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Saaz, Johannes von: Der Ackermann und der Tod

ISBN:
978-3-86660-199-4
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Aus dem Frühneuhochdeutschen übertragen von Hubert Witt  

Mit Graphiken von Rolf Münzner

Eine »invectio contra fatum mortis inevitabile«, eine »Streitschrift gegen das unausweichliche Schicksal des Todes«, so nannte der Autor sein Büchlein vom »ackerman«. Hier ist der Konflikt des Werkes auf eine prägnante Formel gebracht. Ein Ackermann kämpft gegen den Tod; aber der ist unbesiegbar. Der Tod ist unbesiegbar; aber der Ackermann kämpft gegen ihn. Und der Tod weiß von Beginn: Unerhörtes geschieht, »nie gehörte Beschuldigungen fechten Uns an«. Im Namen aller lebendigen Kreatur bestreitet der Acker­mann das Existenzrecht des Todes. Das ist vergeblich, aber nicht sinnlos, wie Gottes Urteil ver­künden wird.

Beim "Ackermann aus Böhmen" handelt es sich um die Wiedergabe eines Streitgesprächs zwischen einem Mann, dessen Frau gerade gestorben ist und der sich selbst als Ackermann bezeichnet, und dem Tod, der von jenem Mann verklagt wird. In 32 Kapiteln geht die Argumentation zwischen Kläger und Angeklagtem hin und her. Am Ende, im 33. Kapitel, spricht Gott das Urteil, indem er den Menschen seiner Sterblichkeit gemahnt und den Tod daran erinnert, daß der seine Macht wiederum nur von Gott zu Lehen hat empfangen. Das letzte Kapitel umfaßt ein umfangreiches Fürbittgebet, mit dem der Text endet. Es ist umstritten, ob es sich bei dem Text um die Verarbeitung von selbst Erlebtem oder lediglich um eine Stilübung handelt.

Johannes von Saaz (1350-1414): [auch Johannes von Tepl] - benannt nach seinem möglichen Geburtsort in Nordböhmen - wurde wohl gegen 1350 geboren.  Nach dem Studium in Prag - vielleicht auch in Bologna, Padua oder Paris - war er etwa von 1373 an in Saaz als notarius civitatis und später auch als rector scholarium, als Leiter der örtlichen Lateinschule tätig. 1411 ging er als Protonotar nach Prag, wo er um 1414 gestorben ist. Er hinterließ fünf Kinder und seine Witwe Clara, die vermutlich seine zweite Frau war.

Veranlaßt durch den Tod seiner ersten - mutmaßlichen - Frau Margretha entstand "Der Ackermann aus Böhmen" um 1400. Das erste Exemplar schickte er 1402 mit einem lateinischen Begleitschreiben an seinen Jugendfreund, den jüdischen Gelehrten Petrus Rother. Daß dem «Ackerman» persönliches Erleben zugrunde liegt, gilt als unwahrscheinlich, da seine urkundlich belegte Ehefrau Clara - nicht Margaretha - ihn mit mehreren, 1415 bereits erwachsenen Kindern überlebt hat. Möglicherweise handelt es sich um eine fingierte Person oder um eine nicht bekannte Jugendliebe. Der Text ist in 16 Handschriften und 15 Frühdrucken überliefert, die älteste Handschrift stammt allerdings erst aus dem Jahre 1449. Daneben hat sich eine alttschechische Bearbeitung aus dem Jahre 1408 erhalten. Im Schlußkapitel des Textes findet sich ein Akrostichon mit den Initialen JOHANNES MA

Hubert Witt: geb. 1935, kam nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Jeber-Bergfrieden, heute Sachsen-Anhalt,   Germanistikstudium an der Universität Leipzig, u.a. bei Hans Mayer, ab 1959 Lektor beim Leipziger Reclam-Verlag, 1986-1993 Lehrtätigkeit am Literaturinstitut Johannes R. Becher, Mitglied des "Sächsischen Kultursenats" sowie Mitglied im Kuratorium des Deutschen Literaturfonds, verfasste zahlreiche Lyrikübersetzungen, vor allem aus dem Mittelhochdeutschen und dem Jiddischen, publizierte literaturwissenschaftliche Aufsätze und schrieb für den Rundfunk. Er leistet eine umfängliche editorische Arbeit und gehört dem PEN-Zentrum Deutschland an. 


Leseprobe:

Kapitel 1    DER ACKERMANN:

 

Grimmiger Austilger aller Leute,

schädlicher Feind und Verfolger aller Welt,

grausamer Mörder aller Menschen –

Ihr Tod, seid verflucht!

