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Crnjanski, Milos: Zottelige Pferde auf Island

ISBN:
978-3-86660-135-2
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Den über 700 Seiten umfassenden autobiografischen Roman Bei den Hyperboräern, dem der Ausschnitt über Island entnommen ist, schrieb Crnjanski 1940. Am Rande des neuen Weltkrieges, war er damals jugoslawischer Diplomat in Rom. Das Buch ist ein subtiles literarisches Zeugnis über das Ende einer Epoche und zugleich eine anrührende Ode an die Schönheit und den Sinn des Lebens in den Weiten des nördlichen Europas. Fern von Heimat und eigener Sprache, melancholisch durch das faschistische Italien reisend, ahnte Miloš Crnjanski, dass sich ein unbegreifliches Unheil - 'der große Krieg' - unausweichlich nähert.

Um einen Ausweg zu finden, vermischt er in seinem Text das Kulturerbe des Südens mit dem antiken Mythos über Hyperborea - 'dem Land jenseits des Nördlichen' - und eigenen Reiseerfahrungen aus dem Jahr 1937 nach Island, Jan Majen und Spitzbergen zu pazifistischen wie auch literarischen Visionen.

Milos Crnjanski (1893-1977): geb. in Csongrád (Ungarn), studierte Philosophie und Kunstgeschichte in Wien, Belgrad und Paris, erzwungenermaßen k.u.k. Offizier im Ersten Weltkrieg, Anarchist und Sozialist, zahlreiche Romane, Reisebeschreibungen, Dramen und Essays, übersetzte klassische chinesische und japanische Lyrik, gründete verschiedene Zeitschriften, u.a. Puteve (Wege), ab 1928 Kulturattaché in Berlin, Rom und Lissabon, 1934 Herausgabe der rechtsgerichteten Zeitschrift Ideje (Ideen), Emigration nach London, 1965 Rückkehr nach Belgrad.

"Bei den Hyperboräern ist ein Bildungsroman, lyrische Prosa, Essay und Tagebuch zugleich, in dem Michelangelo und Stendhal, Kierkegaard und Ibsen als Weggefährten des serbischen Schriftstellers aufeinander treffen. Das ausgewählte Kapitel - Zottelige Pferde auf Island - ist ein zeitloser Reisebericht über die Insel 'in wahren Farben' geschrieben, darüber hinaus ein antinationalistisches Plädoyer und ein engagierter Beitrag zur gesamteuropäischen Identität." Milorad Zivojnov

Leseprobe:

Als ich in jener Nacht nach Hause kam, setzte ich mich hin, um den Anfang des Reiseberichts aus Island abzuschreiben, den der Leser nun jetzt liest.

Island ist eine ferne, große, Insel, groß wie Bulgarien, auf dem Weg in polare Gefilde, und wurde als letzte von allen europäischen Ländern besiedelt. Man sagt, die antiken Griechen hätten über diese Insel nur Seefahrerlegenden gekannt. Man dachte, dort beginne eine unbekannte Welt, wo irgendwelche merkwürdigen Menschenwesen leben: die Hyperboräer. Die Römer dachten, dort sei das Ende der Welt, sie nannten es, sagt man: Thule ultima. Thule, am äußersten Ende. Jetzt ist es das modernste Land unter den nordi-schen Ländern entlang des Ozeans. Ich kannte diese Insel, bis zum Jahre 1937, nur aus der Schule, und aus dem Roman, den Loti geschrieben hat, über die isländischen Fischer.

Der Meeresboden dort, zwischen den englischen Inseln und Grönland, besteht aus Basalt, vom vulkani-schen Typ, der sich aus den Tiefen bis zu 400 Meter un-ter der Meeresoberfläche erhob. Die Vulkane, die hier den Basalt auswarfen, den flüssigen, schufen, sagt man, Island. Die Formen seiner Küsten sind auch jetzt phan-tastisch, und das Meer um die Insel herum ist auch jetzt wild und stürmisch. Es ist kein Wunder, denn man rechnet, dass der Basalt des Meeresbodens, der sich hebt und senkt, um die 3000 Meter hoch ist. Der Leser kann sich vorstellen, wie stark die Kraft der Natur auf diesem Weg zu den Hyperboräern ist. Auch mein Schiff stand hier, im Nebel, vor Reykjavik, vor der Anlegestel-le, den ganzen Tag, und konnte nicht in den Hafen einlaufen. Die Schiffsglocke läutete jede Stunde, wie eine gespenstische Kirche. Und vom Festland antwortete, heulend, eine Sirene. Island war hier, vor uns, aber das Schiff konnte sich ihm nicht nähern.
Auf dem Schiff wurde während dessen die evangelische Liturgie gefeiert, und der Pastor murmelte im Sa-lon, laut, Gebete für uns alle. Durch dieses Murmeln hörte man auch Vogelgezwitscher in den Käfigen am Fenster.

Nie hatte ich so ein Gefühl der Schiffseinsamkeit, wie in jenem Moment. Auf Island allerdings war in diesem Jahr alles ruhig. Die letzte Vulkaneruption war im Jahre 1924. Obwohl es dort auch jetzt 130 Vulkane gibt, wurde die letzte, größere – katastrophale – Eruption im Jahre 1783 verzeichnet. In jenem Jahr meldete sich der Vulkan namens Laki zu Wort. Seine damals ausgeworfene, jetzt bereits versteinerte, Lava umfasst eine Fläche von ca. 40 Quadratkilometern. Um mir den Schrecken jenes Tages vorstellen zu können, sagt man mir, das erste An-zeichen dessen, was danach kam, war eine riesige Wol-ke, wie auch damals, als Pompeji verschüttet wurde, in der Nähe von Neapel. Nach der Wolke erschienen in der Luft Feuersäulen, und die Flüsse auf der Erde trockne-ten aus. In wenigen Minuten hatte sich der Fluss Skaftá , der 400 Meter breit ist, in Dampf verwandelt. Island erbebte vom Donner und unterirdischem Brodeln. Ende September dauerten die Eruptionen fünf Tage an, un-unterbrochen. Der große Schriftsteller Islands, Gunnar Gunnarson, sagt: die Leute sahen damals mit eigenen Augen, ihre Häuser zum Meer stürzen, in den Abgrund. Sie erstickten im giftigen Rauch neben dem Blitzstrahl und dem Feuerzischen aus der Erde, die bebte. Diejenigen, die auf den Weiden überrascht wurden, standen in Asche bis zu den Knien. Sie konnten die Todesqualen ihres Viehs mit ansehen. Der Nachbar sah des Nachbarn Haus schwimmen und im Flammenfluss taumeln, und verschwinden.

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