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Pfammatter, Christine: Andere Namen

ISBN:
978-3-86660-142-0
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Kurzprosa

Festeinband, Fadenheftung, Lesebändchen

Kunst oder Leben? Auf den ersten Blick handeln Christine Pfammatters Geschichten von Malerei, Musik oder Schriftstellerei. In Wirklichkeit setzt sie ihren Figuren existentielle Fragen wie eine Pistole auf die Brust: Sinn zu entdecken im Absurden, Heilendes zu finden im Kaputten. Musen und Museen, Freunde und Fiktionen führen den Leser übers Berliner Pflaster wie auch in den Schnee, nach Prag oder an den Genfer See. Am Ende geht es um die Sprache selbst, um ihr unlüftbares Geheimnis, Handwerk des Lebens zu sein, oder anders gesagt: es geht darum, von der Schönheit zu sprechen.

Christine Pfammatter: geb. 1969 in Leuk-Stadt, Schweiz, lebt in Berlin, Studium der Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte in Bern und Fribourg, Veröffentlichungen in manuskripte, entwürfe, ndl, Nord Sud Passage, in der Anthologie Natürlich die Schweizer! u.a., Arbeitsstipendien der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Berlin, der Dürr-Stiftung, Elba, und Chretzeturm, Stein am Rhein

Geerdet
Neue Zürcher Zeitung
⇒ 
www.nzz.ch/magazin/buchrezensionen/geerdet_1.16724950.html

Leseprobe:

Sitzleder

Was tut der Schriftsteller? Er sitzt und wartet. Wartet auf das Wort, das anklopft. Langeweile? Nein, Langeweile kennt er nicht. Nur nackte Not. Denn das Nichtstun quält ihn, das Untätigsein treibt ihn in den Wahn. Aber was erzähle ich.

Die Sonne, die da draussen mächtig scheint, hat er bemerkt. Und auch den Streifen Licht, der sich am Boden behauptet. Wie schön, denkt er, ist die Auf­dringlichkeit der Sonne, ihr Blenden. Und wie schön sind die Schatten. Die gleissenden Strahlen finden überall hin. Sie adeln das Niedrige. Aber womit habe ich die Wärme verdient? Ich bin ein Nichts.

Die Tür habe ich geöffnet. Ich muss warten, mich in Geduld üben. Vielleicht sollte ich mich bewegen. Vielleicht sollte ich spazieren gehen. Ist Denken nicht eine peripatetische Kunst? Nein, ich muss sitzen bleiben.

Ich bin schon lange hier. Dabei ist mein Zimmer schwer erreichbar. Ganz abseits liegt es im alten Haus, dessen Winkel und Gänge mir selbst nicht vertraut sind. Wie können mich da die Buchstaben, die Zeilen und Sätze finden.

Wolken haben, auf einen Schlag, die Sonne verdeckt. Der Raum erkaltet. Der in Not Geratene lauscht in den Tisch hinein. Und der Tisch wird zum schrägen Pult, auf dem sich nichts hält, von dem alles hinunterrutscht.

Wie ich dieses Pult gehasst habe, denkt er, und die harte, enge Bank, die man nicht verrücken konnte, weil sie ein Stück war mit dem Tisch. Dieses Möbel war nicht auszuhalten. Aber ist das Gefühl der Rede wert? Ich bin deswegen kein besserer Schriftsteller geworden. Und die Tatsache, dass man mir auf die Finger geschlagen hat? Dass man mich gezwungen hat? Sie ist Fiktion.

Ich kann keinem Umstand die Schuld geben. Keinem Möbel und keinem Lehrer. Die Schuld liegt bei mir. Ich habe diesen Ort gewählt, weshalb ich warten muss, bis die Sätze mich finden und die Wörter mich besuchen wie Stimmen aus dem Jenseits.


Wallis 

Vor ein paar Tagen wollte ich ein Gedicht auf das Tal schreiben. Doch das winkte ab und sagte: „Ach, was.“

Als ich ihm entschlossen nachspürte, rührte es sich: „Was willst du gross Worte verlieren. Über mich gibt es nichts zu sagen.“

Derart grantig ist es. Und derart trocken. Aber barsch ist nur sein Ton, der offenbart: So schützt man sich vor allzu grosser Liebe.

Also lege ich das Schreibzeug nieder und warte.

Kein Tropfen fliesst aus meiner Feder.

Von den Abhängen kommt Schweigen. Unten im Tal die Rhone, ihr Rau­schen.

So willst du dich in Stummheit üben. Liegst da wie ein Vorwurf und weisst nicht, was ich dir schulde. Muss ich dich bitten? Mit Sticheleien reizen?

