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Llansol, Maria Gabriela: Ein Falke in der Faust

ISBN:
978-3-86660-274-8
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Tagebuch
Aus dem Portugiesischen von Ilse Pollack und
Markus Sahr

Ein fast zwanzigjähriges Exil in Belgien geht für Maria Gabriela Llansol erst lange nach der Nelkenrevolution in Portugal zu Ende. Was als Flucht vor dem Militär begann, als Flucht vor der Einberufung zu den Kolonialkriegen in Afrika, als Wehrdienstverweigerung ihres Mannes, Augusto Joaquim, dem sie nach Belgien folgte, wurde dort zu einer dauerhaften Suche nach einem alternativen Leben und Schreiben. Zunächst in Löwen, im flämischen Brabant, dann in Jodoigne, einer wallonischen Gemeinde, schließlich in einem Dorf in der Nähe Jodoignes, in Herbais.

Das Tagebuch aus dem Exil, das im März 1979 mit einer Eintragung in Jodoigne beginnt und in Herbais im September 1983, kurz vor der Rückkehr nach Lissabon im darauffolgenden Jahr, endet, enthält sowohl die Arbeit an einem Lebensprojekt, die Entstehungsgeschichte von „Lissabon­leipzig“, als auch Traumhaftes und Alltägliches: das Leben ohne Hierarchien mit Pflanzen und Tieren in einer von Menschen dünn besiedelten Gegend. Llansols Faszination für die „Rebellen“ Mitteleuropas, für Thomas Müntzer und die Wiedertäufer in Münster kommt zur Sprache, ihre Vertrautheit mit mittelalterlicher Mystik wird spürbar, ihr Interesse an der Johannes vom Kreuz und Ana de Peñalosa, ihre „Entdeckung“ der Beginen. Vor allem aber wird der Entwurf zweier „Figuren“ miterlebbar, der dem Schreiben von „Lissabonleipzig“ vorausgeht: die Figur von Jo­hann Sebastian Bach und die Figur von Aossê, eine Umkehrung des Namens von Fernando Pessoa (PESSOA – AOSSEP), um ihn von einem Klischeebild zu befreien, das dem Dichter der Hetero­nyme bereits in den 1980er Jahren anhaftete.

Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Bleiben in der selbstgewählten belgischen Ein­öde und dem Wunsch nach Gemeinschaft, nach Rückkehr auch an den Atlantik, entsteht Llansols Tagebuch „Ein Falke in der Faust“. Ein zuweilen aphoristisches Werk mit frappierenden Ansichten zu Literatur und Leben.

Maria Gabriela Llansol: geb. 1931 in Lissabon, gest. 2008 in Sintra, studierte Rechts- und Erziehungswissenschaften, ging 1965 mit ihrem Mann ins Exil nach Belgien, wandte sich der Literatur, Philosophie, Geschichte und der mittelalterlichen Mystik zu, unterrichtete benachteiligte Kinder, kehrte zehn Jahre nach der Nelken­revolution nach Portugal zurück, veröffentlichte über 30 Bücher, übersetzte Baudelaire, Apollinaire und Rimbaud u.a. ins Portugiesische, zahlreiche Preise, darunter den renommierten APE-Preis für den besten Roman 1990 und 2007; als sie starb, hinterließ sie eine Katze und Hunderte handgeschriebener Notizhefte, die heute im Espaço Llansol aufgearbeitet und erforscht werden.

Ilse Pollack: geb. in Leibnitz, Steiermark. Studium der Romanistik in Wien und Paris, Promotion, von 1976 bis 1984 Universitätslektorin in Portugal, arbeitet nach ihrer Rückkehr aus Portugal als Publizistin und Übersetzerin, Lusitanistin aus Leidenschaft, zuletzt im LLV: Luís Filipe Castro Mendes, Fremde Nähe; José Viale Moutinho, Die Flöte des Toten.

Markus Sahr: geb. 1962 in Mainz, ist freiberuflicher Übersetzer und Autor, war freier Journalist in Berlin und arbeitete als freelance Deutschlehrer in Lissabon und Bristol, seit 2020 hat er einen Lehrauftrag für besondere Auf­gaben am Fachbereich Translationswissenschaft der Universität Mainz in Germersheim.



Leseprobe:



Jodoigne, 27. März 1979 

Wie die Seen mich begleiten – stille Wasser, natürlich und von Dauer –, so soll es Teil des Schattens sein,

der sich mit mir bewegt,

die Tage einzuschreiben, die sich über eine lange Zeitspanne er­strecken.


In ihrem Kalender muß sich sofort der Begriff von Nacht durch­setzen – eine Woche, ein Monat, ein Jahr von Nächten. Ohne den Kalender mag das Fließen der Zeit ihr wohl unermeßlich vorkommen und sie an der klaren Trennung der Figuren hindern, die in regel­mäßigen Abständen (Gefahren) am gleichen Punkt des Firmaments wiederkehren. Wenn die Monate gewöhnlich mit dem Neumond beginnen, so durchläuft sie Zeiten, in denen sie nur davon träumt, zu ler­nen – und alle Bücher, Grenzen und Merkmale des Alltags kommen ihr wie Mikrokosmen vor, mit demselben Ziel oder Ursprung aneinandergereiht. Deshalb ist die Organisation eines Kalenders, der Stabilität im Umfeld schaffen und das Haus beschützen soll, das in einem abgründigen Sinn zum Universum werden und verschwinden könnte, besonders wichtig.

