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Reznikoff, Charles: Holocaust

ISBN:
978-3-86660-161-1
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Gedichte, zweisprachig. Aus dem amerikanischen Englisch und mit einer Einleitung versehen von Georg Deggerich

Holocaust erschien in Amerika 1975 und wurde seitdem immer wieder aufgelegt. In zwölf Sektionen schildert das Buch das gesamte Geschehen, von den Deportationen bis zu den Märschen der Häftlinge zur Räumung der Lager.

Grundlage der Gedichte sind Mitschriften von den Nürnberger Kriegsverbrechertribunalen und vom Prozeß gegen Eichmann in Jerusalem. Reznikoff hat nichts hinzuerfunden, sondern lediglich ausgewählt, arrangiert und in Verse gesetzt, um dem Langgedicht einen Rhythmus zu verleihen, der der Sprache der Geschichte angemessen ist. Drastisch, brutal, verstörend wie das Leben selbst sind diese Texte, frei von jeglicher Metaphorik.

Die nüchterne, äußerst verknappte Form, mit der die grausamen Ereignisse wiedergegeben werden, macht Holocaust zu einem einzigartigen Dokument.

Trotz der Fülle der Holocaust-Literatur ist Reznikoffs Text gerade für deutsche Leser ein bedeutsames Mahnmal und eine Entdeckung - um so erstaunlicher, daß er nach so langer Zeit in dieser Ausgabe hierzulande erstmals veröffentlicht wird.

Charles Reznikoff: 1894 - 1976, geboren als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in Brooklyn, studierte ein Jahr lang Journalismus, wechselte zu Jura, arbeitete kurz als Anwalt, dann als Lektor in der American Law Book Company, schrieb Prosa und Theaterstücke, druckte und verlegte seine Bücher selbst.

„His Holocaust testimonies are unsentimental, unreligious, unvarnished with mystical consolations ... His Auschwitz was not Elie Wiesel’s holy mystery or William Styron’s ‘fatal embolism in the bloodstream of mankind,’ but a real place where men and women lived and died without witnesses, and mourners.“ Sylvia Rothchild, National Poetry Foundation

Stachel im Fleisch: Charles Reznikoffs Gedichtband "Holocaust" endlich auf Deutsch
Ralf Julke, L-IZ
⇒ 
www.l-iz.de/Bildung/Bücher/2013/04/Charles-Reznikoffs-Gedichtband-Holocaust-47660.html

Zuständig für Mord
Rolf Birkholz, Am Erker
⇒ 
www.am-erker.de/rez6519.php

Leseprobe:

I     DEPORTATION


1

One evening, a policeman came and told him—

he had come from Poland and had been in Germany almost thirty years—

told him and his family,

“To the police station at once.

But you are going to come back right away,” the policeman added.

“Take nothing with you—

except your passports.”

When they reached the police station,

they saw Jewish men, women, and children,

some sitting, others standing—

and many in tears.

 

All were taken to the town’s concert hall—

Jews from all areas in town—

and kept there twenty-four hours,

and then taken in police trucks to the railway station.

The streets the trucks went through were crowded

with people shouting,

“The Jews to Palestine! Away to Palestine!”

And the Jews were all put on a train

taking them towards the Polish border.

 

They came there in the morning—

trains coming from all sorts of places in Germany—

until the Jews numbered thousands.

Here they were searched

and if anybody had more than ten marks

the rest was taken away;

and the S.S. men, the men of the Nazi protection squads, taking it said,

“You didn’t bring any more into Germany—

and can’t take any more out!”


I     DEPORTATION


1

Am Abend kam ein Polizist und sagte zu ihm –

er stammte aus Polen und lebte seit fast dreißig Jahren in Deutschland –

sagte zu ihm und seiner Familie:

„Alle sofort zur Wache.

Aber es dauert nicht lange“, fügte der Polizist hinzu.

„Nehmt nichts mit –

nur eure Pässe.“

Als sie zur Wache kamen,

sahen sie jüdische Männer, Frauen und Kinder,

die einen saßen, andere standen –

und viele weinten.

