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Gui Minhai: Ich zeichne mit dem Finger eine Tür auf die Wand - eBook

ISBN:
978-3-86660-283-0 Book
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Gedichte, zweisprachig Chinesisch - Deutsch

Aus dem Chinesischen von Karin Betz

Mit einem Vorwort von Angela Gui und einem Nachwort von Kai Strittmatter

Gefördert von der Palm-Stiftung Schondorf e.V.

eBook im zitierfähigen pdf-Format

In den Gedichten darf er ein Mensch sein, ein Schriftsteller, ein Schwede. In ihnen gibt es nicht nur einen Gefangenen aus Gewissensgründen, sondern auch ein denkender, fühlender und schreibender Mensch. Eine Person, die sich nach Hause sehnt.

Die elf hier veröffentlichten Gedichte hat Gui Minai von Oktober 2015 bis Oktober 2017 im Gefängnis geschrieben. Er gab sie seiner Tochter während der kurzen Zeit, in der er Ende 2017 in einer Art Gemeinschaftshaft lebte. „Ich musste meine Stimme finden“, sagte er. Und es ist sicherlich seltsam, dass er sie dort fand, wo er sie fand, dass eine Institution, die eigentlich vernichten sollte, stattdessen veredelt. Er sagte, es sei ihm wichtig, dass die Gedichte ver­öffentlicht werden.

"Für unliebsame Dichter haben sie den Kerker. Noch einmal zehn Jahre also. Zehn Jahre in einer Zelle wie jener, in der er viele der hier abgedruckten Gedichte schrieb. Wo er

In Ketten über den Boden kroch
Uralte Schriftzeichen vom Boden auflas
Mit den verbliebenen Zähnen
Leid und Verzweiflung hinunterschlang


Gui Minhai. Dichter, Buchhändler, Vater. Ein Chinese, ein Schwede, ein Europäer. Ein Mensch. Ein denkender Mensch, ein schreibender Mensch, in Ketten gelegt für sein Denken, für sein Schreiben. „Es wäre peinlich“, schreibt Gui Minhai, „an einem Ort, an dem die Sprache zu Stein erstarrt ist, nicht für seine Worte eingesperrt zu werden.“ Es wäre unverzeihlich, lauschten wir nicht diesen Worten und erwiderten wir sie nicht."  Kai Strittmatter

Trotz des politischen Dramas, das sich in diesen Gedichten abspielt, erinnern sie vielleicht vor allem daran, wie Gui Minhei Leute korrigierte, die ihn als Chinesen beschrieben. „Nein, ich bin eigentlich Schwede“, sagte er. Schwedisch zu sein war und ist für ihn ein wichtiges Privileg. Es ist dieses eindringliche Schwedischsein, das die Gedichte durchdringt – Schweden ist die sichere Heimat, die im Gegensatz zur Welt steht. Aber er problematisiert auch sein eigenes Recht, sich als Schwede zu definieren: „Es kann doch nicht daran liegen, dass mein Name von weit her kommt? Es kann doch nicht daran liegen, dass meine Haut zu gelb ist?“, fragt er in dem Gedicht Lucia. Er beschreibt sich selbst als „ein verlassenes Kind in der schönen Welt“. Wenn man in seinem Heimatland fremd geworden ist es hilft nicht, die chinesische Sprache zu beherrschen, die  weiche Wendungen des die Ningbo-Dialekts, freche Lieder und der singende Ska'n von Göteborg. Gui Minhai schreibt, dass niemand die Erinnerungen wegnehmen kann, schreibt, dass er „mit dem Finger eine Tür zeichnet“: Eine Einladung, einzutreten und ihm Gesellschaft zu leisten in den Erinnerungen an ein Zuhause für eine kurze Zeit. Vielleicht können wir den Ozean hören.

Gui Minhai: geb. 1964 in der ostchinesischen Stadt Ningbo (südlich von Shanghai), mit 17 Jahren Umzug nach Peking, Studium der Geschichte, erste Gedichte, 1988 Auslands­semester in Göteborg, 1989 nach dem Massaker auf dem Tiananmen unbefristete Aufenthaltserlaubnis in Schweden, seit 1992 schwedischer Staatsbürger, 2004 Umzug nach Deutschland, 2006 Mitglied des Independent Chinese PEN Centre und Kampf für Meinungsfreiheit in der VR China, 2012 Gründung des Verlags Mighty Current Media in Hongkong, der sich auf die Politik der KPCh und auf das Privatleben führender Politiker spezialisierte, 2014 Kauf der Buchhandlung Mighty Current, wurde am 17. Oktober 2015 von seinem Feriendomizil in Thailand in die VR China verschleppt, 2017 aus dem Gefängnis entlassen, am 20. Januar 2018 gemeinsam mit zwei Mitarbeitern des schwedischen Konsulats im Zug auf dem Weg zur schwedischen Botschaft nach Peking, von zehn Beamten in Zivil verhaftet, am 10. Februar eine erzwungene Pressekonferenz, in der er sagte, dass er die schwedische Staatsbürgerschaft ablegen wolle – das war das letzte Mal, dass Gui Minhai in der Öffentlichkeit gesehen wurde.

Karin Betz: hat in Frankfurt am Main, Chengdu und Tokio Sinologie, Philosophie und Politik studiert, ist Übersetzerin chinesischer und englischer Literatur, daneben auch Rezensentin, Moderatorin und Dozentin. Im Wintersemester 2021/22 wurde ihr die August-Wilhelm-von-Schlegel Gastprofessur für Poetik der Übersetzung an der Freien Universität Berlin verliehen.


Leseprobe:


Heldentum


Als ich klein war, zog ich ein niedliches Küken auf

In meinen Jugendjahren legte es ein Ei

Hielt man das Ei gegen das Sonnenlicht

Sah man den runden Eidotter in der Schale

 

Ich nahm das Ei überallhin mit  

Zeichnete mit gelber Eidotterfarbe viele Bilder

Wenn ich erschöpft unter dem Mondlicht kauerte

Träumte ich eidotterrunde Träume

 

Erst als ein paar Lederstiefel das Ei zertrampelten

Begriff ich, wie zerbrechlich meine Schale ist

Einsam und hilflos lag der Eidotter am Boden

Unablässig floss das Eiweiß, wie Tränen

Voller Scham kauerte sich das splitternackte Ei

Nach der Zerstörung seiner Schale in sich zusammen

Enthüllte brav den genetischen Code des Eis

Gab zu, in Wahrheit ein Entenei zu sein

 

Am Rand der heißen Bratpfanne fristete es sein Dasein

Weil es noch einen Funken Demut in sich trug

Wurde es nach dem Braten zu einem fetten Spiegelei

Und bewahrte sich die Idee des Heldentods


Dieser Artikel wird voraussichtlich ab dem Dienstag, 15. Mrz 2022 lieferbar sein.
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