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Muck, Jürgen: Die Seele ist hin oder Der ewige Schreber

ISBN:
978-3-86660-203-8
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Ein Theaterstück in drei Akten

Mit fünf Radierungen von Jan Peter Tripp


Übrigens – eine Frage: Wo ist meine Seele hin?
Ich hab’s! – Meine Seele ist hin!


Im Zentrum des Theaterstücks steht die Innenwelt des tragischen Helden Daniel Paul Schreber (1842–1911), insbesondere sein ›Stimmenhören‹. Einmal im höchsten Amt angekommen, sitzt er fortan einsam in seinem Anstaltszimmer und wird ganz Ohr! Die permanente Überwachung der vermeintlich oder wirklich bösen, seelenmörderischen Absichten der anderen hält ihn in Wachheit und Schlaflosigkeit gefangen, einer Art permanenter Wachnarkose! Doch anstatt die feindliche Macht im anderen dingfest zu machen und sie dort durch Gewaltanwendung auszuräuchern – wie jüngst die US-Regierung mit ihrem »war on terror« – identifiziert er sich nicht mit dem Aggressor. Es geht um Macht, ja, aber nicht, um sie auszuüben über oder gegen andere, sondern sie zu unterlaufen und zu bannen. 

Jürgen Muck: wurde 1951 in Wernau am Neckar geboren. Seit 1969 veröffentlicht er Gedichte und Prosa, seit 1981 übersetzt er aus dem Englischen und Amerikanischen u.a. Hart Crane, Emily Dickinson, Amy Clampitt, David Constantine.

1982 Stipendium der Kunststiftung Baden-Würtemberg
1984 Weidener Literaturpreis
1989 Stipendium der Stadt München 
 
 Bisherige Veröffentlichungen:
1975 "anfang von was"
1977 "franziskaner" (beide im Selbstverlag)
1984 "die drau, die durch meinen kopf fließt"
1985 "der mönch hält meine hand"

Inhaltsbeschreibung des Stückes

Daniel Paul Schreber (1842–1911), Sohn des renommierten Orthopäden und Klinikdirektors Gottlob Mo­ritz Schreber, der bis heute bekannt ist durch die nach ihm benannten Schrebergärten, war Doktor der Jurisprudenz und wurde 1892 zum Senatspräsiden­ten am Oberlandesgericht in Dresden ernannt. Kurz darauf erkrankte er an einer paranoiden Psychose. Er gilt als der berühmteste Patient der Psychiatriegeschichte, nicht zuletzt dank der Fallgeschichte, die Sigmund Freud über ihn verfaßt hat.

Im Zentrum des Theaterstücks steht die Innenwelt des tragi­schen Helden, insbesondere sein ›Stimmenhören‹. So zeigt Schreber durch seine spezifische Form von Verrücktsein denjenigen, die ihm nahe kommen, wie sie in ihrer jeweiligen Gefährdung und Desorientierung als Men­schen verfasst sind, indem er den Anderen tut, was mit ihm getan wurde. Einmal im höchsten Amt angekommen, sitzt er fortan einsam in seinem Anstaltszimmer und wird ganz Ohr! Die permanen­te Überwachung der vermeintlich oder wirklich bösen, seelen­mörderischen Absichten der anderen hält ihn in Wachheit und Schlaflosigkeit gefangen, einer Art permanenter Wachnarkose!

Doch anstatt die feindliche Macht im anderen dingfest zu machen und sie dort durch Gewaltanwendung auszuräuchern – wie jüngst die US-Regierung mit ihrem »war on terror« – findet er innere Ruhe durch das Seh­nen nach der sexuellen Vereinigung mit Gott als dessen auser­wähltes feminines Kopulationsobjekt. Er hat sich nicht mit dem Aggressor identifiziert und ist damit alles andere als ein Vorläufer Hitlers und des Nazismus, zu dem ihn Elias Canetti machen wollte. Es geht um Macht, ja, aber nicht, um sie auszuüben über oder gegen andere, sondern sie zu unterlaufen und zu bannen.

Schreber hat der totalitären Versuchung beispielhaft widerstanden und sein phantastisches Modell einer Gegenwelt darf als Gegenentwurf zur Totalitarismusversuchung gelten. Sein Verrücktsein bricht die Verrücktheit unserer Zeit auf, in der der globale Terror, vergleichbar einer paranoiden Psychose, wie ein unsichtbarer Virus alle Gedanken- und Ordnungssysteme durchsetzt. Daniel Paul Schreber findet seinen Widerpart im Psychoanalytiker Michael Eigen, der in ihm die Sehnsucht nach Anerkennung, Nächstenliebe und Verständnis wiedererweckt.

