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Djokic, Ana: Rezepte fürs Glück

ISBN:
978-3-86660-153-6
Bearbeitung:
ca. 1-2 Tage ca. 1-2 Tage
19,95 EUR
-> in Deutschland kostenfreier Versand

Roman. Aus dem Serbokroatischen von Anke Ludewig

Vier Frauen, die in Belgrad zusammen zur Schule gegangen sind, erzählen ihr Leben: Eine ist nach Zagreb gegangen, hat dort ihren Mann verlassen und kehrt in ihre Heimatstadt zurück. Die zweite arbeitet als Veterinärin auf einer Rinderfarm. Die dritte ist eine ambitionierte, aber erfolglose Fotografin. Und die vierte ist eine erfolgreiche TV-Moderatorin. Wenige Tage vor der NATO-Bombardierung treffen sich die vier Freundinnen in Belgrad und stellen ernüchtert fest, wo sie im Leben stehen. Ana Djokic zeigt, daß man über große Themen unterhaltsam schreiben kann. Besonders meisterhaft sind die Dialoge im Slang. Djokic schreibt freimütig über Sexualität, ohne die anderen Aspekte der Körperlichkeit auszusparen. Ihre Protagonistinnen, die keine Heldinnen spielen, sind mutig. Sie stellen sich selbst in Frage und kämpfen sich durch den Alltag.

Ana Djokić: geb. 1965 in Belgrad, Studium der Philosophie, lebt in Zagreb. Sie schreibt Romane, Kinder- und Jugendbücher, Hörspiele, Theaterkritiken und Drehbücher. Sie ist Mitorganisatorin von literarischen Festivals, u.a. des jährlichen Kinderbuchfestivals Vorsicht, Buch in Zagreb. Sie ist Preisträgerin von zahlreichen Auszeichnungen und Stipendiatin des Literaturprojekts Traduki.

Anke Ludewig: geb. 1965, verbrachte zehn Jahre in den siebziger und achtziger Jahren als Tochter eines Diplomaten in Belgrad, lebt in Berlin, übersetzt aus dem Serbokroatischen.

"Zum ersten Mal wird in Kroatien über den Standpunkt von bürgerlichen Familien zum Krieg und zum Zerfall Jugoslawiens gesprochen." Vijenac - Literarisches Blatt für Kunst, Kultur und Wissenschaft der Matica hrvatska

Leseprobe:

SANDRA

REZEPTE FÜRS GLÜCK

– Und Sie sind die aus dem Fernsehen?

Der Taxifahrer dreht sich nach ihr um. Sie lächelt ihn mit ihrem Guten Abend, verehrte Zuschauer-Lächeln an und sagt:

– Genau.

– Meine Frau und ich schauen Rezepte fürs Glück. Ausgezeichnete Sendung. Wir können Sie nur leider nie ans Telefon bekommen. Wir rufen an, rufen an, aber immer ist besetzt.

– Sie können uns auch nicht bekommen. Die Sendung wird vorher aufgezeichnet.

Sie möchte ihm erklären, dass das, was er sieht, eine Aufzeichnung ist, und dass live ausschließlich die Anrufe für die Fragebögen angenommen werden. Und an den Fragebögen arbeitet schon seit drei Monaten ausschließlich Goca, die nicht gleichzeitig Anrufe an allen drei Telefonleitungen annehmen kann. All das wollte sie ihm sagen, aber der Taxifahrer unterbricht sie.

– Aber früher war das nicht so. Die Sendung ist immer genau um neun – versichert er ihr.

Sie seufzt und sagt:

– Natürlich, rufen Sie nur an – und dreht den Kopf zum Fenster.

Während sie in dem ramponierten Jugo zur Beogradjanka fährt, verflucht sie sich selbst, dass sie dieses Mal das erste Taxi auf der Straße angehalten hat. Das ganze Auto wackelt. Ein Glück, dass sie nicht frühstückt, ansonsten würde sie gleich auf die Frontscheibe kotzen. Beim nächsten Mal wird sie, bevor sie die Hand hebt, besser aufpassen, welches Taxi da auf sie zukommt.

– Und was sagen Sie zu all dem, was uns so passiert?

– Ahh – seufzt sie neutral.

