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Kalinke, Viktor: Asche

ISBN:
3-934015-27-1
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Die Antworten des Tronje Wagenbrant - Roman. Mit Zeichnungen von Marion Quitz

In diesem Schelmenroman schildert Viktor Kalinke das Leben eines Soldaten in der NVA - doch die Geschichte greift darüber hinaus. Es ist ein philosophischer Roman, in dem die Sinnlosigkeit jeder kriegspielenden Armee dargestellt wird: hier geht es, weit gefaßt, um den Traum von einer besseren Menschheit.

"Wir erkennen das Taumeln des Einzelnen inmitten der uniformierten Massenbewegung, und die Geschichte hat plötzlich ein Gesicht." (Holger Oertel, Dresdner Neueste Nachrichten)

"Der Autor schildert in seinem Roman, einer Montage aus fiktiven Tonbandprotokollen, den Weg eines jungen Mannes, der im Versuch, den Armeealltag zu durchbrechen, wahnsinnig wird. Der Held landet in der Psychiatrie, der Bericht wird zur Groteske." (Volker Sielaff)

Viktor Kalinke: geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Mitbegründer der Edition + Galerie Erata, lebt in Leipzig.


Leseprobe:

Erste Verkörperung des Ichleibs

Mir war, als könnte ich durch eine Taucherbrille meinen Or­ga­nis­­mus sehen. In durch­sichtigen Röhren floß Blut vor einem dunklen Hinter­grund, ich näherte mich, mit ruhigen Zügen schwim­mend, dem Herz; wie ein Sog riß es mich Schlag für Schlag, ohne daß ich noch mit den Armen nachhalf, näher, zog mich durch einen Kanal in die Vorhöfe; ich wirbelte schrei­end he­rum: laß mich alle Gefühle durch­leben, Herz, du beköstigst das Ge­hirn, gib mir von deiner Nah­rung ab, trom­m­le, daß ich in die­nem Rhythmus schwinge, kein an­de­rer mir be­fiehlt als der, den ich, in mich lauschend, erfahre. Wei­ter spülte mich der pul­sie­ren­de Schlag, eine in­ner­or­­ganische See­fahrt begann. Meine Augen gewöhnten sich an die Dunkel­heit, in der orange­farben das Blut pul­sier­te; mich wunderte die Regel­mä­ßig­­­keit, mit wel­cher das Herz, die­ses Pumpspeicher­werk funk­tio­nier­te.

Der Schmerz zwischen Schädel und Hals, wo sich die Beule ein­ge­nistet hat­te, ließ nach, schwach nur brannte er noch. Das Blut ström­te re­gelmäßig auf­wal­lend und flößte mich weiter; To­sen, das vom Schnur­ren und Gluckern der Ka­pil­laren herrührte, be­täubte mein Ge­­­hör. Vor den Augen flimmerte es rötlich wie Glut in einem Ofen und allmählich, wurde mir der rünstige, einem Gesunden Übel­keit er­­re­gende Anblick ver­traut. Ich folgte einem Faden, der glatt und ohne Hin­­­der­nisse seinen ver­schlun­ge­­­nen Weg durch mei­nen Kör­­per nahm, der jetzt die Außenwelt, mein Kosmos geworden war. Ohne zu trop­­fen, leiteten die Adern das Blut – die Welt war ein ein­ziger, ein ein­zigar­tiger Orga­nis­mus. Mit Ab­scheu erinnerte mich das Wort Pump­­spei­cherwerk, daß ich ihn mir als Me­chanik vor­stell­te. Die Ka­pil­la­ren, abzwei­­gend in ein chaotisches Netz, ver­wirr­ten mich; mei­ne Ge­­wohn­heit, die eigene Situation nicht be­grei­fend, un­entwegt nach ei­ner For­­mel zu suchen, ver­lock­ten meinen auf die Beu­le ge­schrumpf­ten Geist zur Erkenntnis: Innen und Außen waren ver­­schmol­zen, Ein­­bildungen er­langten sinnliche Stärke wie Wirk­liches und von dem, was ich zuvor groß­artig „Welt“ nann­te, war wenig üb­rig ge­blieben, ein paar Adern, ein paar Liter warmes, kle­briges Blut, eine lang­wie­lige Welt. Sie gab mir keine Auf­schlüsse, wo ich war, an wel­cher Stel­le mein „Ich“ saß, das mir wie eine geheim­nis­vol­le Höhle er­schien.

  

Abschied vom Ursprünglichen

Es war ein trüber Novembertag, der erste. Durch den breit­krem­pi­gen Le­derhut, den ich trug, fiel ich unter den künf­tigen Sol­da­ten auf, die den Sonderzug er­war­te­ten. Kreischend brem­ste der Zug, schon nach kurzer Zeit riß uns der Pfiff einer dicken Schaff­ne­rin von Mut­ter, Va­ter oder Freundin. Ich lüftete zum Ab­schied ein we­nig den Hut, so daß mein Igel zum Vor­schein kam, unter dem weiß­lich, von grünen Adern zer­­­schnitten wie ein flacher Sumpf von Bächen, die Kopfhaut durch­schim­merte. Mein Blick rich­tete sich auf ein kräfti­ges, dennoch schlan­­kes Mädchen mit schul­terlangen, dunkel­blonden Haaren, Mo­ni­que, die lässig an einem der Pfeiler lehnte, die das Bahnhofs­dach stütz­ten. Ich wink­te ihr mit dem Hut, sie lächelte kurz, als sie mei­nen Kopf sah. Ge­stern noch hatte ich Haare, so lang wie ihre, viel­leicht län­ger – die neue Zeit brach an.

