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Dodovski, Ivan: Der große Koffer

ISBN:
978-3-86660-052-2
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Erzählungen. Aus dem Mazedonischen von Will Firth

Mit feiner Ironie und viel Wortwitz begleitet Dodovski seine Protagonisten durch die soziale Krisenzone des Systemwechsels. In seinem Nachwende-Mazedonien begegnen wir Siegern und vor allem Besiegten, solchen die leise verzweifeln und anderen, die sich nach Rache für ihre Demütigungen sehnen. Alle Figuren sind frei erfunden, doch widerspiegeln sie unbequem viel davon, was sich hinter den Kulissen der Macht tut und die real vorhandenen Menschen bewegt.

"Ursprünglich wollte ich die Sammlung 'Alle meine Toten' nennen. In der Übergangszeit nach Ende des Kalten Krieges, wie auch während aller früheren historischen Umwälzungen, brachen die niedrigsten menschlichen Leidenschaften aus, entblößten sich alle menschlichen Schwächen. Wir können den menschlichen Verfall verurteilen. Gleichwohl dürfen wir den Mechanismus nicht übersehen, der Menschen dazu treibt, eine Ideologie anzunehmen, um sie später zu verraten. Die Darstellung des Unglücks der 'Wendegeschädigten', die in meinen Erzählungen zu Wort kommen, ist schließlich nur ein Versuch, die menschliche Natur im ewigen Spannungsfeld zwischen der Suche nach Glück und dem Tod zu begreifen." (I. D.)

"Die Erzählungen in dieser Sammlung sind voll surrealer und traumhafter Momente; so ist die Erzählerin der Geschichte Umetnik na revolucijata (Künstler der Revolution) keine Freundin oder Ehefrau des Protagonisten, sondern, wie wir erst am Ende erfahren, eine kleine Gliederpuppe, die den fanatischen, einsamen Künstler ein Leben lang in seiner Brusttasche begleitet hat; in Sarma erscheint der erniedrigte Erzähler seinem früheren Peiniger im Traum und rächt sich, indem er diesen mit Sauerkrautwickeln erstickt, die in der Zeit seiner politischen Inhaftierung Mittel einer besonderen Demütigung waren. Verrücktheit und Tod spielen auch eine Rolle - gleich in zwei Erzählungen spricht der Protagonist aus dem Grab oder dem Jenseits." novinki

Ivan Dodovski: geb. 1974 in Bitola (Mazedonien), College in den USA, Studium der Literaturwissenschaft und Amerikanistik in Skopje, debütierte 1991 mit einem Gedichtband Sedenka so likot (Party mit Bild). Es folgten zwei weitere Gedichtbände: Luda luna (Der manische Mond), 1995, und Sveta ludost (Heilige Manie),1999. Mit dem Erzählband Golemiot kufer (Der große Koffer) machte er sich einen Namen als Prosaist. Lebt zur Zeit in England.

Leseprobe:

Künstler der Revolution

Ich Arme, ich kenne seine Geschichte am besten. Vom ersten Augenblick, als er mich zwischen die Finger nahm, bis schließlich zu meinem Flug über seinen Kopf war ich seine Begleiterin: Treu, traurig und stumm. Und jetzt, da ich todes-nah in Faulkner’scher Nostalgie schwelge, bin ich dazu bestimmt zu erzählen.

Die ganze Sturmflut der ersten Gefühle durchströmt jäh meinen Kopf, in der Erinnerung spüre ich noch die erste las-zive Berührung: Im Basar, in dem alten Künstlerbedarfladen, den es nicht mehr gibt. Ich erinnere mich, als sei es gestern gewesen: Er betritt den Laden mit außergewöhnlichem Schwung, schaut sich um und wendet sich dann mir zu. Der erste Blick! Danach – wie könnte es anders sein – herrschten die Elementargewalten. Unser gemeinsames Leben verlief wie das aller anderen auch: In Liebe und Streit. Die Leidenschaft der ersten Jahre wurde durch den nüchternen Wahn der mittleren Jahre abgelöst, und schließlich kam das Alter, das der Unruhe ein Ende setzte. Im Laufe der Jahre entspannten sich seine einstmals jungen Finger, anstelle des Drucks spürte ich immer mehr eine sanfte Berührung. Später blieb von seinen Fingern nur die sanfte Führung meiner langsamen, greisenhaften Bewegungen. Schließlich passierte es: Sinnlos und unerwartet ging er von mir. Nach so vielen gemeinsamen Anstrengungen verließ er mich im Augenblick des letzten schöpferischen Schwungs, um eine andere zu umarmen. Aber das muss ich anders erzählen, ohne Sentimentalitäten.