 

Alle wurden zum städtischen Konzertsaal gebracht –

Juden aus der ganzen Stadt –

und vierundzwanzig Stunden dort festgehalten

und dann mit Mannschaftswagen zum Bahnhof gebracht.

Entlang der Straßen standen viele

Menschen und schrien:

„Die Juden nach Palästina! Fort nach Palästina!“

Die Juden wurden in einen Zug gesteckt,

der sie zur polnischen Grenze brachte.

 

Sie kamen morgens dort an –

aus ganz Deutschland trafen Züge ein –,

bis es mehrere tausend Juden waren.

Sie wurden durchsucht

und wer mehr als zehn Reichsmark dabei hatte,

bekam den Rest abgenommen;

und die SS-Männer, die das Geld an sich nahmen, sagten:

„Ihr seid mit nicht mehr nach Deutschland gekommen –

also dürft ihr auch nicht mehr mitnehmen!“
The men of the S.S. squads were “protecting” them

as they walked towards the Polish border;

whipping those who lingered

and snatching what little baggage anyone had

and shouting, “Run! Run!”

 

When they came to the Polish border, the Polish officials

examined the papers of the Jews,

saw that they were Polish citizens

and took them to a village of about six thousand—

the Jews numbered at least twice as many.

 

The rain was driving hard

and the Poles had no place to put them

but in stables,

the floors covered with horse dung.

 

 

2


A Jew who had come to the office of the city’s Jewish community

found the office closed

and two men of an S.S. squad with steel helmets and rifles

at the door.

(The two were members of “the entertainment squad”

and did all sorts of things

to amuse themselves and others.)

The Jew was given a bucket of hot water

and told to clean the steps of the entrance;

the water had an acid in it burning his hands.

The chief rabbi of the community, wearing his robe and prayer shawl,

was pushed out beside him

and also told to clean the steps;

the other S.S. men, standing around, and passers-by

smiling or laughing.



Die Männer der SS „beschützten“ sie

auf dem Weg zu Fuß über die polnische Grenze;

sie peitschten diejenigen, die zu langsam gingen,

und rissen den Leuten das wenige verbliebene Gepäck aus den Händen

und brüllten: „Schneller! Schneller!“

 

An der polnischen Grenze überprüften Grenzbeamte

die Pässe der Juden

und sahen, dass sie polnische Staatsbürger waren,

und brachten sie in ein Dorf mit etwa sechstausend Einwohnern –

die Zahl der Juden war mindestens doppelt so groß.

 

Es regnete heftig

und die Polen hatten keinen anderen Platz, sie unterzubringen,

als in Ställen,

deren Boden mit Pferdemist bedeckt war.

 

 

2


Ein Jude, der zum Büro der jüdischen Gemeinde kam,

fand es geschlossen,

und vor der Tür

standen zwei SS-Männer mit Stahlhelmen und Gewehren.

(Die beiden Männer gehörten zur „Unterhaltungsabteilung“

und ließen sich alle möglichen Dinge

zur eigenen und zur Unterhaltung der anderen einfallen.)

Sie gaben dem Juden einen Eimer heißes Wasser

und befahlen ihm, den Treppenaufgang zu schrubben;

in dem Wasser war Säure, die seine Hände verätzte.

Der Oberrabbiner der Gemeinde, in seinem langen Mantel und Gebetsschal,

wurde ebenfalls zu Boden gestoßen

und musste mit ihm schrubben;

die dabeistehenden SS-Männer und Passanten

grinsten und lachten.




3


A priest in Germany would find Jews shelter

and Jews came to him to hide.

He sent them to workingmen in the suburbs of Berlin

and to farmers out of town,

and they sheltered hundreds—

not a door was closed.

Telling another priest why he did this,

he asked the priest—who had been in Palestine—

“Do you know the road from Jerusalem to Jericho?”

The priest he spoke to nodded;

and the priest who asked the question went on:

“On this road there was once a Jew

brought down by robbers,

and he who helped him was not a Jew.

