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Centeno, Yvette K.: Im Fluß der Erinnerung

ISBN:
978-3-86660-276-2
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Roman

Aus dem Portugiesischen von Markus Sahr


Dieses Buch, begonnen 2009 und 2011 mehr oder minder beendet, resul­tiert aus einer Wette mit Teilnehmern eines Seminars im Master­studiengang in Creative Writing. Ich gab ein Thema vor: die Zeit und der Raum, jeder sollte seine Er­zählung zu Zeit und Raum schreiben und dabei Erinnerungen an die Ver­gangenheit oder Ereignisse aus der Gegenwart, bestimmte Orte usw. wählen. Die Antwort kam sofort: wir können nicht schreiben. Auch ich habe sofort geantwortet: um zu schreiben, setzt euch hin und fangt an. Der Rest kommt von selbst, wenn es auch unvollkommen sein mag! Als ich nach Hause kam, beschloß ich, noch am selben Abend mit gutem Beispiel voranzugehen und mit einem eigenen Buch zu Zeit und Raum zu beginnen. Es sollte umfangreicher werden als eine Erzählung, obwohl die Skizze, als eine Wette, am Ende des Semesters vorlag.

Ich brauchte zwei Jahre und sehe noch immer durch, was ich ge­schrieben habe. Unterdessen habe ich einen anderen Roman pub­liziert, der älter war, und Gedichte, die ich seit 2005 geschrieben habe. Tatsächlich habe ich nie aufgehört zu schreiben. Doch der Moment ist gekommen, eine Entscheidung zu treffen: veröffentliche ich den Text, wie ich ihn entworfen habe, oder ändere ich, indem ich vieles, was ich über mein Land gesagt habe, abschwäche, Dinge, die immer schwerer zu akzeptieren sind, ein faulig gewordenes Land, Ergebnis von Lastern, die unausrottbar scheinen… ich gebe zu, ich weiß es nicht. Und lasse ich am Ende eine Figur außen vor oder nicht, die gleichfalls meiner Kritik nicht entgeht, weil sie stets in der Politik mitgemischt hat, das Fähnchen stets nach dem Wind gerichtet, und dabei von Protektion und Zuwendungen profitierte, die ihr von diesem oder jenem Landsmann zuteil wurde? Ich ließ sie außen vor, 2014 habe ich es ein letztes Mal durchgesehen. Nun ist der Augenblick gekommen, es so, wie es ist, zu publizieren oder für immer in die Schublade zu stecken. Vielleicht wäre die Schublade gar nicht so schlecht.


Yvette K. Centeno: geb. 1940, Professorin für Germanistik und vergleichende Lite­ra­turwissenschaft an der Lissaboner Uni­versidade Nova, For­schun­gen zu Fernando Pessoa sowie zu Symbologie, Theater und Gesellschaft, übersetzte Brecht, Goethe, Stendhal, Shake­speare und Celan ins Portugie­sische, erhielt für ihr um­fang­reiches Werk den Prémio Jacinto do Prado Coelho (Preis der Literatur­kritiker) und den Prémio de Poesia der Zeitschrift Mulheres, lebt in Lissabon.

Markus Sahr: geb. 1962 in Mainz, ist freiberuflicher Übersetzer und Autor, war freier Journalist in Berlin und arbeitete als freelance Deutschlehrer in Lissabon und Bristol, seit 2020 hat er einen Lehrauftrag für besondere Auf­gaben am Fachbereich Translationswissenschaft der Universität Mainz in Germersheim.


Leseprobe:

1

Die Begegnung auf der Esplanade des kleinen Parks am Fluß war Zufall an diesem Sommernachmittag.

Es war heiß, und es wurde eine Menge Bier und viel Coca-Cola ge­trun­ken. Man hörte Spanisch um sie herum, Französisch, Deutsch, auch ein wenig Englisch.

Doch die Engländer kamen eher selten nach Tavira, sie zog es nach Lagos und Albufeira, wo die Hippies in den 60er Jahren ein gewisses Am­biente freizügiger Vergnügungen geschaffen hatten. Die weithin be­kannten durchzechten Nächte in der Sete e Meio endeten am Morgen mit einem Auszug an den Strand der Fischer, wo alle zum Ufer stürzten und sich ins Meer warfen.

Tavira, zutiefst kleinbürgerlich, war dagegen noch ein verschlafenes Nest, das am Fluß vor sich hinschlummerte.

