Hodel, Robert (Hg.): Vor dem Fenster unten sind Volk und Macht

ISBN:
978-3-86660-193-2
Bearbeitung:
ca. 1-2 Tage ca. 1-2 Tage
34,95 EUR
-> in Deutschland kostenfreier Versand

Russische Poesie der Generation 1940 – 1960
Ausgewählt und übersetzt von Robert Hodel
zweisprachig, 472 S.

Mit Texten von: Michail Ajsenberg, Juri Arabow, Natalja Asarowa, Sergei Birjukow, Arkadi Dragomoschtschenko, Sergei Gandlewski, Igor Irtenjew, Nina Iskrenko, Alexander Jerjomenko, Witali Kalpidi, Jelena Kazjuba, Konstantin Kedrow, Swetlana Kekowa, Bachyt Kenschejew, Timur Kibirow, Nikolai Kononow, Wiktor Kriwulin, Juri Kublanowski, Juri Kusnezow, Eduard Limonow, Andrei Monastyrski, Olesja Nikolajewa, Aleksei Parschtschikow, Dmitri Prigow, Lew Rubinstein, Sergei Sawjalow, Iwan Schdanow, Jelena Schwarz, Olga Sedakowa, Sergei Stratanowski, Aleksei Zwetkow.

Diese Anthologie versammelt jeweils sechs Texte aus unterschiedlichen Schaffens­phasen russischer Dichterinnen und Dichter, die zwischen 1940 und 1960 geboren sind. Die ältesten Gedichte stammen aus den frühen Sechzigern, die jüngsten aus dem 21. Jahrhundert. Damit gewährt die Anthologie einen repräsentativen Einblick in fünf Jahrzehnte russischer Poesie. Vielfältig spiegelt sich in ihr auch das sprunghafte politische Geschehen vom Chruschtschowschen Tauwetter bis zur zweiten Amtszeit Putins wider. Jedoch nicht nur die unterschiedliche Einstellung zum Lauf der Geschichte wird in diesen Texten manifest, sie lassen auch die sich verändernde westliche Sicht auf die russische Literatur nachvollziehen. Wurde manch ein Dichter in den Siebzigern für seine antisowjetische Haltung gefeiert, galt er – wenn er seinem Credo treu blieb – in den Neunziger Jahren als nationalkonservativer Vertreter Russlands. Wer sich tiefgründig für die Kultur und das geistige Klima Russlands interessiert, kommt an dieser Anthologie nicht vorbei. 

Robert Hodel: geb. 1959 in Buttisholz (Luzern), studierte Slavistik, Philosophie und Ethnologie in Bern, Sankt Petersburg und Novi Sad. Seit 1997 ist er Professor für Slavische Literaturwissenschaft an der Universität Hamburg.

Aus dem Vorwort

Die vorliegende zweisprachige Anthologie vereinigt russische Dichterinnen und Dichter, die zwischen 1940 und 1960 geboren sind. Jedes lyrische Werk ist mit sechs Gedichten aus unter­schied­lichen Schaffensphasen vertreten. Die ältesten Gedichte stammen aus den frühen Sechzigern, die jüngsten aus dem 21. Jahrhundert. Damit gibt die Anthologie einen Einblick in die Ent­wicklung eines jeden einzelnen Dichterwerks und wirft zugleich einen re­präsen­tativen[i] Blick auf fünf Jahrzehnte russischer Poesie.

Das kulturelle Leben der sowjetischen Sechziger Jahre ist politisch geprägt durch die Chrusch­tschowsche Reformpolitik, die am 20. Parteitag 1956 offiziell beschlossen wird und mit der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ gewaltsam endet. Zentral für das Bewusstsein dieser „Tau­wetter­­­phase“ (ottepelʼ)[ii] sind die Haltung gegenüber Stalin, die zwischen einem vollkom­me­nen Bruch und der Anerkennung gewisser Verdienste schwankt, und die breit geteilte Hoffnung, dass ein „Sozialismus mit mensch­­­lichem Antlitz“ möglich ist.

