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Mondaugen, Kurt & Hagedorn, Udo (Hg.): Eiswüste und Asphaltblut

ISBN:
978-3-86660-165-9
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Ein Text-Bild-Experiment

Ein Text-Bild-Experiment mit Beiträgen von Ahne, Tom Bresemann, Julius Fischer & André Herrmann, Lizzy Gabriel, Roman Israel, Simone Kornappel, Jan Kuhlbrodt, Kurt Mondaugen, Radjo Monk, Sonia Petner, Raimund Petschner und Stephan Sarek

Udo Hagedorn und Kurt Mondaugen vereinbarten ein außergewöhnliches Bildbetrachtungs-Experiment: Ein abstraktes Bild des Berliner Künstlers Hagedorn wurde für je drei Wochen in den Wohnungen von 13 Schriftstellern platziert. Diese hatten die Aufgabe, eine mit den Farben und Linien des Bildes verwobene Geschichte zu erfinden. Irritationen und Mißverständnisse waren erwünscht. So finden sich in diesem Band Geschichten von Schuhabdrücken und breit getretenen Kaugummis, von einer Farbexplosion und vom Photonenantrieb eines interstellaren Raumschiffes neben tiefgründigen Analysen und Reflexionen, in denen Bildkunst und schriftstellerische Improvisation aufeinandertreffen.

Kurt Mondaugen: geb. 1966, lebt als Schriftsteller, Performer und Philosoph in Leipzig, 2008-2011 Stipendiat am Graduiertenkolleg Schriftbildlichkeit an der Freien Universität Berlin.

Udo Hagedorn:
geb. 1968 in Thüringen, lebt als bildender Künstler in Berlin und Ostbrandenburg.

Das freudige Ergebnis eines gescheiterten Experiments: Eiswüste und Asphaltblut
 Ralf Julke, L-IZ
 ⇒ www.l-iz.de/Bildung/Bücher/2013/12/Gescheitertes-Experiment-Eiswueste-und-Asphaltblut-52729.html


Aus dem Nachwort von Kurt Mondaugen:

„Die Hochzeit von Text und Bild“ / „Eiswüste und Asphaltblut“ – Ein Projekt und seine Realisierung

Am Anfang war…

ein gewittriger Juniabend 2009, als wir nach einem Wolkenbruch gemeinsam mit 200 anderen  mehr oder minder durchnässten Gästen an der FU in Berlin-Dahlem dem eloquenten Nachtropfen der Blätter und einem öffentlichen Vortrag der Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann lauschten.[1] Aleida Assmann sprach über die bildproduzierende Kraft der Imagination und las eine Passage aus einer Erzählung Eichendorffs vor, in der zwei Kinder durch das intensive Betrachten eines Landschaftsbildes buchstäblich in dieses Bild hineingesogen werden und darin herumzuspazieren beginnen…[2]

Und Udo Hagedorn, der Maler, murmelte neben mir: „… ist ja irgendwie zu einfach.  Wie wäre es, wenn man als Betrachter statt in eine gemalte Landschaft in ein abstraktes Bild hineingesaugt würde?“ Und noch am Abend begann er, mit großen inspirativen Gesten sein Weinglas akrobatisch in der Hand schwenkend, diese Idee vor meinen Augen und Ohren auszufalten: die Idee, ein abstraktes Bild – und eben kein gegenständliches – zum Ausgangspunkt für die literarische Textproduktionsmaschine zu machen, d.h. von Gegenwartsdichtern austesten zu lassen, was passiert, wenn sie sich in ein abstraktes Gemälde hineinsehen bzw. –schreiben ...

