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Aguilera, Carlos: Theorie der chinesischen Seele

ISBN:
978-3-86660-036-2
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Roman. Aus dem kubanischen Spanisch von Udo Kawasser

Kann man sich - ausgehend vom Sarkasmus, der Parodie, der Wahnvorstellung, der Karikatur - dem totalitären Geist annähern? Das und vieles mehr gelingt Aguilera in seinem ersten Prosaband, der bereits auf Spanisch, Kroatisch und Tschechisch erschienen ist. Es ist eine tragikomische Betrachtung, wie ein System, und zwar irgend¬ein System, unaufhörlich versucht, uns zu kontrollieren. Scheinbar nebenbei nimmt C. A. A. auf seiner fiktiven Reise durch China die westlichen Klischees in der Wahr¬nehmung des asiatischen Tigers aufs Korn. Eine köstliche Travestie der "gelben Gefahr"!

Aguilera, Sohn spanisch-chinesischer Eltern, wurde auf Kuba als "David de Poesia" und mit dem "Calendario de Poesia" ausgezeichnet, bevor auf Einladung des deutschen P.E.N. der Verfolgung entkam und emigrierte.

"... diese phantastische Reise durch China ist vor allem eine wunderbare Reise durch die totalitäre Geisteshaltung." (Idalia Morejón, Encuentro de la cultura cubana, Spanien)

 "Aguilera ist ein Liebhaber der Chinesen, ein Liebhaber der Chinesen, die nicht chinesisch sind. Seine Literatur, um sie auf irgendeine Art zu beschreiben, ist ein gesunder Kopfschmerz." (Lorenzo García Vega, The Miami Herald, USA)

Leseprobe:

In China sind die Landstraßen aus Schlamm. Der Schlamm ist rot und wenn er hart wird, sieht er aus wie eine flache Tonskulp­tur. Am Stadtrand von Peking gibt es eine Gegend, wo der Schlamm grau ist. Diesen Ort nennen sie „runde Emailvase“.

Die Landstraßen sind lang. Man könnte aber auch sagen steil, eng.

Es gibt zwei Fahrstreifen: Der linke für die Fußgänger mit einer unsichtbaren Trennlinie, die alle beachten. Der rechte für die lan­gen, in der Republik hergestellten Lastwagen. Wenn man mit dem Auto (zum Beispiel mit einem Oldsmobile, Jahrgang 1975) auf diesen Landstraßen fahren möchte, muß man eine Wo­che davor eine staatliche Bewilligung beantragen. Falls man das nicht tut, wird man angehalten, abgestraft und auf den Polizeiposten des Distrikts gebracht. Dort wird einem dann der Führerschein für einige Monate entzogen.

Die chinesischen Straßen sind sehr komplex. Es gibt Landstraßen und Bergstraßen. Die ersten drei Tage, nachdem wir Peking verlassen hatten, befanden wir uns auf Bergstraßen. Diese Straßen machen einem das Leben schwer. Nicht nur wegen ihrer anhaltenden Vertikalität, sondern auch wegen des Niesel­regens, des Nebels und weil sie sich unendlich ziehen.

Natürlich, für einen Chinesen ist alles viel einfacher. Michaux zufolge gibt es im Westen ein Sprichwort, das besagt: Nur ein Chinese kann eine Linie am Horizont zeichnen. Nachdem wir drei Tage auf der Peking-Stadtrand-Straße von Peking berg­auf gefahren waren, konnte ich nicht aufhören, dieses Sprichwort zu wiederholen.

Auf den Bergstraßen ist die Reise kürzer. Wenn wir drei Tage auf der Bergstraße gebraucht haben, um aus Peking hinauszukom­men, hätten wir auf den Landstraßen, die manchmal noch steiler und kurviger sind, fünf Tage gebraucht. Der einzige Unterschied besteht darin, daß die Landstraßen asphaltiert sind.

Eine Bergstraße führt zu zwei oder drei Landstraßen. Im Allgemeinen führt die eine weiter geradeaus auf der Suche nach irgendeinem Dorf oder Museum. Die andere führt zurück auf eine Ebene oder zu einem Mauerstück und eine weitere zweigt von der ersten ab und verliert sich in irgendeiner Richtung.

Laut Großmongol, dem vom Kulturministerium der Republik bereitgestellten Chauffeur, münden diese Straßen, die nach einem verlorenen Dörfchen im Nichts zu enden scheinen, wieder zurück in die Hauptverkehrsader des Tals und bilden auf diese Weise eine Schlange mit großen und kleinen Ringen, die sich über das ganze Land erstreckt.

Das große Problem der Bergstraßen ist der Schlamm. Wenn es regnet, wird der Weg unpassierbar. Wenn nicht, wird er wegen der Erde, die feiner ist als irgendeine Bodenprobe, die wir im Westen kennen, so rutschig, daß es sowohl für die Menschen als auch für die Autos unmöglich ist weiterzukommen.

An einem sehr sonnigen Tag sahen wir eine Kolonne von zehn ineinander verkeilten Lastwagen, die dahinschlitterten und nichts anderes tun konnten, als versuchen sich irgendwo anzuhalten.

Auf den Bergstraßen gibt es Steine. Nicht kleine Steine oder solche zum Ausruhen. Große Steine. Steine von der Größe eines Hauses, auf die ein Westler nur kletternd hinauf käme.

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