The God I worship told me:

‘Go and do as he did!’”




3


Ein Priester in Deutschland bot den Juden Verstecke an

und die Juden kamen zu ihm, um unterzutauchen.

Er schickte sie zu Arbeitern in den Vorstädten von Berlin

und zu Bauern auf dem Land

und sie versteckten Hunderte –

niemand versperrte ihnen die Tür.

Als er einem anderen Priester – der Palästina besucht hatte –

erklären wollte, warum er das tat, fragte er ihn:

 „Kennst du die Straße von Jerusalem nach Jericho?“

Der andere nickte;

und der Priester, der die Frage gestellt hatte, fuhr fort:

„Auf dieser Straße wurde einmal ein Jude

von Räubern überfallen,

und ihm half jemand, der kein Jude war.

Der Gott, den ich anbete, sagte mir:

‚Geh und handle wie er!‘“


Vorwort von Georg Deggerich


Bei seinem Erscheinen im Januar 1975 stieß Holocaust vielfach auf Un­ver­ständnis und Ablehnung. Kritiker vermochten in dem schmalen Band nicht mehr zu sehen als „eine beinahe unerträgliche Litanei der Grau­sam­keit und des Schreckens“ oder unterstellten Reznikoff gar „eine aus­ge­dehnte Übung in Maso­chis­mus unter dem Deckmantel, Zeugnis ab­zu­legen“. Vor allem der zweite Vorwurf musste Charles Reznikoff hart ge­troffen haben, weil Zeug­nis abzulegen in der Tat ein zentrales Anliegen seiner Dichtung war, aber nicht als vorge­schobener Grund, um sich an der Darstellung mensch­li­chen Leids zu weiden. Stattdessen ging es ihm viel­mehr darum, ein so un­faß­bares Geschehen wie den Holocaust so sprachlich wiederzugeben, dass der Leser nicht reflexartig mit Abscheu und Entsetzen darauf reagiert, sondern sich mit dem Geschehen auseinan­dersetzt und eine eigene Haltung dazu ent­wickelt. Fast dreißig Jahre hat es gedauert, bis Reznikoff einen Weg ge­fun­den hatte, sich im Medium des Gedichts dem Thema zu stellen. Holo­caust ist der letzte Gedichtband des Autors, er­schienen in Reznikoffs ein­und­achtzig­stem Lebensjahr. Als konsequen­teste und radikalste Umsetzung der Maxi­me, dass Dichtung für sich selbst zu sprechen habe, ist der Ge­dicht­zyklus zugleich der krönende Abschluss eines mehr als fünfzigjährigen Le­bens­werks.

Geboren wurde Charles Reznikoff am 31. August 1894 im jüdischen Ghet­to Browns­ville in Brooklyn. Seine Eltern waren einige Jahre zuvor vor den zaristischen Pogromen aus Russland geflohen und hatten wie hundert­tausende osteuropäischer Juden Arbeit in der boomenden New Yorker Textilindustrie gefunden. Trotz des bescheidenden Wohlstands, der es den Eltern ermöglichte, ihren Sohn zuerst zur Highschool und dann aufs College zu schicken, waren die Juden in der Neuen Welt keineswegs willkommen. Bereits als Kind wurde Reznikoff Zeuge antisemitischer Ausschreitungen, auch gegen Mitglieder seiner eigenen Familie. Bilder von Gewalt gegen Juden durchziehen seine frühe Dichtung wie ein roter Faden und be­grün­deten eine für sein gesamtes lyrisches Werk charakteristische Haltung des distanzierten, genauen Beobachters. Bereits mit dreizehn Jahren stand für Rez­nikoff fest, Dichter zu werden. Ein Journalismusstudium an der Uni­ver­sität von Missouri brach er schon nach einem Jahr ab, weil das kurzlebige, an der Tagesaktualiät orientierte Geschäft des Repor­ters nichts mit Rez­ni­koffs Vorstellung von Dichtung als „the news that stay news“ zu tun hatte. Von 1912 bis 1915 studierte Reznikoff Jura an der New York University. Auch wenn er nur wenige Wochen als Anwalt praktizierte, so war die in das Stu­dium investierte Zeit und Mühe keineswegs umsonst. Tatsächlich schärf­te die akribische, um äußerste Genauigkeit bemühte Sprache vor Ge­richt nicht nur Reznikoffs eigenes Sprachempfinden, son­dern lieferte gleich­sam ein Modell für seine eigene lyrische Praxis. Ver­gleichbar mit dem Pro­zedere eines Gerichts­verfahrens, betrachtete Rez­nikoff Lyrik als nüch­terne, genaue Be­schrei­­bung des Gegenstands, unter bewusstem Ver­zicht auf alles schmückende und verstellende Beiwerk. Noch 50 Jahre später, in dem Ge­dicht­zyklus Early History of a Writer (1969), hat der Autor diesen so wich­tigen Moment seiner litera­ri­schen Laufbahn fest­ge­hal­ten:
 