Ich war zunächst skeptisch: Literarische Bildbeschreibungen gibt es schon eine Menge und in unterschiedlichsten auseinanderdriftenden Formaten, und es klang mir irgendwie nicht reizvoll genug für ein künstlerisches Forschungsprojekt. Kurz: ich hatte das Gefühl: ich und andere meiner Dichterfreunde und potentiellen Versuchsbeteiligten bräuchten irgendwie mehr klare Vorgaben. Und so kam es, dass Udo und ich also noch ein paar weitere Wolken­brüche in diesem Sommer 2009 wild diskutierend auf wechselnden Gartenbänken Kaffeetassen oder Weingläser schwenkend in Berlin und Umland verbrachten, bis eine stringente Versuchsanordnung für das Projekt und auch ein Arbeitstitel feststanden. Er lautete „Die Hochzeit von Text und Bild“.
 

Die Vorgaben

Die etwa 12 Autoren, die wir für das Projekt zu finden hofften, sollten nach den Vorgaben einer formalen Plotstruktur erzählerische Texte verfassen, die sich in das abstrakte Bild hineinweben, sich verflechten, mit Worten und Metaphern im Verlauf der Erzählens immer wieder die Ebene des Bildes kreuzen, das heißt auf sichtbare Elemente/Aspekte des Bildes bezug nehmen müssten. Wir formulierten diese Vorgaben in eine „Projektidee“ und in ein detailliertes „Arbeitsmanual für die Autoren“[3] und Udo malte zur Ver­deut­lichung der gewünschten inhaltlichen Text-Bild-Über­kreuzungs-Struktur sogar noch ein mäandrierendes Diagramm.

Als Gegenstand für das Experiment wählten wir ein Bild von Udo Hagedorn aus dem Jahr 2004 (Impuls, Acryl auf Leinwand 1,25 m x 1,0 m).

Der Text jedes Autors sollte nicht mehr als 12.000 Zeichen umfassen. Und keiner der Beteiligten sollte vor dem Schreiben seines eige­nen Textes den Text eines der anderen teilnehmenden Schrift­­steller gelesen haben.
 

Schreibszene mit Bild

Uns war klar: Das Experiment würde nur funktionieren, wenn die betreffenden Schriftsteller die Möglichkeit hätten, das betreffende Bild wirklich im Original (und nicht etwa bloß als eine Reproduktion) beim Schreiben vor Augen zu haben. Praktisch hieß das also: Das Bild würde für eine gewisse Zeit jeweils dort sein müssen, wo sich der Schreibtisch des jeweiligen Autors/der jeweiligen Autorin befindet, also bei diesen zu Hause. Das Bild würde also auf Reise gehen müssen… Wir versuchten, es ihm schonend beizubringen, und irgendwann sagte es: „O.k.“, einsilbig wie Bilder so sind.
 

Die Autorensuche

Wir begannen, in unserem näheren und weiteren literarischen Freundes- und Bekanntenkreis gezielt Autoren anzufragen, ob sie sich vorstellen könnten, an dem eigenwilligen Forschungsprojekt teilzunehmen. Es gab Absagen, es gab Zusagen, es gab Absagen mit Weiterempfehlung an interessierte Autoren, es gab Nachfragen. Unser Auswahlkriterium war neben einem Vertrauen in die Imaginationskraft der betreffenden Literaten noch Folgendes: Wir wollten inhaltlich und stilistisch ein möglichst breites Spektrum der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur in das Experiment integrieren: Es sollten gestandene Erzähler ebenso beteiligt sein, wie Dichter, die eher experimentell – auch im Grenzbereich zu den bildenden Künsten – arbeiten, darüber hinaus aber auch Autoren, die aus dem Bereich der Live-Literatur von Lesebühnen und vom Poetry Slam kommen. Denn wir brauchten für unser Experiment unterschiedliche Schreibstile, Lebensstile, Textproduktionsstile.

Schließlich fanden wir 13 Autoren aus Leipzig und Berlin, die bereit waren, sich dem Experiment zu stellen.
 

