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Tisma, Slobodan: Das Bernardi-Zimmer - eBook

ISBN:
978-3-86660-190-1
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Roman
Aus dem Serbischen von Elvira Veselinović
ISBN 978-3-86660-190-1, 144 S.

Pišta Petrović ist Hermaphrodit: die sekundären Merkmale seiner Männlichkeit sind verkümmert und er fühlt weiblich. Doch sein Antrag auf Geschlecht­s­umwandlung wird abgelehnt. Mit dem Auto erkundet Pišta die Adria­küste, beteiligt sich an Wett­rennen und wird Zeuge eines Unfalls. Lange Zeit verfolgen Pišta die Bilder von den ab­stürzen­den Autos. Eines Abends entdeckt er vor seinem Haus das Wrack eines Mercedes, der einem der Unfallwagen zum Verwechseln ähnelt. Als er seine Wohnung verliert, schlüpft er eine Weile in dem Wrack unter – bis ihn die Polizei aufspürt. Seine Mutter holt ihn aus dem Gewahrsam ab und verschleppt ihn in die Kommune. Dort wird er einem Kreuzigungs­ritual unterzogen. Doch Pišta befreit sich...  

Die hier vorgelegte Über­setzung von Elvira Veselinović stellt den Autor zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum vor. 

Slobodan Tišma: 1946 in Stara Pazova, Serbien, ge­boren, lebt in Novi Sad, be­schäf­tig­te sich mit Poesie und Konzeptkunst, spielte in den Kult-Bands Luna und La Strada, zählt zu den wichtigsten Vertretern der jugoslawischen Avantgarde-Bewegung. Bisher sind von ihm folgen­de Titel erschie­nen: Marinizmi (Marinismen), Gedichte, 1995; Vrt kao to (Ein Garten wie das), Gedichte, 1997; Blues diary (Dichtertagebuch), 2001; Urvidek (Geschichten), 2005; Gedichte, 2007; Quattro stagioni (Ro­man), 2009.

Elvira Veselinović: zweisprachig in Deutschland und Jugoslawien aufgewachsen, Studium in Köln und Galway (Irland), Promotion, freiberufliche Übersetzerin und Sprachlehrerin in Berlin.

Leseprobe:

IN DER SCHALE

 „Ein großer, blauer Kreis, und darin...?“


Ein Körper. Ein Panzer. Wessen Panzer? Leere, Echo? Ein verlas­se­nes Auto auf dem Parkplatz, vergessen. Vielleicht ist der Besitzer ge­storben, oder kann sich einfach nur nicht erinnern, wo er sein Auto geparkt hat. Zuerst waren die Reifen platt. Dann hat jemand die Räder abmontiert. Ich glaube, es war ein Luxusmodell eines Mer­cedes-Sportwagens. Es handelte sich um einen schlimmen Unfall. Da war wohl kaum etwas zu machen. Vielleicht zu enormen Kosten. Die­sen muskulösen, noch immer wunderbaren Körper des dunkel­blauen Coupés bewegen. Mir tat es wirklich leid, als ich sah, dass jemand die Räder abmontiert hatte. Oder sie waren von selbst weg­ge­rollt. Ein Aasgeier – für irgendein Kleingeld, das er auf dem Schrott­­platz oder Flohmarkt bekommen konnte. Aber es blieb nicht dabei. Der Reihe nach verschwanden die kleineren, leich­teren Teile, die Rückspiegel, Scheinwerfer, der Schaltknüppel, die Windschutz­scheibe, dann die Ledersitze, und am Ende wurde auch der Motor herausgenommen, genauer gesagt – erst der Vergaser, dann der Motor. Das Herz. Es ging schnell. Im Dschungel verfault der Körper schnell, fängt an, auseinanderzufallen, zu stinken. Deshalb gibt es die Geier, das ist diese Urhygiene. Jetzt glänzt auf dem Parkplatz nur noch die dunkelviolette Karosse, wie die Schale eines Ostereis. Die blauviolette Farbe öffnet eine Schachtel mit Gerüchen, die un­mög­liche Erinnerungen wecken. Die Rückbank ist noch ge­blie­ben, sie haben es nicht geschafft, sie herauszureißen. Ein bequemer Sessel oder sogar ein kleines Sofa, mit beigefarbenem Kalbsleder be­zogen. Eines Abends, ich kam spät nach Hause und wollte dort eigentlich gar nicht hin, kroch ich in das Wrack. Ich legte mich auf den Sitz, der noch immer nach Leder und zauberhaftem hol­län­dischem Pfei­fen­tabak roch. Mir fehlte nur noch Musik, und ich hätte dort übernachtet. Ich rollte mich auf dem Sitz zusammen und dachte über den Eigentümer nach. Wer könnte das sein? Vielleicht lebt er ja doch noch? Er verkauft das Auto in Einzelteilen per Zeitungs­annonce. „Organhändler!“ Was brauchen Sie, bitteschön, neh­men sie einfach, kostet so und so viel. Vielleicht bekommt er genug Geld für einen neuen Trabant zusammen. Her damit. Das ist keine große Philosophie. Weitermachen, das Leben auf einem anderen Niveau fortsetzen. Der Mensch ist ein bescheidenes Wesen, er neigt zum Über­leben. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich bewundere den Mer­cedes, aber auch ein Trabant ist gut, obwohl er gefährlich stinkt. In einem Moment öffnete ich das Handschuhfach, in dem gähnende Leere herrschte. Es roch plötzlich sehr angenehm. Vanille und Sandel­holz, der Geruch des Ozeans? Ganz unten sah ich einen Gegen­stand, ein kleines Heft. Vielleicht war das die Zulassung oder der Führerschein des Besitzers? Ich traute mich nicht, es zu neh­men, zu öffnen. Ich hatte irgend­ein Gefühl, der Besitzer sei doch tot, verunglückt, und sein Tod habe zu all diesem geführt, obwohl ich nirgendwo Blutspuren sah. Wenn das im Handschuhfach wirklich ein Führer­schein war, wessen Bild würde ich erblicken? Obwohl das wenig wahrscheinlich war. Ohne­hin, was hätte das in dieser Situa­tion für eine Bedeutung gehabt? Das Wrack gehörte nieman­dem mehr, oder es gehörte jedem. Im Augenblick war ich dessen Besitzer. Aber war das wirklich so? Ich spürte, wie mich der zauber­hafte Geruch des Pfeifentabaks müde machte, ich versank in einen tiefen Schlaf. Ich kam immer öfter zum Wrack. Sobald ich irgendein Problem mit den Gästen hatte – meine Wohnung war sowieso im­mer offen und voller Gäste, die von Zeit zu Zeit zu Gewalt neigten – nahm ich meinen Schlafsack und ging direkt zum Parkplatz. Natürlich nahm ich auch einen Walkman mit Kassetten mit. Ich kroch in das Wrack, rollte mich im Schlafsack zusammen wie ein Fötus, auf der Rückbank, setzte die Kopfhörer auf, aus denen das adagio espressivo, die Große Welle der Zehnten, nie vollendeten Sym­pho­­nie eines öster­reichischen Komponisten direkt in meine Ohren strömte, und der Ge­nuss war vollkommen. Die Musik war ohne­hin immer mein aus­dauernd­ster Begleiter gewesen. Ich war ein großer Anhänger der sogenannten klassischen Musik, das muss ich zu­ge­ben, egal, was man davon halten mag. Das Wrack wurde eine über­aus wichtige Tatsache in meinem ansonsten so