Charaktere in der Reihenfolge ihres Auftretens

 - Daniel Paul Schreber: Verfasser der ›Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken‹; Sohn von Moritz Gottlob Schreber, bekannt noch heute vor allem als ›Erfinder‹ der Schrebergärten

 - Anstaltsbediensteter (›Kurt‹): einer psychiatrischen Klinik des ausgehenden 19. Jahrhunderts

 - Theodor Paul Flechsig: behandelnder Chefarzt und Psychiater in oben erwähnter Klinik

 - Sabine Schreber: Frau des oben genannten

 - Oswald (Arnold Gottfried) Spengler: berühmter Kulturmorphologe, bekannt als Verfasser von ›Der
Untergang des Abendlandes‹

 - Doktor Michael Eigen: ein Psychoanalytiker im New York des angehenden 21. Jahrhunderts

 
Leseprobe

ERSTER AKT
( IN DER SEELENKÜCHE )

Erste Szene

Das Stück beginnt damit, dass Schreber alleine mitten auf der Bühne am Boden sitzt. Die Bühne soll das Ambiente eines kärglich eingerichteten Anstaltszimmers in einem psychiatrischen Krankenhaus an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert evozieren. Der Raum ist ohne jeglichen Komfort, wirkt lieblos und funktional: ein Bett, ein Stuhl, ein kleiner Holztisch, ein kleiner Schrank, eine (Gas)Stehlampe. Schreber in langärmeligem, weissem, fast bis zu den Knien reichenden Unterhemd; trägt alte Militärstiefel, mit lose heraushängenden Schnürsenkeln. Er spielt wie ein Kind am Boden sitzend mit Bauklötzchen, die in grosser Zahl vorhanden sind; vor den Bauch, um den Leib, hat er ein Kissen gebunden, mit einem alten Gürtel oder Lederriemen. Ausserdem hat er einen Lederriemen um den Kopf herum, an dem am Hinterkopf eine rosarote Haarschleife befestigt ist. Schreber baut mit den Bauklötzchen etwas auf, z.B. Turm, Haus etc. etc., wirft dann das Ganze wieder um, im Moment des Zusammenstürzens ein kategorisches ›Da!‹ ausrufend: Umwerfen und Daraufzeigen: ›Da!‹ stellen ein und dieselbe Geste dar. Fängt dann wie ohne Erinnerung – als sei nichts gewesen, d.h. als habe er ›nichts getan‹ oder nichts eingebüsst bzw. verloren – erneut an, das Ganze genau wie zuvor wieder aufzubauen; dieser Vorgang von Aufbauen – Zerstören wiederholt sich etliche Male, wird jedoch von Schreber jedes Mal schneller und mechanischer ausgeführt. Irgendwann fängt Schreber an zu singen,
recht eigenwillig, z.B. in der Art eines Ventriloquisten, oder mit sonstwie stark verfremdeter bezw. verstellter Stimme, und zwar die dritte Strophe des Liedes ›Der Mond ist aufgegangen‹ von Matthias Claudius; er singt zuerst nur die zweite Hälfte, und dann nochmals die ganze Strophe.

Schreber:
Es gibt so manche Sachen
die wir getrost belachen
weil unsre Augen sie nicht sehn.
(zwischendurch sich wiederholende Schmerz-Lust ausdrückende,
klagende Interjektionen, fast in der Art eines
›Brunst‹ leidenden Zungenredners:)
– Eh-je, eh-je! –
Seht Ihr den Mond dort stehen
er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön.
(hält sich den Bauch und wiegt sich)
– Eh-je, eh-je! Eh-je! –
Es gibt so manche Sachen
die wir getrost belachen
weil unsre Augen sie nicht sehn.
– Lo ehje! Lo ehje! –

Schreber: (zu sich bzw. zum Publikum als imaginärem Ansprechpartner) Man weiss immer zu viel und immer zu wenig! – Lo-ehje! Lo-ehje! – Man weiss es immer als erster, und erfährt es immer als letzter. – Eh-je! Eh-je! Eh-je! (wiegt dabei seinen dicken Bauch) – Ich sehe etwas, davon wollt Ihr alle nichts wissen. Ich weiss, wie das alles zusammenhängt, worauf das alles hinausläuft, aber davon sag ich Euch nichts, vorläufig wenigstens. (dreht sich abrupt und demonstrativ zur Seite, sodass die rosarote Haarschleife, die hinten an seinem Kopf angebracht ist, jetzt voll zur Geltung kommt; gleichzeitig stösst er mit der Bewegung etliche der Bauklötzchen um) Da! Die Ordnung der Welt hat einen Rissbekommen! Ich weiss, woher es kommt! (klopft oder trommelt sich auf seinen dicken Bauch) Keiner ahnt etwas! Keiner! Keiner will wissen, worauf es alles hinausläuft. Auf meinen Knieen will ich Euch alle beschämen ob Eurer Unwissenheit. (krabbelt auf allen Vieren brüllend und bellend am Boden herum und auf die Zuschauer zu)

Anstaltsbediensteter: (tritt herein und nähert sich leise von hinten dem jetzt am Boden sitzenden Schreber; spricht in freundlich herablassendem Ton) Der Mensch ist absolut harmlos, ein friedlicher Spinner, ein Spintisierer von eigenen Gnaden!

