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Machno, Vasyl': Das Haus in Baiting Hollow

ISBN:
978-3-86660-267-0
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Erzählungen
Aus dem  Ukrainischen von Christian Weise


Gefördert vom Ukrainischen Buchinstitut Kyiv

Das Haus in Baiting Hollow ist eine Sammlung von zehn Novellen des ukrainischen Autors Vasyl’ Machno, der in den USA lebt. Machno schreibt nicht nur über das Leben von Emigranten und von amerikanischer Lebenswirklichkeit, sondern über die Juden seiner Heimatstadt Čortkiv vor dem Zweiten Weltkrieg, Sex hinter einer Bushaltestelle, ein gestohlenes Fahrrad, Eichhörnchen auf dem Dach, Liebe, Streit, Unzufriedenheit oder Tod... Das Bild des Hauses wird zu einer allgegenwärtigen Metapher: Es ist überall und nirgends, immer und nie. Das Haus ist nicht nur etwas Materielles, das man verlieren kann. Es ist zunächst und vor allem ein mystisches Haus, das in Nachsinnen, Erinnern und Gefühlen lebt.


Vasyl’ Machno (Василь Махно): geb. 1964 in Čortkiv (Ukraine) ist ein ukraini­scher Dichter, Prosa-Autor, Essayist und Übersetzer. Er studierte an der Pädago­gischen Hochschule Ternopilʼ. Machno ist Autor von dreizehn Gedicht­bänden, zuletzt Dichter, Ozean und Fisch (2019). Außer seinen Kurz­ge­schichten – Das Haus in Baiting Hollow (2015) – hat er einen Roman – Der ewige Kalender (2019) und vier Essaybände veröffentlicht: Der Gertrude Stein Gedächtnis- und Erholungs-Park (2006), Füllhorn (2011), Vorstädte und Grenzregionen (2019) und Radelnd entlang des Ozeans (2020). Aus dem Polnischen ins Ukrainische übersetzte er Gedichte von Zbig­niew Herbert und Janusz Szuber. Machnos Texte sind in viele Sprachen übersetzt worden und erschienen unter anderem in Polen, Serbien, Rumänien, Israel und in den USA. 2015 war Das Haus in Baiting Hollow BBC Ukraine Buch des Jahres. Vasylʼ Machno lebt mit seiner Familie in New York City.

Christian Weise: geb. 1960 in Berlin, bereist nach Studium der Philosophie und Evangelischen Theologie in Frankfurt, Heidelberg und Mainz seit 1994 die Ukraine und unterhält vielfältige Kontakte. Seit 1995 publiziert er zur Kirchen­geschichte, seit 2014 auch zur Literatur der Ukraine. Er übersetzt regelmäßig journalistische und literarische Texte ukrainischer Autoren

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Leseprobe:

Das Haus in Baiting Hollow

 Nachdem wir mehrere Jahre in Brooklyn gelebt hatten, zogen Maria und ich im letzten Jahr nach Long Island. Wir mieteten in der kleinen Siedlung Baiting Hollow ein Haus, das sich an einen steilen Fels­vorsprung über dem Ozean schmiegte, und verschwanden aus New York. Wie sehr hatten wir uns danach gesehnt. Um Baiting Hollow zu erkunden, wählten wir Ende August einen Dodge. Auf dem Long Island Express Way sah ich die ersten Gänse, die gen Westen flogen. Ich schaute – und nickte. Den Weg erfragte ich an der Tank­stelle. Baiting Hollow erreichten wir später, als wir mit Predraig, dem Haus­besitzer, vereinbart hatten. Maria äußerte sogar, dass dieser Predraig völlig im Recht sei, wenn er nicht mehr auf uns wartete. Tatsächlich hatte er während des letzten Telefongesprächs mit mir vor­ge­schla­gen, er wolle im Oktober alle Fragen zur Vermietung seines Hauses klären, und zum Abschluss gesagt: „Also, wenn Sie wollen, kommen Sie.“

„Überhaupt kein amerikanischer Name“, bemerkte Maria. „Wo­her kommt er?“

„Weiß nicht, er spricht wie ein Amerikaner. Sehen wir mal.“

Gegen fünf Uhr abends kamen wir an dem Haus an, in dem wir einige Zeit leben wollten. Mehrere Fenster des ersten Stock­wer­kes waren erleuchtet.

„Der Alte hat auf uns gewartet“, sagte ich Maria.

