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Maulpoix, Jean-Michel: Schritte im Schnee

ISBN:
978-3-86660-127-7
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Prosagedichte. Aus dem Französischen von Margret Millischer

Gebunden. Mit Zeichnungen von Rita Lü

Wie komponiert man Schnee? Und wie dichtet man ihn? Debussys gleichnamiges Prélude gab den Anstoß zu diesen Texten. Und Musikalität kennzeichnet die Sprache von Jean-Michel Maulpoix. Er widmet sich dem Naturphänomen "Schnee" in seinen unterschiedlichen Variationen, setzt sich mit der Arbeit des Künstlers auseinander, läßt Kindheitserinnerungen wach werden, geht den feinen Nuancen des Schnees auf den Grund, dem die Farbe abhanden gekommen zu sein scheint. Gedanken über die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit des Lebens, über Liebe, Geburt und Tod begleiten die Schritte im Schnee, die kaum sichtbare Spuren hinterlassen. In kunstvollen Momentaufnahmen widmet sich Maulpoix dem Unsichtbaren, Unsagbaren und Unerreichbaren. Die lyrische Prosa bezaubert durch klangvolle, romantisch-verspielte, bildhafte Sprache und durch die melancholische Grundstimmung, die den Wunsch nach Harmonie und Sehnsucht nach Stille aufkommen läßt. Berührende Zeilen voller Sensibilität und Schönheit.

Jean-Michel Maulpoix: geb. 1952 in Montbéliard, Literaturprofessor in Paris / Nanterre, leitet eine Literaturzeitschrift und veröffentlicht Essays und poetische Werke seit vielen Jahren in den renommierten französischen Verlagen Mercure de France und Poésie / Gallimard.

"Wir sind nur Schritte im Schnee, ein leichter Abdruck, flüchtig, oft verwischt, doch glänzend, weil das Gewicht unseres Körpers das vergängliche Pulver dieser Welt zu Kristallen zusammenpresst."

"Windeln und Leichentuch: die beiden Stücke aus weißem Stoff, mit denen unser Leben beginnt und endet, eines für den ersten Schrei, das andere für das, was man den letzten Atemzug nennt ..."

"Wie eine Musiknote hat sich eine Elster auf den Holzzaun gesetzt. Dass sie singt, wagt man sich nicht vorzustellen. Sie wärmt ihr Federkleid in der schwachen Wintersonne. Ihr Schatten auf dem Schnee gleicht einem Schritt im Schnee."


Was es über die weiße Schönheit alles zu sagen gibt: Schritte im Schnee. Von Ralf Julke, L-IZ
⇒ www.l-iz.de/Bildung/Bücher/2012/01/Jean-Michel-Maulpoix-Schritte-im-Schnee-40443.html

Weiße Bilderbox. Von Ingeborg Waldinger
⇒ www.wienerzeitung.at/themen_channel/wzliteratur/buecher_aktuell/431157_Weisse-Bilderbox.html
 
Leseprobe:

Prélude

Quelqu’un marcherait sur la neige, sous un ciel jaune et gris d’hiver. A pas lents, un peu lourds, qui se rapprochent ou qui s’éloignent. Juste une silhouette, enveloppée dans un manteau de laine noire. Un rudi­ment de signe sombre cer­né par la blancheur. Allant, sans que l’on sache pourquoi, ni vers où. Devant lui, nul chemin visible. Seule­ment l’hiver qui tombe, recouvrant sans un bruit l’empreinte de ses pas sur la neige.

Quelqu’un marche dans le silence. Quelqu’un s’efface dans l’invisible. Sans paroles, sans parfum. Personne à son côté. Parfois levant la tête. Parfois baissant les yeux. Mais c’est en lui que tombe la neige où il continue de marcher.

Neige : le nom d’autre chose où chaque pas s’enfonce de son poids d’énigme.

Quelqu’un aurait poussé la porte de la saison froide. Au­rait fait taire son cœur. N’accordant plus guère d’impor­tance aux péripéties de sa propre histoire. Traversant un deuil clair. Avec lenteur, éperdument.

S’en aller dans la neige, ce serait comme quitter le mon­de. N’être qu’un passant incertain dans l’indistinct gla­cé. Un point de petitesse et d’anxiété dont la tiédeur va dans le froid.

Pas sur le souvenir de la couleur perdue. Pas sur le temps. Un lumineux sommeil souhaitable dans une espèce de mort très douce. Pas sur la mémoire de l’amour, faite de pe­tits cristaux coupants, soudés les uns aux autres. Pas où il n’est plus de chemin tracé. Pas qui vont, qui font leur chemin. Laissant derrière eux bien plus que des creux : un long collier de coques vides que le vent d’hiver emplit peu à peu.

Des pas faits pour se perdre. Ou pour être perdus. Déjà de l’eau coule sous la neige. Filet d’eau ou filet de voix. Juste un peu de vie inaudible. Un peu de froidure vive : c’est de la neige qui meurt en larmes, lentement, ten­dre­ment défaite. 

