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Correia, Hélia: Zwanzig Stufen und andere Erzählungen

ISBN:
978-3-86660-231-1
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Aus dem Portugiesischen von Dania Schüürmann

140 S.

In diesem Band von Hélia Correia sind ganze Welten enthalten, die sich uns in elf Erzählungen von Ausgegrenzten und Andersartigen, von Blinden, Prostituierten und Mördern, von Menschlichem und Unmenschlichem eröffnen. Ein phantastisches und zeitloses Element verleiht den Texten von Hélia Correia einen entrückten, ganz besonderen, gelegentlich auch unheimlichen Zauber, der Sogwirkung entfaltet. Der Lesende muß sich dem Text anvertrauen. Oft sind es Frauen, die sich inmitten der Groteske behaupten ­– Frauen mit Makeln, alte, häßliche, ja gänzlich „unbrauchbare“. Die Literatur ist für Hélia Correia ein Ort, an dem eine mystische, fremdartige Welt in unseren Alltag einbricht.

„Wer das Werk von Hélia Correia kennt, weiß auch um ihre wirksame Fähigkeit, das Böse zu erzählen, den Schmerz oder die Prüfung in einen Sog zu verwandeln, der Widerstand unmöglich macht ... Behutsam wird der Leser in eine brutale und unbehagliche Welt geleitet, ganz so, als ob das ein Vergnügen wäre. Denn beim Erzählen weiß Hélia zu verführen.“ Isabel Lucas, PÚBLICO

Hélia Correia: geb. 1949 in Lissabon, Vater verfolgt und inhaftiert unter Salazar, Studium der Romanistik und Dramaturgie, seit den 1980er Jahren Romane, Novellen, Theater und Poesie, Auszeichnungen: u.a. 2001 Portuguese PEN Club prize, 2006 Prémio Máxima de Literatura, 2015 Preisträgerin des Prémio Camões, gilt als eine der bedeutendsten Gegenwartsschriftstellerinnen Portugals. 

Dania Schüürmann: geb. 1981 in Münster, Promotion in Lateinamerikanistik, lebt in Berlin und übersetzt aus dem Niederländischen und Portugiesischen.


Leseprobe:

Zwanzig Stufen

 

I

Es waren zwanzig Meter zum Töten nötig. Gaben der Person Zeit für ihren Tanz, wie beim Gehängten. Um den Blick zu verlieren im Fall, ohne den sich vornüberbeugenden Mörder zu sehen.

So sagte es die Frau wieder und wieder, mit Schaum in den Mund­­­winkeln. Die Trockenheit.

Niemand wollte ihr zuhören. Sie sprach über eine trügerische Brücke, ihre Brücke, die zum Selbstmord einlud und dann nicht hielt, was sie versprach. Sie, die Frau, hatte sich hinabgestürzt, war auf die spitzen Steine gefallen. Danach hatte sie noch Stunden geschrien. «Das verdammte Ding war keine zwanzig Meter hoch», sagte sie. Dabei lachte sie bereits. Die Liebe hatte ihr nahegelegt zu sterben und Liebesdinge haben am Ende nicht mehr Bedeutung als eine Schlange. Sie erschrecken und anschließend verschwinden sie.

Die Knochen waren wieder zusammengewachsen, die großen und die kleinen, alles in schöner Ordnung. Außer im linken Fuß, der blieb nach hinten verdreht. Das Loch in der Stirn, aus dem so viel Blut herausgeflossen war, dass es ihr in den Mund lief – es schien seine eigene Verschwendung zu bedauern –, hatte eine ganz be­son­dere Substanz hervorgebracht. Weder Haut noch Fleisch. Einen weißen und fettglänzenden Wirbel, wie eine Wachsblume, die das Dunkel des Gesichtes krönt.

Sie war jenseits der Berge geboren, von wo an die Frauen hässlich wurden. Die vom Meer sogen alles Licht ein, das Gott zur Verfügung stellte, umhüllten Augen und Kopf mit dem Blau und Gold dieses Lichts. Die Frau hieß Rosa und hielt sich an der Schönheit des Namens fest, so liebenswürdig, so gefertigt aus Samt und Satin. Sie ging hüpfend ihres Weges, braun in der braunen Landschaft, Hacke auf der Schulter. Sie bestellte das Land der Großmutter so gut sie es eben konnte. Sie hüpfte in der Hitze in verformten Stiefeln, mit Strümpfen. Sie war ein großes Kaninchen, dunkel und allein. Da kam der Mann im Lieferwagen vorbei.

Oh, ein glänzender Mann. Und alle verwechselten Glanz mit Güte. Sogar Rosas Großmutter. Mit den Nägeln brachte sie das Bün­del aus Geldscheinen, das er ihr gegeben hatte, zum Klingen. Und die Lachfalten bestiegen die Bitterkeitsfalten, ohne ihr Gesicht dabei sonderlich zu verändern. Tatsächlich hatte sie schon ihr ganzes Leben lang von Geld geträumt, nicht geträumt hatte sie dagegen von der Enkelin. Beide wussten genau, was die eine und das andere jeweils wert waren.