Ich öffne das Fenster und rufe ihm, die Hände zum Trichter geformt,  Beleidigungen zu. Ich lausche, aber nur mein Echo hallt zurück.

Das einsilbige Abseits stellte sich quer. Aber was kann man von Schluchten und Schründen, von Steinen und Halden erwarten? Das Wallis erklärt sich nicht. Hier gibt es Schatten. Und hier Licht.

Die Föhren schweigen – und alles andere auch. Deshalb muss ich mir selber Antwort geben. Und selber Ausdruck finden in seinen wechselnden Stim­mun­gen. Mein Gedicht wird Deutung bleiben. Aber Sprache schmälert die Wirk­lichkeit nicht. Nein, Sprache fügt hinzu, sie schöpft die Welt, schafft sie neu durch Atem. Und die Luft, die von den Gletschern weht, nährt den Geist und trägt die Gedanken weiter.

Auch wenn es bisweilen die Schrift versteinert: Das Tal ist ohnegleichen. An flimmernden Sommernachmittagen zum Beispiel droht es zu ersticken. Dann ächzt es unter der Hitze und treibt die Menschen und Tiere in die Berge, höher hinauf, wo die Luft dünner ist und kühler.

Unten brennt die Sonne und ein Wüstenwind trocknet die Erde aus. Mit aufgeblähten Wangen bläst er ins Tal. Rüttelt an den Häusern. Zerrt an den Dächern und wirbelt die sandigen Steilhänge auf.

Die Seele bleibt im Leib. Aber sie wird durchgerüttelt, aufgewühlt und fast fortgeblasen, so dass wir zerbrechlich werden wie Glas.

Der raue Föhn lässt uns unruhig, ganz flatterhaft, zurück. Und das Tal behält, auch wenn es nichts sagte, das letzte Wort.

Wir aber, die wir uns seinem verführerischen Licht nicht entziehen kön­nen, arrangieren uns mit seinen Launen. Das Tal gibt uns Schönheit. Und das ist mehr als wir verstehen, mehr als wir verdienen.

Gerade am Abend, wenn die Massive zum schwarzen Scherenschnitt wer­den, wenn der Himmel die Farben wechselt, Rosarot und Hellgelb dem tiefen Blau weichen und die Nacht herabsinkt, werden wir zu Augen, die nur noch schauen.

Der Tag geht klar zu Ende. Es wird Nacht. Du kommst zu dir, knipst die Lam­pe an und hörst nur noch Stille.

Kein Laut mehr, keine Grille, die zirpt. Nur eine Katze sucht das tintenblaue Grün, die raschelnden Sträucher im Garten, vom Mond scharf angestrahlt, und ihre dunklen Flecken, wo das metallene Licht nicht hingelangt.

Von den Höhen senkt sich eine noch tiefere Reglosigkeit. Und in dir, die du unter schützendem Dach Zuflucht suchst, wächst die Achtung für das Un­be­hauste oder so etwas wie Ehrfurcht, eine Ehrfurcht, die unausgesprochen bleibt, die in dir reift und niederkommt wie Schlaf.

Die höchsten Erhebungen sind unbewohnt, die Spitzen, die Schneefelder, das blaue Eis, das leuchtet. Was aber kommt danach?

Über dir zeigt sich der Sternenhimmel. Wie Diamanten ausgeleert auf schwar­zem Samt. Du hast freie Sicht. Den Kopf aber hebst du nicht, weshalb du die raschen Wolken nicht siehst, die zwischen den Bergflanken dahinhuschen. Du rechnest mit der Natur. Mit ihrer Beständigkeit. Morgen, sagst du, ist sie auch noch da. Aber die Natur ist kein Schauspiel, keine Bühne. In ihrer Wechselhaftig­keit eröffnet sie keine Bedeutung – sondern steht als Bergkette vor dir, heute, morgen und alle Tage.

Die Natur behauptet sich unverrückt, während du das Geschenk erhalten hast, am Leben zu sein. Vielleicht ist das der ganze Sinn: dass du ihn suchen kannst in Freiheit.

Manchmal überkommt dich die Ahnung: Die Massive haben die Macht, dich zu verschonen. Sie rücken deinen Massstab ins richtige Licht.

Winzige Striche sind wir auf der geraden Abfolge von Generationen.

Das Tal aber bleibt gegenwärtig, es dringt durch, auch wenn wir längst aufgehört haben, es gnädig zu stimmen, auch wenn kein Gebet, kein Zau­berspruch mehr unsere Lippen bewegt.