 

Gott, Euer Züchtiger, hasse Euch,

wucherndes Unheil wohne Euch bei,

Unglück hause gewaltsam bei Euch,

zuschanden seid auf immer!

 

Angst, Not und Jammer

verlasse Euch nicht, wo Ihr wandert,

Leid, Betrübnis und auch Kummer

begleite Euch allenthalben!

 

Schmerzlicher Widerstreit,

schändliche Aussicht,

schmähliche Bestrafung

bezwinge Euch gröblich an jeder Stätte!

 

Himmel, Erde, Sonne, Mond, Gestirne,

Meer, Fluss, Berg, Gefilde, Tal, Aue,

der Hölle Abgrund

und alles, was Leben und Dasein hat,

sei Euch feindlich, grolle und fluche Euch ewiglich!

 

 

In Bosheit versinkt,

in jämmerlichem Elend verschwindet

und bleibt in der unabwendbaren schwersten

Acht Gottes,

aller Leute und jeglicher Geschöpfe

aller künftigen Zeit!

 

Unverschämter Bösewicht,

Euer übles Andenken

leb und traure dahin ohn Ende.

G und Furcht scheide von Euch nicht,

wo Ihr wandert und wohnet.

 

Von mir und jedermann sei ständig

geschrien über Euch

streitbares Zetergeschrei mit gewundnen Händen!


Kapitel 2    DER TOD:

 

Hört, hört, hört, neue Wunder,

grausame, unerhörte Beschuldigungen fechten Uns an.

Von wem die kommen, das ist Uns äußerst fremd.

 

Doch Drohens, Fluchens, Zetergeschreis,

Händeringens und allerart  Anfeindung

sind Wir Elender bisher wohl genesen.

 

Dennoch, Sohn, sag, wer du bist,

tu kund, welch Leid dir von Uns widerfahren sei,

weshalb du so ungeziemend wider Uns handelst,

was wir bisher doch ungewohnt sind,

obschon Wir vielen künstereichen,

edlen, schönen, mächtigen und hoffärtigen Leuten

schmerzlich über den Rain gegrast haben,

wovon Witwen und Waisen, Landen und Leuten

Leid genug geschehen ist.

 

Du tust, als ob es dir ernst sei

und dich Not heftig zwinge.

Deine Klage ist ein Gedicht,

woran Wir merken, du wollest

um Tönens und Reimens willen

von deiner Meinung nicht weichen.

 

Bist du aber rasend, wütend, trunken

oder auf andere Art von Sinnen,

so zögre, halt ein und sei nicht vorschnell,

so widerlich zu fluchen.

Denn hüte dich,

dass du nicht belästigt werdest

durch späte Reue,

und wähne nicht,

dass du Unsre herrliche und gewaltige Macht

jemals schwächen kannst.

 

Dennoch sag deinen Namen und verschweig nicht,

in welcherlei Sache dir von Uns

mit so zwingender Gewalt begegnet ward.

 

Gerecht, das wolln wir dir werden,

gerecht ist Unser Zweck,

Wir wissen nicht, wessen

du Uns so freventlich bezichtigst.


Kapitel 3    DER ACKERMANN:

 

Ein Ackermann werd ich genannt,

von Vogelfedern ist mein Pflug,

ich wohne im Böhmerland.

Voll Hass, Feindschaft und Widerstreben

will ich Euch immer sein.

 

Denn Ihr habt mir

den zwölften Buchstaben, meiner Freuden Hort,

aus dem Alphabet gar grausam entrissen,

Ihr habt meiner Wonnen Licht, meine Sommerblume

mir aus meines Herzens Anger

jämmerlich ausgereutet.

Ihr habt mir meinen haftenden Balsam,

meine auserwählte Turteltaube

arglistig entzogen,

Ihr habt unwiederbringlichen Raub an mir getan.

 

Wägt es selber, ob ich nicht rechtens

zürne, wüte und klage. Durch Euch

bin ich freudenreichen Daseins beraubt,

täglicher guter Lebtage bestohlen

und aller wonnebringenden Freuden verlustig.

 

Froh und freudig

war ich vormals zu jeder Stunde.

Kurz und lieblich

war mir alleweil Tag und Nacht,

beide gleichermaßen

fröhlich und ausgelassen.

 

Ein jegliches Jahr

war mir ein gnadenreiches.

Nun wird zu mir gesprochen: Schab ab!

Bei trübem Trank, auf dürrem Ast,

betrübt, schwarz und zernichtet

harr ich und heule ohn Unterlass.

Und so treibt mich der Wind,

ich schwimm dahin durch wilde Meeresflut,

die Brecher haben überhand genommen,

mein Anker haftet nirgends.

 
Ihr Tod, seid verflucht!




 

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