Meine Freundin Elke hatte ich ebenfalls zum Abschied be­stellt. Sie hockte wie ein Häufchen Unglück im Wartesaal, zer­fres­sen von Sor­gen, ob ich heil die Armee überstehen würde. Ich grin­ste sie an, sie er­kannte mich nicht. Dabei hatte ich sie erst vor­gestern ein­geweiht, daß ich einige Zeit aus dem Leben ver­schwinde. Lang­sam lief ich an ihr vorbei und blickte ihr ins Ge­sicht. Sie sah verheult aus. Im Vor­bei­­gehen stieß ich Mo­nique an, die gelangweilt fauchte. Ich gab ihr ei­nen Kuß, den sie in die Län­ge dehnte. Dann pfiff die Schaff­­nerin ein zwei­­tes Mal. Ich ent­fern­te Monique von meinem Mund, sagte „Tschüß“, winkte im Um­drehen Elke zu, die mich er­kannte, und stieg mit zwei bösen Blic­ken im Nacken und einem teils stolzen, teils un­be­hag­lichen Ge­fühl in den Zug, fand keinen Platz mehr, setz­te mich zwi­schen den scheppernden Waggons auf meinen Rucksack.

Noch ein Pfiff, Türenknallen, ein Ruck. Ich sah kurz Elke, die Mo­nique an­starrte, welche bereits wieder gelangweilt am Pfeiler lehn­te, und lächelte über mein Pen­del­spiel in den letzten Wo­chen, mein Jonglieren mit Elke und Monique, von dem ich end­lich befreit war. Wehmut ergriff mich, dann Wut über diese Be­freiung: Wieso hatte ich die Bälle von mir aus weggeworfen? Mo­nique, dachte ich, be­merkt das Ausmaß an Verletzung nicht, das ich ihr zugefügt habe – aber Elke wird es schwer verkraften.

So fuhr ich zur Asche. Ein wütender Schrei, Füßeschurren, Röl­p­sen drangen aus dem Ab­teil, ich fühlte mich er­leichtert. Es war die Spra­che, an die ich mich ge­wöhnen müßte, glaubte ich, schloß die Au­gen, drückte meinen Rücken an eine hell­grüne Spre­la­cart­wand. Ein dick­licher Junge mit kurzen strähnigen Haaren, Andreas, sah mich, stellte seinen Kof­fer ins Gepäcknetz und bot mir den frei­en Platz an. Als ich den Hut absetzte, be­merkte ich, daß sich An­dreas fürchtete. Des­halb vielleicht be­gann er kein Ge­spräch. Ich wühlte aus meinem Ruck­sack einen Ge­­dichtband hervor und tat etwas Son­der­­bares: Ich las da­rin, strich mir Zeilen an oder mar­kier­te sie mit Bunt­stiften. Um sie spä­­ter wiederzufinden, sagte ich zu An­dreas. In Wirk­lich­keit bil­de­te ich mir ein, mich so tiefer mit den Texten zu be­schäf­tigen. Ir­gend­wann ver­schwammen die Zei­chen in der Buch­sta­ben­sup­pe. Ich war nicht mehr fähig zu lesen. Ein Fet­tauge glotzte mich an. Immer wieder stie­ßen die Verse in mir auf.

Der Zug zur Kaserne bummelte anfangs, nach und nach stei­gerte er sein Tempo und hielt es durch bis zum Ende. Als würde er einem Ziel folgen, das ihn anzieht und sich zugleich von ihm ent­fernt. Nie­mand stieg aus, es war ein Sonderzug. Ohne viel zu se­hen, stierte ich aus dem Fenster. Die Landschaften glitten vor­bei und standen still, dreckige Bahnhöfe mit verblaßten roten Trans­­pa­ren­ten wech­selten ein­an­der ab. Die meisten Bäume wa­ren kahl, graugrün lag das Land aus­gestreckt wie ein hin­ge­wor­fener Filzmantel. Die Sonne stand als grell­gelbe Scheibe hinterm Dunst, welcher den Himmel wie eine Zu­cker­glasur über­zog. Manch­mal brach sich mein Blick in der Glastür, die so ver­schmutzt war, daß sie mich spie­gelte. In der obe­ren Hälf­te der Tür klebte ein Poster, auf dem ein Liebespaar darge­stellt war, das sich unter einem Regenschirm umarmte. In den Pfüt­zen schil­ler­ten Jugend­stilfassaden. „Besuchen Sie Prag!“ stand darun­ter.

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