Jetzt war es anders, auch diese Stadt war dem Rummel und den Touristen erlegen, weniger künstlerisch ambitionierten Leuten, die sich in den Cafés und Restaurants vor dem Park herumtrieben, die Bäuche voll­schlugen und tranken. Ein Park, der mehr und mehr von seinem Reiz verlor, vollgestopft, wie er war, mit Buden und dröhnenden Laut­sprechern, als wäre das Volk halb taub. Eine Wohltat, wenn das Wo­chen­ende vorbei war und alles sich wieder beruhigte.

 

– Ich habe eine kleine Wohnung oben an der Pousada, sagte er. Im Winter bin ich hier, so oft ich kann, im Sommer komme ich nur wegen der Enkel. Im Sommer ist es hier unerträglich.

– Ich bin selten hier, doch ich habe große Sehnsucht. Mein Tavira gibt es nicht mehr, ich bewohne eine rein imaginäre Stadt, wo ich glaube, glücklich gewesen zu sein, ohne es zu wissen. Als Kind war ich immer glücklich.

– Wir wissen nie, wann wir glücklich sind.

– Ich glaubte es zu wissen, doch es waren flüchtige Augenblicke. Es ist nichts davon zurückgeblieben. Oder ist vielleicht doch etwas geblieben, und ich weiß es nur nicht?

– Die Wohnung ist der Ort, wohin ich mich zurückziehe, wo ich mich sammle, mich ausruhe und manchmal auch arbeite. Ich denke an sie und sehe die Dachterrasse, wenn ich in Lissabon bin.

– Auch ich habe Sehnsucht nach dem Haus meiner Großmutter. Ich war schon etwas älter, als ich dort immer wieder Zeit verbracht habe. Ich wollte nur raus, weit weg, das war die Hauptsache, weit weg, ich weiß nicht recht. Seltsam, daß ich jetzt genau das Gegenteil empfinde, es kommt mir vor, als hätte ich dort gute Augenblicke erlebt, eine glückliche, entspannte Zeit.

– Hast du gelesen? Mich hat Tavira erstickt.

– Ich habe die ganze Zeit über gelesen. Nachmittags blieb ich im Bett und tat, als würde ich ruhen und eine lange Siesta halten, doch in Wirklichkeit habe ich gelesen. Ich habe alles gelesen, alles und von allen. Das, was erlaubt war, und auch das, was verboten war. Doch das Verbotene war keine große Sache, mit dem verglichen, was man heute so sieht. Das eine oder andere von Eça de Queiroz, stell dir vor. Und Alves Redol, mit seinen jungen Frauen, über die wir uns lustig gemacht haben, meine Cousins und ich. Ich habe unseren realistischen Natura­lismus nie sonderlich gemocht. Heute würde ich sagen lang­weilig, wie meine Enkel es nennen. Es war damals nicht üblich, Mädchen das Lesen zu erlauben, doch meine Eltern ließen mich alles lesen. Ich erinnere mich noch, wie sehr ich Aquilino Ribeiro gemocht habe, seine Geschichte Portugals, mit dem Glanz und Elend unserer Könige. Letzten Endes hat sich wenig geändert, wir könnten wieder anfangen, von Glanz und Elend zu schreiben. Naja. Am Nachmittag aber gehörte meine ganze Leidenschaft Agustina Bessa Luís: Die Unheilbaren oder die Zärtlichen Krieger, ich las es nachmittags in der Hitze. Und Clarice Lispector, mit dem Pochen des wilden Herzens. Doch wir waren nicht wild, wir waren wohlerzogen. Jedenfalls äußerlich.

Es schien ihr, als wiederholte sie sich, als hätte sie dies schon unzähligen Menschen gesagt und geschrieben, einige hunderte Male vielleicht schon. Wo aber waren derart intensive, grausame und leiden­schaftliche Seelen geblieben? Wandelten sie hier in ihren leichten Körpern herum, dunkel in den Falten der Einbildungskraft?

Er drückte die Zigarette aus. Unter freiem Himmel war das Rauchen noch erlaubt. Doch ich rauche weniger, sagte er, ich hatte ein Problem mit dem Herz, jetzt rauche ich viel weniger.

Die Probleme:

Es war fatal in unserem Alter, wenn der Moment gekommen war, von den Problemen zu reden. Lunge, Herz, Krebs an diesem oder jenem Organ, Überleben, alles in allem.

In unserem Alter führte alles zu einer Frage des Überlebens, nicht des Lebens. Ein Trauerspiel.

