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Große, Jürgen: Der gekränkte Mensch 3

ISBN:
978-3-86660-178-9
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Metaphysische Miniaturen,  DRITTER TEIL 3

Band 3 enthält die Teile:

Erniedrigung im Systemvergleich, Prozesse der Entwürdigung

Niemals haben Menschen ein heftigeres Bewusstsein von ihren Rechten und Ansprüchen besessen als heute, niemals fühlten sie sich darin aber auch stärker verletzbar. ‚Selbstbestimmung’ und ‚Selbstverwirklichung’ waren klassische bürgerliche Parolen, die den Menschen zu seinem eigenen Werk erheben und ihn zugleich gegen äußere Ver­letzung immun machen sollten. Doch diese Immunität scheint durch eine Selbst­vergegenständlichung des Menschen zum Rechts- und Anspruchssubjekt erkauft. Kränkt sich der Mensch der autonomen Vernunft und Moralität selbst, damit nichts anderes mehr ihn kränken kann?

In Band III der Metaphysischen Miniaturen geht es um die sozialen Bedingungen und Erscheinungsformen gekränkter Humanität. Hierzu werden  Erniedrigungserlebnisse in bürgerlichen und nichtbürgerlichen Gesellschaften systematisch miteinander verglichen. Den Abschluss bildet eine Interpretation der sogenannten Globalisierung als Entwürdigungsgeschehen.

Jürgen Große: geb. 1963, ist promovierter Historiker und habilitierter Philosoph, lebt in Berlin. 

Leseprobe:

Was vom Bürger übrig blieb 

Nichts beschäftigt die bürgerliche Mittelklasse heute stärker als ihr dro­hendes Verschwinden. Warum sollte das jedoch andere Schichten beküm­mern? Antwort der einschlägigen Spezialisten: Weil bürgerliche Tugenden, bürgerliche Werte, ja überhaupt die Existenz einer bürgerlichen Mittel­klasse unabdingbar seien für die ‚gesunde soziale Durchmischung’. Ent­schwän­den der Bürger und seine Art, so würde allerhand Unbill auch denen drohen, die es ihrerseits nie zur Bürgerlichkeit bringen könnten.

In solchem Wünschen und Hoffen wirkt das Verhältnis zur Bürger­lichkeit erstaunlich positiv, ja geradezu arglos. Selbst bei der intellektuellen Linken, der stets wachsamen und argwöhnischen, findet man dergleichen. Dort hält sich hartnäckig die Unterscheidung zwischen egoistischem Bourgeois und sozialverträglichem Citoyen, wobei letzterer den eigent­lichen, erstrebenswerten Sinn der Bürgerlichkeit verkörpern soll.

Die Frage ist, ob beide Bürgerseiten je getrennt waren und dereinst wieder zu trennen wären. Seit seiner historischen Premiere, im Europa der frühen Neuzeit, war der Bürger immer beides: menschheitsfromm und ich­gläubig, in Worten Universalist und im Herzen Provinzler, schwär­merisch ins Ideal verliebt und brachial im Tatsachenreich. Kurz, ein Wesen, dessen Spaltsinnigkeit ein Grundthema der bürgerlichen Reli­giosität bildet: „Was ist der Mensch? Halb Tier, halb Engel!“ Die seelisch unkom­fortable Lage des Bürgers entsprach seiner sozialen zwischen den Klassen. Der Adelsclique galten seine oft täppischen Imitationsversuche im Kulturellen, der Ar­beiter­schicht seine Furchtsamkeit im Sozialen. Von Anbeginn zwischen Aufstiegshoffnung und Absturzängsten gefangen, scheint der Bürger ein unglückseliges Mittelwesen, ewig im Übergang und in der Bredouille; ein Wollen und Streben mehr denn ein Fühlen und Sein. Überhaupt: Haben statt Sein, Streben statt Leben. „Was ist der dritte Stand?“ fragte 1789 die Pro­grammschrift zur Bürgerrevolution. Des Bürgers soziale wie seelische Undefiniertheit, ja Gestaltlosigkeit ist das Erkennungs­zeichen des Ehr­geizlings, desjenigen, der alles werden kann, weil er nichts ist. Im Inner­sten unsicher, musste der ganze Ehrgeiz des dritten Standes darauf zielen, diese Unsicherheit aus sich heraus- und ins starre Sozialgefüge Alteuropas hineinzutreiben, die ständischen Grenzen und Hierarchien aufzuheben, auf dass es nur noch eine Sorte Mensch gebe: den Bürger; daneben jene un­nenn­baren Wesen, denen es nicht gelang, Bürger zu werden, vorerst hilflos vierter Stand genannt, das ständige Gespenst der Bürgerlichkeit. Deren Daseinsgesetz lautet, dass man etwas aus sich machen, ein gemachter Mann sein müsse, denn der Bürger war stets überzeugt, dass alles Sein nur Machwerk sei. Statt der bunten Vielgestalt der ständischen, vorindu­striellen Welt nunmehr die Weltvereinfachung und -teilung in solche, denen es gelang, Bürger aus sich zu machen, und solche, die auf dem Wege dorthin sind. Moderne und Vormoderne. Westen und Noch-nicht-Westen. Das bürgerliche Mach-was-aus-dir gebietet, dass die ganze Welt an dem gleichen Defekt leide wie die westliche; der Mensch soll Bürger oder gar nicht sein.