In diesen Jahren findet eine ganze Reihe verbotener russisch-sowje­ti­scher Autoren den Weg zu ihren Lesern zurück – unter ihnen große Namen wie Michail Bulgakow, Andrei Plato­now, Isaak Babel, Juri Olescha, Ossip Mandelstam oder Marina Zwetajewa. Auch öffnet sich das Land gegenüber westlichen Kulturströmungen wie dem italienischen neo­realistischen Film (Rosselini, Visconti, Fellini), dem französischen Existen­zialismus (Camus, Sartre), dem „Théâtre de lʼAbsurde“ (Beckett, Ionesco), dem Jazz, der avant­gardistischen Malerei oder den Werken von Heming­way, Faulkner und Böll. In dieser Atmosphäre entstehen Filme wie Michail Kalatosows „Die Kra­niche ziehen“ (Letjat ¸uravli, 1957) oder Andrei Tarkowskis „Andrei Rubl­jow“ (1966), es öffnen Juri Ljubimows „Theater an der Taganka“ und Oleg Je­fre­mows „Sowremennik“ („Zeitgenosse“) ihre Tore und es erklingen Scho­­stakowitschs späte Symphonien und Alfred Schnittkes neuer Kom­positionsstil. Frühe Wegmarken einer neuen Prosa sind u.a. Michail Scho­lo­chows Erzählung „Menschenschicksal“ (Sudʼba čeloveka, 1956), die mit dem Tabu des Kriegsgefangenen bricht, Tschingis Aitmatows „Dsha­milja“ (1958) – eine Liebesge­schichte zwischen einem Jüngling und der kir­gisischen Titelfigur, deren Ehemann an der Front kämpft, und Alexander Solsche­ni­zyns Lagerprosa „Ein Tag im Leben des Iwan Denisso­witsch“ (Odin denʼ Ivana Denisoviča, 1962).

Noch in der Tauwetterphase liegt auch der Beginn der „Dorfprosa“ (dere­venskaja proza) eines Fjodor Abramow, Wassili Below, Walentin Ras­putin, Wassili Schukschin und Wiktor Astaf­jew, die sich an den traditio­nellen Werten des untergehenden dörflichen Lebens orientiert und für diesen Unter­gang die sozialen und ökologischen Missstände der russischen Provinz verantwortlich macht. Im großstädtischen Milieu angesiedelt wie­derum ist die „Stadtprosa“ (gorodskaja proza) eines Wassili Aksjonow, Juri Trifonow, Andrei Bitow oder Wladimir Makanin, die sich der konflik­tuösen Entwicklung urbaner Jugendlicher und ihren Interessen jenseits des kollektivistischen Wertmaßstabs zuwendet.

Zu den treibenden Kräften des Geisteslebens gehört vor allem aber auch die Lyrik. Sie befreit sich noch in den Fünfziger Jahren vom sozrealistischen Primat des Kollektiven, um sich auf ihren angestammten Bereich des Emotionalen und Intimen zurückzubesinnen. Die Bewegung erfasst nicht nur die Debütanten der Ära Chruschtschow, sondern auch die drei älteren Genera­tio­nen, die mit den Namen Anna Achmatowa, Arseni Tarkowski und Alexander Twardowski verbunden sind.

Mit der jüngsten Generation der Debütanten kommt es zu einem eigentlichen lyrischen Boom. Neben dem psychologischen Naturalisten Boris Sluzki und dem elegischen Barden Bulat Okudschawa sind es vor allem die „Schestidesjatniki“ (Generation der Sechziger) Jewgeni Jewtu­schen­ko, Robert Roschdestwenski und Andrei Wosnesenski, die den Geist des politischen und gesellschaftlichen Aufbruchs am unmittelbarsten ver­treten. Ihre Poesie füllt ganze Konzert­säle und Stadien.

Jenseits der Popularität und meist auch jenseits der Offizialität steht in dieser Zeit eine lyrische Bewegung, die an die politisch verfolgte Avant­garde der 1930er Jahre anknüpft. Ihre wichtigste Figur ist der tschu­waschische Dichter Gennadi Aigi. Wie seine Mitstreiter Wladimir Kasakow und Wiktor Sosnora beruft sich auch Aigi auf den russischen Futurismus, ins­besondere auf Welimir Chlebnikow und Aleksei Krutscho­nych, im Unterschied jedoch zum historischen Futurismus ist die Poesie dieser zweiten Avantgarde betont antiutopisch. Anstelle des „neuen Menschen“, den noch Wladimir Majakowski im Auge hatte, strebt ihre Dichtung zu einer ursprünglichen Sprache oder einem kulturellen Unter­bewusst­sein zurück.

