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Bacharevic, Alhierd: Die Elster auf dem Galgen

ISBN:
978-3-86660-104-8
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Roman. Aus dem Weißrussischen von Thomas Weiler

"In circa fünf Minuten ist sie tot." So schroff eröffnet der Roman über das Leben der jungen Weißrussin Vieranika. Messerscharf seziert der Autor, wie aus dem unschuldigen Kind die loyale Mitarbeiterin des staatlichen Sicherheitsdienstes wird. Enttäuscht verläßt ihr Freund sie und das Land, um fortan von seinem Hamburger Exil aus das Geschehen in Worte zu fassen. Vieranika erschafft sich in einem Online-Rollenspiel eine neue Identität und gerät prompt in die Fänge des perversen Tyrannen Lex, dem sie willig zu Diensten ist. Als die reale Welt unvermittelt in die virtuelle einbricht, überstürzen sich die Ereignisse.

"Ich bin fest davon überzeugt, daß dies sein erstes Opus magnum ist, mit dem er europaweit von sich reden machen wird." Jan Maksymiuk

"Das Buch des belarussischen Autors Artur Klinau über seine Heimatstadt Minsk wurde mit großem Interesse aufgenommen, und dasselbe wünsche ich seinem Landsmann Alhierd Bacharevic, dessen Roman 'Die Elster auf dem Galgen' vor kurzem in deutscher Übersetzung erschien. Eine ebenso aufschlussreiche wie beklemmende Lektüre." Martin Pollack, Dankesrede zum Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung, 2011

Alhierd Bacharevič:
geb. 1975 in Minsk, Philologie- und Pädagogikstudium, mehrere Erzählbände und Romane (Verdammte Hauptstadtgäste, Die Elster auf dem Galgen, Das kalte Herz) in unabhängigen Minsker Verlagen, auch 
Übersetzungen deutscher Literatur (Hans Magnus Enzensberger, Jan Wagner, Kathrin Schmidt u.a.), Mitglied im oppositionellen Schriftstellerverband, Stipendien des Internationalen Hauses der Autoren Graz, des
Literarischen Colloquiums Berlin, der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte und des P.E.N.-Zentrums Deutschland, Auszeichnungen: Hliniany Viales-Literaturpreis, Alhierd Bacharevič lebt in Hamburg.

Leseprobe: 