*


Jemand stapfte im Schnee, unter einem gelbgrauen Winter­himmel. Mit langsamen, schwerfälligen Schritten, die näher kommen oder sich entfernen. Nur eine sche­men­hafte Ge­stalt, gehüllt in einen Mantel aus schwarzer Wolle. Ein flüch­­­tiges, dunkles Zeichen, ein­ge­fasst in Weiß. Er geht, ohne dass man weiß, warum noch wohin. Vor ihm ist kein Weg zu sehen. Nur der Winter, der fällt und die Spur seiner Schri­t­­­te im Schnee lautlos zudeckt.

Jemand stapft in der Stille. Jemand verschwindet im Un­sicht­baren. Wortlos, geruchlos. Niemand neben sich. Manch­­­­mal hebt er den Kopf. Manchmal senkt er den Blick. Doch der Schnee fällt in ihn hinein, wo er weiter stapft.

Schnee: Das heißt etwas Anderes, wo jeder Schritt durch das Gewicht seines Rätsels einsinkt.

Jemand hätte das Tor zur kalten Jahreszeit aufgestoßen. Sein Herz zum Schweigen gebracht. Misst den Vorfällen sei­ner eigenen Geschichte kaum noch Bedeutung zu. Durchlebt eine helle Trauerzeit. Langsam, haltlos.

Fortgehen im Schnee wäre wie das Verlassen der Welt. Nur jemand Unbestimmter sein, der vorbeigeht im eisigen Ungefähren. Ein kleiner ängstlicher Punkt, dessen Wärme in die Kälte geht.

Schritte in der Erinnerung an die verlorene Farbe. Schritte in der Zeit. Ein ersehnter leuchtender Schlaf wie ei­ne Art sanf­ter Tod. Schritte im Gedenken an die Liebe aus klei­nen scharfen Kristallen, fest aneinander geschweißt. Schrit­­te dort, wo kein Weg mehr verläuft. Schritte, die ge­hen, die ihres Weges gehen. Viel mehr hinter sich lassen als Ab­drücke im Schnee: Ein langes Halsband aus leeren Scha­len, das der Win­ter­wind nach und nach füllt.

Schritte zum Sichverlieren. Oder um verloren zu gehen. Schon fließt Wasser unter dem Schnee. Ein Rinnsal oder ein zartes Stimmchen. Nur ein wenig unhörbares Leben. Ein we­nig klirrende Kälte: Der Schnee stirbt langsam, zärtlich.

*

La blancheur qui s’égoutte et retourne à la terre. Peut-être les obsèques d’une âme ayant pris froid naguère … Que sais-je? Ce n’est que neige fondant au soleil du printemps et con­fondant dans la lumière la fin et le com­mencement. C’est comme la musique d’une prière qu’en écoutant fondre la neige on entend. 

Celui qui marche sur la neige marche sur du ciel tombé. Il tra­­verse des pays effacés, des lointains devenus très pro­ches, et s’en retourne vers une enfance plus vaste que la sienne.

Cette neige, c’est encore de la mort et de la mémoire con­su­mées, comme les lilas, les roses et les tulipes très rouges, comme l’enfant qui joue dans la cour, les insectes bruissant dans le pré et tout bonheur sur cette terre.

Par quels chemins dans l’invisible sont-ils passés, ces dis­pa­rus qui nous reviennent? Si décharnés, si pâles qu’on n’en voit que les pas?

Où s’en est-il allé, celui qui a marqué la neige de son pas? Celui dont il reste la trace, mais dont la présence a fondu? Celui qui n’est plus qu’un creux d’homme, son empreinte dans un lit défait?

Une vie n’est que cela : par là, quelqu’un fut de passage.  

Imaginer Orphée, loin des montagnes Thraces, se perdant dans la neige, suivi d’un long cortège de bêtes et d’arbres glacés. Toujours, un homme qui ne va nulle part marche sur la route.

*

In Tränen aufgelöst. Das Weiß rinnt ab und kehrt zur Erde zurück. Vielleicht das Begräbnis einer Seele, die sich vor Zeiten erkältet hat … Was weiß ich? Nur Schnee ist es, der in der Frühlingssonne schmilzt und Anfang und Ende im Licht vermischt. Wie die Musik eines Gebets, bei dessen Anhören man den Schnee schmelzen hört.

 

Wer im Schnee stapft, stapft auf gefallenem Himmel. Ver­schwundene Länder durchquert er, ferne Gefilde, ganz nahe gerückt, und kehrt zu einer Kindheit zurück, viel weiter als die seine.

Dieser Schnee ist auch der durchlebte Tod und die Erin­nerung, wie Flieder, Rosen und Tulpen, tiefrot, wie das spie­len­de Kind im Hof, die Insekten, die in der Wiese summen, und alles Glück auf dieser Welt.

Auf welchen Wegen gingen sie ins Unsichtbare, die Ver­storbe­­nen, die zu uns zurückkehren? So fleischlos, so bleich, dass man nur noch ihre Schritte sieht?

