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Mohnweg, Esther: Winterschlaf

ISBN:
978-3-86660-087-4
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Eine Schriftstellerin verliebt sich in einen Maler, der nur in seiner Kunst ganz bei sich zu sein scheint. Die Distanz, die er immer wieder zwischen sie beide bringt, sein Schweigen, ist ihr zunächst ein Ort der einvernehmlichen künstlerischen Empfindsamkeit, bis die Unnahbarkeit unüberwindlich wird.

Esther Mohnweg: geb. 1964 in München, lebt in Berlin, Studium Linguistik/Philosophie, anschließend Tätigkeiten an Fließbändern und Kaufhauskassen, sowie im Buchhandel, Auszeichnungen: Münchner Literaturstipendium, Dramatikerpreis der Hamburger Kampnagelfabriken 

"Der Leser folgt ihr völlig distanzlos auf diesem Weg der ausgesetzten Sehnsucht, der wie ein Weg durch verschneite Winterlandschaften ist ..." Mona El-Khansa, Hans Mayer Projekt, Berlin

Winterschlaf: Eine Geschichte über die Liebe, das Schweigen und die Mauer drumherum
Ralf Julke, L-IZ
⇒ 
www.l-iz.de/Bildung/Bücher/2010/02/Esther-Mohnweg-Winterschlaf.html

Leseprobe:

STEIN

Es ist Samstag, der neunte März. Meine Köpfe in Öl, zum Kopfsalat arrangiert, hängen bei Harry im Foyer. Welchen Film er gerade zeigt, daran kann ich mich nicht erinnern. Er zeigt unbekannte, kleine Filme. Große, vergessene. Das Kino, seit Jahren unrenoviert, liegt abseits, bietet weder Schnickschnack noch Getöse und wird von Kennern, Einsamen und Verirrten besucht. Harry ist ein Mensch mit einer Leidenschaft.
Die Köpfe sind bunt. Sie senden stumme Farbschreie aus, ihre Münder sind sämtlich geschlossen. Vorwurfsvolle, aggressive Blicke aus großen Augen, kleine, versiegelte Lippen. Aus den Haaren wachsen Tiere. Ein Kopf wird Fisch, einer Vogel, ein anderer zum Igel. Ein Igel im Winterschlaf, im Kopf. Auf dem Ausstellungsplakat lasse ich einen der Köpfe zu meinem werden.
Ich weiß, die Köpfe werden dir zu laut sein, zu unausgeglichen, sicher zu laienhaft. Doch du bist kein Snob und willst sie sehen. Das kommt unverhofft.
Der Lois und ich, sagst du, wir haben uns überlegt, daß wir deine Ausstellung ansehen wollen.
Der Lois ist ein guter Schutz, eine Pufferzone. Wo er hinkommt, nimmt er den Raum in Besitz, macht sich zur Hauptperson und füllt die Luft mit so viel Schall, daß man sich daran anlehnen kann.
Wir warten also auf den Lois, draußen, auf der Straße, du hältst dein Fahrrad lange fest, bis du es an einen Baum lehnst und absperrst. Das Reden fällt schwer, der Lois fehlt empfindlich. Wir reden über das Warten auf den Lois, der sich natürlich verspätet. Als keine Sätze mehr da sind, gehen wir zu Harry ins Foyer hinein.
Am Tresen wird es nicht leichter, obwohl jetzt die Köpfe mir helfen könnten. Wahrscheinlich trinken wir Bier. Sicher ist, daß ich keine Frage stelle.
Wir sitzen am Tresen und trinken Bier, es könnte irgendwo sein. Denn der Abend, der Ausstellungsbesuch, ist noch nicht offiziell eröffnet, noch fehlt der Lois.
Dann kommt er, läuft ein wie ein schnaubendes Zirkuspferd, begrüßt uns, sein Publikum, lautstark und herzlich, und sofort liegt die Spannung nicht mehr im Raum, sondern konzentriert sich auf einen Punkt, sofort spürt man keine Unbeholfenheit mehr, sondern behilft sich aufatmend mit der laufenden Vorstellung.
In deren Schatten kann ich dich jetzt beobachten. Und, nach außen hin, dem Lois dabei zusehen, wie er auftrumpft, salbadert, seinen Loiskörper vorführt und in Szene setzt wie Dompteur und Paradepferd in einem, wie er sich angenehm breitmacht und schnell beim dritten Bier ist.
Der Lois ist so groß wie du. Mir wird wohlig zumute. Ich bin die kleine Frau, die mit zwei Hünen unterwegs ist. Mir kann nichts geschehen.
Unter den Scherzen, frischen Grobheiten und inspirierten Gedankensprüngen, die Lois anbietet und mit uns tauscht, krieche ich unbemerkt in einem Tunnel zu dir.
Du siehst dir die Bilder an. Siehst sie dir genau an, einzeln, langsam. Es fällt kein Wort darüber, aber ich sehe, daß du hinsiehst.
Ich mache deine Augen zu meinen und bin stolz auf die Köpfe. Man kann sie ansehen. Ernsthaft.
In diese Gegend werde ich ziehen. Der Umzugstag ist in einer Woche. Ich werde hierher ziehen, und zu Fuß zu Harry spazieren können, wenn mir abends nach guter Gesellschaft sein würde. Der heutige Abend ist ein guter Auftakt.

Wir beschließen, aufzubrechen. Du schlägst eine Kneipe in der Nähe vor, das wohlgemut, dort sitzen wir bis vier Uhr nachts. Lois liegt, er beansprucht eine Holzbank für sich. Zwei Pils bei Harry, fünf Helle im wohlgemut, für mich komme ich auf sieben Bier, bei den Herren dürften es mehr sein.

Draußen dann, du sperrst dein Rad auf, Lois singt, du fragst, ob wir beide am Nachmittag zu dir ins Atelier kommen wollen. Lois blickt ins Ungewisse und lehnt ab. Am Sonntag müsse er beten. Selbst sturztrunken beweist er so viel Intuition, daß ich plötzlich weiß, weshalb ich ihn, diesen egomanischen Schmierenkomödianten, so sehr ins Herz geschlossen habe. Ich nehme deine Einladung an.






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