Sind die „Schestidesjatniki“ von der Generation der hier vertretenen Dichter eher als Ge­gen­pol erfahren worden, ist der Einfluss der zweiten rus­sischen Avantgarde auf Autoren wie Konstantin Kedrow, Aleksandr Gornon, Jelena Kazjuba, Sergei Birjukow, Ry Nikonowa, Anna Altschuk oder Natalia Asarowa offensichtlich. Davon sprechen auch die Begriffe „Neoavant­garde“ und „Trans-“ oder „Postfuturismus“, mit denen ihre Dichtung meist be­zeich­net wird.

Eine zweite neoavantgardistische Bewegung der Tauwetterphase stellt die „Lianosowo-Schule“ um Genrich Sapgir, Igor Cholin, Wsewolod Nekras­sow, Jewgeni Kropiwnizki und den etwas jüngeren Eduard Limonow dar, der 1967 zu den Treffen im Moskauer Datschen­vor­ort Lianosowo stößt. Auch diese Schule, die sich auf die avantgardistische „Vereinigung der realen Kunst“ OBERIU (Ob“edinenie realʼnogo iskusstva; mit Daniil Charms, Alexander Wwedenski und Nikolai Sabalozki) beruft, verfolgt eine antiutopische Richtung. Sie liegt in einer Ästhetik des Niederen, die in einen scharfen Kontrast zum offiziellen Glanz der sowjetischen Selbstdar­stellung tritt. Die sprachliche Seite dieser Profanierung nimmt hierbei bereits Züge des „Moskauer Konzeptualismus“ vorweg, der sich in den Siebzigern entfaltet.

1964 wird der reformbereite Chruschtschow als Generalsekretär ab­gesetzt, zwei Jahre später nimmt sein Nachfolger Breschnew den Titel des Generalsekretärs an, den vor ihm nur Stalin führte, und 1968 beginnt mit dem Einmarsch in Prag und der Begrenzung der Souveränität der Ost­blockstaaten (Breschnew-Doktrin) die Zeit der „Stagnation“ (zastoj). Zwar hatte es auch unter Chruschtschow massive Einschränkungen des Geistes­lebens gegeben – so konnte Paster­naks „Doktor Schiwago“ 1957 nur im Aus­land erscheinen oder wurde Gennadi Aigi wegen eines „feindseligen Gedichtbandes“ 1958 aus dem Komsomol und anschließend von den russi­schen Verlagen ausgeschlossen – unter Breschnew jedoch kommt es zu einer offenen Konfrontation mit dem Staat. Es beginnt die Zeit der Desillu­sionierung, der Dissidenz, der Ausweisungen, des illegalen Selbst­verlags (samizdat) und „Dortverlags“ (tamizdat). So kommt Iossif Brodskis erster Ge­dicht­band 1965 in Washington heraus, Andrei Platonows Roman „Tsche­wen­gur“ 1972 in Paris, daselbst ein Jahr später Solschenizyns erster Band des „Archipel Gulag“, und Warlam Schalamows „Erzählungen aus Kolyma“ (Kolymskie rasskazy) 1978 in London.

Die „dissidentische“ Literatur wird jedoch nicht nur „dort“ – jenseits des Eisernen Vorhangs – gelesen, sie dringt über diplomatische und private Kanäle auch in die UdSSR ein. Sie wird illegaler Teil des russischen Geistes­lebens und beeinflusst oppositionelle wie offizielle Kulturschaffende. Damit schreitet die Unterwanderung des Primats des Staates in der Kunst ungeachtet der politischen Stagnation voran. Die sozrealistische Doktrin, deren Zukunftsglaube immer unglaubhafter wird, löst sich weiter auf. Offizielles Zeichen dieser Lockerung ist eine Deklaration aus dem Jahre 1975, die den Sozrealismus zum „offenen System von Formen wahrheits­getreuer Widerspiegelung des Lebens“ erklärt. Sympto­matisch für die Situation ist auch, dass Prozesse gegen Dissidenten – zu den ersten An­ge­klagten gehören Iossif Brodski (1964), Andrei Sinjawski und Juli Daniel (1966) – immer heftigeren öffentlichen Widerstand erwecken, der nicht mehr erfolgreich unterdrückt werden kann oder nicht mehr gewaltsam unterdrückt werden will. Ein Flaggschiff dieses Widerstands ist der Atom­physiker Andrei Sacharow, der 1970 das „Komitee zur Durchsetzung der Menschenrechte“ (Komitet prav čeloveka v SSSR) gründet und 1975 mit dem Friedens­nobelpreis ausgezeichnet wird.