Reisebeschreibung

Die Reise des Bildes in die Wohnungen der Dichter begann im Winter 2009/2010 – zunächst nach Berlin zu Raimund Petschner, Stephan Sarek, Lizzy Gabriel, im Frühjahr 2010 dann nach Leipzig zu Jan Kuhlbrodt, Radjo Monk, zu mir, André Herrmann und Julius Fischer, dann zu Roman Israel, von dort aus im Frühjahr 2011 wieder zurück nach Berlin: zu Ahne, Tom Bresemann, Simone Kornappel und Sonia Petner. Eigenhändig und mit – ob seiner Aus­maße – ausgestreckten Armen brachten Udo und/oder ich das großformatige Bild zu den jeweiligen Autor/innen in die Wohnungen, das Arbeitsmanual anbei. Dort wurde das Bild jeweils temporär aufgehängt, manchmal an eine Wand gelehnt in der Nähe des Schreibtischs. Wir wurden wahlweise zu Tee, Bier, Wasser, Kaffee, Kunst- oder Lebenslagebesprechungen eingeladen und verschwanden dann wieder. Nach einer angemessenen Präsenz- und Schreibzeit von meist 3-5 Wochen holten wir das Bild dann wieder bei der Autorin/dem Autor ab, versuchten, den Ort des Bildes in der jeweiligen Wohnung – möglichst zusammen mit dem Autor – per Foto zu dokumentieren und weiter ging die Reise des Gemäldes…

Transportkosten

Dass zu vieles Reisen für (größere) Bilder durchaus ein Problem sein kann, dürften nicht nur professionelle Kunstspediteure wissen. Der Parforceritt des Bildes mit Transportern, Taxis und Straßenbahnen, über Asphalt, Kopfsteinpflaster, knarrende Treppendielen, durch die literarischen Vorder- und Hinterhofs-Wohn­quar­tiere von Leipzig und Berlin hat durchaus auch am Bild ein paar Abnutzungsspuren hinterlassen. Dass es so kommen würde, hatten wir weder vorhergesehen noch mit dem Bild abgesprochen. Aber einsilbig wie Bilder so sind, murmelte es jedes Mal nur leise: „Ist schon o.k.!“

Nun ja: insgesamt hielten sich die Transportspuren doch in Grenzen, und sie verliehen dem Bild mit der Zeit sogar so eine Art „Seht-mal-ich-bin-echt-weit-herumgekommen“-Aura, in der sich das Bild in unbeobachteten Momenten mittlerweile gelegentlich sogar zu sonnen schien.

Und auch Udo Hagedorn – als Schöpfer des Bildes – ist nach der Lektüre der Autorentexte letztlich primär auch nur froh darüber, dass das Bild das ganze Verfahren überhaupt überstanden hat und wieder in sein Atelier zurückgekehrt ist. In den literarischen Fiktionen einiger beteiligter Autoren drohten dem Bild doch wesentlich gravierendere Transformationen seiner Materialität als die paar Gebrauchsspuren der Reise… 

Von der Subversion des Schreibens

Es ist das eine, die Zusage zu geben, einen Text zu einem Gemälde schreiben zu wollen, wenn man dieses gerade mal nur gesehen hat als Fotoausdruck oder im Anhang zu einer Email. Und es ist das andere, den Text zu diesem Bild dann auch wirklich schreiben zu müssen, wenn das Bild dann wirklich in der eigenen Wohnung vor einem steht oder hängt, präsent, nicht zu übersehen, weil mehr als einen Quadratmeter Wahrnehmungsfläche einnehmend. Und das Schreiben soll dann auch noch in einer begrenzten Zeit erfolgen und nach diesen rigiden Vorgaben! – Widerstand in allen Körperfasern!

Ich weiß, wovon ich rede, auch ich war ja Autor und habe die emotionalen Achterbahnfahrten durch:  Betrachten des Bildes, Inspiration, Variation, Redundanz, Blockade, Wiederbetrachten des Bildes, Anfassen des Bildes, Nachlesen im Arbeitsmanual,  Nachdenken über die Vorgaben, Uminterpretation der Vorgaben, Zerreißen des Arbeitsmanuals! – Fiktives oder reales Nachtelefonieren mit den Projektinitiatoren,  Nachverhandeln: „Ist das ein Problem, wenn ich jetzt nicht genau…“ oder Protest: „Das geht ja gar nicht, dieses Manual und dieses Plotdiagramm! – Von wegen künstlerische Freiheit! – Man fühlt sich ja eingesperrt wie in einem  DinA4-Hühnerschreibkäfig – eine verdammte Legebatterie für Dichter“ – Kurz: Wir Autoren sind auch nur Menschen mit Wünschen und Widerständen.