„Super, bis hierher quält man sich echt zwei Stunden ab“, gab sie zur Antwort und fügte hinzu: „Und wie immer haben wir uns promt verfahren.“

Wir klingelten, an den Türen erschien ein hagerer, unrasierter Mann. „Predraig. Schön, Sie kennenzulernen“, lächelte er.

„Dito“, antwortete Maria. Maria trat als erste ein, ich drängte mich zwischen Predraig und dem Türpfosten hinter sie. Mitten im Wohnraum, im Salon, stützte ein offener Kamin aus Backstein die Decke und über unseren Köpfen hing ein prächtiger, vergoldeter Kronleuchter. Der Alte hatte offen­sicht­lich eben gerade geraucht: In der Luft hing beißender Zigarren­geruch. Die Möbel waren alt. Die Ledergarnitur verfleckt. An den Saal grenzte die Küche, wo Tische und Fensterbänke mit Blumentöpfen und allerlei Küchengerät vollgestellt waren.

„Bitte“, er lud mit der Hand ein und griff nach der im Aschen­becher glim­men­den Zigarre. Gemeinsam mit Maria betrat ich die Treppen­stufen, die in den zweiten Stock führten. Wir schau­ten uns die Zimmer gründlich an, ob sie geeignet waren. Maria wusch sich sogar ihre Hände über dem gesprungenen Waschbecken und ließ in der Toilette Wasser laufen.

„Nun, also?“, fragte ich.

„Passt! Ich freue mich, dass wir einen offenen Kamin haben werden“, flüsterte sie. „In einem großen Haus über dem Ozean.“

„Du kaufst ein Rad und wirst Brot und Milch holen fahren.“

„Klar, wo gibts hier Geschäfte?“

„Fragen wir den Alten.“

Und wir begannen uns ohne ersichtlichen Grund zu küssen, aus dum­mer Freude, zwischen zweitem und erstem Geschoß.

„Wir neh­men das Haus“, prustete Maria voll Freude, als wir wie­der vor Predraig standen, wie Brautleute, die um den Segen bitten.

„Wenn Sie zwanzig Minuten Zeit haben, zeige ich Ihnen das Ufer des Ozeans.“ Predraig hatte beschlossen, uns die Gegend zu zeigen, die richtige Stelle, wo man zum Meer hinunterkam. Er ging vorne­weg, wir ihm nach. Holzstufen mit einem Geländer führten nach unten, wo sich Dutzende von Steinen und Felsbrocken entlang­zogen, und hinter Bäumen und rotbrauner, vom Sommer verbrannter Vegetation weiße Häuser sich aneinanderreihten. Geröll und Wur­zeln zogen einen langen Streifen, als hätten Vögel Eier von gigan­tischer Größe gelegt. Weit weg, am flimmernden Horizont, dort, wo die Linien der Küsten mit den Linien des Ozeans sich vereinten, am Übergang von Stein und Wasser, verloren sie Konturen und ersoffen als verschwommene Flecken in bläulichem Dunst. Zu Füßen der Holz­stufen, über die allein man aus diesem von der Natur angelegten Fels­spalt kommen konnte, sah man aber verwaist die schwarzen Pfosten einer verfaulten Mole. Da sagte ich Maria, Baiting Hollow ist ein Ort für Einsiedler. Sie bückte sich, las kleine Steinchen auf und schnippte sie in den Ozean.

Baiting Hollow ist von New York wirklich weit weg, für uns hatte es sich aber gefügt, dass wir ein Jahr lang ohne New York auskommen könnten. Maria hatte beschlossen, ihr Studium ruhen zu lassen. Sie suchte sich irgendeine Be­schäf­tigung im Haus. Ich hatte das Glück, ein einjähriges Stipendium zu erhalten, das man vom Anfang bis Ende strecken konnte. Wir hatten ausgerechnet, dass unsere Erspar­nisse reichen würden, um ein einigermaßen günstiges Leben in Baiting Hollow mit gelegentlichen Besuchen in New York zu führen. Außerdem blieben als Rück­ver­sicherung Auto und Benzin. Der Winter, den wir nach der Flucht aus New York zu zweit verbrin­gen wollten, war beinahe bis auf den Cent kalkuliert. Die Weihnachts­reise nach Paris hatten wir noch nicht erwähnt. Auf dem Weg zurück nach Brooklyn begann Maria aus irgendeinem Grunde über ihre Ankunft in Amerika zu sprechen.