Sehr oft jedoch bedeutet für die Kulturschaffenden politischer Wider­stand schlicht, dass sie sich dem offiziellen Kulturbetrieb entziehen. Juri Kublanowski, der 1965 die inoffizielle literari­sche Vereinigung SMOG (Sme­lostʼ, Myslʼ, Obraz, Glubina: Mut, Gedanke, Gestalt, Tiefe)[iii] mitbegründet, die sich bereits 1966 wieder vor der Auflösung sieht, schildert diese Haltung so: „Wir waren die Generation, die auf die Poeten des ʼTauwettersʼ folgte. [...] SMOG wurde für mich zur Schule des Nonkonformismus. Wir lehnten Publikationen in sowjetischen Zeitschriften und Verlagen ab, weil wir die sowjetische Literaturmaschinerie als Teil eines propagandistischen tota­li­tären Apparats verstanden. Wir orientierten uns von vornherein am Samis­dat und schufen unsere eigene ʼparalleleʼ Literatur.“[iv]

Einen ähnlichen Weg verfolgt auch die Gruppe „Moskauer Zeit“ (Mos­kovs­­koe vremja) um Bachyt Kenschejew, Aleksei Zwetkow, Alexander So­prow­s­ki und Sergei Gandlewski. 1973 bringt sie einen ersten maschinen­ge­schriebenen Almanach heraus, dem fünf weitere Num­mern (mit einer Stück­zahl von jeweils 6-10) folgen. Gandlewski deutet die Nonkonformität dieser Gruppe auf einer philosophischen Grundlage: „Man kann von einer kate­go­rischen Ablehnung des Sowjet­regimes sprechen: von der Über­zeugung, dass sich das Leben nicht in der objektiven Realität [...] erschöpft, weil hinter ihm ein Geheimnis steht [...]. Wir liebten die literarische Tra­dition und zugleich misstrauten wir dem Snobismus der ʼWerthüterʼ und ʼOpferpriester des Heili­genʼ“[v]. Ungeachtet ihres Interesses für eine Welt jenseits des dia­lek­tischen Materialismus zeichnet sich diese Moskauer Gruppe stilistisch durch Prosaizität und Genauigkeit der Aussage wie auch durch ein aus­geprägtes Formbewusstsein aus (man vgl. aus der vor­lie­genden Samm­lung Kenschejews Gedicht „Wenn kalte Tage kommen...“ oder Zwetkows „Iwan der Schreckliche sendet an Kurbski...“).

Eine frühe poetische Strömung der Breschnew-Zeit, die in die meisten Literaturge­schich­ten Eingang findet, ist die „Stille Lyrik“ (Tichaja lirika) – mit Autoren wie Nikolai Rubzow, Anatoli Schigulin, Wladimir Sokolow und Stanislaw Kunjajew. Der Name der Strömung er­schließt sich aus der Ab­grenzung von der Estradenpoesie der „Generation der Sechziger“. Berie­fen sich die Letzteren auf den Revolutionspoeten Majakowski, bietet nun der in sowjetische Ungnade gefallene „Bauerndichter“ Sergei Jessenin Orien­tie­rung. An die Stelle von Publizität und politisch-sozialem Reformwillen tre­ten Zurückgezogenheit und Elegizität, dem Streben nach einer gemein­samen menschlichen Zivilisation machen Ideen von einer Volks­kultur und einer ethisch-religiösen Erneuerung Platz. Wie bei der „Dorf­prosa“ bildet auch hier der schreiende Zwie­spalt zwischen der offiziellen Darstellung des sowjetischen Lebens und der täglichen Erfah­rung von Willkür, Doppelmoral und Mangelwirtschaft den Nährboden für ethische Forderungen.

Von den hier versammelten Dichtern wird der „Stillen Lyrik“ einzig Juri Kusnezow zuge­rechnet, das Interesse für eine geistige und ethisch-religiöse Erneuerung teilen jedoch eine ganze Reihe weiterer Autoren, wie sehr sie sich auch poetologisch oder ideologisch voneinander unterscheiden mögen (vgl. Olesja Nikolajewas „Müllhalde“, Olga Sedakowas „Weder mit dem Hasen­ohr...“ oder Jelena Schwarzʼ „Spatz“).