Sie hat gelernt, vorsichtig zu sein. Heutzutage weiß man nicht mehr, mit welchen Leuten man es zu tun hat. Übrigens, Boba würde sagen, am klügsten sind die Leute, wenn sie schweigen. Er schweigt auch schon länger. Er hat sich schon drei Tage nicht bei ihr gemeldet. Vielleicht ist er krank?

– Sehen Sie diese Amerikaner? Das ist doch eine Frechheit, was sie sich alles erlauben. Wenn wir mit den Albanern so umgegangen wären wie sie mit ihren Indianern, dann hätten wir jetzt nicht solche Probleme…

– Ahh – sie bleibt bei ihren neutralen Antworten, vertieft in den Anblick eines Trolleybusses, der gerade an ihnen vorbei fährt. Der Taxifahrer tritt das Gaspedal bis zum Bodenblech durch, und sie wartet nur darauf, dass das Auto ausein­anderfällt. Eines Tages wird alles um sie herum auseinanderfallen, aber auch dann wird sie mit ihrem falschen Lächeln die verehrten Zuschauer begrüßen und noch mal Rezepte fürs Glück ansagen. Heute wird es im Schnitt zäh werden. Die gestrigen Gäste waren bei der Aufnahme ausufernd. Ivan hat ihr die ganze Zeit hinter der Kamera gewunken und Zeichen gegeben, dass sie sie unterbrechen soll, aber sie hatte dafür einfach keine Kraft. Sie schwieg, lächelte und nickte der bekannten Opernsängerin und dem noch bekannteren Psychologen zu, die sich endlos darüber ausließen, ob ein Einzelner glücklich sein kann in einem Land, in dem ein ganzes Volk unglücklich ist. Sie hat sich nicht besonders über die ausufernde Polemik erregt. Sie wusste, dass sie die Hälfte dessen, was sie mit dieser großen Bedeutsamkeit vor der Kamera ausbreiteten, nachher im Schnitt einfach rausschneiden würden.

– Niemals würde ich nach Amerika gehen! – konstatiert der Taxifahrer.

Sie auch nicht. Es reicht, dass Mama, Papa und Ana in Los Angeles sind.

– Dort gibt es nur Drogenabhängige und Kriminelle.

Und Bekloppte, die sich teuer verkaufen, fügt sie für sich hinzu.

– Das ist ein total verrücktes Volk.

