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Bernhof, Reinhard: Fluchtkind

ISBN:
3-86660-003-8
Bearbeitung:
ca. 1-2 Tage ca. 1-2 Tage
16,95 EUR
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Roman in Folgen

In "Fluchtkind" setzt Bernhof seine unter dem Titel "Die Ameisenstraße" (1987) veröffentlichten Erzählungen fort. Auch seine neuen Ge- schichten sind dem Motto Antoine de Saint-Exupérys verpflichtet: "Woher stamme ich? Ich stamme aus meiner Kindheit wie aus einem Land."

"Bernhof erzählt warmherzig, klug, zärtlich, behutsam: Krieg in der Erinnerung eines Kindes." (Dr. Rabes Geheimtip, DIE ZEIT)

"Kinder werten nicht politisch, so bleibt Bernhof mit großer Authentizität gänzlich in der Sicht der Heranwachsenden. Als Gründungsmitglied des Neuen Forum in Leipzig revanchistischer Absichten unverdächtig, hat Bernhof ein kleines, aber gut lesbares Buch vorgelegt, das den Nerv einer Generation trifft, die sich noch immer schmerzlich erinnert." (Thomas Klatt, Lausitzer Rundschau)


Reinhard Bernhof: geb. 1940 in Breslau, Studium am Literatur-Institut „Johannes R. Becher“ in Leipzig, 1988/89 Herausgeber der illegalen Zeitschrift Umfeldblätter (Leipzig) zusammen mit Sylvia Kabus, 1989 Mitbegründer des Neuen Forums in Leipzig, Stipendiat des Deutschen Literaturfonds Darmstadt, Lehrtätigkeit am Grinnell-College in Iowa (USA), zwischendurch in der Wirtschaft und im Literaturbüro Leipzig e. V. tätig, lebt in Leipzig

Leseprobe:

Der Verdunkelungspolizist

Ich sah, wie meine Mutter in wütender Hast Stoff oder dickes, schwarzes Papier gegen das Fenster drückte, dicht, noch dichter, bevor sie die Jalousie herunterzog. Nirgends darf von draußen ein Lichtspalt zu sehen sein, sobald die Sonne untergegangen ist, sagte meine Mutter. Sonst könnte es die Piloten in den Flugzeugen, die ja schon des öfteren über unsere Häuser geflogen sind, veranlassen, ihre Bomben auszuklinken.
Manchmal ging ich abends noch hinaus, um mich zu überzeugen, ob auch wirklich alle Fenster verdunkelt waren. Entdeckte ich eins, das nicht ganz abgedichtet war, klingelte ich bei den Leuten und machte sie auf die Gefahr, in der sie sich befanden, aufmerksam. Sogleich beeilten sie sich, ihre Fenster noch einmal zu untersuchen. Einige kannten mich und sagten: Ah, unser Verdunkelungspolizist. Als ich nach Hause kam, durfte das Licht der Diele nicht angeschaltet werden, weil sich innen vor der Tür kein Vorhang befand. Deshalb tastete ich mich schon seit Monaten im Dunkeln durch die Diele und die Treppen hinauf und hinunter. Eine gute Übung, sagte meine Oma, die parterre wohnte. Das Land verwandelt sich langsam in ein Königreich der Blinden.

Draußen löschte die Finsternis, wenn nicht Mond und Sterne schienen, jedes Lebenszeichen von Stadt und Land aus.

Wie viele Millionen Hände es wohl sind, die täglich ihre Häuser verdunkeln? fragte einmal meine Mutter.
Mir kamen die Fenster im Haus wie Sarglöcher vor. Ja, wie Sarglöcher, unterstrich meine Oma, wenn sie immer von neuem zusammen mit meiner Mutter das begräbnishafte Umfrieden der Fenster anging.
Einmal hatte ich mir einen Stock genommen, um besser den Weg ertasten zu können. Zwischendurch blieb ich stehen und versuchte, die Dunkelheit zu durchdringen, blickte nach vorn und zurück, konnte aber nicht das kleinste Lichtzeichen entdecken. Die Häuser ringsum blieben gespenstisch und stumm, sie schwiegen und warteten. Einmal erschrak ich über einen roten Punkt in einem Hauseingang, wie er aufglühte und dann langsam herabsank. Gott sei Dank, nur ein Zigarettenraucher, dachte ich.

Es gab auch Leute, die auf der anderen Straßenseite leise und wie auf Filzsohlen nach Hause huschten, als ob ihre unverhüllt lauten Schritte den Feind auf den Gedanken bringen könnten, daß eine Ortschaft in der Nähe war. Darüber wunderte ich mich, und ich trat unversehens ebenso leise auf wie sie und fragte mich, ob meine Schritte auch aufwärtsdringen und einem in der Luft lauernden Flugzeug etwas verraten könnten.

Auf einmal fuhr ein Auto vorbei, das sich mühsam einen Weg suchte; ein winziger Schein aus einer der Vorderlampen gab seiner Fahrt eine gewisse, unzureichende Sicherung. Seine Lampen im Inneren waren verhüllt, die Fensterscheiben purpurblau angestrichen; wie ein dicker unheimlicher Schatten bewegte es sich.
Noch ist keine Kanone zu hören, keine Flak, dachte ich. Noch waren keine Suchscheinwerfer am Himmel, keine feindlichen Geräusche mit durchdringendem Gebrumm zu hören; zuweilen stiegen nur lustige rote oder grüne Kugeln auf, die wie Sylvesterraketen bald wieder erloschen.

Einmal reckten sich über der Gegend drei blaue Scheinwerfersäulen auf und kreuzten sich. Ich war wie hypnotisiert und schaute hoch. Die Strahlen lösten sich voneinander und tasteten den Himmel ab, ohne in ihren Schnittpunkten ein Flugzeug festzuschweißen. Nichts war zu sehen, zu hören. Ich lief noch lange durch den Abend, suchend, ob noch irgendwo ein Lichtspalt festzustellen war. Aber ich konnte nirgends einen entdecken. Plötzlich war mir, als hätte ich noch nie Sterne gesehen, silbern, kalt kamen sie mir vor. Ich suchte den großen Wagen, weil mir meine Oma prophezeit hatte, ich würde bald mit ihm, davor vier Pferdchen, oder auf einem offenen Wehrmachtslaster Schlesien verlassen. Da erblickte ich den großen Wagen, er hing gerade über dem höchsten Geäst eines Baumes. Steil aufwärts stand die Deichsel. Himmelhoch fuhr der Sternenwagen in die Wolkenferne.

Als ich wieder vor unserem Haus stand, schaute ich noch lange auf das Küchenfenster und entdeckte doch noch ein winziges Lichtpünktchen. Da wußte ich, daß ich das Küchenfenster am nächsten Tag noch einmal untersuchen und die durchlässige Stelle mit einem Brei aus schwarzem Papier endgültig auslöschen würde.

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