Bürgerlichkeit oder Untergang, diese Losung sprießt aus einer mangels Eigengewicht heftig von Ambitionen und Ängsten bewegten Seele. Die ‚Mittelklasse’ ist keineswegs die glücklich-gelassene Bewohnerin eines Mittelreichs, sie ist ewiges Streben nach besserer Zukunft und Schaudern vor dürftiger Vergangenheit, mit einem Wort: sie ist völliger Mangel an erfüllter Gegenwart. Der Bürger stellt darum unter den Wesen dieser Erde das geisterhafteste, seelisch substanzärmste dar; ein Parvenü, der nie die historische Zeit hatte, gute Manieren des Daseins zu erlernen. Was wunder, dass ein solches Wesen seine Verstörtheit allen Völkern anzutragen strebt! Der Bürger nennt es freilich nicht Frustration, sondern Emanzipation, nicht Verkümmerung, sondern Globalisierung, was ihn treibt. Im Expansions­drang dieses Wesens, das nichts ist und deshalb glaubt, dass man alles Mögliche aus sich und der Erde machen könne, zeigt sich die ungesicherte, gespaltene Natur aus seinem historischen Ursprung: Die luftige Formel von Universalrechten und der harte Griff nach dem handfesten Vorteil, beides gehört zusammen. Selbstgenügsam und zugleich auftrumpfend, wie das Bourgeoismonstrum ist, muss vor ihm alle Sonderart und Widerrede verstummen. Zur bürgerlich korrumpierten Welt kann es keine Gegenwelt, keine ‚Alternative’ mehr geben. Was sich so nennt, ist aus der bürgerlichen Synthese herausgelöste und ins Extrem aufgeblasene Einseitigkeit: das ‚Nichts ist unmöglich’ und das ‚Nichts Neues unter der Erde’, die Anmaßung der Freiheitsmission und die Angst vor dem Armutsansturm, das ‚Wohl­stand für alle’ und das ‚Für alle reicht es nicht’, kurz: die links- und die rechtsbürgerlichen Phantastereien.

Die bürgerliche Mitte, der Normaltypus der bürgerlichen Existenz also, sieht anders aus. Typisch bürgerlich ist gerade die Synthese des Mittel­mäßigen und des Exzessiven, genauer: der Exzess der Mittel­mäßigkeit. Wie armselig es um die ‚Lebenswerte’ der bürgerlichen Mitte bestellt ist, macht schon ein flüchtiger Vergleich mit vorbürgerlichen Epochen als auch mit der nichtbürgerlichen Moderne deutlich. In beiden Fällen stand der Ein­zelne nicht unter dem Gesetz, etwas aus sich machen zu müssen, sich unter ein selbstgefertigtes Bild bringen – sich vorstellen, darstellen, her­stellen zu müssen, um überhaupt sein zu dürfen. In kulturellen Rest­be­zir­ken der Gegenwart wie in der historischen Erinnerung zeigt sich ein Menschentyp, der nicht unter der Zwangsidee vibrierte, seiner selbst ganz und gar Herr zu sein. Teile der Person gehör(t)en in den nicht­bürgerlichen Zivilisationen stets zu etwas anderem, oft Größerem, jeden­falls Über­mächtigem. Ein konkretes, fühlbares Gegenüber aus Natur, Religion, Staat, selbst ‚Gesell­schaft’ oder der Mehrheitsmeinung, das mit vielfältigen Kränkungen auf­wartete, gerade weil es tief in die Einzel­persönlichkeit griff. Sich gegen eine solche Majorität zu behaupten, konnte den Einzelnen zerbrechen, ihm aber auch zu einem eigentümlichen Stolz ver­helfen.