Sie ließ ihn reden, ruhig, ohne Hast, unaufgeregt.

 

– Es war nichts Besonderes, nur eine Warnung, weiter nichts. Ich rauche dennoch.

Er stecke sich eine weitere Zigarette an, ließ sie jedoch im Aschen­becher glühen.

 

Es war Ebbe, der eine oder andere junge Bursche fing etwas, was man in dem schlammigen Wasser des Flusses kaum sah.

Sie suchte weiter draußen, bei der Mole, das Meer, das das Lebens­boot zum Kentern gebracht hatte, das das Haus der Großeltern auf der Düne verschlungen und in dem Jahr auch die Kinder am Strand erschreckt hatte, schreiend hatten die Mütter sie aus den Wellen gezogen. Niemand war ertrunken, es war nur der Schreck gewesen, doch nie wieder war es erlaubt, dort zu spielen.

– Ich erinnere mich an dich, am Strand, von weitem, du hast mit niemandem gesprochen.

– Mit jemandem zu reden galt in diesen Jahren als Zeichen der Verlobung, man war dann einander versprochen. Es war die Zeit alter Klatschtanten, eine Zeit von Verdächtigungen und Unterstellungen, was weiß ich. Ich fühlte mich nicht gut dabei, ich kam nach Tavira nur wegen meiner Großmutter. Und wegen des Strands, der langen Spazier­gänge wegen, den Strand entlang, ganz allein.

– Ja, so war es. Doch ich erinnere mich, daß du einen festen Freund hattest.

– Es war ein Freund. Siehst du? Ein Freund war sofort ein fester Freund, ein Geliebter. Damals war mein Vater nicht mitgekommen. Von Tavira war ihm nur die Erinnerung an die Zeit der Überwachung durch die Polizei geblieben, an den Hausarrest. Die feste Adresse, wie er es nannte. Ein mißlicher Umstand, der die Großmutter und den Rest der Familie ärgerte, weil sie sich für ihn schämten. Er war eben anders, hieß es, ein Revolutionär, ein Anarchist, und irgendwann auch ein Frei­maurer. Doch davon hat er nur selten gesprochen. Mein Vater blieb lieber bei seinem jüngeren Bruder, der in Lagos lebte. Sie waren gut be­freun­det. Vielleicht weil es dem Bruder gelungen war, ein an­stän­diges Leben zu führen, ohne seine Unabhängigkeit einzubüßen, den Ge­schmack an der Freiheit… und auch wenn er ein Bohémien war, so hat er doch ein Jurastudium abgeschlossen, bis ans Ende seiner Tage war er ein ausgezeichneter Anwalt. Mein Vater war nur Revolutionär, Pro­testieren war seine Leidenschaft.

– Man durfte nicht anders sein.

– Nein, und weißt du, was ich denke? Es hat sich nichts verändert. Auch heute darf man nicht anders sein. Nur das Anderssein selbst wäre anders… Würde mein Vater noch leben, wäre er nicht glücklich, denn er würde dann sehen, daß nichts sich verändert hat. Oder, wie Lampedusa sagt, etwas hatte sich ändern müssen, damit alles blieb, wie es war… Hast du das Buch gelesen?

– Nur den Film gesehen.

 

Doch in Wirklichkeit war in dieser friedfertigen Stadt alles anders geworden.

Wer zuvor nichts gehabt hatte, besaß nun sichtlich etwas: Häuser, Herbergen für Touristen, Spuren immerhin eines kommoden Reichtums und Erfolgs. Alt und Jung waren nach Belieben auf der Straße, jeder in seinem Leben: es gab Unterschiede, die einen lebten auf größerem Fuß, die anderen hatten weniger oder lebten langsamer oder schneller, intensiver, Alkohol und Drogen gaben dem Leben der Jüngeren seinen Drive.

Alles hatte sich verändert, man sah es. Nicht nur am Streit um die Massagen am Strand. Die einen wollten es verbieten, die anderen es erlauben, alle aber mochten es, es fühlte sich etwas nach Thailand an…

 

– Das Land hat sich mies entwickelt, es ist schlimmer als spieß­bürger­lich, es ist schäbig, verranzt, falls es das Wort gibt.

– Es ist nun mal die Realität, es gibt sie, man kann sie in den Zeitungen sehen, in den Zeitschriften, am Verhalten.

– Man braucht nur den Fernseher anzuschalten.