Schreber: Ich will von jetzt an immer lieber geküsst werden, als selber küssen. Eine richtige Frau sein eben. Eine Frau! (befingert seine Schleife und reibt sich sein glatt rasiertes Kinn; legt sich dann plötzlich der Länge nach am Boden auf den Rücken, sich wollüstig windend) Immer geküsst werden, geküsst werden, geküsst werden.......

Anstaltsbediensteter: Man muss ihn spinnen lassen, bis er sich fängt – im eigenen Netz.

Schreber: Mich in eine Frau zu verwandeln ist ein mühsames, aber nicht müssiges Geschäft (richtet sich wieder auf  und zieht gleichzeitig einen Stiefel aus, den er in eine Ecke schleudert), dem ich mich seit einiger Zeit ordentlich unterziehe.  Allemal besser als das verfluchte Zyankali! (an den Anstaltsbediensteten sich wendend) Oder! Was! – (wieder  zum Publikum) Mein Symbolum heisst von jetzt an: (übers ganze Gesicht strahlend) ›mich in dauernder Empfängniswollust  üben oder... oder.... oder...... iiigit (zieht jetzt auch noch den anderen Stiefel aus und wirft ihn verächtlich und vehement von sich) als ein Stück Viril-Fleisch verrotten!‹ Ha?!

Anstaltsbediensteter: (greift sich an die Stirn) Tzzz-tztzzzzz! (sich mockierend) Hirngespinste – aber fein gesponnen! 


Pressestimmen zur früheren Texten von Jürgen Muck

„Der semantische Gehalt der Worte tritt in den Hintergrund, über Klang und Rhythmus kommt Muck zum Ausdruck. Sparsam geht der Autor mit dem Inventar der Sprache um, so sparsam, daß Sätze im streng grammatikalischen Sinne unvollständig werden, unvollendet bleiben."
Süddeutsche Zeitung

 Unheimliche Bildmischungen - Rezension von Lutz Hagestedt zu "Jürgen Muck: Der Mönch hält meine Hand":
 www.netzwerk-literaturkritik.de/wiki/index.php/Unheimliche_Bildmischungen._Jürgen_Muck:_Der_Mönch_hält_meine_Hand

Jürgen Muck schreibt seit 1969 Gedichte und kurze Prosa und erhielt in den 80er Jahren besonders für seine Lyrik Preise und Stipendien. Seit 1980 übersetzt er amerikanische und englische Literatur ins Deutsche. Nach langjähriger Beschäftigung mit der 1830 in Amherst (Massachusetts) geborenen Dichterin Emily Dickinson hat der Dichter einen eigenen langen lyrischen Monolog 'Emily Dickinsons Uhr' verfasst, der 2007 als Musiktheaterproduktion im Stuttgarter Theaterhaus im Rahmen des Eklatfestivals uraufgeführt wurde. Emily Dickinson, von deren Talent, Genialität und radikaler Zurückgezogenheit allenfalls einige wenige ihrer Zeitgenossen wussten, hat einige Verszeilen geschrieben, die sich in Jürgen Mucks Übersetzung so anhören: „ich bin ein nichts! Und du? / bist auch – ein nichts? - ja dann / sind wir schon zwei. / doch still! Die schlagens an!“ In dieser Übersetzung übersetzt sich der Autor auch selbst. Als der Fragende in der Personifizierung von Emily Dickinson, als der Zweite im Niemandsland der Sprache, weit ab von gesellschaftlicher Anerkennung und Öffentlichkeit.

In seiner jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit literarischen Aussenseitern, allesamt mehr oder weniger Abweisern des gesellschaftlichen Konformismus, einsamen Forschern in den Zwischenräumen der Sprache, die sie in Formen zu Papier bringen, darauf wie in einem Zaubermalbuch hin- und herkritzelnd, in der verzweifelten Hoffnung, etwas von sich selbst zurückgespiegelt zu bekommen. Der Autor bewegt sich dabei u.a. auf den Spuren von Jakob Michael Reinhold Lenz, Lewis Carroll, Hart Crane, Federico Garcia Lorca, Wyndham Lewis; aber nicht zuletzt auch auf den Spuren von Daniel Paul Schreber, dem Verfasser der 'Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken', dem der Autor einen langen Theatertext gewidmet hat.

 Nachdem Jürgen Muck einen Grossteil der 1990er Jahre in London verbracht hat, wo er sich neben der Beschäftigung mit der englischen Sprache eingehend dem Studium der Psychoanalyse zuwandte, ist er heute auch ein ausgesprochener Kenner vor allem englischsprachiger psychoanalyischer Literatur. Seit nunmehr über zehn Jahren widmet sich Jürgen Muck mit Akribie und Leidenschaft vor allem der Übersetzung psychoanalytischer Aufsätze und Vorträge aus dem Englischen sowie ins Englische, wobei er sich immer wieder von neuem der Mühe unterzieht, in seinen Übersetzungen sowohl dem Anspruch wissenschaftlicher Genauigkeit als auch dem der lebendigen Erfahrungsnähe sprachlich gerecht zu werden. (Lodreu Rinchen)













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