O.k. – Udo und ich als „Projektleiter“ mussten also lernen, dass Vorgaben auch und gerade für Dichter manchmal dazu da sind, sie gerade NICHT zu erfüllen, sondern sich kreativ an ihnen abzuarbeiten. Wir mussten akzeptieren lernen, dass diese kreative Subversion der Vorgaben, diese „wilde Semiose“[4] auch des Arbeitsmanuals, Teil der Erfüllung der Vorgaben war. – Die entstandenen Texte verschoben die Sicht auf die vorgegebenen Rahmenbedingungen und erzeugten für uns eine merkwürdige Differenz-Erfahrung zu unserem eigenen Projekt. So ungefähr wie das Leben sonst auch verläuft.

Noch ein Wort zum Wie der Textproduktion. Aus unseren Gesprächen mit den Autoren haben wir erfahren, dass die Texte ganz unterschiedlich entstanden sind: direkt im Rechner oder zunächst im kreativen Entwerfen von Textideen mit Kuli und Papier vor dem Bild sitzend, im Auf- und Ablaufen vor dem Bild, das Diktaphon in der Hand und dem impulsiven Einsprechen von Text im Moment seiner Entstehung. Zwei Autoren haben ihren Text gleich kollaborativ zusammen geschrieben – Julius Fischer und André Hermann, als „Team Totale Zerstörung“ im Poetry Slam für sie eine routinierte Praxis.
 

Von der Subversion des Titels: Von der Hochzeit zu Eiswüste und Asphaltblut

Das Projekt ist mit dem Arbeitstitel „Die Hochzeit von Text und Bild“ gestartet. Als wir die entstandenen Texte am Ende der Bild-Reise schließlich zu einem Buch konzipierten und zusammen mit dem Verleger noch einmal gegenlasen, wurde klar, dass sich im Laufe der Zeit, die das Bild bei den verschiedenen Schriftstellern und in deren Vorstellungsräumen verbracht hatte, untergründig auch ein Wandel des Titels vollzogen hatte – hin zu einem Buchtitel, den wir zwar noch nicht kannten, den Udo Hagedorn dann aber in einem kreativen Akt synoptischer Lektüre herausfand: „Eiswüste und Asphaltblut“.
 

Über das Buch hinaus        

Das vorliegende Buch ist Teil der Realisierung des Projektes „Die Hochzeit von Text und Bild“/„Eiswüste und Asphaltblut“. Darüber hinaus wird es in der Kunsthalle Hagedorn in Ihlow bei Berlin ab 2014 eine Dauerinstallation geben – mit dem Bild als Ausstel­lungsobjekt und einem Audioguide mit den eingesprochenen Texten aller Autoren. (www.kunsthalle-hagedorn.de) Hier wie dort soll der/die Leser-, Hörer- und Betrachter/-in selbst erfahren, ob und wie sich Bild und Texte gegenseitig neue Imaginationsräume eröffnen und sich mit der eigenen Wahrnehmung dabei an ungewohnter Stelle verorten.



[1] Der Vortrag mit dem Titel „Lesen als Kippfigur“ ist als Aufsatz mittlerweile erschienen und nachzulesen im Sammelband „Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen“ (hrsg. v. Sybille Krämer, Eva Cancik-Kischbaum und Rainer Totzke, Akademieverlag Berlin 2012, S. 235-244).

[2] Der Text stammt aus Eichendorffs Zyklus „Dichter und ihre Gesellen“.

[3] Das „Arbeitsmanual“ für die beteiligten Autoren befindet sich als ganzes dokumentiert im Anhang des vorliegenden Buches abgebildet

[4] Der Begriff stammt von Aleida Assmann.



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