Eine andere Reaktion auf die Diskrepanz zwischen beschönigender „Tagesschau“ und beschwerlichem Alltag vertritt der Sänger und Dichter Wladimir Wyssozki. Indem er in die Rolle sowjetischer Antihelden (Lumpenproletarier, Hooligans, Trinker, Häftlinge) schlüpft, bringt er die groteske Seite des Lebens in der Maske eines Unbedarften zum Ausdruck. Wohl wie kein Anderer hat Wyssozki, dessen politische Lieder nur als illegale Konzertkopien (magnit­izdat) kursierten, die Stimmung zwischen Resignation und Widerstand erfasst. An seine Seite sind auch der Barde Alexan­der Galitsch und die Prosaisten Wassili Aksjonow, Wladimir Wojno­witsch und Fasil Iskander zu stellen, die sich in ihrer Darstellung des Grotesken auf die Gogolsche Tradition berufen.[vi]

Ein ebenfalls breit aufgestellter Widerstand während der Breschnew-Zeit bildet sich in der Rockmusik heraus. Nicht wenige Sänger haben dabei eine starke Affinität zur Dichtung und schreiben kryptisch oder offen regierungskritische Texte, sodass sich ihre Bands meist am Rande der Legalität bewegen. Diese alternative Musikkultur beginnt in den Fünfziger Jahren mit den sog. „Stiljagi“ – „Hipstern“, die sich extravagant kleiden und zu Jazz und RockʼnʼRoll tanzen – und bringt in den nachfolgenden Jahr­zehn­ten Kultfiguren wie Andrei Makarewitsch von der Gruppe „Zeit­ma­schine“ (Mašina vremeni), Wiktor Zoi (Palata №6, später Kino), Boris Gre­ben­scht­schikow (Akvarium) oder Juri Schewtschuk (DDT) hervor.

Eine der wichtigsten lyrischen Strömungen der Siebziger Jahre ist der „Neo-„ oder „Post-Akmeis­mus“. Der Einfluss der Akmeisten Anna Ach­mato­wa, Nikolai Gumiljow, Ossip Mandel­stam und Innokenti Anninski begann freilich bereits in der Tauwetterphase und wird bis in die Zeit der „Pere­stroika“ aktuell bleiben, er erfasst also Autoren von Arseni Tarkowski über die „Sechziger-Neoakmeisten“ Bella Achmadulina, Alexander Kusch­ner und Jewgeni Rejn bis zu Iossif Brodski[vii], Wiktor Kriwulin, Larissa Miller, Sergei Stratanowski und Olga Seda­kowa. Alle vereinigt sie der Wille, in Form und Inhalt den Faden der abgerissenen klassischen russi­schen Kultur wieder aufzunehmen und darin ein historisches Bewusstsein von einer humani­stischen Tradition zu pflegen. Die Sprache dieser Poesie bleibt hierbei konkret und emotional auch da, wo sich ihre Dichtung universalen Themen zuwendet (vgl. Kriwulins „Tür am Ende des Korri­dors“, Sedakowas „Wilde Hecken­rose“ oder Stratanowskis „Herostraten“). Für diese jüngere Ge­ne­­ra­tion der Neoakmeisten wird gelegentlich auch die allgemeinere Bestim­mung „Neoklassik“ verwendet, als deren wichtigste Vertreterin Jelena Schwarz gilt.

Die dichterische Ausrichtung, die in der Kanoni­sierung der hier ver­trete­nen Autoren am weitesten fortgeschritten ist, hat sich unter dem Namen „(Moskauer) Konzeptualismus“ etabliert. Sie ist zugleich auch die charakteristischste Ausprägung der russischen Postmoderne. Der Konzep­tualismus entfaltet sich Ende der Sechziger Jahre zunächst im Bereich der bildenden Künste: mit Erik Bulatow, Ilja Kabakow, Wiktor Piwowarow, Dmitri Prigow u.a. Prigow ist zugleich auch einer der führenden Dichter und theoretischen Köpfe der Bewegung. Ebenso in beiden Kunst­domänen zuhause ist Andrei Monastyrski. Zum Kern der konzep­tualistischen Dichter gehören darüber hinaus Wsewolod Nekrassow, Lew Rubinstein, Michail Aisenberg und Timur Kibirow. Ihnen nahe stehen auch Eduard Limonow und Sergei Birjukow. In der Prosa ist vor allem Wladimir Sorokin bekannt geworden, verwandte Züge zeigen auch die Romane von Wiktor Pelewin.

