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Hrabal, Milan: Eine schimmernde Wabe Glimmer

ISBN:
978-3-86660-211-3
Bearbeitung:
ca. 1-2 Tage ca. 1-2 Tage
19,95 EUR
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Gedichte, zweisprachig.
Aus dem Tschechischen von Ró¸a Domašcyna

Die hier vorgestellten Gedichte sind seinen bisherigen Gedichtbänden entnommen. So auch aus Nepokoje (Unfrieden), Ústí nad Labem 1994,Na svatbu k chagallům (Zum Fest mit Chagall), Brno 2000, Cestou bolesti a víry (Auf dem Weg des Schmerzes und des Glaubens), Praha 2010 und aus Manuskripten.

eine unbekannte Frau

steht an der Mauer

sie schweigt in fremder Sprache

die aufgesogen wurde von den Ziegeln

beim Bau dieses Hauses

in den Sudeten


Wann bleibt einem das Haus der Kindheit trotz aller Nähe seltsam fremd? I
st es doch das eigene, das Elternhaus. Aber diesem Ort haftet etwas Fremdes an, was man erstnach und nach begreift. Es ist anwesend und gibt den Dingen des Lebens eine weitere Legende hinzu. 

Die Eltern des Dichters, nach dem 2. Weltkrieg junge Leute, wollten bauen. Da sagte man ihnen: Zieht doch nach Varnsdorf, dort stehen Häuser leer. Häuser, aus denen die deutschsprachige Bevölkerung ausquartiert geworden war, wie man im Tschechischen sagt. Das Haus seiner Kindheit hatte einer Frau gehört, die im Ort eine Apotheke hatte, sagten die Leute. Eine Apotheke mit dem Namen„Schwarzer Hund“. Nur dies wußte er als Kind. Keinen Namen. Kannte keine ihrer Verwandten. Das hat ihm schon früh zu Denken gegeben. Und das floss in seine Erfahrungen mit sich, den Eltern und Freunden. Und diese Bilder bleiben, keins läßt sich aus dem Garten des Erinnerns entfernen.

Sein Kinderfreund wurde in Zittau geboren und kam dann mit den Seinen nach Varnsdorf. Es war eine deutschsprachigen Familie, in der auch tschechisch gesprochen wurde. Einmal nahm ihn der Freund mit ins „gute Wohnzimmer“. Da sah er das Bild über dem Sofa: ein Soldat in deutscher Uniform. „Dein Opa war Nazi!“, rief das Kind entsetzt. Die Großmutter jagte die Kinder aus dem Zimmer. „Der Freund schämte sich sehr“, sagte Milan Hrabal, als er mir das erzählte. Dabei war es nur eine einfache Wehrmachtsuniform. Aber die Klischees waren schon in den Kinderköpfen und erst mit zunehmenden Alter zu relativieren.

Unter diesen Einflüssen ist Milan Hrabal erwachsen geworden. Und all dies findet sich auch in seinen Gedichten. Als ständige Auseinandersetzung mit sich selbst, der Welt seiner Kindheit, der Religion und der Geschichte. Auseinandersetzung meint nicht Abrechnung, das zu betonen, ist ihm wichtig. Wichtig ist der genau hingewandte, ja zugewandte Blick. Dazu kommt im Dreiländereck Deutschland-Tschechien-Polen das Vor-Augen-Führen einer Versehrtheit der Umwelt, die vor Ländergrenzen nicht halt macht. Das Abholzen ganzer Wälder, verwüstete Landstriche, karge, steppenähnliche Tagebaufolgelandschaften. Eine ausgebeutete, unbefestigte Gegend, wie man sie auch anderswo auf der Welt findet. Genügend Stoff, um sich im Gedicht daran zu reiben. Und ganz selbstverständlich drängen dabei solche Themen in den Text, die an Wichtigkeit nichts einbüßen: geboren werden, Leben, Sterben. Milan Hrabals Gedichte sind verknüpft mit dem Dasein. Durch diese unbedingte Nähe sind sie um so eindringlicher.

Milan Hrabal wurde 1954 in Varnsdorf geboren und lebt dort. Nach dem Abitur an der Schule für Ökonomie in Ceska Lipa war er als Ökonom tätig, später als Leiter der Schul- und Kulturabteilung des Stadtamtes in Varnsdorf und Leiter des Poetikstudios “Doteky” (Berührungen). In den Jahren 1990-2003 war er Redakteur und arbeitete auch für die Literaturzeitschrift “psí víno” (Gänsewein). Er organisiert literarische Wettbewerbe für Kinder und Jugendliche in Varnsdorf. Milan Hrabal ist Mitglied in mehreren literarischen Vereinigungen, u. A. im P.E.N.- Zentrum Tschechien und im Tschechischen Schriftstellerverband.

Er schreibt Lyrik und Prosa, ist auch Nachdichter, vor allem aus dem Sorbischen. Und er hat auch mehrere Anthologien herausgegeben, darunter eine mit dem Titel: Jazyk, jím¸ porozumíš větru (Die Sprache, mit der man den Wind versteht), mit Poesie aus dem Sorbischen, wo er zugleich Nachdichter war. Bisher hat er als Herausgeber über 50 Publikationen veröffentlicht. Er hat 11 Lyrikbände geschrieben. Im Jahr 1981 erschien sein Debütband Sólo větru (Solo für den Wind) im Nordtschechischen Verlag Ústi nad Labem.