– Ich sehe in Tavira nicht fern. Ich vergesse hier, daß ich in Portugal bin.

 

Er stand auf, um zu zahlen, die junge Frau aus der Ukraine ließ sich nicht blicken.

 

Das Treffen war unerwartet, ein wenig seltsam, auch wenn sie es mit keinem Wort erwähnten.

Schließlich lebten sie beide in Lissabon, beide stammten sie aus Familien aus Tavira und hatten sich seit mehr als fünfzig Jahren nicht mehr gesehen. Zufälle, sowohl sich nicht zu sehen, wie auch sich plötzlich zu begegnen.

 

Er war Verleger, sie Schriftstellerin. Er hatte begonnen zu schreiben, dann aber aufgegeben.

Was hatte ihn dazu bewogen aufzugeben? Der Gedanke, daß alle, die er gelesen hatte, besser waren als er selbst. Er veröffentlichte lieber, um von den Kritikern nicht schief angesehen zu werden. Reine Feigheit, im Grunde.

Unsicherheit, erklärte er später bei einer anderen Begegnung, wieder am Fluß, im selben Café. (Ein weiterer Zufall?, dachte sie.) Un­sicherheit. Damals waren die jungen Männer unsicher in allem: im Beruf, in dem sie dem Vater folgten, in der Liebe (was kein Begehren sein durfte), in den Beziehungen untereinander, in der Beziehung zum Körper, den sie kaum kannten und den kennenzulernen sie Angst hatten. Sie lasen. Zola, die portugiesischen Neorealisten, das Kamasutra (natürlich im Verborgenen). Doch beim ersten Versuch mit der jungen Freundin ging alles schief. Es waren die anderen, die aus dem Freudenhaus, um ein Wort zu gebrauchen, das nicht beleidigt, die die jungen Männer jener Zeit einführten. Oder die Dienstmädchen aus den großen Häusern, wo es Dienstmädchen allen Alters gab. Die Gefahr und wozu es auf keinen Fall kommen durfte, war, daß sie schwanger wur­den. Doch das Mittel dagegen war gleichfalls zur Hand, bei den Alten, die das Verbrechen – ungeschehen machten und es in den Fluß warfen.

Unsicherheit.

Doch wie soll es denn keine Unsicherheit geben, wie soll man ohne Unsicherheit leben? Wo ist die Sicherheit im Leben, in der Welt, bei den anderen, in uns selbst? Sicherheit ist eine vorübergehende Illusion, es gibt sie nicht. Und es wird schon gar kein Grund sein, um aufzugeben, was man gerne tut. Schreiben zum Beispiel.

 

– Hast Du nicht Lust, mir zu schreiben? Per Mail zum Beispiel? Erzähl mir von deiner Kindheit. Wo du aufgewachsen bist, wie du auf­ge­wach­sen bist, mit wem? Oder von deiner Jugend. Bist du damals gereist? Ich bin viel gereist, immer ins selbe Land, die Heimat meiner Seele: nach Frankreich. Hast du dich nicht vor der Armee gedrückt? Oder hat man dich eingezogen, und wo warst du stationiert?

 

 Man ist nach Frankreich geflohen, nach Holland, Belgien oder Deutschland, wo immer man Freunde hatte. Man floh.

 

– Bist du abgehauen?

– Nein.

– Dann könntest du von dieser Zeit erzählen, vom Krieg, von den Ängsten, der Unterdrückung, von den guten Beziehungen, deretwegen du nicht eingezogen wurdest, während die anderen böse gelitten haben oder gestorben sind. Du könntest von denen erzählen, die nach dem 25. April zurückgekehrt sind – von denen, die verlassen worden sind.

– Das ist lange her. Es ist vorbei.

– Für manche nicht. Bei manchen sind tiefe Wunden zurück­geblieben, physische, psychische, sie leiden unter Alpträumen, unter Depressionen.

– Aber die sterben bald, das sind die Alten.

– Die Alten, ach so... und was sind wir? Schau uns an, wir schwingen Reden, doch wir sind beide alt, wer weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt. Wir reden, als gäbe es die Zeit für uns nicht, als wäre das Älterwerden nur für die anderen da, nicht für uns, als wäre das Altern nicht unsere Wahrheit, in diesem Augenblick.

 

Diesmal war sie es, die die Rechnung übernahm, bei derselben jun­gen Ukrainerin, die lange ausblieb, wenn sie nach ihr riefen.

Sie fragte nach ihrem Namen: Irina.

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