Prigow versteht den Konzeptualismus als eine Richtung, die sich zwar im politischen Untergrund der Breschnew-Zeit herausgebildet hat, sich jedoch der Einordnung „sowjetisch-anti­sowjetisch“ verwehrt. Die grundlegende Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ist für ihn keine politische, sondern eine sprachliche. Der „sozialistische Verstand“ (soc-um), bzw. sein sprachliches Gewand, ist neutrales poetisches Material. Dieses Material wird freilich nicht mehr, wie in der Ersten und Zweiten Avantgarde, sub­jektiv vereinnahmt, d.h. in einen eigenen, indivi­duellen Stil überführt, viel­mehr haftet der Dichtersprache der Stempel des Gebrauchten an. Dennoch prägt die Gedichte über Zitat­haftigkeit und Plakativität hinaus auch „Einfühlung“ (včustvovanie): der jeweils gegebene, erkennbare Diskurs ist nicht bloßes Objekt der Dar­stel­lung, er wird zur einzig möglichen Sprache (vgl. Prigows „Er war Polizist in der Hauptstadt…“ oder Kibirows „Als Lenin klein war“). Die Vorstellung von der dichterischen Originalität wird dabei freilich dennoch obsolet. Das modernistische Bild des genialen Dichters wird zugunsten einer Form von Identität aufgegeben, die eine grund­sätzliche Bedingtheit signalisiert. Prigow nennt dieses bedingte Ichbild, das zwischen originärer Künstlerpersön­lich­keit und Maske hin und her „flim­mert“ (mercaet) – „Image“.

In dieser radikalen Ironisierung und Relativierung der Dichtung und des Dichters nimmt Prigow auch unter den Konzeptualisten zweifellos eine Extremposition ein. Bereits bei Lew Rubinstein konstatieren Lejderman und Lipowezki eine gewisse Wiederherstellung der Persön­lich­­keit „jenseits des abgeschliffenen und entpersönlichten sprachlichen Materials“. Sie zeichnet sich in der besonderen Kombination der verwendeten „fremden“ Elemente ab, die Rubinstein meist in Form von Zetteln einer Kartothek in eine rhyth­mische Ordnung bringt (vgl. das Gedicht „Katalog komödienhafter Neuerun­gen“).

Besonders evident wird diese „Rückkehr des Autors“ im Schaffen Timur Kibirows Ende der Achtziger Jahre. Auch er hält sich an ein unpersönliches und automatisiertes Material, indem er charakteristische Metren, bekannte Zitate und abgedroschene Wortkombinationen vorführt, zugleich jedoch entfaltet sich in seinem Schaffen ein emotional präsentes lyrisches Subjekt. Es handelt sich allerdings auch hier nicht um eine Wiederaufnahme einer Erlebnis- oder Bekennt­nis­lyrik, vielmehr identifiziert sich der Dichter mit den zur Schau gestellten Gemeinplätzen in einem Maß, dass er den konzeptualistischen Rahmen zu sprengen beginnt. Sergei Gandlewski erklärt diese Haltung 1993 durch den Zustand der Gesellschaft: „Kibirows poetischer Mut besteht darin, dass er als einer der ersten gespürt hat, wie gemein und lachhaft die Pose des gesetz­losen Dichters geworden ist. Denn das Trugbild hat sich verwirklicht, die poetische Aufruhr, die sich bis zur Unkenntlichkeit verändert hat, ist längst an der Macht, der ʼglobale Suffʼ ist alltägliche Lebensweise geworden und es hat sich herausgestellt, dass man so nicht leben kann.“[viii]

Kibirows dichterisches Werk steht an der Grenze zu einer literarischen Strömung, die eben­falls im Untergrund der frühen Breschnew-Zeit ent­standen ist: das „Neobarock“ (neo­barokko). In der Poesie werden dieser Strö­mung Autoren wie Iossif Brodski, Iwan Schdanow, Jelena Schwarz, Alexander Jerjomenko, Aleksei Parschtschikow und Witali Kalpidi zugerechnet, in der Prosa Wenedikt und Wiktor Jerofejew, Tatjana Tolstaja, Jewgeni Popow, Wjatsches­law Piezuch oder Sascha Sokolow.



