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Carvalho, Cristina: Der Kater aus Uppsala

ISBN:
978-3-86660-268-7
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Roman

Aus dem Portugiesischen von Markus Sahr

„Alle hier beschriebenenen Ereignisse haben sich vor vielen, vielen Jahren zugetragen, doch alles könnte ebensogut in unseren Tagen geschehen sein, denn Elvis und Agnetta gibt es noch immer...“ Mit diesen Worten des Katers beginnt der Roman. Nach dem Tod des Schwiegervaters begeben sich Elvis und Agnetta auf den Weg, um ihren großen Traum zu verwirklichen: bei der Jungfernfahrt der Vasa in Stockholm mit auf dem Schiff zu sein. Agnettas geliebter Kater begleitet sie, von Elvis in einem Korb auf der Schulter getragen. Ganz Schweden strömt in Stockholm zusammen. Doch Agnetta wird von bösen Ahnungen geplagt. Als plötzlich der Kater verschwindet, ist auch Elvis bereit, auf die Fahrt mit der Vasa zu verzichten. Mitten in der Zuschauermenge stehen sie am Ufer und sehen dem Aus­laufen des Schiffes zu. Ein Windstoß läßt es vor ihren Augen in Schlagseite geraten und bald darauf sinken. Das Wunder bleibt aus.

Cristina Carvalho:  wurde am 10. November 1949 in Lissabon geboren. Sie ist die Tochter eines Schriftstellerehepaars, Natália Nunes und Rómulo de Carvalho. Für ihre romanhafte Biographie zu Modigliani, O Olhar e a Alma, erhielt sie 2016 den Preis des Portugiesischen Autorenverbands für das beste Buch in erzählender Prosa. Zahlreiche ihrer Titel gehören in Portugal zum „Plano Nacional de Leitura“. Cristina Carvalho wurde von der internationalen Vereinigung der Bibliotheksschulen IASL für den Astrid Lindgren Memorial Award 2021 vorgeschlagen. Schweden und der Westen Portugals sind die Regionen, die sie am meisten liebt und die ihre Persönlichkeit als vergängliches menschliches Wesen weiblichen Geschlechts, Bewohnerin des Planeten Erde und, durch Zufall, Schriftstellerin am nachhaltigsten beeinflusst haben. www.cristinacarvalho.org, http://bit.ly/2TVil4l  

 Markus Sahr: geb. 1962 in Mainz, ist freiberuflicher Übersetzer und Autor. Er war freier Journalist in Berlin und arbeitete als freelance Deutschlehrer in Lissabon und Bristol. Seit 2020 hat er einen Lehrauftrag für besondere Auf­gaben am Fachbereich Translationswissenschaft der Universität Mainz in Germersheim.

Das Erscheinen dieses Buches wurde gefördert durch  DGLAB/Culture und  Camões, IP.

Leseprobe:

Elvis und Agnetta

Alle hier beschriebenen Ereignisse haben sich vor sehr, sehr vielen Jahren zugetragen, doch alles könnte ebenso gut in unseren Tagen geschehen sein, denn Elvis und Agnetta gibt es noch immer, wenn auch in anderen Körpern, mit anderen Ge­sich­tern, in anderer Kleidung, mit anderen Gewohnheiten.

Tage und Nächte folgen einander auf immer gleiche Weise; der sehnsüchtig erwartete Frühling kommt mit den stets selben Anzeichen – die Tage werden ein wenig länger, an den Birken, den Buchen und Pinien erscheinen die Blätter, aus der Erde sprießen die ersten Blumen, und Vögel werden geboren, immer wieder, so viele gibt es, Tausende und Millionen und Tausende von Millionen. Manche überleben, weit mehr noch aber sterben, sowie sie geboren werden. Sie erfahren nichts von der Welt. Dann kommt der Sommer, und die Luft ist viel wärmer; und der Vollmond, der in einer Lichtpfütze das Himmelsgewölbe erhellt, ist wirklich ein riesiger Vollmond.

Elvis liebt diesen Vollmond sehr und sagt jedem, der es hören will: „Hinter diesem weißen Weiß ist das schwarze Schwarz, das wir nie kennenlernen werden.“

Wenn er das sagt, meint er damit die Helligkeit des Mond­scheins.

Der Klang seiner Stimme, der Ton aus seiner Kehle steigt wie der Vollmond, über alle Berge und alle Täler, er steigt und steigt immer weiter in diese blauen, kalten Nächte hinauf, die sowohl die Men­schen wie die Wölfe achten und verehren. Es sind die kurzen Nächte des Nordens.

Hier, in Kiruna, der weißen Stadt, in der Elvis geboren wurde, ist der Tag ein ganz unglaublicher Tag, an dem sich die Sonne nie verbirgt. Nicht einmal einen rechten Horizont gibt es, wo die Sonne untergehen könnte. Deshalb ist das Leben hier so anders und schwierig; und deshalb gibt es hier für nichts eine be­stimmte Zeit, was aber auch nicht weiter schlimm ist. Wie oft sehen wir Elvis gegen zwei Uhr morgens – der See ist dann gol­den, und Streifen goldener Wolken fassen ihn ein – am Seeufer stehen, wie er die Angelrute heraufzieht, und mit einer schönen Forelle am Ende der Schnur kommt sie empor. Dann facht er das Feuer auf dem improvisierten Rost an, der aus Spänen, Stroh und ein paar porösen Steinen vom Grund des Sees besteht, und dort brät er seine Forelle und bereitet das Abendessen zu, ohne es mit dem Schlafen eilig zu haben. Es ist nämlich ganz gleich, ob man um vier Uhr nachmittags oder um zwei Uhr morgens schläft. Denn immer ist es Tag hier in Kiruna, und der Sommer ist schön, angenehm warm, und das gilt es zu nutzen, denn bald schon kommt der Herbst mit seinen Nebeln, die Forellen verschwinden dann aus den Flüssen, und ein sanfter, doch kalter Wind weht dicht über dem Boden, um die Fundamente der kleinen Häuser des Dorfes, und steigt an ihren Wänden empor, bis er die Dächer aus Gräsern und Schilf erreicht, die so leicht sind, dass sie sich bewegen. In dieser Zeit im Jahr, Elvis‘ liebster, sind häufig Polar­lichter zu sehen. Es sind Lichtzungen in allen Farben, die wie Blitze aufscheinen, viel schwere­loser freilich als Blitze; es sind Licht­zungen, die zischelnd herankommen und ganz Kiruna durch­fegen; mal sind sie grün, mal rot, mal violett. Auch bläuliche gibt es. Die gelben sind selten.