Wo ging er hin, der seine Schritte im Schnee hinterließ? Er, dessen Spur auch bleibt, wenn seine Gegenwart dahin­geschmolzen ist? Er, der nur noch der Eindruck eines Men­schen ist, sein Abdruck in einem ungemachten Bett?

Nur das ist ein Leben: Dort drüben ist jemand vorbeige­gan­­gen.

Sich Orpheus vorstellen, weit weg vom thrakischen Gebirge, der sich im Schnee verirrt, gefolgt von einem langen Zug gefro­rener Tiere und Bäume. Noch immer geht ein Mensch auf der Straße nach Nirgendwohin.

*

Il me faut commencer par là … Quelque figure hu­maine en train de se dissoudre. Cherchant, comme pour rien, dans la neige, un semblant d’orientation. Sachant du fond de sa cha­leur qu’il n’est aucune issue à ce chemin. Et pourtant pour­suivant sa marche. Noire sur blanc. Goutte d’encre ou coup de pinceau sur le paysage, simple note de musique sur l’invi­sible partition …

Allant dans ce qu’il lui reste de force, quelqu’un s’en retourne d’où il est venu. Il regagne, parmi des linges blancs, cette question demeurée intacte qui naguère le pressa de partir.

Ses pas ne vont plus dans l’herbe ni parmi les cailloux d’un chemin. Ils laissent, dans l’indistinct, davantage que le signe, le filigrane même du passage. Non des sou­venirs, mais des traces. Comme celles des oiseaux sur le sable. Mais éphé­mères et froides. Lorsque la terre est une feuille blanche … 

Laisser d’abord tomber la neige, lentement, sur la page. Faire en sorte que ces mots n’oublient pas la blancheur sur la­quelle ils se posent. Qu’ils s’efforcent plutôt de la faire ap­paraître, ou qu’ils consentent enfin à ce qu’elle les re­couvre. Puisque tel serait mon désir : écrire à l’encre blanche, sans bruit, presque sans voix, d’un geste calme et régulier, pour con­server une chance, si minuscule soit-elle, d’atteindre un pays d’herbe verte aux vergers pleins de fruits, de coups d’ailes et de chants d’oiseaux, comme il ne peut en exister qu’au bout des longs chemins de neige …

Comment dire le bruit sourd de la neige sous le pas? Crissement, craquement, imperceptible tassement du temps sous le corps qui s’avance … Le presque silence de la chair dans le temps … Ce sont des pas, mais à voix basse, des pas qui font crier la neige : elle n’a qu’une toute petite voix. Les pas que tu fais dans mon cœur lorsque tu n’es pas là.

*

Damit muss ich beginnen … Eine menschliche Gestalt, die ge­rade zergeht. Die im Schnee einfach so irgendeine Richtung sucht. Die im Grunde ihrer Wärme weiß, dass es auf diesem Weg kein Entkommen gibt. Und die dennoch weitergeht. Schwarz auf weiß. Tintentropfen oder Pinselstrich auf der Land­schaft, nur eine Note auf dem unsichtbaren Noten­­blatt ...

Mit der ihr verbleibenden Kraft geht jemand dorthin zu­rück, woher er gekommen ist. Zwischen weißen Tüchern kehrt er zu der Frage zurück, der gleichen, die ihn einst zum Fortgehen trieb.

Seine Schritte führen nicht mehr durchs Gras noch auf einem Weg zwischen Kieselsteinen. Mehr als ein Zeichen, ein Wasserzeichen des Vorübergehens hinter­lassen sie im Ungefähren. Nicht Erinnerungen, sondern Spuren. Wie von Vögeln im Sand. Doch flüchtig und kalt. Wenn die Erde ein weißes Blatt ist ...

Den Schnee zuerst fallen lassen, langsam, auf ein Blatt Pa­pier. So dass die Worte das Weiß nicht vergessen, auf das sie sich setzen. Sich vielmehr bemühen, es hervorzuheben oder sich schließlich von ihm zudecken zu lassen. Denn das wäre mein Wunsch: mit weißer Tinte zu schreiben, lautlos, nahezu stimmlos, mit ruhiger stetiger Hand, um eine – noch so winzig kleine – Chance zu bewahren, ein Land zu erreichen, mit grünem Gras und üppigen Obstgärten, mit Flügelschlag und Vogel­gesang, wie es sie nur am Ende langer Wege im Schnee geben kann ...

Wie soll man das dumpfe Geräusch des Schnees unter den Schritten nennen? Knirschen, Krachen, unmerkliches Fest­tre­ten der Zeit unter dem Körper, der vorwärts geht ... Das Fleisch schweigt fast völlig in der Zeit ... Schritte sind es, doch leise, die den Schnee zum Schreien bringen: Nur ein ganz zartes Stimmchen hat er. Schritte, die du in meinem Her­­zen machst, wenn du nicht da bist.


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