Die andauernde Phase, nichts anderes zu wünschen als aufmerksam zu schauen, zu lesen und ganze Tage damit zu verbringen, Bücher zu befragen, Die Armen im Mittelalter, Der spanische Mensch, mit der Zeit schließlich diejenigen sprechen zu lassen, die weniger stumm sind, und etwas, das man begehrt, zu erreichen. Ich beschwöre sie, im Namen der Kraft einer Sprache, im Wissen, daß dieses Leben, in dem es keine minderen Tage gibt, eine Kunst des Erzählens ist __________denn der mögliche Flammentod von Jorge Anés[1] ist eine helle und heitere Spur, die meine Sprache allmählich schärft.

Ich vergleiche diese Tage mit der letzten Periode meines Heran­wachsens, in der ich an leichten Müdigkeitserscheinungen litt. Wenn ich vom Gymnasium kam oder schon Ferien hatte, blieben mir nur Kräfte, um regungslos dazuliegen und zu lesen, und ihnen die ver­botene Lust an meinem eigenen Körper hinzuzufügen. Im Zeichen der Schuld genoß ich und las, bewegte mich ohne Heftigkeit und grün­dete in diesem Widerspruch das Schreiben. 

Geburt von Jorge Anés und Luís Comuns[2], inspiriert von den Tauben, die auf der Praça Luís de Camões umherfliegen. Die Befreiung, selbst schrei­ben und drucken zu können. Ist Schreiben nicht ein Protest aus Un­schuld?

                                                              Entfalte deine Sprache, formuliere. 

                                                              Entfalte deine Sprache, formuliere. 


Jodoigne, 10. Mai 1979 

Es ist mein eigenes Haus, doch meine ich gekommen zu sein, um je­manden zu besuchen. 

 

Jodoigne, 30. Mai 1979


Es ist heiß, wie im Sommer in Portugal, doch es gibt schon Schatten, und am späten Nachmittag häuft sich die Elektrizität wie im Sommer in Brabant; ich lasse ab von der Literatur und wähle die Randzonen der Sprache; ich glaube, daß Portugal ein Territorium der Reise ist, gestirnt oder mit der Konfiguration von Sternen, durch die Wege der Portu­giesen, Flüchtlinge, Juden, Kaufleute, Emigranten oder Seefahrer; auf diese Weise ist der Stammbaum gezeichnet, am Rand der portu­gie­sischen Literatur. Die Themen, auf das Land beschränkt und seiner Reise­routen enthoben, sind Kerkerthemen, die die allgemeine Medio­krität der gesellschaftlichen Verhältnisse und die normative Ent­wick­lung einer Literatur offenbaren; anders ist die unterbrochene Linie einer Kontinuität von Erinnerungen, begraben im Sand einer Him­mels­karte; beinah verborgen von der herrschenden Literatur, taucht zaghaft ein von Sprache getränktes Feld auf, wo das Erkennen, mit ihrer Hilfe, Teil einer intimen Liebesbeziehung ist.

Es donnert: hier ist Brabant; um mich zu trösten, auf diesem Weg fortschreiten zu müssen, las ich einige Abschnitte in Na Casa de Julho e Agosto[3] und ahne, daß da jemand eine Arbeit machte, die ihr Fundament in sich selbst hat und deren Echo lediglich eine neue Folge von Arbeit ist; deshalb, und weil ich weiß, wie die Bäume uns beschützen, lebe ich, um zu schreiben und zu lesen, und war heute einer der ersten Leser von Im Haus von Juli und August; so tief hat mich der Text berührt, daß ich, nachdem ich vergessen hatte, was ich sagen wollte, das heißt, weiter schreiben wollte, mich im Garten auf die grüne Bank zu Prunus Triloba[4] setzte und dachte, daß ich mich von der Literatur trennen müßte, um zu erzählen, wie ich durch die Sprache reiste und dabei wünschte, mich mit ihrer Hilfe zu retten.   

Später begann es Nacht zu werden, Verdichtung in einer Intensität, die ich nie als Dunkelheit interpretiert habe; die Wirkungen der Nacht sind das Haus, die Tiere, Augusto[5], ein klares und imaginäres Einverständnis mit ihnen, ohne Veränderungen. Bräche jetzt der Tag an, so würde ich mich nicht freuen, auf solche Weise

lebe ich,

und würde mich auch nicht mit gleicher Sinnesschärfe dem unter­brochenen Werk zuwenden, das nun fortgesetzt wird.

 



[1] Anagramm des portugiesischen Schriftstellers Jorge de Sena (1919–1978).

[2] Einer von mehreren Namen für die Figur des portugiesischen Nationaldichters Luís de Camões (1524–1580) bei Llansol.

[3] Dt. Im Haus von Juli und August, dritter Band der ersten Trilogie von Maria Gabriela Llansol.

[4] Name des von der Autorin gepflanzten Mandelbäumchens in Jodoigne.

[5] Augusto Joaquim, Ehemann der Autorin, der eine wesentliche Rolle in ihrem Schrei­ben einnahm.



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