, unkompliziert und leicht ins Bett zu kriegen. Kurz und gut, meine Pariser Ungarin fuhr über die Semesterferien nach Hause und hatte mir über Beziehungen eine Hin- und Rückfahrt im Bus für 600 Franc[1] organisiert.  

Überladen mit Taschen voller Geschenke, lächelte sie wie eine, die ihre Prüfungen bestanden hatte.  

Ein bisschen abseits der Warteschlangen vor Notre Dame: der Menschenauflauf rund um den Bus. Ich hätte nicht darauf gewettet, aber schließlich passten doch noch alle Tati-Taschen[2] ins Gepäckfach und als wir losfuhren, war es Nacht.

Die Ungarn im Bus hasste ich umgehend. Ich konnte unmöglich nicht bemerken, wie sehr wir uns ähnelten. Der Geruch des Balkans klebte gleichermaßen an uns, auch wenn Ungarn geografisch gesehen nicht viel mit dem Balkan zu tun hatte. Vor zehn Jahren schauten wir auf sie herab, fühlten wir uns so überlegen. Sie konnten noch so sehr unsere Nach­barn sein, für uns waren sie der Osten. Wir, die Jugos, wir waren so anders, so viel besser. Heutzutage warf uns Budapest seine Horden westlicher Touristen ins Gesicht und uns gab es nur noch in den Horrorsequenzen der Fernsehnachrichten. 

Am frühen Morgen, irgendwo in Deutschland, Schnee. Ich hatte vergessen wie das ist, kein Schnee in Paris. Und ich, mit Leinenturnschuhen und leichter Regenjacke. Gut gemacht.

Dann Budapest, am späten Abend. Gegen vier Uhr morgens sollte ich einen abstrusen Zug bis zur Grenze nehmen, aussteigen, hundert Meter zu Fuß gehen und dann, einmal im bösen Land, in einen anderen Zug Richtung Belgrad steigen. 

Nach Mitternacht ähneln sich alle Bahnhöfe. Düster, sehr düster. Zigeunerkinder ziehen an Zigarettenstummeln, die sie vom Boden aufgesammelt haben. Säufer und Junkies wälzen sich auf Bänken, Schmuggler aus der Heimat. Wenn ich mich auf Biegen und Brechen einer Gruppe anschließen müsste, hätte ich mich ohne zu zögern für die Ersten entschieden.  

In jedem dritten Zugabteil gab es Licht. Fahles Neonlicht. Es flackerte und ließ die starr blickenden Gesichter der Fahrgäste noch unfreundlicher erscheinen. Ich entschied mich schließlich für ein leeres dunkles Zugabteil. Ich wartete, halb erfroren.

Ein Schatten erschien im Türrahmen, das typische breite Kreuz aus der Heimat. Der Kerl musste den Kopf einziehen, um durch die Tür zu kommen.

„Bist du alleine?“

Ich nickte, tat als ob nichts wäre, trotz meiner Samba tanzenden Zähne. Im Halbschatten zog er die Tür hinter sich zu und verriegelte sie. Ich glaube, der Typ lächelte.

Aus einem etwas entfernteren Zugabteil meinte ich, Gelächter zu hören. Oder es war vielleicht nur jemand, der schon schnarchte.

„Steh auf.“

Ich gehorchte. Nacheinander zog er alle sechs Sitze auseinander, damit sie sich in der Mitte trafen.

„Warum?“, stammelte ich.

„Um uns ein Bett zu machen.“

Aber natürlich, genau davon hatte ich geträumt. In dem Zustand wäre ich nicht dazu in der Lage gewesen zu schreien, auch wenn ich es wollte. Ich setzte mich mit angezogenen Knien in eine Ecke.

„Komm her“, sagte er und zeigte vage auf den Platz neben sich.

Ich lehnte dankend ab und rückte noch etwas weiter in meine Ecke zurück.

„Komm her. Stell dich nicht so an.“

Seine Hand schloss sich um mein Handgelenk und zog mich zu ihm hin. Ich versuchte etwas zu ihm zu sagen, aber meine Zähne klapperten zu stark. Ich war starr vor Angst, brachte keinen Laut über die Lippen. Er schloss mich in seine riesigen Arme und versteckte mich in dem Hohlraum seines Oberkörpers. Meine Pobacken stießen gegen etwas sehr Hartes auf der Höhe seines Gürtels. Ich erstarrte.

„Du dumme Zicke“, knurrte er vor sich hin und zeigte mir die Knarre.

Da war ich aber beruhigt.

„Jetzt wird geschlafen.“

Amen.  

Während ein ungewisser Tag über dem Niemandsland aufging, zwangen Soldaten, die genauso verschlafen waren wie wir, alle Fahrgäste zum Aussteigen. Mein neuer Freund trug meine Tasche, während wir im Gänsemarsch durch die zweihundert Meter Matsch planschten, die uns vom Vaterland trennten.