„Stell dir vor, ich bin nur durch absoluten Zufall nach Amerika geraten. Wenn nicht der Volltrottel vom Peace Corps, der in unserer Schule englisch unterrichtete, ge­sagt hätte, er würde mir raten, mich um ein Stipen­dium an einer amerikanischen Uni zu be­wer­ben. Nur weil der...“ Un­seren Dodge durchzog ein dicker Schat­ten. „Er sagte, mein Englisch sei gut, wenn ich wüsste, dass Löchlein – ›дірка‹ – auf Englisch ›dirk‹ sei. Stell dir vor, was für ein Idiot?“ Maria drehte die Scheibe herunter, und von außen drang die Kälte gemeinsam mit dem Lärm der Schnellstraße herein. „Als sie mir in Kyiv das Visum gegeben hatten“, fuhr Maria fort, „habe ich mir im Hotel die Hucke voll gesoffen, bis ich auf allen vieren kroch. Schluss, dachte ich einfach, ich verlasse diese Hohl­köpfe und Rindviecher. Mütterchen Ukraine.“

Ich war fünfund­zwanzig, als Maria in Kryvyj Rih geboren wurde. Als ich meine Dok­tor­arbeit schrieb und mich anschließend von Tanja trennte, da wuchs Maria in einer Familie von Bergarbeitern aus Kryvyj Rih heran, in einer Chruschtschow-Zwei­raum­wohnung, in einer Stadt, in der sich der Duft von Steppen­gräsern mit dem Gestank des Stahlwerkqualms vermengte.

„Mist, außer Bergwerken und Berg­leuten und ihren Datschen am Kanal haben sie nichts gesehen. Hier aber in Amerika bin ich voll der Star und eine Schönheit“, sagte sie in Erinnerung an ihre Eltern. Sie lästerte im Kryvyj Riher Dialekt ihrer Mutter, der die Worte dehnte und ließ wo immer möglich ein ›oso‹ einfließen. Ihren Vater hatten in den 90er Jahren unweit ihrer Datscha irgendwelche Kumpels ge­killt, und Maria zog zum Lernen nach Kyiv, und von dort nach Pitts­burgh. Als sie in New York aufschlug, ließ sie sich in Con­ney Island nieder, in einer billigen Wohnung. Sie war der Meinung, dass Kryvyj Rih mit dem Tod ihres Vaters eingestürzt sei, als wenn jemand unerlaubt ein Gelände mit der Tafel beträte „Zutritt ver­boten. Ein Ort für eine auserwählte Rasse.“

Als wir uns Brooklyn auf dem Interstate Highway 278 näherten, erinnerte ich mich, dass ich nach der Trennung von Tanja, die zu ihren Eltern in einem an­deren Stadt­bezirk zog, in einer Wohnung für Kleinfamilien wohnte, bei einem Typ von der Straße unterkam. Was rauchte ich damals? Ah, Bond. Ich hatte die Angewohnheit, für den Abend drei Zigaretten übrig­zulassen, denn der Kiosk hätte in der Nacht ja ab­brennen können. Ich schlief auf Büchern, denn der Typ hatte kein zweites Bett, an Klappbetten herrschte aber ein gewaltiger Mangel: man führte sie aus nach Polen. Nach Brooklyn waren es keine zwanzig Meilen und auf der Umgehungsstraße Brooklyn Queens Express­way zogen wir vorbei an der Manhattan Bridge und Brooklyn Bridge und fuhren direkt auf dem rechts gelegenen Highway nach Brooklyn ins nächtliche Downtown. Ich weiß nicht, warum ich laut meine Zweifel teilte: „Ich weiß nicht, ich fühle eine Art Schuld“.

„Wem gegenüber?“, fragte Maria.