Wir sind Nachkommen derer, die Gottes’ Weisung ernst genommen und sich mit Werkzeug und Verstand die Erde untertan gemacht haben. Wir können die Wasser zähmen, die Hänge sichern. So weit sind wir ihr Herr und Meister. Aber die kalte Schulter dürfen wir der Wildnis nicht zeigen. Dafür macht sie uns zuviel Mühe. Bei Nachlässigkeit zahlt sie es uns doppelt und dreifach heim. Im Winter mit Lawinen. Im Frühjahr mit Schmelzwasser, im Sommer mit Dürre. Die Reben verlangen Arbeit. Dünnhäutig sind die Trauben und der Boden Geröll. Die Hänge sind in Bewegung und immer Gefäll. Steil hinauf und hinunter.

Wir lernten atmen in dünner Luft. Und wurden es eines Tages müde. Warum nicht auf bequemere Vorzüge schielen?

Die Zeit war günstig. Wo früher Stadel stand und Stall, bauten wir Komfortables. Seitdem steigen wir nur noch aus sportlichen Gründen ins Gefäll. Oder aus monetären.

Die Freizeit, diese Abhängigkeit, ist Industrie geworden. Zudem gibt es Fortbewegungsmittel. Sie führen durch die Berge. Und auf sie hinauf. Das erhabene Gestein ist nun schön anzusehen und Kapital.

So nimmt die Armut ab im Lauf des zwanzigsten Jahrhunderts, durch das meine Grossmutter zu Fuss geht. Sie geht in den Acker, den Baumgarten, die Reben. Hinauf auf die Maiensässe und weiter hinauf auf die Alp. Der­weilen leuchten Glühbirnen auf und das erste Automobil rattert über die staubige Landstrasse.

An den Elektroherd, die Nähmaschine gewöhnt sie sich bald. Und nur noch im Traum sieht sie das Kind, das durch den Schnee stapft in groben Schuhen und sich nach Feuerholz bückt, das Maultier, das mit Strohballen beladen ins Dorf wankt.

Nichts anderes als Seilbahnen und Sessellifte, Eisenbahnen und Telefone kenne ich. Sie liefen immer. Wie auch die Touristen, die kamen und gingen. Zu ihnen waren wir noch grantiger, noch gröber als das Tal selbst.

Mit den Fremden konnte man rechnen. Und sie zahlten sich aus. Mehr wollten wir nicht.

Glaubten wir an die Unvergänglichkeit des Gottgegebenen? Wir vergassen die Beschränktheit seiner Ausdehnung, die Endlichkeit der Ausbeutung.

Eine andere Art Vernunft war gefragt. Aber wer hört schon auf die Pro­pheten im eigenen Land. Ihre Schriften sind Zeichen im Rhonesand. Ein Regen, die nächste Flut wischt sie weg. Ihre Rufe verhallen am Strassenrand und gehen unter im Schwerverkehr.

Im Tal gibt es Strassen. Fernstrassen. Sie führen weiter. Lastwagen karren, Tag für Tag, zellophanverpackte Waren, Kisten und Kartons heran. Die Milch ist ho­mo­genisiert und hat, seit Europa ein Land ist, ungezählte Kilometer zurückgelegt.

Was haben die eingeschweissten Tische und Stühle, die da so plas­tik­weiss zwischen Topfpflanzen stehen, hinter sich? Sie wurden in Container gestapelt, sie kamen von Übersee. Hast du nachgefragt? Ja, sie wurden verschifft in China, Indien oder Malaysia.

Die Märkte, sagst du, leeren ihre Waren überall aus, wo kein Bedürfnis, sondern Langeweile herrscht. Warum aber kaufst du diesen tönernen Kürbis, diesen Halloween-Schmuck, diese Girlanden aus Pappe, wenn draussen der Herbst ein farbiges Fest veranstaltet, wenn die Lärchen gelb werden und das Weinlaub trocken? Wenn das Tal, bevor es unter einer Decke Schnee versinkt, noch einmal seinen Glanz ausstreut und die Luft klar wird wie ein greifbarer Gedanke. Der Tand, der den Herbst verabschiedet, mag dich nicht kalt lassen. Doch an die Natur kommt er nicht heran. An ihre Fir­nis. Ihre Lasur aus Licht.

Ja, Schönheit gab es hier im Überfluss. Auch Aprikosen, Feldfrüchte und Wein. Der dunkle und helle Rebensaft war unsere Liebe. Er überschwemmte die Erinnerung und liess uns trunken aus uns herauskommen.

Sein Dunst verwandelte die Welt, für einmal, in Bilder, in Geschichten.

Hatte man nicht dort oben im Gletscher ein Wesen gesehen und zogen nicht, nach dem Eindunkeln, die armen Seelen über den Grat in Reih und Glied?