Ich erkannte, dass ich die aufwändige Maschinerie gebrauchen konnte,

der ich vier harte Jahre gewidmet

und die ich als wertlos für mein Schreiben erachtet hatte:

das Aufbrechen von Sätzen, um deren exakten Gehalt zu bestimmen;

das Abwägen einzelner Worte, um nur die auszuwählen, die meiner Sache dienlich  waren,

und den Rest fortzuwerfen wie leere Hülsen.

 

Im Oktober 1917 schickte Reznikoff einige seiner Gedichte an Harriet Mon­roe, Herausgeberin der einflussreichen Zeitschrift Poetry, dem Zentral­organ modernistischer Dichtung von T.S. Eliot bis Ezra Pound. Nachdem Monroe eine Reihe stilistischer Änderungen vorgeschlagen hatte, war Reznikoff selbstbewusst genug, die Gedichte zurückzuziehen und sie im Frühjahr 1918 im Eigenverlag zu publizieren. Der schmale Band Rhythms umfasste ganze 24 Seiten und war auf einer Handpresse im Keller von Reznikoffs Elternhaus gedruckt worden. Das bescheidene literarische Debüt hatte weniger mit dichte­rischer Eitelkeit als mit einem ein­schnei­denden Ereignis aus der Familien­­geschichte zu tun. Reznikoffs Großvater, der in Russland als Viehhändler über Land gezogen war, hatte ebenfalls Gedichte ge­schrie­ben. Nach seinem Tod hatte seine Frau aus Furcht davor, die Texte könnten An­würfe gegen den Zaren enthalten, sämtliche Manuskripte ver­brannt. Reznikoff nahm dies als Mahnung, selbst für die Verbreitung seiner Texte zu sorgen. Allein zwischen 1918 und 1928 erschienen nicht weniger als neun Publikationen, darunter Gedichtbände, Theaterstücke und der erste Teil eines Familien­porträts, das in den folgenden Jahren erweitert und zuletzt unter dem Titel Family Chronicle (1963) veröffentlicht wurde.

Anfang der Dreißigerjahre schloss Reznikoff sich mit den Lyrikern Louis Zukofsky, George Oppen und Carl Rakosi zur so genannten „Objectivist School“ zusammen. Gründungsmanifest der Gruppe war eine Sonderaus­gabe der Zeit­schrift Poetry im Februar 1931, in der Zukofsky die Ziele des Objek­tivismus am Beispiel der Lyrik Reznikoffs erläuterte. Darin erklärt er Klarheit in Stil und Ausdruck, Präzision im Detail und eine natürliche Musi­kalität des Verses zu den wesentlichen Kennzeichen objektivistischer Dich­tung. Reznikoff hielt sich mit poetologischen Statements zurück und beschrieb den gemeinsamen Nenner der Gruppe pragmatisch als „writers publishing their own work“, ein Vorsatz, den er selbst am konsequentesten befolgte. Von den sechs Publikationen der 1934 gegründeten, aber bereits zwei Jahre später mit der Bewegung selbst ver­schwun­denen „Objectivist Press“ stammten ganze vier aus Reznikoffs Feder. Immerhin konnte er sich vor­behaltslos den Forderungen der Objektivisten nach dem Bezug auf ein konkretes Objekt sowie der Zurücknahme des dichterischen Subjekts an­schließen, auch wenn er darin keine Neuerung der Dichtung des 20. Jahr­hunderts sah, sondern augenzwinkernd den chinesischen Dichter Wei T’ai aus dem elften Jahrhundert als Gewährsmann eines objektivistischen Dich­tungs­­begriffs zitierte: „Lyrik stellt den Gegenstand dar, um eine Empfin­dung zu vermitteln. Sie sollte genau in der Beschreibung des Gegenstands sein, und die Empfindung verschweigen.“