Ich wusste selbst nicht, was diese Schuld für mich be­deutete, das heißt, ob sie so dünn war wie das Wetter, das du nie erklären kannst, oder ob sie ein Gefühl von Verlust war, abgerissen wie vielleicht Lesezeichen-Fetzchen von Schmier­papier? Ich hatte mir vorgestellt, das Haus, das wir in Baiting Hollow mieten wollten, würde mich und Maria ermutigen, von dem Stein zu lernen, auf dem es gebaut war. Sich zu verlieren in dieser Welt unter den Felsen von Long Island. „Ich habe immer von einem eigenen Haus geträumt...“

„... am Ozean?“

„Nein, nur vom eigenen Haus. Wir hatten keine Datscha, nur Opas Hütte. Wenn man im Herbst begann, den Ofen anzufeuern, kamen die Mäuse aus der Stadt herein und lebten dort bis zum Frühjahr.“

In der folgenden Woche fand die Larry-Rivers-Konferenz an der New Yorker Universität statt. Nach einigem Herumfragen stießen Maria und ich auf das Gebäude am Broadway, zur Tisch Art School. Während der Pause traf ich meinen alten Be­kann­ten George, der mir die Schlüssel zu seiner Wohnung in Green­wich Village gegeben hatte, dorthin hatte ich gleich Maria gebracht, als wir uns kennengelernt hatten. George trug einen Bart und schau­te aus wie eine voll­ge­mä­stete Bulldogge, in seinem breiten Mund waren die vorderen Zähne herausgebrochen. George hatte die An­gewohnheit sie mit seiner Hand zu verdecken, da er um seinen Makel wusste.

„Welcome, welcome“, lächelte George und klopfte mir auf die Schulter. Es war eine Überraschung. George war, wie sich heraus­stellte, Teilnehmer an dieser Konferenz. „Hör zu“, fuhr George fort, „ich weiß nicht, wen du da in meine Wohnung mitgebracht hast, aber bei mir hängen noch einige Frauen-Sachen im Badezimmer.“ Da kam Maria mit zwei Burgern und Limonade, sie kam gerade vom Buffet.

„Ich mache Euch bekannt, das ist Maria.“ George schaute sie an und zeigte erneut den gesamten Pallisadenzaun seiner Zähne.

„Alter, wirf all die Klamotten in den Müll.“

„Mein Kumpel zieht das manch­­mal zum Spaß an“, erklärte George fröhlich. War es ver­wunderlich, dass Maria daraufhin blieb? Anfang November sind wir dann umgezogen nach Baiting Hollow. Vielleicht weil Maria fühlte, dass ihr Alter langsam an den kritischen Punkt gelangte, das heißt es waren Eheflöhe, mit denen sie herumstolzierte, denn unser drei Jahre währendes Zusammenleben erinnerte an ein völliges Chaos, fast so wie ihre frühere Wohnung auf Conney Island, wohin sie mich einmal nach einem Spaziergang führte. Sachen und Kleider waren in den Ecken verteilt, und in Kartons stapelten sich Bücher, Zeitschriften, Kosmetik. Ich sah in ihren grünen Augen versteckte Spuren ihrer inneren Dämonen. Maria sagte, dass es ihr gefalle, so zu leben, das sei eben ihr Stil. Sie zeigte ihre Tattoos und ihr mit einem silbernen ›Industrial piercing‹ durchstochenes Ohr. Sie versprach, sie würde auch ihre Zunge piercen, wenn mir ihr Piercing nicht gefalle. Die Idee mit dem anschließenden Umzug kam für uns unerwartet, so wie der Regen in New York, mitten auf der Straße. Im letzten Sommer auf dem Astor Place. Maria schleuste mich zu Star­bucks und wir be­stellten zwei Erdbeer-Cocktails. Wir saßen hin­ge­fläzt auf weichen Sesseln. Sie liebte Rohrzucker und hatte sich einen ganzen Haufen da­von genommen. Er stand vor ihr in einer braunen Papiertüte, sie hatte sie aufgerissen und schüttete ihn sich in den Mund. „Rohr­zucker ist nicht schädlich“, sagte Maria ständig, um meinem Un­willen über den übermäßigen Genuss zuvorzukommen.

„Ich habe wieder aufgehört, dich zu lieben“, lächelte sie.

„Einfach so?“

„Ge­nau... einfach so“, antwortete sie.

„Ein mir bekannter Immobi­lien­makler schlägt Baiting Hollow vor. Er sagt, der Preis stimme, alles sei da: Ozean, Strand, Steine.“

„Und, wo ist das?“

„Irgendwo auf Long Island, hab nicht geschaut.“

„Ach, was solls, jedenfalls eine Ab­wechs­lung.“

Sie trank den Cocktail, drehte mit den Fingern ihr von der Hitze klebendes Haar und spielte mit den hölzernen Korallen von einem afri­kanischen Baum, die wir bei einem Straßenhändler auf dem Broad­way gekauft hatten.