Die Tote im Beinhaus hatte plötzlich Eier im Schoss, man konnte sie nicht begraben, die Erde war Stein und Bein. Und erschien dem Hirten nicht der Leibhaftige in Person?

Der Wein, der rote und weisse, machte uns trunken. Und trunken mach­te uns die Lust am Erzählen, der Schrecken, der in den Augen aufblitzte. Mit ihm konnte man den Gröbsten zähmen.

Die Angst vor dem grossen Abschied schwelte in jedem. Also lachten wir, also machten wir Witze. Und baten den Tod zu Tisch.

Die vorchristlichen Geister, die Gespenster und Halbschatten, haben das Tal nie verlassen. An die Vertreter Gottes in langen schwarzen Sutanen hingegen erinnern nur noch die Raben. Wen wundert’s, verurteilten sie doch den Aber­glauben nicht mit Vernunft. Im Gegenteil. Sie benutzten und schürten ihn, zeigten auf das Kreuz, legten Holz nach und sorgten für leicht entflammbare Angstfeuer.

Wo die Vertreter mit gefaltenen Händen Heidnisches ahnten, bedienten sie sich des Schauermärchens der ewigen Verdammnis. Und die Frauen waren die Sünderinnen, das stand fest, auch wenn es nirgendwo geschrieben stand. Deshalb hörten sie auf das Bimmeln der Glocken. Deshalb tauchten sie, in kühler Frühe, ihre Finger ins Weihwasser und knieten nieder, be­teten den Rosenkranz, die fünf Wunden. Sie brannten Kerzen ab. Eilten, beim Bimmeln der Glocken, nach Hause, und bald stieg dünner Rauch aus den Kaminen: Die Polenta kochte.

Gegen Mittag sassen die Männer mit gebeugtem Rücken am Wirt­schafts­tisch. Mein Grossvater war auch dabei. Er schenkte Wein nach und hob das Glas. Die Männer tranken. Auch abends – zu jeder Zeit. Corinna Bille, Adeline Favre, meine Grossmutter erzählten davon.

Alkohol sei eine keusche Sünde gewesen, hörst du. Schliesslich musste man den steinigen Acker vergessen, die vielen Münder, die es zu stopfen galt. Und berauschte man sich nicht, gerade wie am Wein, am Beisammensein?

Heute verkehrt man in gottloseren Räumen. Sitzt, statt am Wirt­schafts­tisch, im flackernden Blaulicht, allein. Du verlierst dich in Wellen, ver­nimmst digitale und terrestrische Signale, hängst am Bildschirm. Tag für Tag dringt ins kom­mode Eigenheim, was du nicht hören, nicht sehen willst.

Die bösen Geister des Winters, grimmig wie Lötschentaler Masken, ha­ben sich verzogen. Wir aber fürchten die Zukunft ohne Gesicht und ahnen: Was uns einholen wird, sind von uns gemachte Katastrophen.

Schon antwortet die Natur mit ungewohnter Heftigkeit. Derweilen tauschen wir Informationen aus und sind in den eigenen vier Wänden nicht mehr Herr im Haus. Wir suchen den guten Rat vom Nachbarn, aber lieber noch von Doktor Satellit. Er zeigt uns keinen Ausweg, sondern Elend, weshalb wir mit bedruckten Hochglanzblättern Gefühle kaufen.

Ansonsten lebt man gut im Kataloghaus am Dorfrand, das du in jedem Kanton, jedem Land findest, das sich gleicht aufs Haar – aber wer sagte noch, wären wir frei, würden alle dasselbe wollen?

Vom Satelliten aus gesehen ist das Tal ein Punkt in einem globalen Netzwerk. Und das Navigationssystem führt dich an den entlegensten Ort. Schon will die Welt die Phantasie der Science-Fiction einholen, schon will sie zum Planeten des schnellen Es-war-einmal werden. Was plant derjenige, der den schnellen Profit programmiert? Er sehnt sich nach der Sintflut. Du schüttelst den Kopf und wirst melancholisch. Himmel und Erde werden ver­gehen, doch wozu?

Die Antwort kommt nicht von den Höhen. Die Berge schweigen. Die vor­gerückte Stunde aber sagt dir: Gut und böse ist nur der Mensch. Und nur er ist frei.

Schon will es hell werden. Der Mond hat sich verzogen. Ein paar weisse Schneeflecken blinken, als wollten sie das Auge prüfen.

Du schliesst das Buch, die Fensterläden. Und bald machst du die Augen zu.

Bald wird die Sonne aufgehen. Die Gipfel werden als Erste leuchten und der Tag wird aufwachen wie ein Lied, das ein Lobgesang ist, während die Berge uns lehren, dass wir nur Gast sind auf Erden.


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