[<<Erster] [<zurück] [weiter>] 5 Artikel in dieser Kategorie

Balté, Teresa: Tragbare Horizonte

ISBN:
978-3-86660-295-3
Lieferbar:
ca. 1-2 Monate ca. 1-2 Monate
Statt 19,95 EUR
Nur 16,96 EUR

-> in Deutschland kostenfreier Versand

Gedichte, zweisprachig
Aus dem Portugiesischen von Markus Sahr

Mit 22 Graphiken von Hein Semke

Ihre Gedichte raunen nicht, sie benennen: Alltäg­liches, Vergängliches, Augenblicke – das Warten auf die Metro, einen Start vom Flughafen JFK, einen Tag in den sechziger Jahren an der Elbe, aber auch das Elend der portugiesischen Landbevölkerung im Alen­tejo vor der Nelkenrevolution in Portugal im April 1974. Sie registrieren Befindlichkeiten, erin­nern, stel­len Fragen, wenden sich an ein „du“.

Ihr Blick ist eindringlich und diskret zugleich, von einem historischen Bewußtsein begleitet, ihr Urteil sachlich, nüchtern, auf der Suche nach einem Aus­weg, noch mitten in der Ausweglosigkeit („Drei Gedichte für ein Kind“).

„POESIA QUASE TODA“ (POESIA QUASE TODA, ASA Edições, Porto 2005), der Band, aus dem hier eine subjektive Auswahl getroffen wurde, vereint Ge­dich­te Teresa Baltés seit 1962, aus dem schmalen Buch „Jogos“ („Spiele“), bis zu „Poemas dos últi­mos anos“ („Gedichte aus den letzten Jahren“) von 1990. Die vorliegende Anthologie ergänzt diese Samm­lung um Gedichte seit 2005, die im Original zum Teil auch auf Deutsch entstanden, um Ver­öffent­li­chun­gen in Zeitschriften und um Un­ver­öffent­lichtes.

Viele von Teresa Baltés Gedichten haben einen Bezug zu Deutschland. Sei es explizit, indem sie Orte wie Lühe an der Elbe oder Donaueschingen direkt be­nen­nen, sei es implizit, wo es um Eindrücke in Museen in München oder Berlin geht. Oder dort, wo wir uns das an­gesprochene „du“ mitunter als Teresa Baltés jahr­zehn­te­langen Lebensgefährten vorstellen können, den deutschen Bildhauer Hein Semke, der seit 1932 nahe­­­zu ununterbrochen in Portugal lebte und arbei­tete.

Teresa Balté: geb. in 1942 Lissabon, Studium der Ger­ma­ni­stik und Musik in Lissabon, Hamburg und Chicago, Lehr­tätigkeit an der ELTE, Buda­pest, und an der UNL, Lissabon, Übersetzerin und Autorin.

Markus Sahr: geb. 1962 in Mainz, ist freiberuflicher Übersetzer und Autor, war freier Journalist in Berlin, seit 2020 hat er einen Lehrauftrag für besondere Auf­gaben am Fachbereich Translationswissenschaft der Universität Mainz in Germersheim.

Leseprobe:

O sol arde na boca

o cigarro no peito

mas já passou o tempo

ou talvez seja cedo

 

a lua é nosso espelho

a primavera volta

onde ficou a outra

constelação perfeita

 

sem cadência de estrelas

a música das esferas

continua secreta

somos um signo apenas



Die Sonne brennt auf dem Mund

die Zigarette in der Brust

doch die Zeit ist schon vorüber

oder vielleicht ist es zu früh

 

der Mond ist unser Spiegel

der Frühling kehrt wieder

wo verweilt die andere

vollkommene Konstellation

 

ohne fallende Sterne

die Musik der Sphären

bleibt ein Geheimnis

wir sind ein Zeichen nur

 

 


PERSPECTIVA DE OFÉLIA

 

Debaixo das árvores

há cascatas e mulheres graves

então pesou o negro dos cabelos

folhas desceram

plátanos pousaram

 

na mistura a carícia de prata

longe da margem para além do planalto

o pranto oval bojo inverso de barco

imaginou a víscera do lago

 

pairou a meio deslaçou a cintura

mergulhou anca seio perfil costura

a contenção da boca saciada

 

à superfície ligeiramente coroa

a flor solene profundamente opaca

 



OPHELIAS PERSPEKTIVE

 

Unter den Bäumen

Kaskaden und ernste Frauen

schwer wog dann das Schwarz der Haare

Blätter sanken hinab

Platanen ruhten auf dem Wasser

 

in der Mischung die Liebkosung aus Silber

weit weg vom Ufer jenseits der Hochebene

die ovale Wehklage, umgekippter Bootskörper,

erdichtete das Innerste des Sees

 

schwebte in der Mitte löste den Gürtel

überflutete Hüfte Brust Profil Naht

die Zurückhaltung des gesättigten Munds

 

an der Oberfläche leicht eine Krone

die feierliche Blüte tief undurchdringlich

 

 

AO AMIGO A TI POSSIVELMENTE

 

Se quiseres podes chamar-me chuva

ou mulher ou espelho ou música

podes também chamar-me ventre

cidade lâmina semente

 

e outros nomes que se guardam

os que se confundem e acusam

os que mais raramente desagravam

 

verbo infinito podes chamar-me tudo

o que me é devido está no fundo

sem palavra possível que o conforme

 

dentro o esforço

o que sei

que não entendo

 

dentro o nome

que cresce com o tempo

e se não pronuncia

nem à morte

 

se quiseres porém ser mais isento

ao procurares por mim ao conversares

enquanto não inventas o silêncio

nomeia-me maria

 


DEM FREUND DIR VIELLEICHT

 

Wenn du willst, kannst du mich Regen nennen

oder Frau oder Spiegel oder Musik

auch Schoß kannst du mich nennen

Stadt Klinge Samen

 

und andere Namen, die man für sich behält

solche, die man verwechselt und die anklagen

solche, die seltener Milderung schaffen

 

Verb Unendliches alles darfst du mich nennen

was mir gehörig ist, liegt tief am Grund

ohne mögliches Wort, das ihn erfaßt

 

innen das Streben

das, von dem ich weiß

daß ich es nicht begreife

 

innen der Name

der wächst mit der Zeit

und den man nicht ausspricht

nicht mal im Sterben

 

wenn du aber sachlicher sein willst

wenn du nach mir fragst, dich unterhältst

solange du die Stille nicht erfindest

nenn mich Maria




Dieser Artikel wird voraussichtlich ab dem Samstag, 15. Oktober 2022 lieferbar sein.
Webshop by Gambio.de © 2012