langweiligen, be­scheidenen Vor-mich-hin-leben. Ich lebte in der Angst, jemand könnte mir dieses Versteck nehmen, die städtische Müllabfuhr, ein Dieb oder ein Schrotthändler. Aber da war ich machtlos, ich musste daran glauben, dass es nicht dazu kommen würde. Mit einem Dieb könnte ich vielleicht noch klarkommen, aber mit der Müllabfuhr? Aber vielleicht würde ja auch der Besitzer selbst auftauchen, was sogar interessant wäre. Es wäre ein geeigneter Moment, um je­man­den kennenzulernen, der so ein wunderbares Auto gefahren hat. Ich richtete das Innere des Wracks schön ein. Ich ersetzte die Wind­schutz­scheibe und alle Fenster, die geklaut worden waren, mit Plastikfolie. Ich hatte auch eine kleine Gaslampe, die das Innere angenehm erleuchtete. So lauschte ich dem Trommeln des Regens auf dem Metalldach, aber ich war auch der verborgene Zeuge diverser Ereignisse auf der Straße. Meistens hörte ich die Unter­hal­tung irgendwelcher Passanten, manchmal auch einen Streit, oder sogar eine Schlägerei. Die freche Jugend aus der Nachbarschaft sorgte dafür, dass mir besonders nachts nicht langweilig wurde. Aber nach einem Monat konnte ich es nicht mehr genießen, ich spürte die Beengtheit des Raumes und oft fror ich auch. Aber zurück in die Wohnung konnte ich nicht mehr, mit den Gästen kam ich immer weniger klar. Beim letzten Mal hatte ich ihnen gesagt, sie sollten sich alle verpissen, worauf allgemeines Gelächter ausbrach, manche wälzten sich sogar auf dem Boden. Ganz besonders nervte mich ein Dicker mit großem Kopf, der lispelte und nach allen Seiten spuckte. Er war immer der Wortführer. Noch nicht einmal seinen Namen wusste ich genau, jemand hatte ihn mitgebracht. Er sagte mir: Ftimmt, daf ift deine Wohnung, mein Freund, aber na und, fo weit kommt ef noch, wir haben daf mit dem Privateigentum doch wohl längft überwunden. Und fowiefo, du fitft da unten in dem Auto, obwohl ef nicht deinf ift, haft du jemanden um Erlaubnif gefragt? Ich war sprachlos. Dennoch versuchte ich ihm etwas zu erklären, aber in dem Moment spürte ich eine heftige Müdigkeit und gab auf. Die Anderen schwiegen nur, sie wussten genau, dass ich nicht bereit war, die Polizei zu Hilfe zu rufen. Obwohl mir schlecht war von alledem, musste ich ab und zu in die Wohnung kommen, zumindest, um mein großes Geschäft zu erledigen oder manchmal zu duschen. Ich hatte immer etwas Geld, obwohl ich wirklich nicht weiß woher, von wem ich das Geld bekam, oder ich wollte es nicht wissen, aber es reichte gerade, um zu überleben, mit dieser Summe wäre ich nicht weit gekommen, mir fiel es auch nicht ein, irgendwo hin zu reisen, was vielleicht eine Lösung gewesen wäre. Wenn ich morgens aufwachte, mit ziemlich steifen Gliedern, ging ich zuerst in die nahegelegene Konditorei, um mir ein Stück Schwarzwaldtorte zu kaufen, dann kehrte ich in das Wrack zurück und aß sie genüsslich auf der Rückbank. Die Karosse war also mein Schicksal, eine schöne, aber unkomfortable Lösung. Es stellte sich die Frage, wie groß die Macht meiner Phantasie, wie stark meine Einbildungskraft war. Während ich nachts die Motorhaube be­trach­tete, sah ich manchmal die dunkelblaue Oberfläche des Ozeans, über dem der Abendstern flackerte. Irgendwann war dieses herrliche Auto bestimmt über die Autobahn geglitten, die von den Wellen des Ozeans umspült wird. Aber oft war mir kalt, sehr kalt. Vielleicht brauchte ich jemanden, der mich wärmen würde. Für einen Moment hatte ich das starke Gefühl, der Besitzer des Autos sei bestimmt eine Frau gewesen, alles sprach für diese Vision, eine Frau oder ein Mädchen, das Pfeife geraucht hatte. Pfeife? Ich war sicher, dass es sich um keinen Mann gehandelt hatte. Ein Mädchen zer­bro­chenen Herzens. Wie sah sie aus? Ich versuchte, sie mir vorzustellen, aber mir gelang es nicht, eine konkretere Gestalt zu erschaffen. Blond oder schwarzhaarig? Vielleicht farbig, eine Mulattin, ein kleines, schwarzes Mädchen? Wahrscheinlich könnte ich diese Zweifel ausräumen, ich müsste nur in den Führerschein schauen, der scheinbar am Boden des Handschuhfachs lag, aber ich traute mich nicht. Ich wollte die Illusion nicht zerschlagen, nicht enttäuscht werden. Eines Abends, während ich mich dem Wrack näherte, schien es mir, als wäre jemand darin. Als ich in meinen Schlupf­winkel einstieg, bereit, bis zur Ausrottung zu kämpfen, fand ich zu meiner großen Überraschung auf dem Rücksitz