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Sniecinski, Marek: Andere Obsessionen

ISBN:
978-3-86660-040-9
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Erzählungen. Aus dem Polnischen von Bettina Eberspächer und Fotografien von Andrzej P. Bator

Diese Lektüre ist gefährlich: Sie verschafft nicht nur intellektuelle Befriedigung, sondern sinnliche Erfahrung. Die Texte passen sich einerseits dem Atemrhythmus des Lesers an, andererseits bewirken sie, daß sich der Atem ihrem Rhythmus hingibt - eine Prosa, die berauscht wie reifer Wein. Die Verführungskraft dieser Erzählungen steckt in der Wahrnehmung des Lesers, selbst Gegenstand der Lektüre des Autors zu sein. Nicht der Leser beherrscht den Text, sondern der Text den Leser - er hat teil am Mysterium der Existenz in den Worten - ein eigentümlicher Identitätsverlust, vor dem nur die Erzählung selbst zu retten vermag.

Marek Śnieciński: geb. 1958 in Wrocław, Mitorganisator des deutsch-polnischen Projekts “Orpheus“, Stipendiat am Literarischen Colloquium Berlin, zahlreiche Publikationen zu Problemen der Kunst und Fotographie des 20. Jahrhunderts, Übersetzer zeitgenössischer Lyrik und Prosa ins Polnische

"Die inhaltliche Klammer dieses Buches ist die Obsessivität des Ich-Erzählers. Sniecinski ist Kunstwissenschaftler von Hause aus und sein Bildgedächtnis ergießt sich in den Prosastrom – überall Beschreibungen und Verflechtungen der Wahrnehmungsebenen, die das Erzählte so sinnlich machen." Dieter Kalka, Ostragehege

Leseprobe:

Der gemeine sprechende Fisch

Welcher Teufel hat mich geritten, dass ich sie um die Handtücher bat? Es wäre schließlich nichts passiert, wenn ich sie noch ein paar Tage benutzt hätte. Sie hatten zwar ihr blendendes Weiß, das mir so in die Augen stach, als Corinna mich in mein Zimmer führte, bereits verloren, aber sie waren noch nicht schmutzig. Schließlich wasche ich mich jeden Tag! Was hat mich geritten? Es war doch so schön!

Es hatte alles ganz unschuldig begonnen. Es war am Dienstag oder Mittwoch. Ich bin schon ein bisschen durcheinander, aber was macht das letztlich für einen Unterschied? Ich saß mit Andrej beim Frühstück. Wir trafen uns immer gegen neun unten. Im Wintergarten. Eigentlich weiß ich nicht, warum sie diesen verglasten Raum ohne Pflanzen hier Wintergarten nennen, aber sollen sie. Wir trafen uns also im Wintergarten, wo das Frühstück schon für uns bereit stand. Ich kann nicht behaupten, sie hätten es uns an etwas fehlen lassen. Der Kaffee war stark, die Säfte kalt, das Essen reichlich, auch Obst fehlte nicht. Ich erinnere mich, dass an jenem Tag der Joghurt fehlte. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, fällt mir ein, dass wir vielleicht deshalb anfingen, ein bisschen herumzujammern. Ja, bestimmt! Ich goss mir gerade die zweite Tasse Kaffee ein und steckte mir die erste Morgenzigarette an, als Andrej sagte:

„Die haben schon lange die Handtücher nicht mehr gewechselt. Könntest du vielleicht fragen, wann wir neue bekommen?“

Die Sonne schien, keine Wolke am Himmel – wieder kündigte sich ein schöner Tag an, bestimmt hätten wir, wäre das mit dem Joghurt nicht gewesen, gar nicht an die Handtücher gedacht. So aber passierte es. Bevor Andrej noch ausgeredet hatte, kam eine Frau in blauer Schürze in das Speisezimmer. Wir schauten sie überrascht an – wir hatten sie nie zuvor gesehen, sie musste neu hier sein.

„Guten Morgen, schönes Wetter, was?“ Sie hatte eine tiefe, glucksende Stimme. „Alles in Ordnung, hat’s geschmeckt?“

Wir dankten höflich, dass heißt, ich dankte, denn Andrej versteht fast kein Deutsch, vielleicht ein paar Wörter aus deutschen Kriegsfilmen: Hände hoch, Halt, Achtung oder nicht schießen, und dann fragte ich nach den Handtüchern. Die Frau kam an unseren Tisch, machte den Mund auf und begann zu reden. Wenn sie am Anfang noch in normalem Tempo sprach, so verwandelte sich nach einigen Sätzen alles in einen wahren Wortschwall. Einige Zeit versuchte ich, dieser gurgelnden Welle von Lauten zu folgen, dann aber schnappte ich nur noch einzelnen Wendungen oder Wörter auf. Jedenfalls ging daraus hervor, dass sie neu hier war, also nicht wusste, wie oft die Handtücher gewechselt werden müssten, dass sie aber glaubte, Frau Corinna habe gesagt, alle zwei Tage, aber das sei wohl zu oft, schließlich wechsle man doch die Handtücher zusammen mit der Bettwäsche, also vielleicht einmal die Woche, das sei doch in Ordnung, oder? Aber sie müsse erst noch Frau Corinna fragen, denn sie wisse es wirklich nicht. Dafür war doch das Frühstück in Ordnung, ich habe alles hingestellt, wie es sein muss, nicht wahr? Vielleicht hat etwas gefehlt? Wenn wir wollten, könne sie die Handtücher bringen, man müsse es nur sagen, und sie werde sie sogleich in die Zimmer bringen. Sie brach plötzlich ab und ging hinaus. Andrej, der der Frau aufmerksam zugehört hatte, schaute mich an und erklärte mit ernster Miene: „Obyknovennaja govrjaschtschaja ryba“.

Das war am Dienstag oder Mittwoch, heute muss dann wohl Sonntag sein. Es ist schwierig, das jetzt zu rekonstruieren. Jedenfalls begann die Frau, verschiedene Dinge in unsere Zimmer zu bringen. Zuerst natürlich Handtücher. Alle paar Stunden brachte sie einen neuen Stapel schneeweißer Frotteehandtücher. Unsere Proteste, es sei nun genug, so viele brauchten wir nicht, nützten nichts. Ich weiß eigentlich nicht, warum ich ihr das habe durchgehen lassen. Jetzt stehen hier in meinem Zimmer irgendwelche großen blauen Säcke, drei Bügelbretter, Bügeleisen, Eimer, Plastikkästen mit Papier und weiß der Teufel was noch. Zuerst gelang es mir noch, mir einen schmalen Durchgang zu Tür zu bahnen, jetzt aber müsste ich mich durch zusätzlich hier aufgestellte Stühle, einen runden Tisch und drei elektrische Schreibmaschinen durchkämpfen. Ich möchte wissen, wer darum gebeten hat. Vielleicht der Amerikaner in der Sieben. Ich liege also da, denn das Bett konnte ich verteidigen, und mache mir Notizen. Leider wird mir bald die Tinte ausgehen, und ich habe keine Kraft, zum Schreibtisch zu kommen, wo das Fläschchen „Pelikan“ steht, das ich letzte Woche gekauft habe – vielleicht ist es aber auch zwei Wochen her? Egal! Ich überlege, wie Andrej damit zurechtkommt. Wenn heute Sonntag ist, dann muss morgen Dienstwechsel sein. Am Ende wird uns hier schon jemand finden – wenn nicht morgen, dann übermorgen. Schließlich brauchen sie die Zimmer irgendwann für die nächsten Gäste.

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