Dem Bürger, dem ganz unter seine eigene Herrschaft gebrachten Wesen, ist dieser Stolz unverständlich geworden. Freilich mag er etwas davon argwöh­nen, wenn er aller Welt sein Glück – ein Selbstbewusstsein aus Wohlstand und Wachstum – unwiderstehlich zu machen sucht. Der Bürger will den Menschen als ein Wesen von unkränkbarer Souveränität, ein Wesen aus natürlichen Rechten und universellen Bedürfnissen. Dann wäre alle Welt wie er selbst: Nicht mehr zu beugen durch äußere Mächte, geschützt vor aller Erfahrung des Lebens und seiner Schicksale, weil dauerhaft gebeugt unter ein selbstgemachtes Bild, das bürgerliche Bild vom Menschen als Rechts- und Anspruchswesen. Die bürgerliche Schrumpfung des Menschen zur Ich-AG der Selbstverwirklichung – das ist die Utopie eines Wesens ohne eigene Wirklichkeit. Um Wirklichkeit zu gewinnen, muss es in äußerstem Abstand zu sich selbst existieren: Der bürgerliche Mensch verbietet sich alles spontane Gefühl, aber nur, um es im Bewusst­sein seiner unveräußerlichen Rechte bei deren Verletzung jederzeit ab­rufen zu können. Dies dann mit einer wahren Leidenschaft der Em­pörung.

Abrufbare Gefühle? Automatismen der Erregung? Gewiss, aber vor allem Strukturzwänge! Der Mensch, der als Bürger und nichts sonst existieren soll, ist der Mensch, der auf sich hinweisen, der sich vollständig darstellen muss. Das Selbstverständliche in einer bürgerlich zugerichteten Welt sind die von Geburt garantierten Rechte des Menschen über sich selbst, also abstrakte Möglichkeiten; das Sensationelle ist die zu erschaffende Indivi­dua­lität, die heftiges Geräusch von sich machen muss, um sich und andere ihrer Wirklichkeit zu versichern. (In den nichtbürgerlichen Kultu­ren besaß man über sie ein so dauerhaftes wie stilles Wissen.) Schrille Stimme, flehender Blick: Wie jedes künstlich gefertigte Wesen, das seinen Wert aus einer einzig ihm selbst möglichen Leistung erlangt haben soll, ist auch das bürgerliche über seinen Eigenwert zutiefst im Zweifel. Es ist wahr, nichts Äußeres kann es mehr kränken, es ist ein souveränes, unkränkbares Ganzes. Um aber sozial existieren zu können, muss dieses so selbstbewusste Wesen allerhand Worte von sich machen, muss sich als souveränes Ganzes zeigen können. Hat sich aber der Mensch jemals tiefer erniedrigt, als wo er sich als Ganzes – im vollen Ornat seiner ‚Rechte’ und ‚Bedürfnisse’ – zeigen sollte als ein Wesen, dem Welt und Leben nichts verweigern dürfen?

Der Bürger hat vom ersten Tag seiner geschichtlichen Existenz an gern ‚vom Menschen’ gesprochen, vom ‚Menschen an sich’, seiner Natur und seinen Rechten. Und tatsächlich: sollte es dem Bürger gelungen sein, an keine andere Daseinsform mehr glauben zu lassen als an die bürgerliche, so wäre auch die wundersame Dialektik erklärt, durch die der Bürger als Klasse verschwindet und zugleich als Menschentyp die Erde verdunkelt. Gerade weil der Bürger, durch ständige Ablösung aus natürlicher und kultureller ‚Fremdbestimmtheit’, an sich selbst nichts Greifbares ist, kann er geisterhaft alle Völker und Klassen heimsuchen. Er ist das einzige Geschöpf, dessen Wesen nicht an seine konkrete Existenz gebunden ist. Der Bürger mag verschwinden, seine Art und Unart dauern ewig. So wird aus der sozialen eine seelische Charaktermaske.

Kaum etwas spricht deutlicher hiervon als die gekränkten Gesichter, die einem in den Städten und Landschaften des Westens begegnen: Eine Menschheit aus Anspruchsberechtigten und Anrechtsbewussten, der durch Systeme der Bedürfniserfüllung von klein auf eingepaukt wurde, was man vom Dasein zu verlangen habe. Alle Realität der Erfüllung kann da nur un­end­lich weit zurückbleiben hinter dem, was man als ständige Möglich­keit in sich weiß, seit man sprechen lernte. Ist doch Sprache selbst nurmehr dies: seine Bedürfnisse artikulieren, seine Rechte präsentieren können. Das idealistische Idiom (es gibt universelle Rechte) und das naturalistische (es gibt angeborene Bedürfnisse) ersparen die Erfahrung des Lebens und seiner Kränkbarkeit. Der bürgerlich gemachte Mensch fühlt sich merkwürdig betrogen und weiß doch nicht wodurch. Seine Ver­stört­heit wird zur Dauergrimasse; die beleidigten Mienen, die ver­kniffenen Münder tragen es einem auf allen Straßen entgegen …






 

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