In den Jahren der Depression verlor Reznikoff seine bis dahin einzige ge­sicherte Einnahmequelle. Viele Jahre lang hatte er als Handlungsreisen­der für das Hutgeschäft seiner Eltern gearbeitet, eine Aufgabe, die ihm durchaus ent­gegen­kam, weil ihm auf den Reisen bis nach Texas und an die amerikanische Westküste genügend Zeit für das Schreiben von Gedichten blieb. Als Folge der Wirtschaftskrise konnte sich die Familie die $25, die er wöchentlich für seine Arbeit bekam, nicht mehr leisten, und Reznikoff musste sich nach einem neuen Broterwerb umsehen. Er fand ihn als freier Mitarbeiter bei Corpus Juris, einer Enzyklopädie für Juristen, in der Fälle aus der Rechtsgeschichte der USA exemplarisch dargelegt und kommentiert wurden. Das Studium tausender Pro­zess­akten gab Reznikoff zudem das Material für sein größtes und ambitio­niertestes literarisches Projekt. Testi­mony: The United States 1885 – 1915 ist ein auf vier Bücher angelegtes Werk, an dem der Autor von 1934 – 1975 gearbeitet hat und das in seiner kompletten Form erst nach seinem Tod erschien. Aufgeteilt in drei größere Komplexe, der Süden, der Norden und der Westen, versammelt Testimony Fälle von Ge­walt­verbrechen, Rassismus, Misshandlung und Aus­beu­tung sowie Ar­beits- und Verkehrsunfälle, die ohne jede moralische Wertung wieder­ge­geben werden. Indem der Autor weitgehend auf Namen, Daten und eine genaue Lo­ka­lisierung verzichtet, gewinnen die Einzelfälle zugleich paradig­mati­schen Charakter. Kritiker waren gleichwohl schockiert über die end­lose Kette von Brutalität, Gesetzlosigkeit und Grausamkeit und warfen Rez­nikoff eine verengte Sicht auf eine ausschließlich als Katastrophen­ge­schichte de­finierte historische Realität vor. Übersehen wurde dabei, dass Reznikoff in Testi­mony eben jenen eine Stimme verlieh, die ohne Namen und ohne Wieder­gutmachung im Räderwerk der Geschichte zermalmt wurden, und dass die Gedichte trotz der verknappten Sprache von einem tiefen Mit­ge­fühl für die Opfer geprägt waren. Reznikoffs Gedichte wollen durchaus eine emotionale Reaktion beim Leser wecken, aber eine Reaktion, die nicht vom Autor vorgegeben wird, sondern sich aus dem Dargestellten selbst herleitet. Der verschiedentlich vom Autor ge­äußerte Vergleich der Haltung des Lyrikers mit der eines Zeugen vor Gericht führt damit gerade­wegs ins Zen­trum von Reznikoffs Poetik: „Zur Beweis­auf­nahme vor Gericht sind keine Schluss­folgerungen, sondern nur die Fakten selbst zugelassen. Ein Zeuge in einem Verfahren wegen Fahrlässigkeit beispiels­weise kann nicht sagen: Der Mann hat fahrlässig die Straße überquert. Er muss sich auf die Be­schreibung dessen beschränken, wie der Mann die Straße überquert hat: Ist er am Straßenrand stehen geblieben? Hat er nach links und rechts geschaut? Die Schlussfolgerungen sind Sache der Jury, beziehungsweise, in unserem Fall, des Lesers.“ Als neutraler Vermittler von Zeugenaussagen hatte Reznikoff ein Ver­fahren gefunden, mit dem er nicht nur den Ge­schun­­denen und Miss­han­del­ten Amerikas eine Stimme geben konnte, sondern auch den Opfern des Holo­caust.