ein schwarzes Kätzchen vor, das mich aus seinen großen türkisfarbenen Augen verwundert anschaute. Ich wollte es sofort hinauswerfen, überlegte es mir aber anders. Ich wusste bestimmt, dass Katzen mit Viren in Verbindung gebracht werden, besonders schwarze. Das Auftauchen einer schwarzen Katze bedeutete eine sichere Influenza, hohes Fieber, Erbrechen und Kopfschmerzen. Ein schwarzes Kätzchen aber bedeutete lediglich etwas erhöhte Temperatur, einen leichten grippalen Infekt, was mir auch entgegenkam, da mir ständig kalt war. Ich ließ es also bleiben. Ansonsten verbrachte ich die Zeit hauptsächlich mit Erinnerungen, im Gedenken an eine bessere Zeit. Zum Beispiel: Ich fahre mit meinem – also eigentlich gehörte er meinem Vater – phönix­roten Käfer die Adria-Magistrale entlang. Unten in der Tiefe ist das unruhige dunkelviolette Meer. Als es bergab geht, gebe ich Gas und überhole einen Mercedes, an dessen Steuer ein Mädchen mit orange­farbenem Haar sitzt, das im Wind flattert. Bei der ersten Steigung holt sie mich aber ganz locker ein und überholt mich, es ist schließlich ein Benz, und winkt mir noch im Vorbeifahren. Als es wieder bergab geht, überhole ich sie wieder und jetzt winke ich ihr. Und so weiter, bergauf-bergab, bis es schließlich flach und eben ist, sie Gas gibt und sofort in der Ferne verschwindet. Ich konnte ihr nicht mehr folgen. Aber trotzdem sehe ich noch immer die dunkle Kontur des Mercedes in etwa zweihun­dert Meter Entfernung vor mir, wie er gegen die Leitplanke knallt und dann ins Meer hinabstürzt. Ich fange an zu schreien, bald fahre ich am Unglücksort vorbei, ohne anzuhalten, ich weiß, dass ich nicht helfen kann. Ich verbringe eine furchtbare Nacht auf einem Campingplatz, von Gewissensbissen geplagt. Hatte ich den Unfall verursacht? In jedem Fall wäre es nicht zu dem Unglück gekommen, hätten wir uns nicht dieses Rennen geliefert. Aber am nächsten Tag sehe ich die Schlagzeile in der Zeitung: „Zwei junge Frauen, beide im Mercedes, im Abstand von zehn Minuten ins Meer gestürzt“. Eine gewisse Gerda Andersson (27) aus Dänemark hatte sich retten können, nachdem sie mit ihrem Mercedes von der Magistrale ins Meer geflogen war. Zum Glück war sie nicht angeschnallt, so dass sie aus dem Auto ins Wasser geschleudert wurde und an Land schwimmen konnte. Ich war erleichtert, das Glück war auf meiner, genauer gesagt auf der Seite der jungen Frau gewesen. Ich empfand eine unbeschreibliche Freude. Aber dann lese ich weiter: Die zweite weibliche Person, die nach Zeugen­angaben nach nur zehn Minuten an der selben Stelle ins Meer gestürzt war, ebenfalls in einem Mer­cedes, ist verschwunden, wurde nicht gefunden und man geht davon aus, dass sie ertrunken ist. Bis heute erstrahlt mein Gesicht und wird anschließend finster, wenn ich daran denke. Tatsächlich bekam ich nach einer Woche Fieber, nicht allzu hoch, nur ein angenehmer Schüttelfrost ergriff mich, ohne Kopf­schmerzen und ähnliches. Ich lag hauptsächlich im Schlafsack, die Katze saß auf meinen Füßen und ließ nicht von mir los, wie ein Hund. Das dauerte drei-vier Tage an. Als ich eines Morgens erwachte, war die Katze weg, spurlos ver­schwunden. Ich wusste sofort, dass ich wieder gesund war, und fast tat es mir leid des­wegen.

Während ich der Brandung des versklavten Meeres unter mir lausche, denke ich: Was hatte diese Frau von mir erwartet? Obwohl ich zwischen den Beinen nur eine Leerstelle, ein Nichts habe, was sie nicht ahnen konnte. Oder wir halten am ersten Parkplatz an und umarmen einander? Eine sehr banale Geschichte. Und mir schien für einen Augenblick, als sehe ich die kleine Meerjungfrau sich über die Wellen, die im ewigen Streit leben, erheben, und ihre piepsige Stimme reichte gerade bis zu meinem smaragdfarbenen Ohr. Das war ein Hilfeschrei den ich nicht verstanden habe. Aber wessen Hilfe­schrei? Meiner? Das Meer übertönte alles mit seinem Rau­schen, seinem ewigen Lärm, der von allen Seiten herbei drang. Von Norden, von Süden, von Westen und von Osten. Es war immer so. Schwärmerei. Ein großes blaues O, in das ich endlos falle. Ich zuckte zusammen, und die Erscheinung war verschwunden. Eigentlich verschwand sie in Raten, in Form immer kleinerer ultra­marin­farbener Pakete. Die Erinnerung teilte sich, wurde kleiner, aber keinesfalls konnte aus ihr Vergessen werden.   


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