In circa fünf Minuten ist sie tot. Später, bei der Beerdigung, wird sich ihr Chef dann ein wenig zusammenreißen müssen auf der Suche nach den richtigen Worten. Im Grimm’schen Evangelium bot Gott dem Menschen einst dreißig Jahre Lebenszeit an, aber der wars nicht zufrieden, bat um mehr und mehr und handelte schließlich siebzig Jahre heraus. So zieht sich die Denkpause nicht allzu lang: ein tragischer, viel zu früher Tod, sagt der Chef, es hatte doch sein Leben noch vor sich, das arme Mädchen, und alle Umstehenden nicken zustimmend und bekümmert, klammern sich fester an den eigenen Körper. Aber die fünf Minuten sind noch nicht um, sie sitzt an ihrem Arbeitsplatz, einige der wartenden Besucher beneiden sie ein bisschen.
Ich könnte schon jetzt ihren Namen nennen, aber soll der Tod ruhig noch ein wenig suchen. Sie zu finden ist nicht ganz einfach – der Gang hat viele Türen und obwohl an jeder ein Schild mit Name und Zuständigkeitsbereich angebracht ist, fällt die Orientierung schwer. Ich bin der erste in der Reihe, kann aber von hier aus nur meinen Nachbarn zur Rechten sehen, alt, in einem zu kleinen, fleckigen Jackett (kein Wort über die Hosen), mit einem auffallend langen Gesicht, warzig wie ein heißer Pfannkuchen, und mit großen Händen, er weiß nicht, wohin mit ihnen. Bewegliche, flinke Finger. Deutlich ist ihm anzusehen, dass er als erster hinein möchte und dass ihm dieses Anliegen keine Ruhe lässt. Immer wieder beißt er sich auf die Lippe, er ist nervös. Die Besucher sitzen, eine zufällige Menschenansammlung, längs der Wand, manche unterhalten sich im Flüsterton. Ich überlege mir, ob unsere Warteschlange tatsächlich eine rein zufällige Menschenansammlung ist und ob es überhaupt zufällige Reihen gibt. Hier zum Beispiel, ganz unterschiedliche Bürger sind hierher gekommen, ihre Anliegen sind einander aber sehr ähnlich. Sie finden gemeinsame Gesprächsthemen. Sie lächeln einander an, wenn sie sich überraschend auf der Waldlichtung in den Beeren begegnen. Ich bin hier die einzige Ausnahme, ich bin fast tausend Kilometer hierher gefahren, um diese junge Frau zu sehen, die in ein paar Minuten tot sein wird. Und die Schlange hinter mir ist dazu da, unser Leben sauberer zu gestalten. Ich kann nicht, ich mache gleich etwas kaputt oder fange an zu singen. Nur die Ruhe, das ist bloß das Bezirksamt. Und der Name der Abteilung, in der wir uns befinden, sollte nicht mehr und nicht weniger Emotionen auslösen als, sagen wir mal, der Name der Abteilung für Gesundheitswesen. Es ist mein ganz persönliches Problem, dass ich mich einfach nicht an schwarz auf weiß geschriebene Wörter gewöhnen kann. Die auf der anderen Seite der Tür hat schnell gelernt, in der Öffentlichkeit nicht über den Namen ihrer Abteilung zu stolpern.
Ich blicke zur Tür, dort sind auf dem Schild ihre Sprechzeiten angegeben. Sie ist das Regime, sie kann mit dem einfachen Volk nicht abends oder, Gott bewahre, nachts sprechen, nur von neun Uhr früh bis ein Uhr mittags und nach der Mittagspause von zwei bis sechs. Äußerst praktisch und gerecht. Das Regime kann es sich nicht leisten, in der Dämmerung mit den Menschen zu sprechen, das Volk muss die Möglichkeit haben, ihm in die unbestechlichen, unparteiischen Augen zu sehen. Daran hat sie immer geglaubt. Endlich geht die Tür auf, aus dem Raum tritt derjenige, hinter dem ich mich vorher einmal eingeordnet hatte, sein zufriedenes Pfeifen entfernt sich langsam. Ich erhebe mich, mein greiser Nachbar ebenfalls, aus seinen Augen strahlt das Feuer des Gerechten, er findet, der Altersunterschied gebe ihm das Recht, zuerst einzutreten, ich würde ihn, wenn es so weit ist, ja wohl auch nicht daran hindern, vor mir aus diesem Leben zu gehen. Er streckt die Hand nach mir aus. Meinetwegen. Die Tür geht hinter ihm zu. Ich setze mich auf den Stuhl.
Manche Besucher können hier lesen, welche Blasphemie! Ich kann es jedenfalls nicht. Ich habe es versucht, die Buchstaben widersetzen sich dem Blick, wie ein Bissen, der nicht den Hals hinunter will. Wozu sitze ich hier, ich weiß doch genau, wie das Regime aussieht. Eine junge Frau im schwarzen Kostüm an einem Tisch aus hellem Holz, in ihrem Dienstzimmer, eine junge Frau, die ich besser kenne, als sie selbst, eine Frau, die ich mithilfe meiner schlichten Ausrüstung, die sich über die letzten Jahrtausende kein bisschen geändert hat, so häufig und so ergebnislos untersucht habe, und ich habe nichts gefunden. Einmal hatte ich ihre Spur verloren, jetzt ist keine mehr geblieben. Sie hat so gern von sich erzählt. Regima – ein schöner Name, erst unlängst in Mode gekommen, auch wenn die junge Frau ganz anders heißt, ist sie einfach das Regime, eine kleine Matroschka des Regimes, eines seiner vielen Gesichter, ein kleiner, ovaler, rissiger Stein mit zusammengekniffenen Augen, den ich rasend in einem alten Kissen versenkte, und er kam immer wieder an die Oberfläche und drückte mir gegen die Brust. Die Ohren eine Nummer zu groß, so hätte mein Freund, der Marktverkäufer es ausgedrückt, geschickt unter den Haaren verborgen, ein verdutzter Mund, nichts Außergewöhnliches. Vielleicht die Brauen – sie schienen mir bei ihr irgendwie nicht auf derselben Höhe zu liegen, daher der immer leicht erstaunte Gesichtsausdruck. Darunter kaltes Wasser, Herbst, raue Rinde. Wie sieht ihr Regiment aus? Ist es dieser Blick aus dem Fenster auf den leeren Platz, der gerade asphaltiert wird? Die Porträts der Verwandten auf dem Tisch und über ihrem Kopf? Die Tasten Alt und F4 auf der Tastatur des behördeeigenen Computers? Ihre hochhackigen Schuhe, die sie am Schreibtisch sitzend abstreift und wieder und wieder mit den Zehen betastet, als könnten sie verschwinden? Der Kalenderstapel, in dem irgendwo jemandes Telefonnummer notiert ist? Ich weiß auch so nur zu gut wie sie aussieht und kann gehen, meinen Platz dem nächsten Besucher in der Reihe überlassen, aber ich bleibe, sitze da, vielleicht, um ihr etwas zu sagen, vielleicht, sie zu retten. Aus dem Zimmer sind Geräusche zu hören, Glas klirrt, ich glaube, sie schreit, Vieranika, das strenge Kind, das endlich eine gute Arbeit gefunden hatte.

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