Wie schon bei Testimony bezog Reznikoff sein Material ausschließlich aus amt­lichen Dokumenten, in diesem Fall den Gerichtsakten der Nürn­ber­ger Pro­zesse und des Eichmann-Prozesses in Jerusalem. Und hier wie dort ist die Stim­me des Autors nicht die des moralischen Anklägers, sondern des gänzlich hinter den Ereignissen zurücktretenden Chronisten. In zwölf Abteilungen, die lose der Chronologie des Völkermords von den Depor­tatio­nen bis zur Vernichtung in den Gaskammern entsprechen, kon­fron­tieren die Gedichte in Holocaust den Leser mit einem Geschehen,  das sich oft nahe an der Grenze menschlicher Vor­stel­lungs­kraft bewegt. Indem sämt­liche Zeugen­aussagen in der dritten Person und ohne Nennung von Na­men wie­der­­gegeben werden, verlieren sie den Charakter von Einzel­schick­salen und können so stellvertretend für das Schicksal Tausen­der, ja Millionen ande­rer stehen. Zudem entspricht die Tilgung der Namen der Anony­misie­rung der Opfer des NS-Regimes, die in den Lagern auf eine bloße Nummer reduziert wurden. Der Hauptgrund für die Herauslösung der Ereignisse aus einem individuellen Kontext aber liegt darin, dass der Autor jede Iden­tifi­zie­rung des Lesers mit Einzelschicksalen unterbinden will, die eine Aus­ein­an­der­setzung mit dem Geschehen selbst verhindert. Anders gesagt, Reznikoff ist nicht daran gelegen, den Leser zu Tränen des Mitleids zu rüh­ren, sondern ihn mit der ganzen Wucht der historischen Fakten zu kon­fron­tie­ren. Für viele Leser ist die Lektüre von Holocaust gerade deshalb so verstörend, weil ihnen eine menschliche Perspektive und damit die Möglichkeit fehlt, das Geschehen in irgendeiner Weise zu verstehen oder zu verarbeiten. Auch wenn Reznikoff sich im Sinne der historischen Wahrheit streng an die Aus­sagen der Zeugen gehalten hat, zeigt ein Vergleich der Gerichts­pro­to­kolle mit den Gedich­ten ein aufwändiges poe­to­lo­gisches Ver­fahren, das sowohl auf die Auswahl des Materials als auch auf dessen An­ordnung und formale Gestaltung Einfluss nimmt. Reznikoff gibt die Stimmen der Zeugen keines­falls im Wortlaut wieder, sondern er kompri­miert, arrangiert und inten­siviert sie im Hinblick darauf, die Unge­heuerlichkeit der Ereignisse noch schärfer und eindringlicher her­vortreten zu lassen. Das Ergebnis dieses Verfahrens ließe sich als „doku­men­­tarische Dichtung“ bezeichnen, die das lyri­sche Subjekt ausspart, ohne auf die Elemente lyrischen Spre­chens zu ver­zichten. Mit Holocaust hat Reznikoff auf einzig­artige Weise ge­zeigt, dass es sehr wohl möglich ist, über den Völkermord an den Juden ohne mora­lisch erhobenen Zeigefinger oder im Tonfall tiefer Betroffenheit zu spre­chen. Als Beleg dafür, dass Dichtung auch im Angesicht äußerster Bar­barei und Rohheit nicht ver­stum­men muss, ist Holocaust ein großes, ein bleibendes Zeugnis.

Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Homepage zu diesem Autor.
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