Die Güte des glänzenden Mannes verblieb, wenn auch illusorisch, noch lange an der Oberfläche. Er trug Armbänder und Ketten und Brillantine und Lackschuhe. Rosa lugte durch das Fenster des Transporters und nahm die Geschwindigkeit in sich auf; das Gehirn zündete und erlosch, bis es, am Ende des Tages, eine komplette Verwandlung durchgemacht hatte. Als sie ihr Schlafzimmer in einer Herberge an der Landstraße betrat, bereitete sie sich darauf vor, dass der Mann sie auszog und benutzte. Doch der Mann legte sich neben sie, mit seinem Geklimper und Geruch, und schlief sofort ein. Er war ein gütiger Mann, dachte Rosa. Er nahm sie als Dienst­mädchen mit. Morgens fragte sie ihn nach seinem Namen. Auf der Frühstücksmarmelade lag Schimmel. Nenn mich wie du willst, nenn mich Vater, sagte er. Sein Alter passte nicht dazu.

Als sie die Stadt erreichten, machte Rosa sich das erste Mal klein. Nicht etwa, weil sie die Absichten des Vaters fürchtete, sondern weil kein Horizont zu sehen war. Sie versuchte irgendeinen Anfang oder ein Ende auszumachen, aber sie nahm nicht einmal wahr, dass sie angekommen waren. Dass es plötzlich viele Autos gab, die hielten, wo es keinen Wald und kein Röhricht gab, dass Teer sich hinzog wie ein toter Fluss, verstörte sie. Im nächsten Augenblick gab es schon überhaupt keine Entfernung mehr, um den Blick verweilen zu las­sen. Sie begann zu zittern. Dann bogen sie in einen Hof ein. Das ist Lissabon, meinte der Vater. Packte ihren Rucksack und half ihr her­unter. In Lissabon gibt es keinen Wind, dachte Rosa. Nichts Luftähnliches konnte die hohen Gebäude passieren. Also schaute sie nach oben zum Himmel. Aber sie verlor das Gleichgewicht und gab auf. Der Vater zog sie sanft mit sich.

Der Dampf zubereiteten Essens erreichte sie, noch bevor die Tür den Weg freigab. Jener Dampf überrumpelte ihre Kehle, machte, dass sie aushusten wollte. «Das war dieses afrikanische Zeugs, hab mich nie dran gewöhnt», bemerkte die Frau. Und lachte. Lachte. Mit dem Lachen nahm sie alle Kunden des Hauses für sich ein. Und die Kolleginnen. Die Taubstumme, die Vollbehaarte, die Zwergin. Und andere, die nicht so lange blieben, die Ehrgeiz verrieten und die Empfangsdame baten, einen Keller in der Innenstadt für gewisse Pülverchen aufzusuchen. Sie wussten, wie man die Männer zum Weinen brachte, sie schrieben das Gejammer der Fernsehprediger mit. Also weinten sie und tranken, danach kamen sie wieder, um sie mit sich zu nehmen. Die Einäugigen setzten diesen Trick mit beachtlichem Erfolg ein. Nicht dass sie reich heirateten, aber immerhin heirateten sie. Bekamen einen Schrank nur für sich allein. Erstaunlicherweise wurde der Vater nicht böse. Er unterhielt sogar herzliche Beziehungen zu den Frauen, auch wenn sie sein Vertrauen missbraucht hatten. Oft bat er sie um Rat. Sie dagegen nicht. Obwohl Rosa niemals jemandem Getränke ausgegeben hatte.

Sie erzählte: «Die Zimmer lagen auf einem anderen Stockwerk. Ein Auf und Ab im Fahrstuhl.» Aber die Nachbarinnen sagten nichts. Selbst die Ehemänner der Nachbarinnen nicht. Denn es wusste bereits niemand mehr, welche Art von Verhalten nun toleriert werden musste und welche nicht.

«Wissen Sie, wir waren alle Frauen mit Mängeln», sagte Rosa. Doch sie sprach zu sich selbst. «Frauen mit Mängeln geben klasse Weiber ab. Der Vater verdiente einen Haufen Geld mit uns. So sehr, dass er in ein anderes Viertel zog.» 

*

Dieses Leben hatte Rosa sehr gut gefallen. Die Kolleginnen gaben sich alle Mühe, ihre körperlichen Mängel an Harmonie durch den Rückgriff auf Floskeln der Ehrerbietung auszugleichen, die wie Höflichkeit wirkten. Wenn eine Auseinandersetzung unumgänglich war, tanzten sie und plusterten sich mit ihren monströsen Glied­maßen so auf, wie es die Vögel während eines Kampfes machen. Aber normalerweise waren sie nachsichtig und haus­hal­teten gut mit ihren Kräften. Sie sparten an allem, an Energie wie an Kleingeld. Denn es gelang ihnen nicht wirklich, an ihren Erfolg als Sexobjekte zu glauben. Wie sie sich von den Kunden verabschiedeten, beein­druckte durch Aufrichtigkeit, glich in Melancholie dem Abschied unter Verliebten. Über die spezielle Vorliebe für Unvoll­kom­men­heiten hinaus fühlten sich die Männer auch von einer Atmosphäre der Feinfühligkeit angezogen, in der sogar in lautstark geäußerten Schimpfwörtern ein unbestimmt mütterliches Gemurmel mit­schwang.