Anmerkungen

 

[i] Bei der Auswahl der Dichterinnen und Dichter war die Zahl entscheidend, in wieviele Sammelwerke sie Eingang gefunden haben. Insgesamt sind fünfzig Anthologien und zehn Literaturgeschichten und Bibliographien ausgewertet worden, die in Russland und im Westen erschienen sind.

[ii] Russische Namen stehen in deutscher Umschrift. Sind sie kursiv hervorgehoben, han­delt es sich um Dichter, die in dieser Anthologie vertreten sind. Originale Werk­ti­tel und wichtige russische Begriffe sind in Klammern wissenschaftlich trans­lite­riert.

[iii] SMOG wird z.T. auch als „Jüngste Gesellschaft der Genies“ (Samo Molodoe Obščestvo Geniev) dechiffriert.

[iv] Das Interview mit Gandlewski führte Alexandrina Wigiljanskaia im Internetportal „Das Wort“ (Obrazovatelʼnyj portal Slovo).

[v] Ariel Gorodezki: „ʼMoskauer Zeitʼ des Bachyt Kenschejew“ (Arielʼ Gorodeckij: Moskovskoe vremja Bachyta Ken¸eeva; Internetzeitung Večernjaja Moskva, 1.8.2014).

[vi] Vgl. die Literaturgeschichte: N.L. Lejderman, M.N. Lipowezki (Lipoveckij). Zeit­ge­nös­si­sche russische Literatur (Sovremennaja russkaja literatura). Moskau 2003, II, 135-190.

[vii] Iossif Brodski (1940-1996) ist in dieser Sammlung nicht vertreten, weil er deutsch bereits in zahlreichen Ausgaben zugänglich ist.

[viii] Sergej Gandlevskij. Vorwort (Predislovie). In: Timur Kibirov. Santimenty. Belgorod 1994, S. 8.



Vorwort und Einführung  5

Предисловие и введение  21

Дмитрий Александрович Пригов   38

Dmitri Alexandrowitsch Prigow    39

Юрий Кузнецов   50

Juri Kusnezow    51

Константин Кедров   62

Konstantin Kedrow    63

Эдуард Лимонов   74

Eduard Limonow    75

Виктор Кривулин   86

Wiktor Kriwulin   87

Сергей Стратановский   98

Sergei Stratanowski 99

Елена Кацюба  112

Jelena Kazjuba  113

Аркадий Драгомощенко   128

Arkadi Dragomoschtschenko   129

Алексей Цветков   142

Alexei Zwetkow    143

Лев Рубинштейн   154

Lew Rubinstein   155

Юрий Кублановский   170

Juri Kublanowski 171

Игорь Иртеньев   182

Igor Irtenjew    183

Иван Жданов   194

Iwan Schdanow    195

Елена Шварц   207

Jelena Schwarz  208

Михаил Айзенберг  219

Michail Ajsenberg  220

Андрей Монастырский   231

Andrei Monastyrski 232

Ольга Седакова  243

Olga Sedakowa  244

Сергей Бирюков   259

Sergej Birjukov  260

Бахыт Кенжеев   273

Bachyt Kenschejew    274

Александр Еременко   285

Alexander Jerjomenko   286

Светлана Кекова  297

Swetlana Kekowa  298

Нина Искренко   309

Nina Iskrenko   310

Сергей Гандлевский   323

Sergei Gandlewski 324

Алексей Парщиков   335

Alexei Parschtschikow    336

Юрий Арабов   349

Juri Arabow    350

Тимур Кибиров   365

Timur Kibirow    366

Олеся Николаева  381

Olesja Nikolajewa  382

Наталия Азарова  393

Natalia Asarowa  394

Виталий Кальпиди   407

Witali Kalpidi 408

Николай Кононов   420

Nikolai Kononow    421

Сергей Завьялов   432

Sergei Sawjalow    433

 

Kurzbiographien   444

Краткие биографии   452

Anmerkungen   454  
Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Homepage zu diesem Autor.
Webshop by Gambio.de © 2012