Hämisch bestätigt sie das, ihre Schwester vor Augen. Jedes Mal, wenn sie aus Amerika kommen, zeigen ihr die Eltern stundenlang mit höchstem Entzücken die Fotos ihrer Schwester. Ana und George vor ihrem Haus in Beverly Hills, Ana im Bikini am Strand, Ana auf der Cocktailparty bei der nächsten Nachbarin Samantha Broker, der bekannten konservativen Politikerin. Ana und George Arm in Arm vor den Niagara-Fällen, Ana auf Rollschuhen auf dem Sunset Boulevard, während zwei Schwarze auf ihren Hintern in den Shorts glotzen, Ana und Mama vor dem Cartier-Schaufenster, George und Papa spielen Schach im Garten, während Ana ihnen zusieht, Ana kocht Krebse auf Bali, Ana stellt am Thanksgiving gebackenen Truthahn auf den Tisch, Ana hier, Ana da… Ständig ist von Ana die Rede. Sie wird wahnsinnig bei jedem Foto. Sie bekommt einen richtigen kleinen Nervenzusammenbruch. So sonnenstudiogebräunt, ohne jedes kleine Fältchen, immer lächelnd, mit fantastischen weißen Zähnen und langem blonden Haar, Ana sieht vollkommen aus. Wenn sie nicht wüsste, dass hier die Rede von ihrer älteren Schwester ist, sie würde sie nicht älter als 25 Jahre schätzen. Sie könnte wetten, dass nicht mal Anas Mann George genau weiß, wie alt sein Frauchen wirklich ist. Von wegen, sie ist nicht geliftet. Natürlich nicht, Unsinn! So als ob sie blind wäre und nicht sehen würde, dass die Brüste geliftet und die Lippen aufgespritzt sind und wer weiß was noch. Am meisten begeistert sie, wenn die eigenen Eltern versuchen, sie davon zu überzeugen, dass Ana schon immer blond war. Denken sie etwa, dass sie blöd ist? Dass sie nicht in der gleichen Wohnung mit der fünf Jahre älteren Schwester aufgewachsen ist? Dass sie Anas dunkle Haare vergessen hat, die sie jeden Morgen im Waschbecken und in der Badewanne hinterließ? Dass sie sich nicht an die stinkenden Strümpfe und die dreckigen Schlüpfer erinnert, die sie im ganzen Zimmer verteilte und an ihr ständiges Meckern, dass sie immer Sandra alles durchgehen ließen. Ist sie die Einzige, die sich an all das erinnert? Oder hat sich die Vergangenheit in der Zwischenzeit verändert? Vielleicht wurde diese Zeit mit einem Zauberstab weggewischt, und jetzt ist sie diejenige, die immer schlechtgelaunt und alt war, und ihre ältere Schwester ist der Familienliebling geworden? Du hast dich, Sandralein, gehen lassen, das ist das Erste, was ihr ihre liebe Mutter sagt, wenn die Märchen über Ana beendet sind. Du müsstest dir die Haare schneiden und Strähnchen machen lassen, sagt sie und schaut sie mitleidig an. Man sieht schon die ersten grauen Haare. Und die Wangen hängen runter. Du müsstest Übungen machen fürs Gesicht. Ana macht das jeden Tag. Und sie geht inlineskaten. Das wirkt sich wohltuend auf Körper und Seele aus. Warum skatest du nicht? Wo sollte sie laufen? Auf dem Slavija-Platz 3) vielleicht?! Vor einem Jahr, als sie zuletzt in Belgrad waren und ihr damit auf die Nerven gingen, wie schlecht sie aussähe, hatte sie ihnen geantwortet, dass sie bestimmt nicht schlechter aussehen würde als Ana, wenn sie nur die Hälfte der plastischen Operationen gemacht hätte wie Ana. Sofort riefen sie: Das ist nicht wahr. Ana ist zu keinem einzigen Lifting gewesen. Sie hat einfach jugendliche Gene! Jugendliche Gene?! Warum sieht sie dann nicht aus, als ob sie zwanzig ist?! Weil du, liebe Sandra, Papas Gene hast. Und in seiner Familie sehen alle Frauen über dreißig wie alte Tanten aus. Zu dieser Erklärung nickte ihr Vater nur mit dem Kopf, während ihre Mutter fortfuhr: dein Glück ist es, Sandra, dass du professionell geschminkt wirst, damit man wenigstens im Fernsehen deine Falten und Augenringe nicht sieht. Sie vergöttert ihre Mutter für diese Komplimente. Einfach göttlich! Wenn sie wenigstens wüsste, wann es genug ist, nein, sie erzählt weiter davon, wie Catherine Deneuve mal gesagt hat, dass jede Frau schon mit fünfzehn anfangen sollte, sich zu pflegen, dann wird sie mit vierzig so aussehen, als wäre sie zwanzig.   Aber du, Sandralein, achtest überhaupt nicht auf dich. Ana schickt dir jedes Mal teure Kosmetik, und du machst sie nicht mal auf. Die Wahrheit ist, dass Ana ihr immer mit den Eltern einen Haufen Deos und irgendwelchen Blödsinn schickt, den sie preisgesenkt irgendwo abstaubt. Letztes Mal hat sie von ihr drei große Tuben Anticellulite-Creme bekommen, bei denen das Haltbarkeitsdatum schon zwei Jahre abgelaufen war. Vor zwei ganzen Jahren! Was denkt sich Ana nur, dass sie ein Abfalleimer ist? Dass sie in Trance fallen muss vor Glück, wenn ihr das liebe Schwesterchen amerikanischen Mist schickt, dessen Haltbarkeitsdauer längst abgelaufen ist? Rücksichtsloses Miststück! Soll sie ihren eigenen Hintern mit der Anticellulite-Creme einschmieren. Außerdem, es war schon immer Anas Hintern, der die Breite eines dreitürigen Kleiderschrankes hatte, und den sie allen stolz zeigte. Auf den standen alle Männer. Auf ihren Hintern von ganz durchschnittlicher Größe hat nie jemand geachtet, außer Goran.

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