Seinen Namen hörte ich zum ersten Mal in seinem Atelier: Marko Rotsternski. „Eine leidenschaftliche Umarmung mit dir und ich male den ultimativen Tod des Kapitalismus”, erklärte er mir beim ersten Betreten seines Künstlerkabuffs, das mit roten Leinwänden zugehängt war. So begann eigentlich unsere Liebe. Von den Blicken der Geschichte unbemerkt, die um uns herum geschrieben wurde. Niemand hatte Kenntnis von un-serer intimsten Beziehung. Ich und er, wir allein wussten, dass wir unzertrennlich und für immer zusammen waren. Zwischen seinen Fingern liegend oder an seine Brust geschmiegt – ich sehe mich noch am zarten Rand seiner Brusttasche unter dem Sakko verborgen, an seinem Herzen geborgen –, ich war überall mit dabei, allgegenwärtig ... Von den glanzvollen Tagen des Ruhmes in Galerien und Hotels, auf Empfängen beim Staatspräsidenten, auf feierlichen Veranstaltungen zum Tag des Sieges, Tag der Republik und Tag der Armee, aber auch in der Zeit davor, als er sich zum kommunistischen Dissidenten erklärte, bis hin zu seinem Tod, mit dem er mich flugs verließ und im Alter allein und verbraucht zurückließ – ich war die einzige zuverlässige Zeugin. Ich schaute, ich lauschte. Jetzt kann man das Ganze nur noch blass erzählen, wie eine zu-sammenhangslose, zerfetzte Historie.
Niemand kann seinen anhaltenden Wahn erklären. Er war wie ein unbekannter Trunk, den man einst eingenommen hat – man weiß nicht mehr wann und wo –, der einen dauerhaften, lebenslangen Rausch bewirkt. So war es mit seinem Glauben. Oft erzählte er mir von ihm. Aber Worte können nicht alles sagen.

Folgendes fand ich über ihn heraus: Er wuchs in armen Verhältnissen auf, ein Kind mit knochigen Händen und aus-geprägten Schläfen, mit hoher Stirn und neugierigen Augen, die Mitte des Jahrhunderts dem hereingebrochenen Krieg ins Gesicht sahen. Ja, alles begann gewissermaßen mit dem Krieg. In den engen Gassen des Stadtteils grüßte er damals mit saurem Lächeln die Soldaten; an die weißen Hofmauern schmierte er mit Holzkohle ihre Profile, die eindeutig einen karikaturhaften Ausdruck bekamen. Die Alten des Viertels wunderten sich, wer wohl die faschistischen Soldaten des ostbalkanischen Königreichs so provokant abbildete. Und sie erblassten vor Scham, weil man in diese Kunst eventuell Widerstand und Spott hineinlesen konnte, Widerstand durch Verhöhnung. Aber all das war nur das Spiel einer Kinderhand, ein Griff nach unbekannten Grenzen. Was so anfing, wurde bald zur beständigen Gewohnheit der Hand: Sie begann, ideologische Abrechnungen zu malen. Bis vor Kurzem noch hat mich diese Hand gedrückt und mich damit zu einem Teil dieses inspirativ-wahnsinnigen Widerstands gemacht. Jetzt aber ist die Hand, wie gesagt, zum letzten Zugriff ausgestreckt. Sie hat den eigenen Tod nicht gemalt, sondern ihn gleich umarmt. Aber zurück zur Erzählung.

Die ersten Kriegsjahre vergingen. Die trockenen Sesamkringel und die Kinderspiele wurden immer spärlicher. Die Exotik des Widerstandes wurde zur hartnäckigen Obsession. Mit der Mütze auf dem Kopf und ernsthafter Miene schlich er sich in eine Geheimversammlung der älteren Bewohner des Stadtteils, voller Sehnsucht nach der Offenbarung, die er vorausgeahnt hatte: „Revolution!” Dort hörte er das Wort zum ersten Mal. Es erzeugte in ihm einen Wahn, etwas wie das Verlangen des Körpers nach dem Schoß einer Frau. Man kann sagen, es war Liebe, Leidenschaft, eine mächtige Libido, in die alle Träume mündeten und aus der wiederum Lebenskräfte quollen. Das Wort schien ihm damals die Bezeichnung für den Sinn des Lebens. Deshalb wiederholte er es fieberhaft sein ganzes Leben lang.

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