Für seine Arbeit bekam er mehrere Literaturpreise, darunter 1989 den “Olomoucký tvarů¸ek“ (Ölmützer Quargel) in Gold 1989 und den Internationalen Preis des Warschauer Poesieherbstes 1999.

Einige seiner Arbeiten wurden in die polnische, sorbische, bulgarische, deutsche, englische, litauische und ungarische Sprache nachgedichtet.

Ró¸a Domašcyna, geboren 1951 in Zerna bei Kamenz. Lyrikerin, Nachdichterin. Übersetzt aus dem Polnischen, Slowakischen, Tschechischen und Russischen ins Sorbische bzw. Deutsche und aus dem Sorbischen ins Deutsche. (Letzteres z. B. in “Santera pantera”, Lyrik der Gegenwart aus dem Sorbischen, Edition Thanhäuser, Ottensheim, Österreich, 2003, “Das Meer die Insel das Schiff”, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg, 2004.) Im Jahr 1998 erschien "Zelene zet - Das grüne Gej", Lyrik - Jurij Khě¸ka, RanitzDruck Nr. 6, Edition Thanhäuser, Ottensheim, Österreich; 2010 dann der Band “Meja – Maj”, Lyrik - Karel Hynek Mácha, aus dem Tschechischen ins Sorbische, Domowina-Verlag, Bautzen und Obec spisovatelů Česká republika, Prag sowie 2012 ein Auswahlband mit Lyrik - Ján Zambor “Zelený večer – Grüner Abend”, aus dem Slowakischen ins Deutsche, Verlag im Wald, Rimbach. Mitglied des P.E.N. Deutschland und der Sächsischen Akademie der Künste.

Die Entstehung der Nachdichtungen wurde durch ein Stipendium der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen gefördert.


Leseprobe:

Haus der Geburt

 

still ist mit uns

verwachsen

 

das Haus

zu seinen Fundamenten

bückt sich der Vater erneut

zu den Rissen der Zeit

zwischen den Steinen

 

als ich so klein war

dass ich dort leicht

hinreichte         

entdeckte ich

eine schimmernde Wabe

Glimmer

als kleinen Spiegel

damals erkannte ich

darin niemanden

 

neig dich doch nicht so tief

Vater

 

doch er hört nicht

lauscht am Stein

alt an alt

versuche ich sie

zu begreifen

 


Das Kellergewölbe

 

das Zwischenspiel zwischen den Spielen

fällt die feuchte Treppe herab

watet im Nest aus schlüpfriger Dunkelheit 

 

der Geruch von Märchen reicht nicht bis hierher

und doch  – die Stille ist reich an Geklimper

beim Aufschlagen der Tropfen

erinnert sie an Mutters Küche

früh beizeiten

 

Ist es das Trampeln beim Ausschütten überreifer Äpfel?

 

im Winkel deiner Gedanken

hat jemand mit Nachdruck geseufzt

 

 


Trennungen

 

schon ist hier Nacht

da der verdammte Zug die Tochter fortträgt

immer weiter von Zuhause weg

sie - kopflos vor Liebe

 

eine unbekannte Frau

steht an der Mauer

sie schweigt in fremder Sprache

die aufgesogen wurde von den Ziegeln

beim Bau dieses Hauses

in den Sudeten

schweigend blickt sie mit den Augen

des Mädchens das schwanger wurde

von einem der tot ist

 

der Mond durchbricht den Nebel

gießt sein Licht

vor uns aus

ich nehm meine Frau an die Hand

führe sie zum Bett

die Tür klappt zu

in der Stille wird laut

ihr Atem

mein Atem

 

im Flur säuert

Kraut


In den Nächten

 

kaum dass ich einschlafe

rütteln mich die Toten

mit Ungeduld

als ob der Tod

hinter ihnen her wäre

    

als ob sie nicht einmal jetzt

ausgereift wären

ihnen die Welt gehört

 

Weshalb also sterben? 


Immer wieder

 

immer wieder

und wieder

durchleb ich das

 

sie fahren mich in ein weißgetünchtes Haus

 

beschneiden mich

dann kehre ich in die Sudeten zurück

wohne im gelben Haus mit dem roten Ziegeldach

die Nachbarn fliehen

kurz darauf

 

suche ich den Erhängten unterm Sims

 

ich kann niemanden finden

obwohl  Wäscheleinen

mir den Atem abschnüren

höre das Scheuern

der Reisigbesen

auf der Treppe

 

umsonst verschließ ich

die Kellertür

die Soldaten kommen nicht

 

immer wieder durchleb ich das:

die letzte Scheibe Wurst

probier ich auf der Zunge

aufzulösen

wie Schokolade

 

ein Hund leckt sich

das Fett aus dem Mundwinkel

der tote Hund

in jenem Film

 

dem aus Grauen das Celluloid

ausgegangen ist
Raum für génia loci

 

hinter dem Hund der sich weigert

den Mond anzuheulen

und der auf Großmäuler bellt

durchwate ich die Sudeten

gleich jenen die einst hier gingen 

 

hinter der Wegkrümmung vermute ich

die Zeitschleife

dort hol ich sie ein

in fremder Sprache

klauben wir das Geschick wie man Erbsen klaubt

 

unweit

in der Bauernkate am Kamin

lebt die Tochter mit Mann dazu ein Hund:

von den beiden gibts nur eins zu sagen

über kurz oder lang wollen sie

mit ihrem Blut meins weitertragen

 

dann kehr ich zurück

das Mondauge bildet einen Kreis

wie wir

der Hund die Frau das Wiegenkind

und am Bajonett verröcheln allein

die Jünger des Tötens in Gott

 

 


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