Es gibt hier Leute, die sagen, wer ein violettes Polarlicht erblickt, wird großes, großes Glück haben und sehr alt werden. Es scheint zu stimmen.

Und dann der Winter. Doch ich sage nichts weiter, denn den Winter im Norden soll man nicht beschreiben und nicht aus­malen – es gibt keine Worte, die dafür ausreichen.

Nach der Rückkehr aus Uppsala, einer traurigen und gleichzeitig guten und ersehnten Rückkehr, hatten Elvis und Agnetta zwei Töchter miteinander, Camila und Cássia.

Der stürmische Wind der Zeit wirbelte ihr Leben in einem raschen Strudel umher, wie es bei allen Menschen der Fall ist. Die beiden Töchter wuchsen heran, sie heirateten Männer aus anderen Provinzen und zogen weit fort, so dass sie sich nur ein- oder zweimal im Jahr begegnen, einmal im Juni, wenn die Erde warm ist und auch die Sonne wärmt und sie ihre schönsten Kleider und dazu bunte Röcke anziehen können, grüne, rote, blaue, am Saum mit breiten Bändern von intensivstem Gelb eingefasst, und ein anderes Mal am Weihnachtsabend. Denn sie essen nicht nur gerne das saftige Fleisch des Rentierbratens mit zarten Sprossen gewisser Gemüse, was Agnetta perfekt zu­bereitet – auf der ganzen Welt, in der kleinen bekannten Welt, gibt es niemanden, der so gut Rentierfleisch zubereitet wie die liebe­­vollen Hände Agnettas –, sondern sie lieben auch alle Bräuche dieser Zeit im Jahr, wie etwa kleine Stücke Fett an­zuzünden und damit in den Schnee hinauszugehen und Lieder und Hymnen an die Sterne und das Universum des Himmels an­zu­stimmen und so über die Felder zu streifen, in der reinen und eisigen Luft der hellen Dezembernächte.

Hin und wieder, tief in der Nacht schon, versammelt sich die ganze Familie unter dem nahen Mantel der Sterne, sie sitzen auf einem trockenen, sauberen Stein, der Mond scheint, die Kälte sinkt herab, und plötzlich ist da ein Wehen, ein Windstoß aus Farben, ein grüner Mantel, der sich ausdehnt, in Spiralen, ins Rote und Violette übergeht und ganz nahe über ihren Köpfen peitscht, und dann strecken sie die Arme nach dem Himmel aus, wie um ihn zu berühren, wie um jenes großartige, intensive Licht zu streicheln, das ihnen Hoffnung und Glück bringt.

Wir wollen von diesem Leben nichts weiter als Glück, Rentiere, ein kleines rohrgedecktes Haus, einen guten Kamin und ein paar süße Beeren, um sie im Sommer zu essen.

Der junge Herr Elvis entschied, diese lange Reise zu unter­neh­men, aus einem einzigen Wunsch: nicht zu sterben, ohne den Stapel­lauf und die Taufe des großen, prächtigen und nie gesehenen Schiffes Vasa zu erleben, und da er Weber und Schnei­der war, verbrachte er dieses ganze Jahr höchst vergnügt damit, mit dem Saft aus der Wurzel vom Holunderstrauch seine Muster zu zeichnen, Kleider und Anzüge und Decken anzu­fertigen und alles, was als Überzug diente, um es an die zu verkaufen, die zu kaufen gewillt waren. Übrigens war dies nicht seine erste große Reise. Vor reichlicher Zeit schon, als er daran dachte, sein Leben zu ändern und eine Frau zu suchen, die er heiraten konnte, hatte er beschlossen, aus Kiruna, seiner weißen Stadt, in den Süden, nach Uppsala hinab zu wandern. In Uppsala, hieß es, gab es die schönsten Mädchen, ganz anders als die, die er bisher kennen­gelernt hatte. Auch deshalb wohl, weil Stockholm schon ganz nahe war, und dies war nun wirklich eine große Stadt, und von den großen Städten kann man nur Gutes erhof­fen, neue Dinge, an­dere Menschen, andere Sitten, ein anderes Leben.

Und es war, was wirklich geschah. Elvis war die meiste Zeit zu Fuß unterwegs, immer gen Süden, und sein Leben verlief offen­sichtlich so, wie er es erhoffte.

Viel Zeit verging.

Jetzt,

In Uppsala,

Kennen ihn alle.

Die Stadt ist nicht groß, und an Webern und Schneidern gibt es nur einen, ihn. Er hatte das Pech, zwei Töchter zu haben, und nie das Glück, einen Sohn zu bekommen.

Wer würde der nächste Weber in seiner Familie und in der Stadt sein?


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