Ein weiterer Zug, so kalt und so dunkel wie der Erste. Ein weiteres verlassenes Zugabteil, diesmal half ich mit, uns ein Bett zu machen und verkeilte mich wortlos in seinen Armen. Es gibt Situationen, in denen man sich schnell an Dinge gewöhnt.

Einige Stunden später schüttelte mich eine grobe Hand. Ich öffnete die Augen. Der Kerl reichte mir einen Becher voll mit einem verdächtig aussehenden Gebräu, aber egal, es war warm. Ich traute mich nicht, ihm zu sagen, dass ich meinen Kaffee normalerweise ohne Zucker trank. Denn ich war mir fast sicher, es handelte sich bei diesem Zeug da, das mir den Magen verätzte, um Kaffee. Ich lächelte.  

„Weißt du, für eine Tussi bist du schon ein bisschen bescheuert. Total leichtsinnig!“, bellte er.

„Ich heiße Tamara, und das Vergnügen ist ganz meinerseits. Und ich bin keine Tussi. Bescheuert bestimmt, aber keine Tussi. Ich fasse es nicht... Was hast du für ein Problem?“

„Dario.“

Er streckte mir eine riesige Hand hin, weigerte sich immer noch zu lächeln.

„Dir ist nicht klar, was für ein Risiko du eingehst. Ganz alleine, in Zügen wie diesem. Hast du dich mal umgeschaut? Das ist echt dämlich. Mädchen wie du verschwinden jeden Tag...“

„Oh, jetzt reicht es aber.“ Ich regte mich langsam auf. „Willst du mir jetzt eine Moralpredigt halten, nachdem du mir heute Nacht die Angst meines Lebens eingejagt hast?“

„Du solltest freundlicher mit mir reden, Kleine, sonst fängst du dir die Ohrfeige ein, die du verdient hast... Was hast du denn gedacht, dass ich dich vergewaltigen würde? Hast du dich schon mal angeschaut? Wer würde dich wollen?“  

Fisch oder Fleisch, ich wusste es immer noch nicht. Ich war wütend. Und verzweifelt. Wütend auf diesen Primaten, der mich schlecht behandelte. Wütend auf das missratene Leben, das mich dazu zwang, das alles mitzumachen. Verzweifelt darüber, so einsam zu sein.

Ich wünschte mir, die Kraft zu besitzen, ihn zum Teufel zu jagen. Ich wünschte mir, diese schreckliche Reise sei zu Ende. Ich biss die Zähne zusammen und versuchte, einen passenden Gesichtsausdruck aufzusetzen, aber ich merkte, wie mir vor Wut und Verzweiflung die Tränen kamen.

„Du bist echt ein Arschloch.“

Statt der versprochenen Ohrfeige warf er mir ein Päckchen Taschentücher hin.

„Tut mir leid, ich wollte dich nicht beleidigen. Du bist zu dünn, das stimmt, aber du bist trotzdem hübsch. Ich bin mir sicher, dass es Jungs gibt, denen du gefällst. Hör auf zu heulen, du tust mir leid.“

„Ich weine noch nicht mal deswegen, du dumme Missgeburt.“

Und ich legte noch heftiger los als zuvor. Ich hatte das jahrelang unterdrückt. Wenn es einmal ausbrach, dann natürlich wie die Niagarafälle. Genauso ruppig wie vorher nahm mich Dario in seine Arme. Er schüttelte mich wie einen Pflaumenbaum, aber inzwischen wusste ich, dass es eine wohlwollende Zärtlichkeit sein sollte.

Ich verteilte meinen Rotz noch eine ganze Weile auf seinem Pulli.

Ich nutzte es aus, für all die Tränen, die ich nicht vergossen hatte.

Für die Anwohner der Großen Seen, für Algerien, für das belagerte Sarajevo, für meine misslungenen Klausuren, für das böse Land und, weil ich schon dabei war, auch noch für den Holocaust, für Chile, für meinen letzten Liebeskummer.

Ich nutzte es aus, für die Scheidung meiner Eltern vor zwölf Jahren, für die fiesen Bemerkungen meiner Sportlehrerin in der 6. Klasse, für die Massaker in Kambodscha und den Völkermord an den Armeniern.

Ich nutzte es aus, für die jugendlichen Qualen, für all den Weltschmerz, den ich mir verboten hatte zu beweinen, für Sacco und Vanzetti. Ich nutzte es aus, dafür, dass ich nie einen großen Bruder hatte, sondern eine Schwester, mit der ich seit fünf Jahren nicht mehr sprach.

 

Alles kam an die Reihe, auf Darios Pulli. Und ich hätte bestimmt noch viele weitere Gründe zum Weinen gefunden, wenn der Zug in diesem Augenblick nicht in den Belgrader Bahnhof eingefahren wäre.


[1] 91 Euro

[2] Der französische Discounter TATI ist wegen seiner niedrigen Preise vor allem bei Migranten beliebt. Die viereckigen gemusterten Plastiktaschen der Kette sind zum Sinnbild einer in prekären Verhältnissen lebenden Bevölkerungsgruppe geworden, die auf Sonderangebote angewiesen ist. (Anm. der Übersetzerin)


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