Von allen war Rosa die am wenigsten liebevolle; sie hatte es nicht nötig, verfügte über weitreichendere Kompetenzen. «Du bist das Salz und der Pfeffer», sagte der Vater. Die Kolleginnen waren dankbar, denn Rosa akzeptierte schwierige Szenarien und so wurden sie davon verschont. Sie kannten nur die Stadt. Auch wenn sie aus Dörfern kamen, kannten sie nur die Stadt, das heißt Häuser und Straßenpflaster. Gewisse Schweinereien stießen sie ab. Rosa dagegen hatte barfuß die Ställe betreten, sie hatte ihre Hand in das Innere der Ziegen geführt, um tote Junge herauszuziehen. Zäh­flüssiges oder Verfaultes oder Saures machte ihr nichts aus. Und ihre Haut, feste Haut, widerstand den gröbsten Knuffen und Miss­handlungen. «Du bist das Salz», sagte der Vater, «und der Pfeffer.» Doch Rosa wurde vor allem schnell langweilig. Nur den immer wieder abgewandelten Szenarien war es zu verdanken, dass ihr nicht langweilig wurde.

Die Geschäfte des Vaters liefen gut. Tatsächlich liefen sie zu gut. Sie zogen einige Aufmerksamkeit auf sich. Man lud ihn ein, Teilhaber seines eigenen Bordells zu werden. Die Beleidigung, so meinte er, machte ihn fast krank. Die Zwergin Lúcia weinte schon, bevor er überhaupt auf das Ultimatum zu sprechen kam. Er beschwerte sich über die grobe Ungerechtigkeit, die die Armen auf dieser Welt zu erwarten hatten. Fast wäre er Kommunist geworden, aber dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Bibel. Kurz danach stand das Gebäude in Flammen.

Es handelte sich um ein Gebäude, das unter Aufsicht stand, aber doch seine Schwachstellen hatte. Alles musste im Gleichgewicht sein und zu viel Hinschauen schadete. Das Feuer aber drang durch die Risse mangelnden Hinschauens ein. Wenn auch niemand starb, so starben doch die Lebensgeister des Vaters. Niemand konnte ihn trösten.

In der Pension lebten sie dann wie Kriegsflüchtlinge aus der Fremde. Alle dachten, es sei nur eine vorübergehende Krise. Manch­mal sprach der Stolz aus dem Vater und er sehnte die Revolution herbei. «Freiheit, wo denn und für wen?», rief er aus. «Teil eines amerikanischen Films sind wir, so ist es doch in Wahrheit.» Er setzte sich aufs Bett, umzingelt von seinen Schütz­lingen, von einer Zwerg­in, von einer mit einer offenen Wunde am Bein, von einer weiteren mit Schwimmhäuten zwischen den verwachsenen Fingern und von Rosa, der Hinkenden. Alt war er geworden. Er kehrte ohne die Gold­kettchen, ohne Armband, ohne Uhr zurück. Statt sich erleichtert zu zeigen – schließlich hatte er Gewicht verloren -, ging er gebeugter. Nicht nur Dinge, Kunden und Freunde hatte er verloren. Er war Teil eines amerikanischen Films und jede Straßenecke hielt den Schat­ten eines Mörders für ihn bereit. Sie würden ihn töten und sich der Mädchen bemächtigen. Bis auf den letzten Pfennig verteilte der Va­ter sein Erspartes an die vier, sagte: «Es kommt immer zu einem Duell» und kehrte nicht mehr zurück.


Rosa und die mit den Schwimmhäuten richteten sich gemeinsam in einem Zimmer ein, um die Miete zu teilen. Aber die mit den Schwimm­­­häuten war beileibe keine entspannte Frau. Auch Rosa war unzufrieden. Die Vermieterin mit ihrem schlechten Gewissen war lästig und hilfsbereit, wie es typisch ist für diese Art von Leuten, und organisierte ihnen Almosenpapiere. «Nein, so heißt das über­haupt nicht», machte sie klar. Aber der wirkliche Name klang merk­würdig und überhaupt, sagte Rosa, die Welt veränderte sich nicht be­sonders.« Das ist jetzt eine Pflicht des Staates», entgegnete die Ver­miet­er­in. Damit nahm die Bedeutung ihrer Bemühungen ab. «Der Staat ist uns sogar dankbar», sagte sie noch, um es wieder wett­zumachen.

II
... ... ...



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