Ihr Warenkorb
keine Produkte
[<<Erster] [<zurück] [weiter>] [Letzter>>] 245 Artikel in dieser Kategorie

Jankowski, Martin: sekundenbuch

ISBN:
978-3-86660-144-4
Bearbeitung:
ca. 1-2 Tage ca. 1-2 Tage
16,95 EUR
-> in Deutschland kostenfreier Versand

lieder und gesänge

Festeinband, Fadenheftung, Lesebändchen, im eleganten Hochformat

Wer Lyra spielt, enthebt sich des Alltags, deshalb wohnen diese Texte nahe der Musik. Poesie als Tat: Im Spiel mit den Sprachformen Unfaßbares fassen, es durch Abschreiten der Erkenntnisränder beschwören. Diese Aktionsart versteht man in Mailand, Helsinki, Yoshkar-Ola, Banda Aceh oder Biak/West-Papua, in Clubs und Kathedralen genauso wie an der Akademie der Künste in Berlin: Rhythmus und Klang, die Performance des Sprechens, den Atemtanz. Für das sekundenbuch sind aus dreißig Jahren poetischer Praxis in aller Welt jene Texte ausgewählt, die sich darüber wundern, daß es Menschen gibt, die atmen und singen, obwohl eigentlich alles dagegen spricht. Manche dieser Texte könnten gesungen werden, andere verweigern sich dem aus gutem Grund. „Die gewöhnlichen Begriffe müssen neu durchdacht und dem komplexer gewordenen Kenntnisstand von der Wirklichkeit angepaßt werden. Dabei soll der Bewegung des Denkens, den Nebenbedeutungen und Assoziationen im Bewußtsein Beachtung geschenkt werden, da das Gewebe von nur halbbewußten Vorstellungen, das durch Sprache hervorgerufen werden kann, den Sinn dessen, was angesprochen werden soll, eventuell besser wiederzugeben vermag, als ein logisches Schlußverfahren.“ sagt Heisenberg, ein Dichter des letzten Jahrhunderts (1901-1976, Nobelpreis für Physik). Dessen Prinzip der Unschärfe besagt, daß das kleinste Ding Materie oder Welle ist, je nachdem, wie man es betrachtet. Was nicht heißt, daß es zweierlei ist oder sein kann, sondern nur, daß wir mehrere Konzepte brauchen, um zu verstehen, was doch mühelos eins ist. Das trifft auch auf die Gedichte Martin Jankowskis zu, deren Thema die Unfaßbarkeit des Lebens ist.

Martin Jankowski:
geb. 1965 in Greifswald, wuchs in Gotha auf und mischte sich in den Achtzigern als Dichter und Sänger in die Leipziger Untergrundszene. 1995 ging er nach Berlin, studierte (Theologie, Germanistik, Amerikanistik) und schrieb einen Roman ("Rabet oder Das Verschwinden einer Himmelsrichtung" 1999). Er begründete das internationale literaturfestival berlin mit und wurde für die Zeitschrift neue deutsche literatur Gastgeber des Literatursalons am Kollwitzplatz. Zahlreiche Songs, Gedichte, Essays und Erzählungen wurden in internationalen Magazinen und Anthologien veröffentlicht.

Leseprobe


jump

die antrittsrede des neuen gottes im kopf
schmerz trete ich instinktiv zwischen die männer
beine der diskurse in den espressobars den sirenen
gesängen widerstehend und bleibe bei meinem leisten
bruch auf gefühle pochend begreife ich
dich in australien wissen sie nicht mehr wohin
auswandern mein australien ist nicht von dieser welt
verschwunden deshalb ziehe ich meine windhosen aus
den sprüngen in der zwickmühle die nach wie vor
läufig aus deinen händen wächst also verlasse ich
mich auf den strahlend weißen satan den kindskopf
jäger der uns auf die turmspitze führt und sage noch
nichts


mega

entfesselte trommeln dröhnen im dunkel
dem herzrhythmus wird ein flussbett gebaut
das singen der saiten schlägt an die steine
aus blut quellen farben ins hörbare

die schreie des sängers begrüßen die füße
und zwingen die sehnsucht der knochen zur antwort
nur zögernd verfall ich dem uralten ritus
und übe mich tanzend im recht auf extase

die töne verjubeln die haare der mädchen
stadtmetastasen durchflimmern die nacht
die erde beschreibt einen kreis um die sonne
unser medizinmann hat einen manager


lösen (schneeregen)

jenseits der schartigen knarrenden schwelle
streift mir das gierig zitternde gras
das plötzlich aus hölzernen dielen dringt
die feuchten stiefel von frierenden füßen

noch während die wand die türe verschlingt
überfällt mich in schwällen ein warmer geruch
von möbeln und tieren und bedrucktem papier
windkaskaden werfen den mantel
ins breite geäst neben dem ofen

ein schwarm wilder vögel
schreckt auf hinterm bett
malt silberne bögen
um die lampe ins blau
stößt hinein in die weite
zwischen schreibtisch und schrank

der klang deiner augen tanzt durch die steppe
von teppichbewohnern freundlich beäugt
das telefon wispert den magischen singsang
des wassers das fern von den bergen fällt

die kanten des bettes beginnen zu wuchern
verlieren sich schaukelnd am ufer des meeres
wir stürzen wie blind in den schaum der gedanken
verflechten verwachsen zerschreien den raum
der einst zwischen häuten gewesen sein könnte
wir jagen und tauchen und johlen im licht
die töne von wolken und steinen in uns
unmöglich den strömenden tanz zu beenden
planeten kreisen die jahre vergehen

einmal
als wir keuchend uns wieder erkennen
blüht lautlos der kaktus
auf dem fensterbrett




Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Homepage zu diesem Autor.
Webshop by Gambio.de © 2012