Unser Haus in Baiting Hollow, Baujahr 1927, hatte drei Säulen, eine geräumige Veranda und einen ge­mauer­ten Schornstein. Es hatte fünf Hausbesitzer überlebt und einige un­be­deu­tende Umbauten. Wir wurden die sechsten, aber nicht Eigen­tümer, sondern Mieter und erhielten fünf Zimmer, einen Dachboden und einen großen Keller. Die knarrenden Stufen, die in den zweiten Stock führten, hatte niemand aus dem Kreis der bis­herigen Eigen­tümer ausgetauscht. Was­­ser­­versorgung und Elektrik funktio­nie­ren einwandfrei, versi­cher­te uns Predraig, der uns das Haus übergab und nun bei seiner Tochter in Massachusetts wohnte. Wie sich heraus­stellte, war Pre­draigs Frau vor einem halben Jahr verstorben, und um hier nicht auf den Tod zu warten, hatte er entschieden, von hier fortzuziehen. Als ob das ihm erlaubte, dem Tod zu entkommen. Ein altes Haus passt zu einem alten Mann. Ich er­blickte in seinen Augen eine kleine Ver­wunderung, dass uns dies Plätz­chen gefiel, ein Haus mit wind­ver­zogenen Fenstern.

„Von hier ziehen alle fort“, sagte er uns dann. Er zeigte auf den alten Chevrolet der Nachbarn und fügte hinzu, „überlegen Sie mal, wann dies Fahrzeug einmal neu war.“ Erst da bemerkte ich das verrostete Auto, das ich jetzt jeden Tag sehe, wenn ich unter der Dusche stehe. Zusammen mit dem Haus, das mit Holzschindeln bedeckt war, die an Fischschuppen erinnerten und die an einigen Stel­len von den Außen­wänden gefallen war, ging in unser zeit­weiliges Eigentum auch ein Stück Land über, das auf dem Plan ein­gezeichnet war. Am Eingang selbst war ein Holzgatter, ferner Bäume und, von hohem Gras und Unkraut bedeckt, ein Gelände, das sich auf einem natür­lichen Felsen bis zur Küstenlinie hinzog. Anfang März be­schäftigte sich Maria mit Gartenarbeit, jeden Abend be­richtete sie über ihre Vorhaben: was sie säen würde und was heraus­reißen, wenn es wärmer wird. Ich dagegen verließ oft das Haus und streifte am Ufer entlang; ging in den nächsten Laden und kaufte Lebensmittel für die Woche. Maria war eine schlechte Hausfrau, ihr glitt alles aus der Hand. Die Mehrzahl unserer Sachen, die wir für den Umzug mit Papier um­wickelt in Kartons verpackt hatten, blieb den ganzen Som­mer darin. Dann packten wir aus und verteilten sie auf zwei der fünf Zimmer. Der Dachboden blieb leer, im Keller bullerte der alte Kessel, es roch süß nach Heizöl, womit das Haus beheizt wurde. Ein großer Öl­tank war zwischen die Kellermauern ein­ge­passt, seine Öffnung ragte an der Außenseite des Fundaments heraus. Hier wurde der Brenn­stoff ein­gefüllt. Einmal im halben Jahr musste man bei der Firma anrufen, damit sie den Tank mit Heizöl füllte. Predraig er­innerte mehrfach daran und schrieb sogar auf einen gelben Zettel die Te­lefonnummer der Firma und heftete ihn an den Kühlschrank. Heftige Ozeanwinde und häufiger Schneeregen setzten uns zu: Der Atlantik grummelte beinahe an unserer Schwelle. Möwen saßen auf unserem Gatter wie die Hühner, Haustiere ohne Furcht vor uns. Mit der Zeit gewöhnten wir uns an das Grummeln und die Winde, an den rußgeschwärzten Kamin und an die Einsamkeit.

Die nächsten Nach­barn waren eine halbe Meile entfernt. Ihr Haus freilich war noch näher an den Ozean herangerückt, in dem großen Hof aber stand der erwähnte rostige Chevrolet, eingesunken in den Boden. Ich bemerkte ihn wie gesagt beim ersten Mal, als wir herum­wanderten und das Gebäude und die Gegend erkundeten, in denen wir leben würden. Ich hatte damals den Dodge, auf dessen Tacho hundert­tausend Meilen angezeigt wurden; mit ihm und ohne Telefon oder Internet kon­taktierten wir aus der gottverlassenen Ecke die Welt. Anfang April kaufte Maria einen Johannisbeerstrauch, Berberitze und zwei Bäum­chen: einen Tulpen­baum und einen roten Ahorn. Sie liebte das große Grundstück, das unser zeitweiliges Eigentum geworden war. Wenn die Sonne schien, waren wir im Garten beschäftigt. Ich grub Löcher für Bäume und Sträucher, und ich konnte sehen, wie die Uferwellen ausrollten, sich matt an den Felsbrocken brachen. Maria hatte alte Jeans und Gummi­stiefel an, kniend lockerte sie die Erde um die eben gepflanzten Bäume. Sie sagte, der Baum wird anwachsen, weil alles nach An­leitung gemacht ist. Zu Abend aß ich dann mit Maria auf der höl­zernen Veranda, die an manchen Stellen durch die Feuchtigkeit zu faulen begonnen hatte, und wir schauten auf den Ozean. Auf dem Kunst­stofftisch, den ich im Getränkekeller entdeckt hatte, standen eine halbe Flasche kalifornischen Merlots und eine auf dem Gasherd aufgewärmte Lasagne mit Hackfleisch. Unerwartetem Wind gelang es, die Einwegteller und durchsichtigen Plastikbecher durcheinander zu wirbeln. Ich sammelte sie auf und brachte aus der Küche Steine und Minerale vom Strand. Maria fand meinen Einfall gut. Sie sagte, dass diese Naturdekoration zum Schweigen und japanischen Garten passe. Später im Sommer überzog grüne Vege­tation alle Beete un­seres Gartens. Die jungen Sträucher und Bäume hatten Wurzeln ge­schlagen, einige kanadische Ahornbäume, die unser Haus umgaben und die nicht weniger als dreißig Jahre alt waren, bändigten mit ihren weitausgreifenden Kronen und festen Stämmen den Andrang der Winde. Maria sagte einmal, dass sie unsere Nachbarn gesehen habe, sie aber nicht gut erkennen konnte.

„Es scheinen Pensionäre zu sein.“

„Das heißt, wir werden sie nie sehen“, antwortete ich.

Unser erster Winter am Ozean kam Anfang November, und hüllte alle Wege ein. Nur die Turmspitzen zweier Kirchen, der katholischen und der evangelischen, blickten in das Fenster der Dachstube. Dort weilte ich manchmal bis Mitternacht und ordnete meine Papiere und Bücher. Hier hatte man einen Tisch und ein schmales Metallbett ans Fenster gerückt. Vermutlich hatte der Ire mit seiner Frau sie vor einigen Jahrzehnten gekauft. Solche Dinge kann man heute in Antiquitäten­läden finden. Ich wollte hier nichts ändern, schließlich hing an diesen uns überlassenen Möbeln außer dem Geruch die Zeit. Morgens erwachte ich vom Knarzen des trockenen hundertjährigen Holzes, aus dem sie die Holzplanken für unser Haus gehauen hatten, und nahm wahr, dass der Wind erneut vom Atlantik her kam und graue Nebelschleier mit eisigem Schnee vor sich hintrieb. Ich verließ das Haus und machte mich auf die Suche nach einer Schneeschaufel. Vom Ozean wehte wirklich ein starker Wind, der wie hungrige Hunde die gräulichen Schwaden des Wetters wegriss. Der Atlantik war leer, kein einziges Schiff, das sonst ge­legent­­lich entlang unserer Küste fahren mochte. Nur das Licht des fernen Leuchtturms drang durch, das uns bei gutem Wetter nachts die Küche erhellte. Ich schippte den Schnee von unserem Eingang fort und kehrte in die Dachstube zurück. Maria war in der Küche geschäftig, hörte Radio und bereitete das Frühstück vor, Kaffee und frisches Brot. Ich hörte es, denn sie hatte, um Schüsseln und Becher zu greifen, heftig die Türchen des Unterschrankes aufgerissen. Anschließend kroch der Duft des Kaffees bis in die Dachstube, ich aber lag auf dem Metallbett, wärmte mich und hatte die Augen ge­schlos­sen. Nach einer Weile rief mich Maria.

„Das schöne Wetter ist fortgezogen, und du hast das Auto nicht vollgetankt“, tadelte sie mich. Und fuhr fort: „Und unser Inder von der Tankstelle hat sie wahrscheinlich mit sieben Schlössern ver­rammelt. Er hat schlicht Angst vor dem Sturm.“



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